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PORTRAIT: GAZ-13 „Tschaika“ (1959 - 1981): Die schwarze Möwe


Auto Classic - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 27.01.2020

Auch wenn Kommunismus und Kapitalismus kaum gegensätzlicher sein könnten, in Sachen Repräsentationsbedürfnis stand der Kreml dem Weißen Haus in keiner Weise nach. Für die Chefs gab es Limousinen von ZIS/ZIL, für die Lakaien Fahrzeuge von GAZ, wie den „Tschaika“


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Bildquelle: Auto Classic, Ausgabe 2/2020

Bei der prunkvollen Optik des Tschaika stand der Packard Patrician von 1955 Pate


Der Tschaika? Wie bei der Chevrolet Corvette ist man stark versucht, den weiblichen Artikel zu benutzen, denn „Tschaika“ bedeutet übersetzt „die Möwe“. Aber die eigentliche Typenbezeichnung lautet GAZ-13 und damit ist der „Gorkowski Awto - mobilny Sawod - Modell 13“ ...

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... ein „Er“.

Weit vor dem Zweiten und dem Kalten Krieg, als die Supermächte noch pragmatisch mit - einander verbunden waren, wollte die UdSSR auch im Automobilbau mit den USA gleichziehen. Stalins Vorliebe für US-Fahrzeuge und deren repräsentative Größe legte den Grundstein für die sowjetische Herstellung von Oberklasse- und Luxuslimousinen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, wurden 1934 für den ZIS-101Werkzeuge und Pressen für die Herstellung in den USA eingekauft. Aber erst 1937 konnte der ZIS-101 als konstruktionstechnisch ziemlich mängelbehaftete Buick-Series- 90-Kopie in Serie gehen. Auf eigenen Maschinen produziert, aber noch dem US-Design folgend - diesmal dem des Packard 180 von 1942 -, machte der Nachfolger ZIS/ZIL-110 nach Ende des Zweiten Weltkriegs alles deutlich besser. Die Chefetage besaß also nun adäquate Transportmittel, nur die Arbeitsebene darunter noch nicht. Und die sollte natürlich nicht in den gleichen Autos vorfahren wie die Staatselite.

ZIL für Obere, GAZ für alle darunter

Das Gorkier Automobilwerk (GAZ) wurde daher für die Motorisierung des mittleren und unteren Beamtendienstes beauftragt. Für eine laut Eigenwerbung klassenlose Gesellschaft gab es bei der staatlich vorgeschriebenen Modellpolitik eine überraschend strikte Vergabepolitik: ZIS/ZIL waren für die Oberen der Obersten vorbehalten, GAZ für alle darunter. Der 1946 vorgestellte GAZ-M20 Pobeda, dessen Ponton-Design an den Chevrolet Fleetline Aerosedan erinnerte, war für diesen Zweck gedacht.

Der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Iljitsch Breschnew, durfte ZIL, aber natürlich auch Tschaika fahren, wenn es nichts anderes gab - oder wollte er hier inkognito sein?


Nur vier Jahre später, da über sein eingeschränktes Platzangebot und die wenig ehrfürchtige Erscheinung geklagt wurde, entstand von GAZ der größere 12 ZIM. Er sah zwar nach „mehr“ aus, war aber technisch ein Kind der Vergangenheit. Um den Makel der Rückständigkeit zu überwinden, schob man 1958 den deutlich moderneren, stärkeren und imposanteren GAZ-13 „Tschaika“ nach. Als Modell mit dem höheren Prestige flog es als „Möwe“ über dem kleineren „Wolga“ (GAZ-21). So zumindest sagt es die Legende bezüglich der fast poetischen Nomenklatur.

Wieder ließen sich die Designer und Techniker von US-Konstruktionen inspirieren: Bei der prunkvollen Optik war es der Packard Patrician/ Caribbean Cabriolet von 1955, bei der Kraftübertragung die Druckknopf-Dreigang-Automatik „TorqueFlite“ von Chrysler, die ohne Lizensierung einfach kopiert wurde. Mitte der 1950er wurden die Entwicklungsarbeiten begonnen, um 1957 befanden sich zwei Prototypen auf Erprobungsfahrten durch die Ukraine, in Sibirien und auf den Bergstraßen des Kaukasus.


