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PORTRÄT: Und nun?


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 02.06.2020

Die Sopranistin Gloria Rehm hat als freischaffende Opernsängerin ein Kind bekommen. Hier schreibt sie über ihre Erfahrungen als Mutter in einem Beruf, der nicht unbedingt als familienfreundlich gilt


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Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 6/2020

Ich bin gerade erstochen worden und sitze in einer Mülltonne.

Es ist keine besonders große Mülltonne. So eine schwarze, auf der in der Regel steht: „Bitte keine heiße Asche einfüllen.“ Außer mir und dem Rübchen befindet sich auch noch eine Clownsfigur darin, was die Sache nicht einfacher macht. Und ich flüstere dem Kind in meinem Bauch zu: „Es ist alles gut. Mama ist okay; gleich sind wir wieder an der ...

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... frischen Luft“, bevor ich mich umständlich des Anzugs und der Schuhe entledige und das Blutpäckchen auf meiner Brust zerdrücke. „Frischluft ist relativ“, denke ich mir und freue mich auf das schöne Stück Musik, das Verdi mir bis zum Schluss aufgespart hat: „Lassù in cielo“. Dazu muss ich noch einmal ein paar Minuten beim Singen den Bauch einziehen, was gar nicht so leicht ist, doch ich trage nur noch ein Nachthemd, und das Rübchen ist noch nicht offiziell. „La tonna è mobile.“

Ob es schon jemand ahnt?

„Zum Glück“ ist im Theater so vieles noch oft eine Männerdomäne: Regie, Dirigat, Bühnenbild, Chorleitung, alles Männer. Die sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sehen nicht die zarte Wölbung unter dem weißen Stoff, bemerken nicht meine Mü- digkeit und den Traubensaft im Rotweinglas, nicht mal, wenn der Kellner sich verplappert. Und das ist gut, denn am Theater wird viel geredet. Über Hausgrenzen hinweg sind Neuigkeiten wie diese eine Delikatesse, die genüsslich von Intendant zu Operndirektor weitergegeben wird, auch wenn und gerade wenn das eventuell negative Auswirkungen auf die betroffene Person hat, wie ich in jüngster Vergangenheit bei Kolleginnen beobachten konnte. Sängerinnen sollten idealerweise keine Kinder bekommen, das schadet dem Geschäft. Und der Stimme. Wenn die Höhe wegbleibt? Muss ich dann das Fach wechseln? Wenn das Kind ständig erkältet ist, muss ich dann wichtige Aufführungen absagen? Und meine komplette Gage in Babysitter investieren, wenn ich auswärts singe? Fest steht: Es wird nicht einfacher. Die Tonne geht auf, und Rigoletto sieht nicht glücklich aus.

Bin ich glücklich …? Ja! Will ich grundlos meine Tochter anschreien (grundlos, da der Dialog gestrichen ist)? Nein! Ich bin in einer anderen Welt.

Zwar kann ich jetzt, nach der Geburt, endlich die Muttergefühle für Pamina persönlich hundertprozentig nachempfinden (ein Freund der Familie hat sie entführt und würde jetzt vorzugsweise doch gerne „in sie dringen“ - geht’s noch?!). Aber alles an mir ist irgendwie weich und liebevoll. Ich kann niemanden anschreien.

Kann ich es singen …?

Ich weiß es nicht. Mal kommt das F, mal kommt es nicht. Das war noch nie da. Die Stimme ist von einem auf den anderen Tag wie ausgetrocknet. Das Rübchen trinkt plötzlich die doppelte Menge. Es trinkt mich aus. Ich habe Angst. Absagen oder nicht?

Es ist ein Schönes, dieser Zustand. Nach neun Monaten Vorfreude, dem Loslassen von Ansprüchen und Erwartungen an sich und einer damit einhergehenden ungewohnten Entspannung; nach neun Monaten, in denen deine pure Existenz Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert, weil sie an deiner Freude intuitiv teilhaben, und nach stetig nachlassendem Erwartungsdruck im Beruf. Nach einer unvergesslichen Feuerprobe für deinen Körper ist etwas da, was du selber erschaffen hast - und es lebt! Über-lebt ausschließlich durch dich. Das ist kein Spiel, das ist Verantwortung, und Verantwortung lässt dich wachsen.

