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PORTRÄTS: JENSEITS DER METROPOLEN


Der Spiegel Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 19.02.2019

Der Charme der zweiten Reihe: deutsche Städte zum Verlieben


Artikelbild für den Artikel "PORTRÄTS: JENSEITS DER METROPOLEN" aus der Ausgabe 1/2019 von Der Spiegel Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel Wissen, Ausgabe 1/2019

Rostock: UNSER REICHTUM IST ANDERS :Von Steffen Bockhahn

ES HILFT NICHT, DARUM HERUMZUREDEN : Nach Rostock muss man wirklich kommen wollen. Das große Geld ist hier auch nicht zu verdienen. Im Durchschnitt von Meck-Pomm ist das alles sehr ordentlich. Im Bundesvergleich hängt Rostock da trotzdem deutlich hinterher. Unser Reichtum ist anders.

Wo die Warnow in die Ostsee fließt, wo nur drei Tage im Jahr kein Wind weht und die Sonne so viel scheint wie in kaum einer anderen deutschen Stadt, da liegt Rostock. Knapp 210000 Menschen leben in dieser ...

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... einzigen Großstadt zwischen Berlin und Kopenhagen, Hamburg und Szczecin (Stettin). Was in Berlin ein kleiner Bezirk wäre, ist die mit deutlichem Abstand größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Rostock ist noch überschaubar, und irgendwen trifft man immer. Die Weltoffenheit liegt erheblich über dem Landesdurchschnitt. Natürlich denken immer alle zuerst an 1992, an die Übergriffe im Stadtteil Lichtenhagen. Verständlich. Aber Rostock 2019 ist anders. Mehr als 40 000 Geflüchtete strandeten 2015 auf dem Weg nach Skandinavien bei uns und mussten auf Tickets für Fähren warten. Alle bekamen Schlafplatz, Verpflegung, Duschen und, wenn nötig, medizinische Versorgung. Tausende waren sofort da und halfen, spendeten Zeit, Geld und Zuwendung. Die Anhängerschaft des FC Hansa gilt inzwischen weit überwiegend als eher links, und die AfD verzweifelt an dieser Stadt. Neunmal wollten sie 2018 die Mehrheit bei Demonstrationen sein und scheiterten kläglich. Das Zehnfache an Rostockern stand ihnen zuletzt entgegen. Bands wie Dritte Wahl, Mainpoint, Feine Sahne Fischfilet und Marteria kommen aus dieser Stadt.

Es lohnt sich, nach Rostock zu kommen. Auch für länger. Morgens vor der Arbeit mit dem Kanu auf der Warnow zu fahren, die sich im leichten Nebel durch unberührte Natur zieht, ist Reichtum an Lebensqualität. Nur eine Stunde bis zum Darß und gerade 20 Minuten bis zur Ostsee in Markgrafenheide oder Warnemünde. Die Luft ist sauber und die Stadt sehr grün. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde viel Platz gelassen. Jedes Kind bekommt hier einen Krippen- und einen Kindergartenplatz, nur zwei der öffentlichen Schulen müssen noch saniert werden. Mehr als 70 Sporthallen und fast 100 Sportplätze gibt es in dieser sportbegeisterten Stadt, in der jeder Vierte Mitglied eines Verein ist.

AUCH WIRTSCHAFTLICH geht es in Rostock ganz gut voran. Den wirklich herben Strukturwandel mit dem Verlust von mehr als 30 000 Arbeitsplätzen auf den Werften, bei den Zulieferern und im Hafen haben wir hinbekommen. Heute werden hier die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt gebaut, auf der Neptunwerft entstehen die innovativsten Flüssiggasantriebe samt Mittelschiff für die großen Pötte, die auf der Meyerwerft gebaut werden und dann auch für Aida, das Rostocker Unternehmen, unterwegs sind. Bei Caterpillar gleich nebenan werden solche Motoren gebaut. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter sieben Prozent und hat sich in den vergangenen Jahren damit mehr als halbiert.