„Beim Kauf dachte ich, mein verrückter Kindertraum sei nun endlich in Erfüllung gegangen.“


Kuriosum am Rande: Der im selben Jahr vorgestellte ZIL-111 sah aus wie ein aufgeblasener Zwilling des GAZ-13. Er besaß zwar einen etwas größeren Motor, aber leider nicht das wohlproportionierte Äußere des „Tschaika“. Daher gilt bis heute die „Möwe“ als attraktivste jemals in der UdSSR gebaute Limousine.

Ihren ersten offiziellen Auftritt hatte sie auf der Weltausstellung „Expo 58“ in Brüssel. Dort fiel sie aufgrund ihrer fliederfarbenen Zweiton-Lackierung und der großen Möwen-Silhouette auf dem Kühlergrill auf. Bis auf ein weißes Exemplar wurden alle „Tschaika“ der Serienproduktion ab Januar 1959 in Be hörden-Schwarz ausgeliefert - und außerdem nur an offizielle Stellen, nicht an Privatpersonen.

In Sachen Fahrleistungen und Ausstattung war sie dem größeren Bruder von ZIL durchaus ebenbürtig: ein neuer Leicht - metall-V8-Motor, Automatik, Servolenkung, elektrische Fensterheber, Radio und Scheibenbremsen vorne. Und natürlich eine extrem leistungsfähige Heizung für die kältesten Klima - zonen der Sowjetunion. Althergebracht dann doch die Entscheidung, keine - wie beim GAZ-12 - selbsttragende Karosserie zu konstruieren, sondern auf einen Leiterrahmen zurückzugreifen.

Der Innenraum war - für alle Insassen hinter dem Chauffeur - äußerst großzügig bemessen, da auch zusätzliche Notsitze (für Leibwächter etc.) ausgeklappt werden konnten. Bis zu sieben Personen fanden so Platz. Auf der durchgehenden Bank hinter dem Lenkrad ging es hingegen erstaunlich beengt zu. „Tschaika“-Fahrer sollten aus diesem Grund eher kompakt gebaut sein.

Über die Bauzeit gab es nur wenig Änderungen: So wurde der Innenraum durch neue Materialien aufgewertet, der Vergaser optimiert, die Felgen geändert, wie auch die Scheinwerfer-Gehäuse. Am Ende (1981) summierte sich die Anzahl der ausgelieferten Exemplare auf überschaubare 3179 Stück, darunter 20 als Kombi (GAZ-13S) und 8 Cabriolets (GAZ-13B).

Fast unerfüllbarer Kindheitstraum

Der „Tschaika“ war als ein typischer Funktionärswagen auch in andere Länder des Ostblocks geliefert worden, beispielsweise in die DDR. Waren sie nach der Wende für einen Apfel und ein Ei und ein paar Tausend D-Mark billig aus Behördenbeständen zu erwerben, sind die Preise inzwischen so stark gestiegen, wie die Verfügbarkeit an wirklich guten Exemplaren gesunken ist, wie Michael Rubin aus Frankfurt erkennen musste. Für ihn bedeutet seine „schwarze Möwe“ die Erfüllung eines lang gehegten Kindheitstraumes.

Auf der durchgehenden Bank hinter dem Lenkrad geht es überraschend eng zu - dafür entschädigt die Aussicht über die Haube


Großzügiges Platzangebot mit zusätzlichen Klappsitzen im Fond


Eine Möwen-Silhouette ziert den üppigen Kühlergrill


Leichtmetall-V8 mit 5,5 Litern Hubraum im Bug


Mit seinen ge waltigen Heckflossen war der Tschaika spätestens in den 1970ern ein lebendes Fossil


Damals hatte er, noch in Weißrussland zu Hause, mit Freunden eine Radtour an ein idyllisches Flussufer unternommen. Und wo es schön war, durften sich bevorzugt Beamte ansiedeln. Einer von denen fuhr ein großes, schwarzes, eindrucksvolles Auto. Als seine Freunde begeistert „Tschaikaaa!“ riefen, schaute der junge Michael Rubin zum Himmel und suchte ihn nach Möwen ab.