Symbiose ist eventuell ein eher negativ konnotiertes Wort, aber ich empfinde diesen doch sehr symbiotischen, liebenden, weichen Zustand vor und nach der Geburt eher wie ein neu erschlossenes Terrain der eigenen Persönlichkeit. Wenn man es möchte - wie eine neue, spannende Rolle. Eine Rolle zu studieren und dann im Probenprozess neu zu beleuchten ist schon oft eine gute Lektion darin, nicht zu konkrete Erwartungen zu formen, da der oder die Regisseur/-in sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ummodelliert. Erwartungen an den eigenen Körper in und nach der Schwangerschaft oder an das Verhalten des Kindes in den ersten 12 Monaten sind ebenso sinnlos.

Nichts lässt sich vorhersagen …

… alles kann, nichts muss. Wassereinlagerungen? Übelkeit? Infektanfälligkeit? Nicht bei mir. Speikind, Schreikind? Fehlanzeige. Entwicklungskalender weisen immer wieder darauf hin, dass jedes Kind seinen ganz eigenen Fahrplan hat und man nur wenig Einfluss nehmen oder Vergleiche ziehen kann.

Die Hormone lassen mich diesen fast schon buddhistischen Zustand der Erwartungslosigkeit mit ungewohntem Stoizismus hinnehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig? Das nächtliche Stillen wird, bedingt durch die unglaubliche Liebe gegenüber diesem winzigen Wesen und durch das Oxytocin, das durch meinen Körper jagt, quasi zur spirituellen Erfahrung.

Mein Sängerkörper jedoch, also mein Instrument, ist neu im Milchgeschäft. Mein Instrument findet es offensichtlich nicht so super, nachts mindestens dreimal aufzustehen und alle Vitamine, Nährstoffe und sonstige Lebensenergie in ein anderes Wesen zu pumpen.

Meinem Kopf ist das egal, der ist glücklich. Aber mein eiserner, trainierter Körper, den ich in- und auswendig kannte und dessen Verhalten ich ziemlich akkurat berechnen konnte, der in den Jahren auf der Bühne mein eingeschworener Freund geworden ist, der in den letzten 9 Monaten bis zum Schluss zum Klavier strebte, mit sattem, vollem Ton dank Tiefenatmung, den Bauch niemals eingezogen wie im zu knappen Soubretten-Dress, sondern stolz vor sich herschaukelnd wie ein Buffo-Bass der alten Schule … dieser Körper ist irgendwie fragil. Wie ein angerissenes und geklebtes Instrument. Er lässt sich, das spüre ich, wahrscheinlich nicht, wie sonst im Zweifelsfall, mit Rampenlicht und Adrenalin über Hindernisse pushen, auch nicht ein einziges Mal. Er ruht in sich selbst und leckt seine Wunden. Er macht, was in seinem jahrtausendealten, ewigen Plan steht, mit unendlicher Ruhe. Er setzt mir Grenzen. Das ist neu. Und irgendwie respektiere ich, dass mein Körper mal kein Roboter sein will, auch wenn das Opfer sehr groß ist.

Und nun?

Da steht viel zu viel auf dem Spiel, es ist besser so. Und ich werde vom Haus freundlich, professionell und respektvoll in dieser harten Entscheidung gestützt.

Es gibt Häuser, da darf man als Sängerin nicht auf so viel Verständnis für Mutterschutz hoffen. Das weiß ich aus Berichten. Auch Absagen oder Lücken im Lebenslauf machen einer glückstrunkenen Jungmutter im evolutionsbedingten Symbiosemodus schnell zunichte, was sie sich jahrelang mühsam aufgebaut hat. So organisiere ich für viel Geld Umgebungen, die eine Rundumbetreuung für meinen Säugling möglich machen. Mit unschätzbarer, großartiger Hilfe von meiner wundervollen Familie. Der Körper erholt sich, und die Arbeit macht großen Spaß - zum Glück, das erleichtert die Trennungsphasen.

