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»Praktische Philosophie« gegen Verschwörungstheorien


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 02.07.2018

Wie geht man als Lehrperson damit um,wenn Jugendliche im Unterricht unhaltbare und falsche Aussagen aus Medien aufgreifen, Verschwörungstheorien nachgehen oder »Lügenpresse« als Teil einer »Verschwörung« sehen? Wie kann man Schülerinnen und Schüler unterstützen, Skepsis gegenüber Medienaussagen zu entwickeln, sich komplexen Inhalten anzunähern und Nachrichteninformationen zu prüfen?


Dass Jugendliche auch im Unterricht und im Schulleben extreme oder populistische Parolen verwenden, ist nicht verwunderlich: Einerseits spiegeln sie damitwider,was sie aus Medien oder ihrem Lebensumfeld erfahren haben, ...

Artikelbild für den Artikel "»Praktische Philosophie« gegen Verschwörungstheorien" aus der Ausgabe 8/2018 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 8/2018

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... gleichzeitig sind sie auch besonders empfänglich für solche Positionen und misstrauisch gegenüber »Wahrheiten« der Erwachsenenwelt. Jugendliche heute sind nichtwie frühere Generationen in einer Welt aufgewachsen, in der wenige Medien (Zeitung, Fernsehen) die Informationslage und Meinungen prägten, sondern in einer Umgebung, in der es ein großes Medienangebot und damit viele »Wahrheiten« gibt. Und sie leben in einer Umgebung, in derMedienkonsumenten oft nur »vermeintliches Wissen« besitzen und in der Medien als »Lügenpresse« etikettiert werden.

Abb. 1: BILD-Zeitung Dresden vom 8. 9. 2014


Eine Gruppe las den Zeitungsartikel sowie dazugehörige Internet-Kommentare, die zum Teil negativ und volksverhetzend sind (z. B.»und solchewilde bringt man in einem hotel unter! ein schlag ins gesicht für die eigenen leute und für jeden deutschen steuerzahler! « vgl.Schönauer 2014). Eine zweite Gruppe erhielt einen Zeitungsartikel, der eine Darstellung aus einem anderen Blickwinkel auf die Situation zuließ (vgl.Flurfunk 2014): Danach stand die Anordnung des Deutschen Roten Kreuzes in keinem Zusammenhang mit dem Asylbewerberheim in Bautzen, sondern sollte allgemein den Arbeitsschutz verbessern.

Die Schülerinnen und Schüler untersuchten beide Texte, verglichen derenAussagen.Dannsetzten sie sich (unter Aufgreifen des vorherigen Experiments) mit der Frage auseinander: Wie können in Medienberichten Vermutungen oder Falschaussagen vorkommen? Den Jugendlichen wurde deutlich, dass vermeintlich »wahre« Aussagen oft nur auf Vermutungen beruhen und man über den Wahrheitsgehalt von Darstellungen nur befinden kann, wenn man sie auf ihrenWahrheitsgehalt überprüfen und auch aus anderen Perspektiven bestätigen kann:

Mit Aussagen in den Medien ist es wie mit der Flasche in der Plastiktüte. Denn so, wie wir vermutet haben, dass eine Flasche Wein zu sehen ist, hat auch die Zeitung nur etwas vermutet oder bewusst falsch dargestellt. Für die Leser wird dieseVermutung zumWissen, wenn sie die Aussage nicht überprüfen. Um Tatsachen herauszufinden, müssen wir prüfen – wie wir auch die Tüten entfernt haben oder die Reporter, die herausgefunden haben, warum in Wirklichkeit dieWesten getragen werden mussten.
Die Leser sehen etwas vor sich und glauben, was sie lesen. Aber sie wissen nichts über dieWahrheit. Dafür müsste man nachforschen, wie es die Reporter getan haben.

Nach dieser Auseinandersetzung ging es mit einem weiteren Skepsis-Impuls wieder zurück zum Experiment: Die Schülerinnen und Schüler sollten erklären: Welche Flüssigkeit befindet sich in der Flasche im Glaskasten?

Die einmütigeAntwort der Jugendlichen lautete zuerst: Wein. Dann durften einige die Flüssigkeit probieren. Dass es sich um Traubensaft handelte, überraschte dann nicht mehr alle, weil einige vermutet hatten, dass ein Lehrer seinen Schülern keinen Alkohol geben würde.

Um das antike griechische Skepsis-Verständnis stärker erfahrbar zu machen und den »Zweifel des Skeptikers als elementare Voraussetzung für die Suche nach derWahrheit zu erfahren, gab es einen letzten Skepsis-Impuls: »Woherwissenwir, ob es sich umTraubensaft handelt? Könnte es auch Wasser mit Geschmacksaromenoder

anderenChemikaliensein?

