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PORTRÄT: Zwischen den Welten zu Hause


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 02.01.2020

Der Schauspieler und Regisseur Ramsès Alfa ist ein Grenzgänger zwischen Mitteleuropa und Westafrika, zwischen Togo und dem Bodensee


Artikelbild für den Artikel "PORTRÄT: Zwischen den Welten zu Hause" aus der Ausgabe 1/2020 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 1/2020

Ramsès Alfa im Turmzimmer des altehrwürdigen Theaters Konstanz (l.) und unter einem Torbogen beim Münster


Ramsès Alfa in Konstanz: in der Komödie „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ im Jahr 2018 …


… und in „El Cimarrón“ (2015) als entlaufener Sklave und Befreiungskämpfer im kolonialen Kuba …


Der Mann trägt Mütze, fast immer, nur auf der Bühne nicht, wenn er spielt. Und diese Kopfbedeckung ist vielleicht das Allerdeutscheste an Ramsès Alfa – so etwas tragen viele deutsche Männer ...

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... gern auf dem Kopf, wenn sie sich am Wochenende zum Angeln an die Ufer des Bodensees setzen. Rundum hängt die Krempe herab, vielleicht, damit im Ernstfall der Regen abtropfen kann.

Auch an diesem hinreißenden Hütchen also wäre Ramsès Alfa immer zu erkennen, wenn er durch die Gassen der Altstadt von Konstanz wandert – wenn den Regisseur und Schauspieler, der aus dem westafrikanischen Togo in die Stadt am See gekommen ist, nicht ohnehin jeder und jede kennen würde als Teil der kleinen örtlichen Gruppe von people of colour. Die Geschichte dieses Theatermenschen ist ein herausragendes Beispiel für den Kulturtransfer zwischen den Welten.

Seit vielen Jahren reist Alfa hin und her, von Afrika nach Europa und wieder zurück. Erste Kontakte für ihn hatten sich schon um die Jahrtausendwende herum in Frankreich ergeben, zur Theaterszene der ehemaligen Kolonialmacht. 1960 ist Togo, das handtuchschmale Land zwischen Ghana und Benin in Westafrika, unabhängig geworden. Das Land ist klein, hat aber offiziell 46 Sprachen, faktisch noch viel mehr; und Sprachen definieren hier auch die Ethnien. Französisch blieb die Amtssprache, aber parallel gibt es drei ähnlich verbindliche Geschäftssprachen. Ramsès Alfa spricht ursprünglich Kabire, eine dieser drei Hauptsprachen, die vor allem im Norden des Landes präsent ist, an der Grenze zu Burkina Faso. Nur wer die Chance hat, zur Schule zu gehen, erzählt Alfa, lernt Französisch – ansonsten ist die Muttersprache die Sprache der Mutter in der Familie. Lokale Sprachen dienen der Kommunikation, in der Familie oder im Dorf; wer mit Behörden sprechen oder Anträge stellen muss, kommt ohne die Sprache der alten Kolonialmacht nicht aus.

Ramsès Alfa ist in einer Patchworkfamilie aufgewachsen, mit Geschwistern von Vaters wie von Mutters Seite. Den ungewöhnlichen Namen bekam er vom Vater, einem Landwirtschaftsingenieur mit tiefer Zuneigung für alles Ägyptische. In der Kleinstadt, in der er aufwuchs, 300 Kilometer landeinwärts von der Küsten- und Hauptstadt Lomé, gab es 1968, in seinem Geburtsjahr, noch keine Elektrizität. Wohlhabend war hier keiner; die Arbeiter mussten in die nächstgrößere Stadt fahren, um dort den Lohn abzuholen. Der Traumberuf für den Jungen war Lastwagenfahrer: „Ein Lastwagenfahrer hat auf dem Weg von Hauptstadt und Hafen ins Landesinnere oft bei uns übernachtet.“ Ramsès Alfa trug damals noch Rastalocken, „und wer die trug, galt bei uns sofort als Bandit und Drogendealer“. Mutter und Onkel schnitten ihm die Haare, und er flüchtete mit dem Lkw-Fahrer. Der hat ihn aber wieder zurückgebracht – „für den Job als Fahrer war ich noch zu klein und hatte zu kurze Beine“, erzählt er.

