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POWER: BESSER KOMMEN: Braucht PORNO ein FAIRTRADE- Label?


Jolie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 05.10.2018

Weil die Arbeitsbedingungen ihrer Branche nicht immer sexy sind, diskutieren Darsteller und Regisseure, fair produzierte Sexfilme zu kennzeichnen. Pornos fürs gute Gewissen gibt es aber längst!


Artikelbild für den Artikel "POWER: BESSER KOMMEN: Braucht PORNO ein FAIRTRADE- Label?" aus der Ausgabe 11/2018 von Jolie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Jolie, Ausgabe 11/2018

ERIKA LUST

Heißer Sex mit dem Kollegen oder wilder Urlaubsflirt: Erika Lust zeigt weibliche Fantasien


Die Schwedin Erika Lust macht sehenswerte Filmkunst – moralisch korrekt gefickt wird aber auch!


PANDORA BLAKE

Hart, aber herzlich: Pornomacherin Pandora Blake vertreibt auf ihrer Website dreamsofspanking.com Fairtrade-Pornos für Fetisch-Lover


Alle sprechen über fair gehandelten Kaffee, Rohmilchbutter vom Biohof und ...

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Alle sprechen über fair gehandelten Kaffee, Rohmilchbutter vom Biohof und nachhaltige Turnschuhe – aber bei Pornos setzen die meisten nach wie vor auf Discounterware. Kein Wunder: Auf Streaming-Websites wie Youporn oder xHamster kriegt man die Filme barrierefrei und vor allem gratis. Und das scheint bei Pornos immer noch die Hauptsache zu sein. Laut einer repräsentativen Umfrage würden 94 Prozent der Online-Konsumenten und -Konsumentinnen (knapp ein Viertel der Pornhub-User sind weiblich!) niemals Geld für Erotikfilme ausgeben. Viele geben an, sie wollten der schlimmen Industrie nicht auch noch ihre Kohle geben. Und ja: So richtig cool scheint es in der Pornoindustrie nicht zu laufen. Keine Tarifverträge, unterbezahlte Darsteller, Belästigungs- und Vergewaltigungsfälle. Ehemalige Darstellerinnen äußern sich besorgt über immer krasser werdende Praktiken. Schon klar, das möchte man ungern mit seiner Kohle unterstützen. Wer die Filme trotzdem schaut, verändert die Arbeitsbedingungen allerdings auch nicht. Zumindest nicht zum Guten! Anstatt sich an Skandalen aufzuhängen und die böse Industrie zu verteufeln, kann man nämlich auch einfach ein paar Euros in die Hand nehmen und die Guten supporten. Denn tatsächlich gibt es jenseits von Youporn & Co. durchaus Produktionsfirmen, bei denen die Arbeitsbedingungen stimmen. Die Biohöfe der Pornoindustrie sozusagen. In Großbritannien und in den USA hat sich hierfür der Überbegriff „ethical porn“ etabliert. Was das bedeutet? Die Darsteller werden fair bezahlt und dürfen entscheiden, welche sexuellen Praktiken sie mitmachen und welche nicht. Safer Sex ist hier absolut erwünscht. Der Sex, der gezeigt wird, ist echter Sex – keine gefakten Orgasmen und Dauer-Erektionen. Die Darsteller zeichnen sich durch Vielfalt aus: Es werden unterschiedliche Körpertypen, Hautfarben und sexuelle Vorlieben gezeigt statt der ewig gleichen Dramaturgie mit dem unvermeidlichen Cumshot am Ende.

