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PRAXIS CDC: CDC Vom der ENDE


FliegenFischen - epaper ⋅ Ausgabe 60/2018 vom 05.10.2018

Die unter Fliegenfischern als „CDC“ bekannten Federn werden nicht selten als Wundermaterial für das Fliegenbinden gelobt. Unser Autor verrät Ihnen das Geheimnis der CDC, berichtet über rund 120 Jahre Binden mit Entenbürzelfedern – und den Versuch, ein unmögliches Gespräch zu führen.


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Für Bürzelfliegen kamen ursprünglich die Federn von Enten als Bindematerial zum Einsatz. Dabei stammen besonders die langen Bürzeldaunen gar nicht von Enten!


Fotos: A. Wessolowski

Immer wieder gehe ich die im Buch angegebene Liste an Forellen-und Äschenfliegen durch. Fliegen, die sich in den Gewässern der Schweiz, Frankreich, ...

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... England, Skandinavien und in Nordamerika bewährt haben. Namen wie „Sawyer‘s No.1“, „Panama“, „Köcherfliege nach Gebetsroither“ oder auch „Wickhams‘s Fancy“ fallen mir auf. Aber nicht eine einzige Erwähnung von Moustiques, schon gar nicht CDC. Was ist hier los? Die Frage kann mir eigentlich nur ein bestimmter Schweizer beantworten. Das Risiko, von ihm als Fliegenklatscher bezeichnet zu werden, nehme ich in Kauf. Hoffentlich treibt er sich nicht gerade mit Edith Piaf, Oscar Wilde oder sogar mit Jim Morrison herum.

WARUM WURDE DIE UNSINKBARE FEDER SO LANGE IGNORIERT?
CDC – Croupion de Canard – oder weniger korrekt Cul de Canard – dürfte mittlerweile ein feststehender Begriff im Fliegenfischen-Kosmos sein. Jeder Fliegenfischer wird früher oder später in Kontakt mit einer Fliege mit Federn von Canard, der Ente, kommen.


„Was war eigentlichmit Ritz unddieser Feder los?“


Eine Croupion de Canard, also eine CDC, aus der MP-Serie von Marc Petitjean, die ausschließlich mit Bürzelfedern gebunden ist. Deutlich zu erkennen sind die unzähligen winzigen „Härchen“, die von den Fibern abgehen. Diese erhöhen die Auflagefläche und damit die Schwimmfähigkeit enorm!


Umso mehr verwundert es mich, wie wenig Literatur es über diese Federn und ihre Verwendung gibt. Selbst in der französischen Literatur gibt es so gut wie nichts. Die erste, wirklich wichtige und ernstzunehmende Veröffentlichung ist dem Niederländer Leon Links zu verdanken. In seinem Buch „Tying Flies with CDC – The Fisherman‘s Miracle Feather“ stellt er die Geschichte dieses Bindematerials vor und gibt eine Übersicht zu Fliegenmustern und deren Entwickler. Das war erst 2002 …

Heutzutage sprechen einige Fliegenbinder von der „unsinkbaren“ Feder und andere sogar von der „… größten Innovation für die Kunst des Fliegenbindens …“

Sieht mein Gesprächspartner aus der Schweiz das genauso?

Ernest Hemingway schrieb über ihn, er sei „einer der feinsten Fliegenfischer“. Ich selbst weiß, er widmet sich dem Fliegenfischen mit vollster Hingabe und stetigem Einsatz. Sein Wurfstil gilt als perfekt und er ist anhaltend an der technischen Entwicklung von der Ausrüstung für das Fliegenfischen interessiert. Daher stelle ich mir die Frage, ob das Aufkommen der Bürzelfedern als Bindematerial wirklich unbeachtet an ihm vorbeiging? Oder kannte er die Fliegenmuster sogar und war nicht von ihnen überzeugt? Kaum vorzustellen. Sein letzter Aufenthaltsort: 16 Rue du Repos, 75020 Paris, Frankreich.

ES GIBT AUCH CDC OHNE KLETTVERSCHLUSS
2013 erschien dann mit „CDC Evolution“ ein weiteres, umfassendes Buch zum Thema der Bürzelfedern. Der italienische Fliegenbinder Mauro Raspini zeigt in diesem Buch auf, was alles technisch mit den Wunderfedern möglich ist. Abhängig von der Form und Länge der Federn, lassen sich auf verschiedenste Arten Körper, Flügel, Kiemen, Beine, Hüllen und Flügelscheiden der Insekten(larven) gestalten. Bei den Bürzelfedern kann zwischen zwei Formen unterschieden werden:

1. klein, sehr kurzer Schaft
2. langer Schaft, länger als die Äste.