Und dann ist da noch die älteste Universität im Ostseeraum, die 2019 ihren 600. Geburtstag feiert. Das Studierendenviertel, die KTV, ist abends das pulsierende Herz der Stadt. Ein wenig abseits in Mitte findet man den »Heumond«. Ein kleines Café und Restaurant, wo alles wirklich selbst gemacht wird. Die Preise sind überschaubar, und der Service ist so wie die Menschen hier: rustikal, aber herzlich. »Moin« gilt als ganzer Satz und das Hamburger »Moin, Moin!« schon als unnötig viel quatschen. Wer aber den Sonnenuntergang am Strand gesehen hat, wird verstehen, warum wir hier nicht viele Worte brauchen, um zu Hause zu sein.

Der Politiker Steffen Bockhahn, 40, geboren in Rostock, ist Sozial - senator in der Hansestadt und war Mitglied des Bundestags.

Duisburg: EIN HERZ, TIEF WIE EINE KOHLENGRUBE:Von Hatice Akyün

WER ÜBER DUISBURG DIE NASE RÜMPFT , kennt die Stadt einfach nicht. Nein, schön ist sie nicht. Nicht auf den ersten Blick. Aber wer verliebt sich denn schon auf den ersten Blick? Duisburg ist Liebe auf den zweiten Blick. Wäre Duisburg ein Mann, wäre sie der Stiefbruder des Traummannes. Nicht groß, nicht sportlich, nicht gut aussehend, nicht leidenschaftlich, kein dickes Konto – aber mit Anstand. Eine Garantie auf ewige Verliebtheit gibt sie nicht, aber sie ist eine sichere Bank für Zufriedenheit. Duisburg wäre Humphrey Bogart statt Cary Grant. Heinz Rühmann statt Peter Kraus, Horst Schimanski statt James Bond.

Niemand kommt als Tourist nach Duisburg. Entweder kommt man von hier, ist aus Versehen hier gelandet oder kommt zu Besuch. Deshalb macht sich Duisburg nicht fein, räumt höchstens ein paar Sachen weg, wenn man vorbeischaut. Eine Stadt, die das erfüllt, was München, Hamburg, Berlin versprechen und doch nicht halten: Verbindlichkeit, Empathie und Verlässlichkeit.

In Duisburg wurde ich mit Werten ausgestattet, die ich in die Metropolen der Welt mitgenommen habe. So konnte ich mich an jedem Ort einbinden, ohne meinen inneren Kompass zu verlieren. Zusammenleben ist eben mehr als ein Besuch in der Patisserie oder im besten Sushi-Laden der Stadt. Denn wenn die Wurst knapp und das Brot hart ist, stellt sich einem unwillkürlich die Frage: Geht man gemeinsam durch magere Zeiten, oder wechselt man zur besseren Partie? Duisburg ist immer die schlechtere Partie, dafür mit einem Herz, so groß und tief wie eine Kohlengrube.

Nirgends steht man so zueinander wie unter Tage. Weil man sich auf den anderen verlassen können muss, weil es egal ist, welche Sprache man spricht, weil es um Vertrauen geht, weil es um den Menschen geht. Und so gab es in unserer Zechensiedlung auch keinen Hans oder Ali. Sondern Kumpel. So einfach war das. Jeder war Duisburger, egal, woher er gekommen war, woran er glaubte und was er aß und trank. Dieser Menschenschlag macht Duisburg besonders. Die Duisburger, die dir so unverblümt und direkt die Wahrheit ins Gesicht schleudern, oder wie es hier so schön heißt: Hömma, getzma Butter bei die Fische.