Nach dieser Stunde fragten sich viele Schülerinnen und Schüler, was man überhaupt noch glauben dürfe. Dieswar derAusgangspunkt für eine ausführlicheAuseinandersetzung im Fach Praktische Philosophie mit den (griechischen) Skeptikern. Im Mittelpunkt standen dabei die Aufgaben:
• Recherchiere über Leben undWerk eines Skeptikers.
• Wie dachten und handelten Skeptiker? Waswar ihre Überzeugung?
• Wie würde ein Skeptiker die Bild-Zeitung lesen/mit ihr umgehen?

Prüfen heißt auch: Expertensicht einholen

Umzu vermeiden, dass der skeptische und kritische Ansatz verabsolutiert und journalistische Arbeit generell nur negativ beurteilt wurde (»nichts ist wahr …, alles kann falsch sein«) bekamen die Schülerinnen und Schüler einen Einblick darin, wie journalistische Arbeit funktioniert, nach welchen Regeln und Standards Journalisten arbeiten (sollen). Denn:Wer begründet skeptisch sein will, muss Grundzüge und Strukturen des Bereichs (also derMedien) kennen, über den er sich äußert.Deshalbhabenwir ein Projekt mit der Aachener Zeitung durchgeführt, bei dem Journalisten und Redakteure bei einem Schulbesuch den Schülerinnen und Schülern an konkreten Beispielen einen Einblick gaben in Verfahren journalistischer Arbeit und zeigten, wie sie Informationen recherchieren und überprüfen. Sie erklärten auch, wie sich der Vorwurf der Lügenpresse entkräften lassen kann, z. B. durchNachweis von Transparenz über die Berichterstattung. Eine interessante Erkenntnis fürdie Jugendlichenwar, dass der Vorwurf der Unwahrheit zum Beispiel dadurch entstehen kann, dass an die Presse herausgegebene Informationen durch die Polizei nachträglich in deren sozialen Netzwerken korrigiert werden und die Presse diese Korrekturen meist erst in der nächsten Ausgabe berichten kann, während sie in den Netzwerken dann schon eine Zeit diskutiert worden sind.

Die Auswertung des Besuchs der Redakteure in der Klasse führte dann wieder auf das Thema der Skepsis zurück: Woran konnten wir erkennen, dass die Experten wirklich Experten sind (Erfahrungen, konkrete Belege, Praxisverweise)? An welchen Punkten haben die Experten Sachverhalte dargestellt –wo Meinungen? Undwie waren die Meinungen begründet?

Literatur

AZ – Aachener Zeitung (2016): »Lügenpresse «? Profis diskutieren mit Schülern. http://www.aachener-zeitung. de/lokales/region/luegenpresse-profis-diskutieren-mit-schuelern-1.1386556 vom 20.03.2018Flurfunk (2014): Lesehinweis: Brauchen Sanitäter Schutzwesten für Einsätze im Asylbewerberheim? In: Flurfunk Medienblog Dresden vom 10. 9.2014. URL: http://www.flurfunk-dresden.de/2014/09/10/lesehinweis-brauchen-sanitaeter-schutzwesten-fuer-einsaetze-im-asylbewerberheim/


Schüler sollen »eigenen« Zweifel entwickeln, dass kein Wissen sicher ist – es immer wieder neu geprüft werden muss.


Hepfer, Karl (2015): Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld
Hornig, Sten (2014): Sanitäter tragen schon Schutzwesten. In: BILD-Zeitung Regionalausgabe Dresden vom 8. 9.2014 URL: https://www.bild.de/regional/dresden/rotes-kreuz/sanitaeter-tragen-schon-schutzwesten-37574928.bild.html
Körner, Patrick (2007): Zur Beurteilung von Verschwörungstheorien. In: Mythos-Magazin. URL: http://www.mythos-magazin.de/ideologieforschung/pk_verschwoerungstheorien.pdf [28.01.2018]
MSW: Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen Kernlehrplan Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen – Praktische Philosophie. www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SI/5017_Praktische_Philosophie_Sek.I.pdf vom[20.03.2018 ]Schönauer, Mats (2014): Schutzwesten gegen Asylbewerber. In: BILDblog vom 10. 9.2014, URL: www.bildblog.de/60433/schutzwesten-gegenasylbewerber/

Luka Klanac war Lehrer an derMarienschule Alsdorf.
E-Mail: praktische.philosophie.nrw@gmail.com