Die Erstgenannten sind eigentlich nicht voll entwickelte Federn und sind als Quasten, im Englischen puffs (mit französischen Akzent püffs) im Umlauf. Die eigentlichen Federn variieren in ihrer Länge, abhängig vom Alter der Tiere und auch der Art. Je größer der Vogel, desto länger die Federn. So stammen nämlich die besonders extralangen Federn nicht von Enten, sondern von Gänsen. Deren Federn müssten dann eigentlich Croupion de Oie heißen.

Allen Federn ist aber ihre Beschaffenheit gemeinsam, die sie so einzigartig macht. Die Federäste sind lang, nochmals fein verästelt und nicht miteinan der verhakt. Und obwohl sie sehr leicht und biegsam sind, legen sie doch eine verhältnismäßig hohe Reißfestigkeit an den Tag. Mit anderen Worten: Der daunige Traum eines Fliegenbinders.

Die Bürzeldaune eines erwachsenen Vogels zeichnet sich durch einen deutlichen Schaft aus, den länglichen Ästen, die wiederum mit feinen Strahlen besetzt sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Federn, sind die feinen Strukturen einer Bürzeldaune nicht untereinander verklettet.


ALSO, WAS WAR DA LOS, LIEBER CHARLES RITZ?
Apropos Traum und Vorteile – mein Gesprächspartner müsste dazu doch auch etwas zu sagen haben?! Bei einigen wird es vielleicht schon bei der Pariser Adresse geklingelt haben, denn dort befindet sich der Cimetière du Père Lachaise, also ein Friedhof.

Das, zugegebene nicht kleine Problem, mit meinem Gesprächspartner ist nämlich die unerfreuliche Tatsache seiner nicht mehr vorhandenen Vitalität. Seit 1976 freuen sich die irdischen Fische über eine Auszeit von Charles César Ritz, der im Alter von fünfundachtzig Jahren die Gespließte aus der Hand legte.

Nun will ich Monsieur Ritz verdiente Totenruhe nicht stören, doch ich stelle es mir spannend vor, mit ihm über das Fliegenfischen zu sprechen. Und natürlich würde ich ihn fragen, wieso man bei ihm nie von diesem außergewöhnlichen Bindematerial liest. Dabei, so denke ich zumindest, müssten ihm die Fliegen mit Bürzelfedern untergekommen sein. Allein schon durch Pierre Affre, eng befreundet mit Ritz, Doktor der Tiermedizin, französischer Wurfmeister, Lachssüchtiger und eben auch ein Anhänger des Musters „Cul de Canard“. Der ursprüngliche Name der Fliege ist allerdings „Mouche de Vallorbe“, da das Muster aus dem Schweizer Juradistrikt Vallorbe stammt. Also, was war da los, Charles C.?

WÄHREND HEUTZUTAGE JEDER SCHEISS GEPOSTET WERDEN KANN …
Dass in dem Buch, welches er gemeinsamen mit Tony Burnand verfasst wurde, Charles C. Ritz noch (Enten-)Bürzelfliegen unerwähnt lässt, ist für mich noch nachvollziehbar. Das Internet war noch in seinen allerfrühsten Anfängen, für E-Mails fehlten die Programme und der schlechte Empfang machte Twitter unmöglich. Kurzum: Die Möglichkeiten sich auszutauschen war stark eingeschränkt und dazu auch noch langsam. Während heutzutage jeder Scheiß gepostet werden kann, so gab es Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Nichtvorhandensein von Technologie einen Filter, der das Weiterleiten der wirklich interessanten Neuigkeiten sicherstellte. Aber die neuen Fliegen fallen doch in diese Kategorie. Oder nicht?

Sicherlich, Monsieur Ritz hat seine bevorzugten Muster. Aber der probierfreudige Entwickler der er war, hätte bestimmt die „Preska“, die „La Loue“ oder die „Gloire de Neublans“ mit den Bürzeldaunen neu interpretiert.

„Experementiere“, schrieb Ritz selbst und bezog sich dabei auf das Lachsfischen. Und kaum ein anderes Material eignet sich besser dafür, als die Bürzelfedern. Denn der Einsatz ist bei Weitem nicht nur auf die Fischerei mit der Trockenfliege beschränkt. Wenngleich ich persönlich den größten Nutzen der Federn in der Verwendung für Auskriecher und Trockene sehe. Gerade bei größeren Maifliegen-Mustern ist die Verdrallung des Vorfachs wesentlich geringer, wenn für Flügel Bürzelfedern eingebunden werden. Dazu die hohe Tragfähigkeit der feinen Federn, die Fliegen hoch aufschwimmen lassen.