DENKE ICH AN DUISBURG, DENKE ICH an meine Kindheit. Wir waren neugierig aufeinander, und wenn man sich als guter Freund bewährt hatte, war es egal, woher die Eltern kamen. Das Gesetz unserer kleinen Straße beruhte auf Respekt. Ich denke daran, wie wir nach der Schule zu »Peter Pomm« gingen, Pommes rotweiß aßen. Ich habe den Geruch von verbrannter Kohle in der Nase. Ich denke an die Konditorei »Dobbelstein«, die es seit über 150 Jahren gibt und wo ich meinen ersten Kakao mit Sahne getrunken habe. Als kleines Türkenmädchen kannte ich bis dahin nur schwarzen Tee aus goldverzierten Gläsern. Später, als Studentin, war ich Stammgast im »Graefen« am Dellplatz. Am Morgen, wenn wir nach zu vielen Köpis raustorkelten, mussten man aufpassen, nicht auf den Erdnussschalen auf dem Boden auszurutschen. Und der erste Zoobesuch meiner in Berlin geborenen Tochter war natürlich der Duisburger Zoo mit der in Deutschland einzigen Zucht von Koalabären. Immer wenn ich meine Eltern besuche, besuche ich diese Orte wieder. Sie gibt es alle noch.

Nein, Duisburg ist nicht nur der Norden der Stadt, der immer für Gettoisierung und kriminelle Ausländer herhalten muss. Duisburg ist die Sechs-Seen-Platte, die Regattabahn, das satte Grün des Duisburger Waldes. In den Rankings für lebenswerteste Städte taucht Duisburg nicht auf. Aber gäbe es ein Ranking für die liebenswerteste Stadt, Duisburg stünde ganz oben.

Die Autorin Hatice Akyün, 49, ist in Duisburg aufgewachsen, ihr Bestseller »Einmal Hans mit scharfer Soße« wurde 2004 verfilmt.

Jena: EIS IM PARADIES:Von Karoline Schuch

KENNEN SIE JENA? Nein? Doch, natürlich kennen Sie Jena. Das ist dieses Plattenbauungetüm links der A4, wenn Sie von Frankfurt am Main Richtung Dresden brettern. Dass das natürlich nur der erste Eindruck ist und Jena eine sehr hübsche Altstadt hat, erfährt nur, wer sich traut, von der Autobahn abzufahren.

Nach Jena mit dem Zug? Der hält am Bahnhof »Paradies«, dieser Hauptbahnhof ist im Grunde relativ peinlich. Zwei Gleise, keine Toilette, manchmal hat ein Bäcker geöffnet, der auch ein paar Zeitungen anbietet. Ankommen in Jena ist also erst mal hart. Aber dann eröffnet sich meine kleine geliebte Heimatstadt, mein Paradies.

In meiner Kindheit war Jenas Horizont klein und überschaubar, aber mehr brauchte ich nicht. Hier habe ich Buden gebaut, Theater spielen gelernt, Kaulquappen großgezogen, hier lernte ich das Wandern erst hassen, dann lieben. Hier wurde ich von der Polizei nach Hause eskortiert, weil wir Pfennige auf die Bahngleise legten. Hier hat mein Vater am Tag meiner Geburt eine Linde gepflanzt, manchmal besuchen wir sie. Bis ich vier Jahre alt war, lebten wir in einem Dachgeschoss ohne Bad, Klo auf halber Treppe, gebadet wurde einmal pro Woche im Volksbad. Dort standen Wannen nebeneinander, getrennt durch Vorhänge. Ich muss oft daran denken, wenn mir dieser Hygienewahn mit dem täglichen Duschen suggeriert wird. In meiner Jugend ging mir Jena natürlich auf den Keks. Zu klein, zu wenig los. Hier stieg am Wochenende, wenn überhaupt, eine einzige Party, und wenn die doof war, ging man entweder nach Hause oder machte das Beste daraus und tanzte verdammt noch mal trotzdem, egal zu welcher Musik.