Dann erst realisierte er, dass kein Vogel, sondern diese Limousine gemeint war, „dieses Wunder der Technik in Chrom, welches plötzlich aus dem Nichts erschienen war und unsere Blicke an sich fesselte. Alle Merkmale und Konturen einer anmutigen Möwe wurden in fast allen Linien des Wagens wiedergegeben. Leider war dieser Moment nur kurz. Das Auto verschwand genauso schnell, wie es erschienen war, und ließ nur eine Staubwolke zurück.“

Doch dieser Moment reichte aus, den GAZ- 13 tief in das Gedächtnis des Jungen einzubrennen. „Ich versprach mir selbst, irgendwann in einem mitzufahren, egal wie unrealistisch dies bei den wenigen Exemplaren auch gewesen sein mag.“ Noch weiter weg war der Traum, eines Tages selbst ein Exemplar zu besitzen.

„Ich musste immer wieder an diesen einen Moment damals am Flussufer denken und an mein kindliches Versprechen. Wahrscheinlich hat mir genau dieser Traum viel Kraft für das Durchstehen harter Zeiten gegeben, die nachfolgen sollten.“ Erst viel später, seit der Übersiedlung nach Deutschland, als er längst über 40 war, ging er daran, sich seinen „Möwen-Traum“ zu erfüllen.

Doch die Ernüchterung folgte rasch, denn mit der aufgekommenen Ostalgie waren die Preise für die wenigen, noch halbwegs akzeptablen GAZ-13 enorm in die Höhe geschossen. Mindestens 50.000 Euro für Zustand 2 müssen inzwischen kalkuliert werden. Superseltene Concours-Exemplare sind längst kaum noch für weniger als 100.000 Euro zu bekommen.

Korrosion und Schimmel

„Trotz aller Schwierigkeiten stieß ich um 2012 auf eine Anzeige: ein Tschaika, Baujahr 1969, mit Standort Belgien.“ Was sich dort seinen Augen bot, war ein Trauer spiel in Blech: Fast zehn Jahre stand der Wagen - mit einem geöffneten Dreiecksfenster - unter freiem Himmel. Zahllose Stellen zeigten Korrosion und im Inneren breitete sich Schimmel aus.

Sein Besitzer war ein ehemaliger Fischgroßhändler, der ihn als Geldersatz aus Bulgarien in Zahlung genommen hatte. In Bulgarien selbst war der schwarze Riese von einem Hotel als „Shuttle“-Fahrzeug betrieben worden.

Bei Michael Rubin siegte Herz über Verstand. „Beim Kauf dachte ich, mein verrückter Kindertraum sei nun endlich in Erfüllung gegangen. Doch mit Beginn der Reparaturarbeiten wurde mir klar, dass dafür noch ein weiter Weg vor mir lag.“ Den Anspruch, den Wagen zurück in jenen Glanz zu versetzen, mit dem er 1969 das Werk in Nischni Nowgorod verließ, gab er nach zwei Jahren Klein- und Kleinstarbeit weitgehend auf.

„Bei der problematischen Ersatzteillage wäre ich sonst nie fertig geworden, also entschied ich mich bei der Wahl zwischen Perfektion oder Fahrspaß für Letzteren - den ich seit August 2015 habe.“

Doch auch weiterhin sucht er über seine eigene, für den „Tschaika“ erstellte Website (www. gaz13.de) nach Komponenten für die Voll - endung. Darunter jenen Stoff, aus dem einst russische Generalsmäntel - in der Winterausführung für Paraden - geschneidert worden waren. Denn mit diesem waren damals auch die Sitze und Türpappen des GAZ-13 bezogen. Wenn Sie also mal in ihren alten Kleiderschank schauen könnten, Michael Rubin wäre Ihnen sehr dankbar!


Fotos: chilterngreen.de, Archiv (Wladimir Musaeljan/TASS)