Allerdings gibt es bislang (noch) kein geprüftes Pornolabel. „ Ethical porn“ oder Fairtrade zu sein kann theoretisch jeder Regisseur behaupten. Die britische Journalistin und Ex-Domina Nichi Hodgson fordert schon seit Längerem ein einheitliches Gütesiegel. Dafür hat sie sich mit diversen Pornoproduzenten und -darstellern zusammengeschlossen. Die Idee wurde auch bei einer Podiumsdiskussion der Netzkonferenzre:publica in Berlin diskutiert. Und selbst wenn staatliche Pornoprüfer bislang noch Zukunftsmusik sind, findet man im Netz längst eine Vielfalt erotischer Filme, die das Fairtrade-Label verdient hätten. Anders als der Porno-Mainstream ist die ethisch korrekte Variante aber nicht überall verfügbar. Die Bio-Mango aus der Kooperative findest Du schließlich nicht unbedingt beim Discounter nebenan – und den „ethical porn“ nicht auf der Startseite der nächstbesten Porno-Streamingseite. Mit ein bisschen Recherche entdeckt man allerdings, dass die Welt der fairen Pornos so spannend und vielfältig ist wie Sex selbst. Selbst Skeptiker könnten dabei in Stimmung kommen.

Die Queen der Branche ist definitiv Erika Lust. Die schwedische Filmemacherin staubt mit ihren ästhetischen Filmen einen Branchen-Award nach dem anderen ab. Kein Wunder: Die Darsteller sind sexy, ohne „porno“ auszusehen, die Beleuchtung ist vorteilhaft, und die Schauspielszenen sind unerwartet lebendig. Pornos auf Hollywood-Niveau sozusagen. Auf ihrer Website erläutert die 41-Jährige ausführlich, unter welchen Bedingungen ihre Filme entstehen. Und die verdienen definitiv ein Fairtrade-Label. Neben Standards wie angemessener Bezahlung (inklusive Beteiligung an der Einspielsumme) und Safer-Sex-Regelungen betont Lust, dass weibliche, nun ja, Lust im Zentrum ihrer Filme steht.

Das würden wohl auch Jennifer Lyon Bell und Lucie Blush unterschreiben. Die Regisseurinnen gehören zu einem wachsenden Kreis weiblicher Pornomacherinnen mit feministischer Agenda. Porno ist für sie kein schmutziger Nebenjob, sondern sexuelle Selbstermächtigung – und auch ein kleines bisschen Kunst. Dass auch harte Pornografie fair produziert werden kann, beweist Pandora Blake. In den Filmen der britischen Regisseurin geht es heftig zur Sache: Bondage oder Peitschenhiebe, bis das Blut hervorkommt. Doch, so argumentiert die erklärte Feministin, solange dies einvernehmlich und unter fairen Bedingungen praktiziert wird, haben auch solche Sexspielarten ihre Berechtigung. Nebenbei beweist sie, dass Spanking und Humor durchaus zusammenpassen: Die Gründe für ausgiebige Auspeitschungen in ihren Filmen sind gerne mal charmant-absurd. Wer aber an glatt gebügelte Botox-Mädels mit Fake-Brüsten und Männer im Bodybuilder-Look gewöhnt ist, erlebt auf dreamsofspan king.com erst mal einen Kulturschock. Ältere Darsteller, Haare (ja, auch da unten) oder Rollenspielerästhetik gehören hier ganz selbstverständlich dazu. Pandora selbst wirkt eher wie eine lesbische Büroangestellte als wie ein dirty Pornostar. Aber, hey, auch das ist die viel beschworene Vielfalt. Vielleicht ist es fürs Publikum sogar ganz beruhigend, mit etwas realistischen Körperbildern konfrontiert zu werden. „Porno war großartig für mich: für mein Selbstbewusstsein, meine Selbstliebe, mein Körpergefühl“, erklärt die Filmemacherin. Davon möchte sie etwas weitergeben.

JENNIFER LYON BELL

US -Filmemacherin Jennifer Lyon Bell zeigt nicht nur Sex, sondern auch viel Gefühl


MIA ENGBERG

Pornos vom Staat? Klar geht das! Mia Engberg produzierte dieDirty Diaries – 13 Pornofilme, die vom schwedischen Staat gefördert wurden


THERESA LACHNER

Journalistin und Sexbloggerin Theresa Lachner kennt sich mit Fairtrade-Pornos aus. Ihr E-BookKommen mit Stil ist der perfekte Reiseführer durch die Welt des „ethical porn“. Herunterladen kann man ihn auf Amazon oder ihrer Website lvstprinzip.de

