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Porträt.ANA KRAŠ: ANA KRAŠ


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.03.2019

Es beginnt beim Studium und endet beim Kampf um Aufträge: Wer kreativ sein will, muss sich offenbar für eine Sparte entscheiden. Warum eigentlich? ANA KRAŠ führt als Designerin, Fotografin, Zeichnerin und Stilikone vor, dass man alles auf einmal und alles entspannt angehen kann – wenn man nur die Regeln ignoriert. Diese selbstbewusste Lust am Machen sieht man ihrem Output an. Ein Besuch in ihrem aufgeräumten Chaos in NEW YORK


Artikelbild für den Artikel "Porträt.ANA KRAŠ: ANA KRAŠ" aus der Ausgabe 4/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 4/2019

ANA KRAŠ, fotografiert von JUAN CAMILO DIEZ, inmitten ihrer „Bonbon“-Lampen


IM STUDIO VON ANNA KRAŠ, IM HINTERGRUND DIE ZEICHNUNG „CH”, 2014


Die Influencerin durchforstet den ...

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... InstagramAccount @teget, ungeduldig, wie nur 20Jährige das können, und kommt nach Sekunden zu einem Urteil: „So soll mein Account auch irgendwann aussehen.“ Keine kleine Sache, wenn sie mit ihren 500 000 Followern das sagt. Ein Pressetermin hat uns nach New York gebracht, und als ich ihr erzähle, dass ich hier Ana Kraš treffe, ist sie neugierig: Wer ist diese Frau, die diese Fotos von sich selbst teilt, Aufnahmen von anderen, ebenso schönen Menschen, von verquer interessanten Situationen und Gegenständen? Woher kommt dieses Gefühl der Leichtigkeit?

Unter den wunderlichen Nichtjobs, die das mittlerweile gar nicht mehr so junge Jahrhundert hervorgebracht hat, ist die Inszenierung des eigenen Lebens als Dauerwerbesendung in den sozialen Medien der allerseltsamste. Ana Kraš mag Influencerinnen inspirieren, sie selbst gehört nicht dazu. Und doch gibt sie als Frau, die so vieles zugleich ist – Designerin, Künstlerin, Illustratorin, Fotografin und Model –, ein Beispiel, wie man auf die irritierende Auflösung traditioneller Berufsbilder entspannt reagieren kann.

Ana Kraš arbeitet in einem aufgeräumten Studio in Chinatown. Hier und dort liegt künstlerisches Rohmaterial herum, da steht auch eine ausrangierte „Bonbon“Leuchte, ihr größter Hit als Möbeldesignerin. Aber es ist – wie kann es anders sein – so stilvoll eingerichtet, dass man besser noch einmal nachfragt: Das ist nicht Ihre Wohnung? Im Netz findet man Aufnahmen von ihrem Apartment, da sieht es wiederum aus wie in einem Atelier, ein großer Arbeitstisch mit Modellen und Prototypen, bemalte Papierbahnen an der Wand. Solche Verschränkung der Bereiche passt zu ihrer Arbeit, deren Ergebnisse ebenso auf Designmessen wie in Kunstgalerien und Einrichtungsläden zu finden sind, als Buch und InstagramAccount. Die Serbin produziert Leuchten, Tische, Stühle, Skulpturen, Fotografie, Zeichnungen, Mode, sie arbeitet frei und angewandt, entwirft Industrieprodukte und Auflagenobjekte.


»Ich mache verschiedene Dinge, die in einer WELT stattfinden «
–Ana KRAŠ


Kommt man da nicht durcheinander? Die 35Jährige winkt ab: „Ach, ich mache, was ich will oder muss. Verschiedene Dinge, die sich in einer Welt abspielen“, sagt sie, während ein ErikSatieKlavierstück aus den Boxen ihre mit leicht slawischem Akzent gesprochenen Sätze umrankt. Und wie sieht dann ein gewöhnlicher Tag aus? „Es gibt keine gewöhnlichen Tage“, sagt sie. „Sondern nur die Frage: Was muss ich heute erledigen?“ Ana Kraš mag keinen klassischen Beruf haben, aber sie hat immer zu tun. Zurzeit bereitet sie eine Zusammenarbeit mit Hay vor, ihr bislang größtes kommerzielles Unterfangen: Versionen ihrer „Bonbon“Leuchten werden in diesem Frühjahr von der dänischen Möbelmarke für ein breites Publikum neu aufgelegt.