Als ich mit 18 Jena verließ, weinte ich diesem Kaff keine Träne nach. Alle Vorzüge lernte ich erst später wieder zu schätzen, als ich des Berliner Paradieses langsam überdrüssig wurde und merkte, wie viel unkomplizierter das Leben in einer Stadt ist, in der man alles bequem zu Fuß erledigen kann. Jena hat für seine Größe eine herausragende Kulturlandschaft: Theater, eine Philharmonie, ein sensationelles Musiksommerfestival, die Kulturarena. Es gibt einen fantastischen Botanischen Garten, ein Planetarium, ein Phyletisches Museum, welches ich als Kind wöchentlich besuchen wollte. Überhaupt – Jena mit Kind. Aus meinem Abiturjahrgang sind viele geblieben, ein für die Nullerjahre seltenes ostdeutsches Phänomen, viele andere, auch Unistädte, konnten ihre Leute nicht halten. Früher habe ich es nicht verstanden, warum man nicht wegwill aus dieser Stadt. Mittlerweile beneide ich die Daheimgebliebenen fast.

SIE WOLLEN WANDERN? Nirgendwo schöner und leichter möglich als in Jena – Tür auf, kurzer steiler Aufstieg aus dem Talkessel, Traumausblick garantiert. Oder Sie flanieren entlang der Saale tatsächlich durchs Paradies, dem Central Park von Jena. Im Sommer sitzt man am besten im »Garten« und trinkt sich einen, im Winter flaniert man durch die Wagnergasse und lässt sich treiben. Gute Musik gewünscht? Ab ins »Kassablanca«. Auch in Jena gibt es fürchterliche Einkaufsmeilen – aber auch, hier und da und immer häufiger: durchaus individuelle Läden wie das »Room« in der Wagnergasse mit exzellenter Thai-Massage. Heiß geliebt, samstags: der Bauernmarkt, dazu ein hervorragender Flohmarkt alle vier Wochen. Sie wollen das beste Eis essen und brauchen nicht hundert fancy Sorten? Fahren Sie nach Bürgel und kaufen Sie Schoko-Vanille mit schwarzen Johannisbeeren, Sie werden davon träumen. Der Lebensstandard ist hoch, die Leute sind zufrieden, die Arbeitslosigkeit ist gering, das NSU-Trauma irgendwie abgelegt. Einst schrieb derSPIEGEL höchstselbst, Jena sei das München des Ostens. Nun ja. Vielleicht will es das gar nicht sein. Muss es ja auch nicht. Jena ist Jena. Oder Jene. Und in Jene, sang man schon um 1900, lebt sich’s bene …

Karoline Schuch, 1981 in Jena geboren, ist eine der meistgefragten deutschen Schauspielerinnen und studierte Psychologie.

Darmstadt: »KAAN FRATZEMACHER«:Von Robin Droemer

WENN DIE SONNE SCHEINT , sieht man vom Darmstädter Ludwigsturm in der Ferne Frankfurt am Main glitzern. Die Wolkenkratzer mit ihren spiegelblanken Fassaden erheben sich hinter Darmstadt wie eine Filmkulisse. Frankfurt, das ist der Nachbar mit dem Porsche, Darmstadt die Familie mit dem Hybrid. Und Frankfurt ist, verglichen mit Darmstadt, die Vergangenheit. Seit drei Jahren veröffentlich das Magazin »Wirtschaftswoche« den Zukunftsindex. Er zeigt an, wie gut deutsche Großstädte gewappnet sind für das digitale Zeitalter. Bisher belegte Darmstadt jedes Mal den ersten Platz. Im Rennen um die Zukunft lässt die kleine Großstadt Metropolen wie Hamburg oder Köln hinter sich, als wäre sie Usain Bolt. Nur ohne die extravagante Siegespose. In Darmstadt hat die Zukunft Wurzeln geschlagen.

