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PORTRÄT: TUIFLY: VON STRATEGISCHER BEDEUTUNG


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 90/2019 vom 09.08.2019

Noch vor drei, vier Jahren wollte die TUI Group ihre deutsche Ferienfluggesellschaft am liebsten loswerden. Doch die dynamische Entwicklung in der Luftfahrtbranche hat beim weltweit führenden Reisekonzern inzwischen zu einem Umdenken geführt. Heute sitzt die TUIfly wieder fest im Sattel. Der Konzern setzt auf seinen Traditionscarrier


Artikelbild für den Artikel "PORTRÄT: TUIFLY: VON STRATEGISCHER BEDEUTUNG" aus der Ausgabe 90/2019 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 90/2019

Die deutsche Ferienfluggesellschaft TUIfly betreibt eine reine Boeing-737-Flotte


Man ahnt es: „Die Wirtschaftswissenschaft ist das einzige Fach, in dem jedes Jahr auf dieselben Fragen andere Antworten richtig sind.“ Auch wenn der Urheber dieses Zitats, Danny Kaye, qua seiner ...

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... Profession als Komiker nicht unbedingt mit ökonomischer Expertise glänzt, kann seine These mit einem näheren Blick auf die jüngere Geschichte der deutschen Ferienfluggesellschaft TUIfly gestützt werden. Bot es sich gestern für einen auf Gewinnmaximierung bedachten, börsennotierten Konzern noch an, sich von im Branchenvergleich vielleicht etwas teurer wirtschaftenden Unternehmensteilen zu trennen, könnte heute gegenteiliges Handeln von Vorteil sein.

Zur Erinnerung: Wirtschaftliche Überlegungen führten in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass TUIfly mal mehr und mal weniger Rückhalt ihres Mutterkonzerns, der TUI Group, genoss. 2008 verhandelte der Reisegigant beispielsweise über ein Bündnis mit der Germanwings, im Herbst 2016 wurden Pläne über eine Fusion mit der damaligen Air-Berlin-Tochter Niki unter dem Dach der Etihad bekannt.

Derzeit, nur drei Jahre später, mag der weltgrößte Reiseanbieter seinen Ferienflieger, der 1972 unter dem Namen Hapag-Lloyd Flug aus der Taufe gehoben wurde, nicht mehr missen. Mehr noch: Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender der TUI Group und einst unter den größten Verfechtern einer Ausgliederung der TUIfly, erklärte inzwischen recht deutlich, dass TUI als integrierter Reiseveranstalter seine Fluggesellschaften unbedingt brauche, dass es ein strategischer Fehler wäre, keine eigene Airline zu besitzen.

Zum Umdenken führte die Beobachtung des Marktes, der sich in den vergangenen Monaten tatsächlich sehr dynamisch verändert habe, wie Oliver Lackmann, Geschäftsführer der TUIfly, betont. 2016 verfolgte die Branche die Neupositionierung der in finanzielle Schieflage geratenen Air Berlin, mit der die TUIfly eng kooperierte. 14 Flugzeuge flogen in jenen Tagen dank ausgesprochen gut dotierter Wetlease-Verträge für die Berliner. Das spülte reichlich Geld in die Kasse der TUIfly, doch es täuschte nicht darüber hinweg, dass, diese Erträge einmal rausgerechnet, die Hannoveraner im Branchenvergleich zu teuer produzierten. Zu gerne kaufte der Mutterkonzern deshalb Kapazitäten außer Haus ein.