„MARA BENCH“, 2017


FOTOGRAFIEN VON ANA KRAŠ


Möbel-und Interieurdesign ist der Bereich, in dem ihr die größte Anerkennung zuteil wird. Die ersten „Bonbon“Lampenschirme entstanden, als Kraš noch an der Universität für angewandte Künste in Belgrad studierte. Sie spannte damals Wollfäden vertikal auf Metallkonstruktionen, die von einem begabten Verwandten hergestellt worden waren. Es war sehr aufwendig, solche Leuchten zu produzieren, ein langer Prozess, die richtige Technik und das passende Verhältnis von Volumen, Farbgebung und Textur zu finden. Nachdem die Studentin in einer Ausstellung zur Milan Design Week einige Exemplare der Stehund Hängeleuchten gezeigt hatte, bekam sie plötzlich Aufträge von internationalen Firmen. Warum hat sie damals nicht schon ihr eigenes Designlabel gegründet? Warum bis heute nicht? „Ich bin keine Geschäftsfrau“, antwortet Kraš, offensichtlich ohne Bedauern. „Ich wäre unglücklich mit einer eigenen Firma.“

Stattdessen bekommt sie Aufträge von Möbelherstellern wie Foundry, Matter oder eben Hay, von Designgalerien wie Chamber und von Privatpersonen. „Ich habe meine Sachen nie gepitcht“, behauptet sie. Stattdessen fragten Leute von sich aus Atelierbesuche an, sähen dann vor Ort Entwürfe, Modelle und Protoypen – und beauftragten sie direkt. „Ich bin nicht sonderlich ambitioniert und kümmere mich kaum um nächste Schritte. Die Arbeit ist mir schon wichtig, aber nicht so sehr wie mein Privatleben.“ Es klingt tatsächlich nicht nach Koketterie, sondern eher, als wundere sie sich ein bisschen über sich selbst.

Diese unverkrampfte und experimentelle Kreativität wirkt befreiend (und auch ein wenig verdächtig) in der Ära der Projektemacher, in der Selbstund Produktinszenierung so häufig zusammenfallen. Bei Ana Kraš kann man Quellen für diesen Spieltrieb vielleicht in einer so ganz und gar anderen Zeit entdecken: im postsozialistischen und durch die Jugoslawienkriege isolierten Belgrad. „Es gab damals jede Menge Kunst, aber keine Kunstszene. Die Leute hatten keine Möglichkeit, Kunst als Beruf auszuführen. Die Existenz war auf fundamentale Bedürfnisse beschränkt. Als ich später mitbekommen habe, wie der Kunstbetrieb an anderen Orten funktioniert, war ich geschockt.“


»Es gibt keine gewöhnlichen Tage. Sondern nur die FRAGE: Was muss ich erledigen? «
–Ana KRAŠ


Während des Krieges waren die Grenzen geschlossen, später war es für Serben schwierig, Visa zu bekommen (noch heute kann Ana Kraš nicht ohne Weiteres in ein NichtSchengenLand reisen, etwa in die britische Heimat ihres Freundes, dem unter dem Projektnamen Blood Orange bekannten Musiker Dev Hynes). Diese Isolation tat der Kunst gut, findet Kraš, „weil sie instinktiv und unter wenig Druck entstand. Solche Bedingungen wird es nie wieder geben.“ Sie arbeitet heute lose mit Galerien zusammen, ist mit Künstlern befreundet und wird von Malern wie Henry Taylor porträtiert. Und doch kann sie wenig mit der Kunstwelt anfangen: „Zu eng, zu viele Regeln.“