Wer mit diesem Wissen am Darmstädter Bahnhof einfährt, wird erst mal enttäuscht. Kein glänzendes Chrom, keine fliegenden Autos. Stattdessen eine Straßenbahn, die Ellebembel heißt und genauso gemütlich fährt, wie der Name klingt. Und wenn Darmstadt die Messlatte für eine zukunftsorientierte Stadt ist, dann sind schöne Innenstädte wohl aus der Mode. Nach der Zerstörung der Darmstädter Altstadt in der »Brandnacht« 1944 war Wohnraum nötig, der in erster Linie seinen Zweck erfüllt. Und das sieht man vielen Häusern auch heute noch an.

Ja, Darmstadt ist nicht die schönste Stadt Deutschlands. In vielen Ecken lebt es sich aber ganz wunderbar. Die Kopfsteinpflaster - gassen, Altbauten und Hinterhöfe im Maransviertel haben noch das Flair, das in manchen Berliner Vierteln schon weggentrifiziert wurde. Und obwohl auch in Darmstadt die Preise steigen, können sich hier Studenten und junge Familien das Leben zwischen Cafés und kleinen Boutiquen immer noch leisten. Nicht nur deshalb perlen Kommentare über die Innenstadt an einem Darmstädter ab wie an einem frisch gewachsten Elektroauto. Er hat zu viel, womit er angeben könnte. Was er natürlich nicht tut – »der Heiner isch ja kaan Fratzemacher«. Also der Darmstädter kein Großmaul. Und das, obwohl die Abiturientenquote Darmstadts die höchste in Deutschland und die Breitbandversorgung hervorragend ist, obwohl ein Teilchenbeschleuniger gebaut wird, viele Forschungseinrichtungen hier sitzen, darunter allein drei Fraunhofer-Institute, und quasi im Akkord neue Patente angemeldet werden.

Den Erfindungen und Innovationen verdankt Darmstadt auch seinen Andrang an Wissensdurstigen: Jeder dritte Darmstädter ist Student, die meisten davon an der Technischen Universität. Aber technisches Know-how allein reicht nicht aus, um die Zukunft einer Stadt zu sichern. Das weiß auch die Jury des Zukunftsindexes. Und lässt deshalb den Anteil von Künstlern und Kreativen in einer Stadt mit in ihre Wertung einfließen.

Darmstadts kreative Szene ist quicklebendig. Nicht nur, weil die Studenten zahlreiche Kulturinitiativen gegründet haben – quasi als Gegengewicht zur naturwissenschaftlichen Übermacht. Mit dem Georg-Büchner-Preis wird auch jedes Jahr der wichtigste Literaturpreis Deutschlands in Darmstadt vergeben. Mehr als 20 Theater bespielen die Stadt, darunter das Staatstheater, das neben Schauspiel auch Opern, Tanz und Konzerte bringt.

In Darmstadt leben Kultur und Technik in einer symbiotischen Beziehung. Das hat auch mit Nähe zu tun. Die Stadt ist zu klein, als dass sich kreative Chaoten und nerdige Techniker in ihre Blasen zurückziehen könnten. Sie begegnen sich, in Kultkneipen wie der »Krone« am Luisenplatz, oder beim Joggen in der Rosenhöhe zwischen kalifornischen Mammutbäumen. In Darmstadt mischen sich Menschen und Ideen – ganz ohne Skyline.

Der Journalist Robin Droemer, 29, hört als Hamburger jedem Hessen fasziniert beim Babbeln zu. Derzeitiges Lieblingswort: »Labbeduddel«.

Landshut: GEMÄCHLICHER CHARME:Von Angela Gatterburg

»HIERMIT MÖCHTE ICH SIE ALS NEUBÜRGER herzlich willkommen heißen in Landshut«, sagte die junge Frau im Einwohnermeldeamt und überreichte uns zwei prall gefüllte Tüten mit Radlkarten, Gutscheinen für Restaurants, Geschäfte, die Stadtbücherei sowie für ein Mini-Abo der »Landshuter Zeitung«.