… sowie in „Foottit und Chocolat“ 2019. In diesem „Zirkusspiel“ von Christoph Nix spielt Alfa den ersten schwarzen Clown im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts


Also ging er weiter zur Schule – und machte erste Spiel- und Theatererfahrungen. „Ich bin in einer Gesellschaft aufge . wachsen, wo das Kind nichts zu sagen hat – nur die Eltern reden und entscheiden. Aber wenn ich in der Schule Texte rezitierte wie ein Schauspieler, haben die Eltern zum ersten Mal mir zugehört! Es gab den Moment, wo ich das Wort hatte.“ So ist das Interesse fürs Theater gewachsen: als Akt der Emanzipation. Nach Schule und Geschichtsstudium wurde Alfa dann Teil eines kleinen Ensembles und gründete später das erste eigene. „Ausbildung fürs Theater gibt’s nicht bei uns – wir machen Erfahrungen, nehmen an Workshops teil und entwickeln so das eigene Handwerk.“


„ Diese Offenheit zur Welt: Das ist Theater.“
Ramsès Alfa


Der Konstanzer Intendant Christoph Nix hatte Ramsès Alfa und seine Gruppe in Togo kennengelernt, im Rahmen des interkulturellen Engagements, das diesen politisch motivierten Theaterleiter zu unterschiedlichsten interkulturellen Projekten auf dem afrikanischen Kontinent führte. Gemeinsam waren Nix und die Truppe in Togo unterwegs – und bald darauf folgte die Einladung an den Bodensee: Ramsès Alfa zeigte in Konstanz „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. Herüber nach Deutschland (wie zuvor gelegentlich auch schon nach Frankreich) kam und kommt Alfa noch heute immer nur auf Zeit: Familie Alfa mit Frau und drei Kindern lebt weiterhin in Togo. Nur für einzelne Produktionen reist er in die Welt der Kolonisatoren von einst. „Ich liebe dieses Leben als Wanderer zwischen den Welten“, sagt er. Ganz untypisch für einen afrikanischen Mann, fügt er hinzu, habe er sich auch erst sehr spät für Frau und Familie entschieden

In der vorletzten Spielzeit der Intendanz von Christoph Nix hat Ramsès Alfa gleich zwei ziemlich spektakuläre Hauptrollen gespielt – zunächst in „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ den schwarzen Arbeitsmigranten in einer Münchner Metzgerei, dem große Bedeutung zufällt, als der zutiefst rassistisch durchseuchte Chef stirbt. Aufgrund einer rituellen Beschwörung durch den Afrikaner bleibt er jedoch sichtbar und kann sich sogar noch einmischen in die Geschicke der wirtschaftlich durch allerlei neoliberale Heuschrecken gefährdeten Firma. Und so werden der Rassist von früher und der zukünftige Schwiegersohn auf hintersinnige Weise zu ziemlich besten Freunden. Danach war Alfa auch noch Chocolat, der erste schwarze Clown in der französischen Zirkusgeschichte, der mit dem weißen Engländer Foottit ein erfolgreiches Duo im neuen, konsequent schwarz-weißen Stil etablierte. Unter einem echten Zirkuszelt und in der Manege hat er eine Theatererfahrung der ganz spe ziellen Art gemacht – auch weil es daheim in Togo Clowns nicht gebe: „Die sehen wir nur im Fernsehen.“ Comedy und Stand-up – das ja: „Ich bin zu Hause durchaus auch als Komiker bekannt. Wir sind im Theater oft Geschichtenerzähler für die Kinder.“ Im Zirkus zu arbeiten, in der Manege mit Blick von überallher, war nicht ganz ungewohnt: „Auch zu Hause spielen wir auf Bühnen ohne Vorhang, und oft sitzt oder steht das Publikum um uns herum.“ Das sei ja die Urerzählung des Theaters: ums Feuer herumzusitzen und Geschichten zu erleben.