Aber manchmal, wenn ich nachts zum dritten Mal wach liege, weil das Kind zahnt, oder wieder jede auch noch so kurze Pause statt bei einem Kaffee mit den Kollegen im Damenklo beim Abpumpen verbringe, denke ich an Kolleginnen, die viel schwerere Situationen hinter sich haben: eine Fehlgeburt im Probenprozess? Die Sorge des Theaters gilt selbstredend ausschließlich der Frage, ob der Roboter zeitnah wieder funktioniert. Gefühle sind Privatsache. Zwillinge und Komplikationen? Die Sängerin „spielt zu wenig expressiv“, man entscheidet sich, Gerüchte über sie in die Welt zu setzen und sie dann zu er-setzen. Laut Mutterschutzgesetz hat man Anrecht auf eine Stunde Stillzeit pro Arbeitstag? Frag gar nicht erst nach.

„Selbst schuld.“

Weinkrämpfe nach jedem Probentag interessieren selten irgendjemanden, auch wenn der allgemeine Duktus der letzten Jahre scheinbar Frauen zum Karrieremachen ermutigt - in der Praxis ist und bleibt es eine schwere Entscheidung.

Kind und Karriere zusammenzubringen ist für eine freischaffende Sängerin ein Balanceakt der Extraklasse, und mir kommt es sehr traurig vor, dass in einer schon überalterten Gesellschaft ein doch nicht ganz massentaugliches Medium wie die Oper nicht alles daran setzt, gerade den Musikerfamilien das Kinderkriegen mental zu erleichtern. Ein besseres Nachwuchspublikum und dankbarere Arbeiter/innen kann man sich doch eigentlich nicht vorstellen - oder?

Der Körper.

Er ist ein anderer geworden, aber treu zahlt er mir die Stunden der Rückbildungsgymnastik, die Vitaminpräparate, das frühe Aufstehen für zehn Minuten Minimal- Yoga und das eilige Üben im Fahrradkeller zurück. Auch härteste Nächte sind kein Ausschlusskriterium mehr für eine makellose Höhe am Abend, und Adrenalin ist wieder mein Freund. Ich bin bereit, die Welt wieder zu erobern, stehe in den Startlöchern für zwei großartige Hausdebüts, will mich krönen lassen als Königin der Nacht und als Gilda ohne Mülltonne die Menschen erschüttern …

… und dann kommt eine unerwartete Krönung. Die Coron-isierung. Der auf unbestimmte Zeit verlängerte Mutterschutz. Der Lockdown auch und vor allem der kulturellen Gesellschaft. Der Verlust in Höhe eines Ensemble-Jahresgehalts ohne Netz und doppelten Boden. Mit Kind. Da sind wir jetzt.

Die Lektionen des Nicht-Erwartens rentieren sich, denn wann die Häuser öffnen können, das weiß noch nicht mal unser Gesundheitsminister. Die im Studium und Opernstudio antrainierte, verinnerlichte Sparsamkeit wird sich auszahlen. Und als Ausgleich erhalte ich das, was ich seit Jahren nicht mehr „besessen“ habe: Zeit.

Ich kenne da jemanden, der sicherstellt, dass ich mich nicht langweilen werde.

GLORIA REHM arbeitet seit 2019 freischaffend als lyrisch-dramatische Koloratursopranistin. 2019 wurde ihr Sohn Gabriel geboren.

» Geboren 1985 in Fritzlar
» Gesangsstudium in Berlin
» Erstengagement an der Oper Köln
» 2014 bis 2019 Ensemblemitglied am Hessischen Staatstheater Wiesbaden
» 2017 Deutscher Theaterpreis DER FAUST für ihre Interpretation der Marie (Foto oben) in Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“
» Sie gastierte u. a. an der Deutschen Oper am Rhein, an der Bayerischen Staatsoper München, am Nationaltheater Taipeh, an der Volksoper Wien, an der Dresdner Semperoper und an der Oper Frankfurt


Fotos: Tobias Kruse/Ostkreuz

Foto: Monika Forster