Seit anderthalb Jahren ist Landshut, die Hauptstadt Niederbayerns, unsere neue »Lebensabschnittsheimat«. Als ich das bilderbuchschöne Landshut zum ersten Mal durchwanderte, war ich überwältigt von so viel architektonischer Harmonie. Breite und schmale Giebelhäuser stehen neben spätgotischen Gebäuden und Renaissancepalästen, viele bunt, manche etwas schief, andere prachtvoll und stattlich. Der historische Kern der Altstadt ist unzerstört, autofrei, behaglich und malerisch mit seinen vielen Gassen und Innenhöfen, Plätzen und kleinen Boutiquen.

Landshut hat eine Hochschule und wirkt trotz seiner 72000 Einwohner wie ein großes Dorf, wenn man an der Isarpromenade herumspaziert, entlang der Stadtmauer, vorbei am Röcklturm, in dem sich ein schönes Literaturcafé befindet. Überall am Fluss gibt es majestätische Schwäne, gierige Biber sowie Gasthäuser mit Biergarten und bodenständiger Küche. Oberhalb der Stadt liegt die Burg Trausnitz, unten steht als Wahrzeichen die eindrucksvolle St. Maranskirche mit dem höchsten Backsteinturm der Welt.

Es fällt leicht, sich in Landshut zu verlieben, und so wunderte sich keiner unserer Münchner Freunde, als wir von unserer Wohnungssuche erzählten. Wir wollten uns von 70 Quadratmetern auf rund 100 Quadratmeter vergrößern, was in München schier unbezahlbar ist. Dort lebten wir am östlichen Stadtrand, umgeben von Bau- und Einkaufsmärkten, keine Buchhandlung weit und breit, nichts, was Auge und Seele erfreute. Und bis in die Münchner Innenstadt waren es rund 30 Minuten Fahrzeit, oft erheblich länger.

Jetzt haben wir vier Zimmer auf 112 Quadratmetern mit Terrasse und Balkon und zahlen die gleiche Miete wie in München. Wir gehen über eine der vielen Brücken und erreichen die Altstadt. Dort befinden sich Buchläden, unzählige Kneipen, Cafés und Restaurants, die Volkshochschule, in der unser Italienischkurs stattfindet, ist gleich um die Ecke, ebenso Fitnessstudios, Friseure, zwei Kinos, ein großes Einkaufszentrum. Mehr braucht es eigentlich nicht zum Leben – weshalb auch inzwischen immer mehr Menschen nach Landshut drängen und viele von ihnen täglich pendeln. Was dummerweise die Mietpreise erhöht.

Sollte uns tatsächlich mal großstädtisches Gewimmel fehlen, fahren wir mit dem Zug in 50 Minuten nach Regensburg oder München.

TRUBEL ERLEBT MAN bei der LaHo, der Landshuter Hochzeit, bei der alle vier Jahre von den Einheimischen die prunkvolle Vermählung von Herzog Georg dem Reichen und der polnischen Prinzessin Hedwig im Jahr 1475 nachgestellt wird – es ist das größ - te Mittelalterfest Europas, mit Tausenden kostümierten Teilnehmern. Das Fest dauert drei Wochen und zieht Gäste aus der ganzen Welt an.

Uns gefällt es hier sehr gut. Niederbayern kommt nicht so protzig daher wie Oberbayern mit seinen lieblichen Hügeln und Seen, sondern eher etwas herb und spröde. Doch die Menschen sind freundlich, aufrichtig, hilfsbereit und vor allem entspannt. Und so ist unser Leben in Landshut auch gemächlicher und beschaulicher als in München und hat einen anmutigen Charme mit seinen regelmäßigen Markttagen, seinen vielen Festivals und Literaturtagen. Eigentlich wollen wir hier nicht mehr weg.

Die Journalistin Angela Gatterburg, 61, hat in Hamburg und München gelebt, findet beide Städte aber zu groß und zu hektisch.


ILLUSTRATIONEN RALF NIETMANN

ILLUSTRATIONEN: RALF NIETMANN/SPIEGEL WISSEN

ILLUSTRATIONEN: RALF NIETMANN / SPIEGEL WISSEN