„ Erfahrungen mit offenem Rassismus sind Ramsès Alfa in Deutschland erspart geblieben. Das Theater ist für ihn das Musterbeispiel für Gemeinschaftlichkeit.“
Michael Laages


Erfahrungen mit offenem Rassismus sind Ramsès Alfa in Deutschland erspart geblieben. Das Theater ist für ihn das Musterbeispiel für Gemeinschaftlichkeit: „Ich habe immer Augen, Ohren und Münder getroffen, die mich ernst genommen und respektiert haben – wie in einer gut funktionierenden Familie. Natürlich hab ich irgendwann auch Demonstrationen von Neonazis auf den Straßen gesehen – und hatte nicht damit gerechnet, dass es so etwas in Deutschland noch gibt. Oder schon wieder … Aber Rassismus gibt es überall. Auch in Afrika, zwischen verschiedenen Ethnien zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir ein Rassist gegenübersteht. Ich weiß nur: Ich bin gegen die Trennung nach Hautfarben oder nach Kulturen. Und das Theater, speziell das in Konstanz, hat in den über zehn Jahren, wo ich immer mal wieder hier war, die besondere Eigenschaft bewiesen, diese Trennung zu vermeiden oder aufzuheben. Diese Offenheit zur Welt: Das ist Theater.“

Am Beginn in Konstanz stand also eine Inszenierungsarbeit, danach hat Alfa regelmäßig als Gast im Ensemble gespielt. Nun, im Endspurt für Intendant Nix, wurde der Mann aus Togo wieder zum Regisseur – und so dezidiert politisch wie mit „Ngunza – der Prophet“ hat er bislang in Deutschland noch nicht gearbeitet (siehe Kasten unten). Das Stück des Luxemburger Dramatikers Rafael David Kohn erzählt von Simon Kimbangu – der (wie Jahrzehnte zuvor im brasilianischen Nordosten der Wanderprediger Antônio Conselheiro) als charismatischer christlicher Prophet durch die belgische Kolonie Kongo zog und von den Gefolgsleuten wie eine Art Wunderheiler verehrt wurde. Wie in Brasilien Regierung und Militär, so fühlte sich in Belgisch-Kongo die Kolonialmacht herausgefordert – und ohne dass die Bewegung um Kimbangu herum politisch sein wollte, wurde sie es durch die Verunsicherung, die „Ngunza“ (was so viel heißt wie „der Erleuchtete“) bei den Kolonialautoritäten hervorrief. Kimbangu wurde verfolgt – und stellte sich 1921 den Behörden. Drei Jahrzehnte überlebte er im Gefängnis, 1951 ist er gestorben. Noch heute gibt es im Kongo die Kimbanguistenkirche, die den Märtyrer und Heiligen in der Nachfolge von Jesus Christus sieht.

Für dieses Stück über eine der Schlüsselfiguren des antikolonialen Kampfes hat Ramsès Alfa Kolleginnen und Kollegen aus Togo mitbringen können – und so hat auch der Produktionsprozess selber kulturübergreifenden Charakter angenommen. Im Zentrum steht Ramsès Alfa, der Regisseur und Schauspieler aus Togo, der mit diesem Stück mehr denn je zum Kristallisationspunkt, zum Katalysator wird für eine der wichtigsten politischen Debatten, die die Welt gerade führt: über Täter und Opfer des Kolonialismus, über Schuld, Verantwortung und Sühne.

RAMSÈS ALFA

ist Schauspieler, Autor und Regisseur und dem Theater Konstanz seit zehn Jahren eng verbunden.
» Geboren 1968 in Togo
» 2007 Stipendiat der Berliner Festspiele
» 2009 mit „Bericht für eine Akademie“ erste Arbeit am Theater Konstanz
» 2011 Inszenierung von „Warten auf Godot“ mit einem togoischdeutschen Ensemble in Konstanz
» 2019 Inszenierung von „Ngunza – Der Prophet“ in Konstanz


Foto: Annette Hauschild