Inzwischen hingegen verschwinden mehr und mehr dieser im touristischen Geschäft tätigen Airlines vom Markt, nicht selten über Nacht, wie zuletzt beispielsweise die Germania, und Bilder von irgendwo im Süden gestrandeten Passagieren flimmern dann auf allen Fernsehkanälen. Dass eine TUI da im Zuge der Risikominimierung über eine Art Versicherung nachdenke, sei doch nachvollziehbar, „das spielte uns in die Karten“, vermutet der TUIfly-Chef. Zumal auch nicht zuletzt aufgrund der mehr und mehr zum Tragen kommenden Synergien dank der fortschreitenden Integration in den TUI-Aviation-Verbund (siehe Kasten auf Seite 21) die Kosten nachhaltig reduziert werden. „Wir nutzen Einkaufsvorteile und profitieren von Standardisierungen in allen Bereichen – sei es bei der Dokumentation oder im Bereich Maintenance“, so Lackmann.

Die Boeing 737-800 mit der Registrierung D-ATUG fliegt seit 2016 in der Magic-Life-Bemalung


ENGE VERZAHNUNG
Seit März 2018 ist der ausgebildete Flugkapitän Mitglied der Firmenleitung und seit November alleiniger Geschäftsführer der hannoverschen Ferienfluggesellschaft. Außerdem ist er Mitglied des Quellmarktboards der Zentralregion der TUI, die sich die enge Verzahnung der Geschäfte von Veranstalter und Airline inzwischen auf die Fahnen geschrieben hat.

Auch wenn TUIfly derzeit nicht zu 100 Prozent den Bedarf der TUI Deutschland nach Flugsitzen abdecken kann, so sitzen doch zu 80 Prozent Pauschalreisende an Bord der Boeing-737-Flotte. Die übrigen 20 Prozent werden im Einzelplatzverkauf auf der TUIfly-Homepage an den Passagier gebracht, beschreibt Lackmann den derzeitigen Fluggastmix an Bord jener Flugzeuge, die für den eigenen Konzern im Einsatz stehen, denn es gibt nach wie vor ein weiteres Unternehmens-Standbein: den Wetlease-Vertrag über sieben Boeing 737-800 mit Eurowings mit einer Laufzeit bis 2020/21.

Aktuell stehen 36 aktive Flugzeuge in den TUIfly-Büchern, darunter eine Boeing 737-700 und 35 der 800er-Version. Sieben Flugzeuge sind in Düsseldorf, sechs in Hannover stationiert. An den beiden größten TUIfly-Standorten hält das Unternehmen zudem Reservekapazitäten bereit, schließlich habe man aus dem Verspätungschaos des Vorsommers gelernt.

Das Durchschnittsalter der 737-Flotte beträgt 10,7 Jahre (Stand Juli 2019). Während das kleinere Muster mit 148 Sitzen bestuhlt ist, bieten die 737-800 186 respektive 189 Passagieren Platz. Das ist branchenüblich. Wer etwas mehr Beinfreiheit genießen möchte, kann entweder Comfort-Seats, die elf zusätzliche Zentimeter Platz sichern, oder XL-Seats an den Notausgängen mit bis zu 23 Zentimeter mehr Beinfreiheit dazubuchen. Pro Strecke und Zielgebiet können zwischen 22 und 45 Euro fällig werden.

Doch gerade auf langen Verbindungen wie auf die Kapverden, nach Ägypten oder auf die Kanaren macht sich diese Investition bezahlt.

In der aktuellen Flugplanperiode hat die TUIfly ihre Kapazität um sieben Prozent aufgestockt und fliegt ab 13 Abflughäfen in Deutschland und der Schweiz, genau genommen Basel, insgesamt 26 Ziele an. Darunter stehen mit Larnaka auf Zypern und Lamezia Terme in Italien zwei gänzlich neue Destinationen im Programm, derweil die tunesische Insel Djerba nach mehrjähriger Pause erneut in den Flugplan aufgenommen wurde. Drei Destinationen, die für den Veranstalter in diesem Sommer besonders relevant sind.

