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Prächtige Stoffe für edle Roben


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 04.11.2022

Historisches Handwerk: 100 Jahre Brokatweberei Egelkraut

Artikelbild für den Artikel "Prächtige Stoffe für edle Roben" aus der Ausgabe 12/2022 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 12/2022

Ein Besuch in der Weberei ist ein überaus sinnliches Erlebnis: Auf breite Rollen gewickelt, ruhen prachtvolle Stoffe neben dicken Musterbüchern in den hohen Metallregalen. Die hereinfallenden Sonnenstrahlen lassen die Goldfäden im Brokat von Westen und Trachten funkeln. Weiter hinten locken flache Kisten mit unzähligen kunstvoll gewebten Borten. Man möchte alles anfassen, durch die Finger gleiten lassen, in der Farben- und Musterpracht schwelgen. Immer mehr Stoffe rollt Udo van der Kolk auf dem großen Zuschneidetisch aus. Ideen für Taschen, für Jacken und Mäntel blitzen vor dem inneren Auge auf. „Solche Stoffe waren einst nur für Fürsten und Klerus erschwinglich. Doch mittels Lochkarten aus Pappe wurden die aufwendigen Stoffmuster im 19. Jahrhundert reproduzierbar“, berichtet der Weber. „Aus dem mechanischen Webstuhl entwickelte sich die ...

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... Industrieweberei, und seit der Biedermeierzeit konnte sich auch die Mittelschicht diese gewebten Stoffe leisten.“

Dass Udo van der Kolk hier im nordhessischen Trutzhain auf historischen Webstühlen Brokate und Damaste webt, stand nicht unbedingt auf seinem Berufswunschzettel. Eigentlich hatte er Tischler sowie Restaurator für Möbel und Holzobjekte gelernt und sich im Jahr 2000 gerade entschieden, auf die Walz zu gehen. Doch da stieß der junge Geselle auf die Brokatweberei Egelkraut – und blieb. Im Nachhinein folgerichtig: Bereits in der Grundschule hatte eine Handarbeitslehrerin sein Interesse für Webstühle geweckt. Aus Interesse wurde Begeisterung. „Schon 1991, mit Beginn meiner Lehre, hab ich mir einen Handwebstuhl gekauft, geforscht und experimentiert. Einzelteile für meinen Webstuhl fand ich bei Bauern auf dem Dachboden. Über die Jahre hab ich einige Webstühle, Wissen und Technik gesammelt.“ Udo van der Kolk grinst verschmitzt.

„Hier bei Egelkraut konnte ich nun von der Pike auf lernen, wie man auf historischen Maschinen webt. Als ich kam, waren noch vier, fünf Leute beschäftigt und produzierten Brokate und Damaste – alles, was glimmerte und glitzerte – und das auf historischen Webmaschinen. Das schien mir schon sehr skurril, aber ich war begeistert. Hier wollte ich lernen!“ Gedankenverloren streicht er über einen Goldbrokat mit eingewebten Lilien. In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es noch mehr als 30 Mitarbeiter: Neben den Webern auch Scherer, Spuler sowie Büro- und Außendienstmitarbeiter. Doch die Blütezeit der Weberei war lange vorbei. Und 2011 ist Udo van der Kolk dann der Einzige, der noch da ist. Sein Chef wird 70 und die jüngsten Jacquardwebstühle 60 Jahre alt. Doch die schimmernden Fäden haben Udo van der Kolk längst umgarnt.

Das alte Wissen erhalten

Zehn Jahre nach seinem Einstieg wird er neuer Eigentümer und alleiniger Mitarbeiter der Weberei Egelkraut und investiert in weitere Maschinen. Der Antrieb des Quereinsteigers: Er will verhindern, dass Wissen um altes Handwerk verloren geht. „Heute drückt ein Weber ja einfach drei Knöpfe an den großen Webmaschinen, hier ist das anders. Durch das Restaurieren ist mir das Bewahren von Wissen und Handwerk ja quasi ins Blut übergegangen. Und hier kann ich tüfteln und ausprobieren – eben auch an historischen Maschinen.“ In der Werkhalle stehen rund 20 Webmaschinen. Der historische Maschinenpark wurde um fünf modernere, immer noch lochkartengesteuerte Greiferwebmaschinen erweitert. Die zwei modernsten sind Baujahr 1991 und mit einer elektrischen Jacquardmaschine ausgerüstet, die die Vorlagen der Musterzeichnerin direkt ansteuern und umsetzen können. Alle anderen Webmaschinen sind lochkartenbetriebene Schützenwebstühle mit Schiffchen – sowohl für Breit- als auch Bandwebstoffe. Udo van der Kolk produziert die gewünschten Stoffe allein, mit Unterstützung einer externen Musterzeichnerin. Lediglich für Hilfstätigkeiten beschäftigt er drei Aushilfskräfte.