ANA KRAŠ MIT „STRIC“, 2016


Dabei brach sich ihr gestalterisches Talent in ihrer Kindheit zunächst in Zeichnungen und Fotografien Bahn. Ihre Eltern betrieben einen Copyshop, und die kleine Ana wusste Papierreste durch falten, kleben, plotten, bedrucken zu nutzen. „Hätten sie einen Schönheitssalon gehabt, wäre mein Leben anders verlaufen“, sagt sie lächelnd. Ihre minimalistischen Ölkreidezeichnungen, die ein irres Vertrauen in die Kraft einfacher Linien und ein Talent zur mühelosen Komposition offenbaren, gehören heute zum besten Teil ihres Werks.

Mit 18 Jahren entschied Ana Kraš sich für ein Möbeldesignund Architekturstudium an der konservativen Hochschule. Sie begann, ähnlich wie ihr Vater Miloš, der ein ganzes Strandhaus für die Familie mit selbst gebautem Interieur ausstattete, Objekte zu entwerfen und selbst herzustellen. Nach den ersten Erfolgen in Mailand pendelte Kraš zwischen Belgrad und der norditalienischen Stadt, dann zog sie nach Los Angeles, vor sieben Jahren schließlich nach New York. Dieses spezielle KrašStrahlen ist auch in den PräInstagramTagen schon da: Wir sehen sie auf YouTube ein Duett singen mit ihrem damaligen Freund, dem venezolanischen Sänger Devendra Banhart, sie zeichnen gemeinsam und erzählen in einem TheKooplesWerbespot ihre Geschichte, wir sehen Ana Kraš Rad fahrend, tanzend, Basketball spielend und natürlich immer bei der Arbeit. Es wirkt perfekt und doch seltsam authentisch.


»Die KUNSTWELT? Zu eng, zu viele Regeln, ja, schockierend «
–Ana KRAŠ


Mit ihrem 2016 bei Prestel erschienenen Bildband „Ikebana Albums“, der Stillleben, Porträts und Modefotografie vereint, kommt man der KrašMethode am nächsten: wie sie Schönheit in der Verschrobenheit findet, Fehler umarmt, wie ein Faltenwurf, das architektonische Detail, Muster, Strukturen, Farben und einfache Gesten von Körpern, Begehren und Leben erzählen. Ähnlich wie ihre Objekte nicht nur selbstbewusst eine Lust an der Form ausdrücken, sondern auch fragil wirken, kann man in diesen Bildern die Möglichkeit des Verlustes, die Trauer um die Flüchtigkeit des Moments erkennen.

Sie steht auf und holt eine Cola aus dem Kühlschrank. Kurz Schweigen, nur Saties endlose „Gymnopédies“ laufen immer weiter. Wir müssen noch einmal über Belgrad sprechen. Während der Bombardierung der Stadt war Kraš 13 Jahre alt. „Es war sehr beängstigend“, erinnert sie sich – um sofort wieder Zuversicht zu verbreiten: „Man versucht, damit klarzukommen. Ich weiß nicht, wie mein Leben ohne diese Erfahrung wäre.“ Vielleicht liegt hier das Geheimnis der Ana Kraš: mit der ganzen Bandbreite der kreativen Mittel seinen Anspruch auf Glück geltend zu machen, ohne das Unglück zu vergessen

„SLON“, BEISTELL TISCHE, 2016


Fotos: Juan Camilo Diez (vorherige Doppelseite). Juan Camilo Diez. © Matter. Alle Werke: © Ana Kraš

Fotos: Juan Camilo Diez (vorherige Doppelseite). Juan Camilo Diez. © Matter. Alle Werke: © Ana Kraš

ZEICHNUNG „UNTITLED“, 2014

Fotos: © Ana Kraš, 2016, © Prestel Verlag, A Member of Verlagsgruppe Random House GmbH, Munich/London/New York, 2016

Fotos: Juan Camilo Diez. © Matter. Alle Werke: Ana Kraš