Per Crowdfunding finanzierte Maike Brochhaus den ErotikfilmHäppchenweise und die PornokomödieSchnick Schnack Schnuck. Zwei Filme, die den gängigen Vorstellungen von „ethical porn“ vollauf entsprechen würden – sie selbst benutzt den Begriff nicht. Ein offizielles Gütesiegel sieht sie kritisch: „Da steckt ein schöner Gedanke hinter, aber das ließe sich bestimmt nur sehr schwer umsetzen. Dann müsste es ja einheitliche Richtlinien und eine Art Prüfkommission geben. Und ob wir das wirklich wollen in einem so freiheitsliebenden, grenzüberschreitenden und fantasievollen Feld wie der Pornografie? Ich weiß nicht …“ Ein stärkeres Bewusstsein für die Produktionsbedingungen würde die 33-Jährige sich aber schon wünschen. „Auf Produzentenseite. Aber auch bei den Konsumenten.

Einen hilfreichen Überblick über die Fairtrade-Pornolandschaft hat Sexbloggerin Theresa Lachner geschrieben. Ihr EbookKommen mit Stil kann man bei Amazon oder auf ihrer Website lvstprinzip.de für gut investierte 9,90 Euro herunterladen. Denn als Porno-Newbie ist es nicht so einfach, in den Weiten des Netzes die „guten“ Filme zu finden.

Weil aber auch schlechte Pornografie unsere Sexualität prägt , gibt es in Schweden sogar staatliche Förderung für Pornos, die gleichberechtigten Sex zeigen. Bisher wurden die 13 Filme der ReiheDirty Diaries produziert. Das Filmprojekt gewann Preise – und viele Zuschauer. Auch die Jungpolitikerin Ferike Thom interessierte sich dafür – natürlich beruflich. Bei den Berliner Jusos plädierte sie für staatliche Filmförderung nach dem schwedischen Modell. Mittlerweile steht sogar die Berliner Landes-SPD hinter dem Vorschlag. Das bedeutet aber erst mal gar nichts. „Bislang hat die Forderung es in keinen Koalitionsvertrag geschafft“, erklärt Thom. „Daher ist nicht garantiert, wann das Thema in Angriff genommen wird.“ Bevor also Vater Staat unser Pornogewissen erleichtert, müssen wir selbst die Verantwortung übernehmen. Oder eben die Rechnung …

MAIKE BROCHHAUS

Ganz ohne Pornoerfahrung stürzten Maike Brochhaus und Boyfriend Sören Störung sich in ihren ersten ErotikfilmHäppchenweise. Finanziert wurde das Projekt per Crowdfunding.Schnick Schnack Schnuck war dann schon ein richtiger Porno. „Ich möchte Gegenbilder zur Mainstream-Branche schaffen, weil ich finde, dass viele Pornos angestrengt zielgerichtet sind. So, als ginge es beim Sex um Leistung“, erklärt Brochhaus im JOLIE -Interview

LUCIE BLUSH

Die Französin Lucie Blush dreht faire Independent-Pornos mit hippem Neukölln-Charme.luciemakesporn.com

„WIE KOMME ICH JETZT AN FAIRE PORNOS?“

Höhepunkte der fairen Erwachsenenunterhaltung findest Du auf diesen Seiten. Viel Spaß bei der, ähem, Recherche

Lustcinema.com Erika Lust bietet neben ihren eigenen Filmen andere anspruchsvolle Pornos. Etwa von Jennifer Lyon Bell und Mia Engberg.

dreamsofspanking.com Kuratiert von Pandora Blake, gibt es hier Fetisch- und queere Sexfilme.

pinkwhite.biz Große US -Seite, die sich queerem und feministischem Porno verschrieben hat.

luciemakesporn.com Ganz persönlich: Lucie Blushs feministische Pornos sind sexuelle Sinnsuchen in hippen Altbauwohnungen.

brightdesire.com Australische Website mit fairem Gevögel für jeden Geschmack.


FOTOS: CATHELIJNE BERGHOUWER, INSTAGRAM@ERIKALUST (3), MAIKE BROCHHAUS, PICTURE PRESS, THERESA LACHNER, PRIVAT, PR (9)