„Wir brauchen nur eine komplette Vorlage, einen Rapport, dann können wir praktisch jedes Muster machen. Je genauer die Vorlage, desto besser das Ergebnis. Ursprünglich geht der Entwurf der Musterzeichnerin als elektronische Datei an den Kartenschläger, der die Lochkarte schlägt. Oft muss da nachgebessert werden, wenn wir die am Webstuhl haben“, erläutert Udo van der Kolk beim Rundgang durch die Hallen. „Nach der Auswahl von Muster, Material und Farben kann das Einrichten des Webstuhls beginnen. Die Kette, die aus einzelnen Fäden auf der Schärmaschine geschärt wird, bildet das Grundgerüst des Stoffs. Das sind die längs im Webstuhl gespannten Fäden, die je nach Muster gehoben oder gesenkt werden. Jeder einzelne der 9060 Kettfäden wird an das Ende der vorherigen Kette angeknotet, das dauert seine Zeit. Dann legt der Weber die Lochkarte in die Jacquardmaschine, die die Kettfäden über den Harnisch steuert, und anschließend spult er das passende Schussmaterial und legt es in das Weberschiffchen oder den Webschützen. Nun entsteht Schuss für Schuss der Stoff. Da muss man dann schon sehr konzentriert bei der Sache sein.“

Besondere Stoffe an einem besonderen Ort:

Trutzhain war einst Lager der Nationalsozialisten, die Baracken dienten später Vertriebenen als Wohnung. Die alte Lagergasse ist heute die Hauptstraße. Eine Kunstblumenfabrik gab es, Stockmanufaktur, Kisten und Eisenwaren wurden produziert. Übrig geblieben ist einzig die Weberei Egelkraut.

Schals für die documenta fifteen

In der Zusammenarbeit mit Hochschulen, KünstlerInnen und Modefachschulen gibt Udo van der Kolk das alte Wissen weiter. So sind auch die Schals für die documenta fifteen in diesem Jahr entstanden: „Tradition in Verbindung mit Moderne – das ist ein Erfolg, finde ich. Kreativität muss immer beflügelt werden.“ Kreative Herausforderungen bestehen auch in der Reproduktion alter Stoffe. „Das Theater in Prag hat gerade angefragt, ob wir für eine Romeo-und-Julia-Produktion die Stoffe für bestimmte Kostüme nachweben können. Nach mehreren Tourneen sind sie nun verschlissen. Und neulich kam ein Künstler, der ein spezielles vielschüssiges Gewebe brauchte. Da müssen wir dann richtig tüfteln.“ Gewebt wird nicht nur jedes individuelle Muster, Udo van der Kolk kann auch aus dem seit der Gründung 1922 stetig gewachsenem Weberei-Fundus mit mehr als 600 Mustern schöpfen: von gotischen Weinranken und mittelalterlichen Falken über Muster im Renaissance-, Barock- und Rokoko-Stil, klassische Trachtenmuster und Bauhaus bis hin zu eigenen Entwürfen. „Der Maschinenpark ermöglicht es uns, mit etwa einem Dutzend Kettfarben und einer noch größeren Auswahl an Schussfarben fast jeden Wunsch auch in Kleinstmengen zu erfüllen. Darauf sind wir schon ein wenig stolz.“ Seine persönlichen Musterfavoriten reichen von Jugendstil bis zu historischen Lilien – und schmücken, stilvoll auf Rahmen gezogen, die Wand über dem Biedermeiersofa im Büro.

Neben der Ausrüstung weltweiter Theaterproduktionen liegt der Schwerpunkt auf Brokat und Damast für den Karneval – und auch für Trachten. Udo van der Kolk: „Ich glaube, wenn es diese Weberei nicht mehr gäbe, dann wäre auch die Schwälmer Tracht tot.“ Mittlerweile ist jeder zehnte Auftrag ein Exklusivmuster, das es so vorher nicht gegeben hat. Von Labels für einzigartige Baby-Tragetücher bis zu Hochzeitsanzügen und Kleidern ist fast nichts unmöglich. Und immer mehr private Kunden schätzen die Qualität der Stoffe. Für die typisch gestreiften Stresemannhosen hat Udo van der Kolk mittlerweile ein ganzes Bündel an Mustern. „Die lassen die Kunden dann von ihren Schneidern anfertigen, oder ich vermittle Kontakte an Schneiderinnen hier im Umkreis. Unsere Stoffe liegen 1,60 Meter breit. Für einen Meter muss man mit 100 bis 150 Euro rechnen.“ Er selbst trägt den robusten Baumwollstoff gern stilecht mit Hosenträgern und Leinenhemd.

Seit Stresemann hat sich die Modewelt verändert: Sie wird zu einem gesellschaftlichen Thema. Neben Individualismus achten Kunden wieder mehr auf Qualität. Und die Toxizi- tät, die von giftigen Chemikalien und unfairen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ausgehen, lässt sie nach Alternativen suchen. Udo van der Kolk: „Das Schöne ist ja: Wenn unsere Stoffe vom Webstuhl kommen, sind sie fertig. Da muss nichts ausgerüstet oder behandelt werden, wie es in der Textilindustrie üblich ist. Ich arbeite seit Jahren mit einem deutschen Garnspinner und Färber zusammen. Da kann ich sicher sein, dass der Standard eingehalten wird.“ Und so wird aus der historischen Weberei Egelkraut ein Modell für morgen: Besondere Stoffe aus deutscher Produktion sind wieder gefragt, und Udo van der Kolk hat in diesem speziellen Segment das nötige handwerkliche Wissen bewahrt, um einzigartige Gewebe zu fertigen.

Text und Fotos: Anja Daume

Historische Weberei Egelkraut

Udo van der Kolk

34613 Schwalmstadt-Trutzhain

Führungen nach Absprache