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PORTRÄT Langzeit-Besitzer: LIEBE AM ABGRUND


Auto Bild klassik Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 03.08.2018

Vor Jahrzehnten scheiterte Gerd Schicketanz beim Versuch, seinen Mercedes in der Elbe verschwinden zu lassen. Zum Glück. Sonst könnte er nicht all diese wunderbaren Anekdoten erzählen


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AUF DER KIPPE
1976 wäre der SL von Gerd Schicketanz beinahe im Wasser geendet. Inzwischen sind der Hamburger und seine Pagode seit 43 Jahren ein Paar


FOTOS: T. RUDDIES

Schuld waren die Deiche. Die Stadt hatte sie nach der Jahrhundertflut von 1962 erhöht. Damals war im kompletten Süden von Hamburg Land unter gewesen, Hunderte Menschen starben. Am 3. Januar 1976 aber hielten sie, obwohl der Pegel der Elbe weiter stieg als 14 ...

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... Jahre zuvor.

Am Veringkanal blieb das Wasser eine Handbreit unter der Kaikante und erreichte den Mercedes 280 SL dadurch blöderweise nicht. Dabei hatte sein Besitzer Gerd Schicketanz, damals 30, darauf gehofft! Hatte seine Pagode in Erwartung der Flut an der Kanalkante abgestellt, Handbremse gelöst, Gang rausgenommen. Hatte Abschied genommen von dem durch einen Unfall zwei Tage zuvor ramponierten Auto.

Doch der erhoffte Versicherungsfall trat nicht ein.

42 Jahre später besitzt Schicketanz, inzwischen Rentner, seinen SL noch immer – und die Episode am Veringkanal ist nur eine von vielen Anekdoten, die der 73-Jährige über sich, seine Frau Bärbel und seine Pagode zu erzählen hat.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte jenes Unfalls, der dem missglückten Versicherungsbetrug vorausging. Gerd und Bärbel Schicketanz hatten Silvester 1975 in der Nähe von Hannover gefeiert. Auf dem Rückweg sei er dann „mit besoffenem Kopp und 100 Sachen in eine Scheune gebrettert“, so der Hamburger. Eine Türzarge zerstörte den Kühler des SL und schlitzte die Motorhaube auf. Ein großer Haufen Kunstdünger bremste schließlich die Fahrt und rettete dem Paar vermutlich das Leben.

PAGODENKENNER
Mit jeder Schraube des SL sei er per Du, pflegt Schicketanz zu sagen – „bis auf ein paar, die mich geärgert haben“


DER ZEIT VORAUS
Der Mercedes 280 SL, findet Gerd Schicketanz, hat auch heute noch den Komfort eines modernen Autos – obwohl seiner von 1969 ist


DRITTER LACKErst war der SL weiß (1975, Mitte), dann bronzefarben (1977, links). Das Kupferbraunmetallic (1984, rechts) ist ein Porsche-Lack


Ein Lederlenkrad hat’s ab Werk so wenig gegeben wie die Zusatzknöpfe unter dem Cockpit


Am Neujahrsmorgen 1976 holte ein Freund die beiden ab. Weil ein Abschleppseil fehlte, entschied die Runde kurzerhand, die Anschnallgurte aus den Autos zu schneiden, zusammenzuknoten und so den SL ins Schlepptau zu nehmen. „Die 70er-Jahre waren einfach eine andere Zeit“, stellt Schicketanz lapidar fest.

In jenem Jahrzehnt arbeitete der gelernte Industriekaufmann in der Werbeabteilung der Hamburgischen Electricitäts-Werke. Das Gehalt war nicht üppig, er musste erst einmal Geld sparen, um den Vorderwagen seines Mercedes wieder aufbauen zu lassen. Im Mai 1976 war es so weit, satte 7000 Mark kostete ihn die Reparatur.

Für 12 000 Mark hatte Schicketanz den 69 000 Kilometer gelaufenen SL ein Jahr zuvor gekauft. Der Wagen war damals in schlechtem Zustand gewesen. Die Vorbesitzer, ein Gastronom aus St. Pauli und ein Hamburger Blumenhändler, hatten es mit der Pflege nicht so genau genommen. Bei der Übergabe war der Kofferraum noch voller Erde.

„Wenn Sie keine Emotionen haben, dann finden Sie keinen Zugang zu dem Fahrzeug“, sagt Schicketanz ernst. Rost, thermische Probleme, überteuerte Ersatzteile und die aufwendige Wartung des SL kosteten ihn viel Geduld und Geld. Der SL hat mittlerweile den vierten Motor und 455 000 Kilometer gelaufen. Insgesamt, schätzt Schicketanz, sind über die Jahre 100 000 Euro in Reparaturen und neue Teile geflossen. Die vielen Wochenenden, an denen er am SL schraubte, kann er längst nicht mehr beziffern. Liebe also, seit damals, als er den SL eines Nachbarn zum ersten Mal sah und zu seiner Frau sagte: „Guck mal, wie schön! Und wir sitzen in so einer Blechkiste.“

Der SL war aber nie reine Liebhaberei. Schicketanz wollte nie nur gucken und pflegen, sondern fahren. Bis Anfang der Neunziger war die Pagode sein Alltagsauto. Von 1975 bis 1988 fuhren Gerd und Bärbel Schicketanz mit dem Auto auch jedes Jahr nach Spanien, 2000 Kilometer hin, 2000 zurück. Erst zog der SL dabei ein Boot, später einen Wohnwagen.

Wenn der Mistral ihnen in Frankreich entgegenwehte, brauchte das Auto schnell mal 25 Liter Sprit. Das Cabriofahren aber habe für alles entschädigt, findet Schicketanz: „Wenn wir in Spanien ankamen, waren wir schon braun gebrannt.“

Und an die Kaikante hat Schicketanz den SL nur noch einmal gestellt – fürs Foto auf Seite 44.