Annähernd 900 Flüge werden Woche für Woche durchgeführt. Mit rund 160 wöchentlichen Flügen nach Palma und mehr als 100 Flügen nach Heraklion zählen Mallorca und Kreta erneut zu den wichtigsten Urlaubsdestinationen des Sommerflugplans. Darüber hinaus geht’s nonstop auf die Kapverden und im Charterauftrag für Kreuzfahrtunternehmen sogar bis nach Dubai. Ein Geschäft mit Zukunft, betont Lackmann. „Und wir sprechen in diesem Bereich nicht nur mit TUI Cruises. Im vergangenen Winter sind wir bereits für Wettbewerber geflogen. Der Markt ist für uns sehr interessant, weil er auch saisonal unabhängig läuft.“ Dem Langstreckengeschäft erteilt der Airline-Chef hingegen momentan eine Absage. Sicherlich: Hin und wieder denke man über die Aufnahme von Langstreckenverbindungen nach, durchaus, „aber man muss auch sehen, was das an zusätzlichem Risiko und an zusätzlicher Komplexität bedeutet“. Wie organisiert man den Zu- und Abbringerverkehr? Was macht man mit den Widebodies, die ja in der Regel stärker im Winter ausgelastet sind, im Sommer? Aktuell gibt TUIfly einige ihrer 737 in der kalten Jahreszeit an die kanadische Sunwing Airlines. Und nicht zu vergessen: „Derzeit tummeln sich im touristischen Langstreckengeschäft ab Deutschland bereits zwei Airlines, die Condor und Eurowings.“ Jedoch: „Wir beobachten die Entwicklungen sehr genau. Ändert sich der Markt, ändern wir vielleicht auch unsere Meinung“, so Lackmann.

TUI AVIATION

Die fünf Ferienfluggesellschaften der TUI Group rücken eng zusammen. Im Rahmen von TUI Aviation werden wichtige Funktionen gebündelt. Damit wird die Effizienz zwischen den Airlines in Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, Skandinavien und Deutschland gesteigert. Auch die Flugbetriebe arbeiten enger zusammen.
Mittlerweile betreibt die TUI Group mehr als 150 Flugzeuge. Mit der Festbestellung von 72 Boeing 737 MAX (plus 48 Optionen) wurde ein Flottenerneuerungsprogramm eingeläutet. Die Spezifikationen dieser Flugzeuge sind absolut identisch, um problemlos zwischen den einzelnen Airlines bei Bedarf getauscht werden zu können – dieselbe Lackierung, derselbe Sitzhersteller, dieselbe Zahl an Plätzen.
Als erste Fluggesellschaft hatte TUI Airlines Belgium im Januar 2018 eine Boeing 737 MAX bekommen; inzwischen haben die Brüsseler vier Flugzeuge dieses Typs. Zur TUI Airways nach Großbritannien gingen mittlerweile sechs, zur TUI Airlines Netherlands drei und zur TUIfly Nordic zwei 737 MAX. Die deutsche TUIfly sollte am 13. März ihre Flottenerneuerung mit der Übernahme der D-AMAX feiern. Zeitgleich erfolgte jedoch das weltweite Grounding des Flugzeugtyps. Und das hat für den Konzern auch finanzielle Folgen: Die TUI AG hat für den Zeitraum März bis September zusätzliche Kosten von bis zu 300 Millionen Euro veranschlagt. In welcher Größenordnung Boeing Kompensation zahlen wird, ist noch nicht geklärt, man sei in Gesprächen, heißt es aus dem Unternehmen.

1 Kapitän Thomas Wagner und First Officer Marvin Hägele im Cockpit der Boeing 737-800 auf einem Flug von Lanzarote nach Hannover. Insgesamt beschäftigt TUIfly 550 Flugzeugführer


2 Purserin Barbara Fromme (rechts) und ihre Kollegin Britta Emmermann sind zwei von 1260 engagierten Flugbegleiterinnen und -begleitern, die derzeit in Diensten der TUIfly stehen


3 Zu den bevorzugten Reisezielen, die TUIfly anfliegt, zählt unter anderem Griechenland mitsamt der beeindruckenden griechischen Inselwelt



Fotos Dietmar Plath