Die besten Eigenschaften kombinieren: Rehhaar bietet Stabilität und Auftrieb, die Bürzelfibern Auftrieb und Volumen, ohne die Fliege unproportioniert aussehen zu lassen. Die Lichtdurchlässigkeit der mit Bürzeldaunen gebundenen Flügel lassen sie besonders natürlich erscheinen.


Dennoch existieren auch viele Nassfliegen, die sich in der Lachs-und Großforellenfischerei einen festen Platz ergattert haben. Selbst Salzwassermuster werden mittlerweile mit dem Material der Bürzeldaunen gebunden! Charles C. Ritz (zu Ehren seines Vaters hat er offenbar auf das C bestanden) entwickelt einen Wurfstil, den er selbst immer als „Hohe Geschwindigkeit – hohe Schnur“ bezeichnet. Somit müssten Bürzelfliegen ganz nach seinem Geschmack sein, da sie das Werfen nicht beeinträchtigen.

Nicht ohne meine Bürzel! Unser Autor hat eine reine Fliegendose ausschließlich mit CDC-Mustern bestückt – für die ganz heiklen Fische.


DIESE FLÜSSE SIND DIE WIEGE DER ERSTEN CDC-FLIEGEN
Seine Wurftechnik wendet er unter anderem am Doubs-und Loule-Fluss an, die an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz fließen. Mit dabei: die gelbfarbene „Tups Indispensible“, eine Fliege, die ich mir in einer Entenbürzel-Variante sehr gut vorstellen kann. Da die Fibern einer Entenbürzelfeder eine Hechel überflüssig machen, ergeben sich für viele traditionelle Hechelmuster neue Bindemöglichkeiten.

Jedenfalls liegen beide Flüsse in einer Region, die, nach heutigem Wissen, als Wiege der ersten Entenbürzel-Fliegen gilt.

Butter bei die Fische, Charles – wusstest du von dem fantastischen Bindematerial oder wusstest du es nicht? Sprich! Ich befürchte, ohne eine Séance wird es kein persönliches Gespräch. Zudem glaube ich nicht an spiritistische Sitzungen. Mon dieu! Auch nicht wirklich. Merde alors! Schon besser …

Ich bin fest davon überzeugt, der Erfolg der CDC-Fliegen wäre durch Charles César Ritz beschleunigt worden – hätte er diese Fliegen gekannt!

Die Grenzen sitzen nur im Kopf – so zumindest könnte man annehmen, wenn man sich einmal ansieht, wofür und wie die Bürzelfedern eingesetzt werden. Bei dieser Bindevariante sitzt die Hechel horizontal und wirkt als Fallschirm. Gerhard Laible hat diese Bindeweise vor gut 20 Jahren bei uns bekannt gemacht.


UND WENN ES EINEN HIMMEL GIBT, DANN …
Ein Gentilhomme und als solcher sicherlich mit allen Gepflogenheiten eines Kavaliers ausgestattet, würde er wahrscheinlich nicht von Entenarsch-Fliegen sprechen, zumal dieser Ausdruck allein anatomisch betrachtet falsch ist. Charles würde vielleicht zu Ehren eines Flusses ein Muster einfach „L‘Andelle“ taufen oder ein anderes Muster ganz schlicht „Le Canard“ ren, es sei denn … es gibt tatsächlich so etwas wie einen Himmel und dann würde ich Monsieur Charles C. Ritz bei seinem Wort nehmen: „Wenn Du in den Himmel kommst, … besuche mich. Mit ausreichend Zeit werde ich wissen, wo die besten Forellen stehen. … Komme vorbereitet!“

Für diese Einladung würde ich von meiner verneinenden Weltanschauung einer Gottesexistenz absehen und ich würde mich vorbereiten. Ich würde Unmengen an Fliegen mit Bürzelfedern vorbereiten, dazu das gesamte Daunen-Bindematerial einpacken und noch mal am eigenen Wurfstil feilen.

Wenn ich ihn dann schließlich treffe, werde ich ihm über die Entwicklung des Bindens und Fischens mit den Bürzelfedern berichten. Über die Kunstgriffe einiger Binder, die das Material der Bürzelfedern mit anderen Materialien mischen, und ich zeige ihm den Einsatz von Klemmen und Mischblöcken, um schaftlose Flügel zu binden. Und mir wird der Schweizer über die Schulter schauen, hin und wieder ein „Oui“ und ein „Oui, ben sûr!“ in seinen schmalen Oberlippenbart wispern – und hoffentlich genau so begeistert sein wie ich es bin.

EIN KLEINER AFFRONT ZUM SCHLUSS
Zeitig zum Abendsprung gehen wir gemeinsam ans Wasser. Ich mit meiner Lieblingsausrüstung und Charles C. mit einer von ihm selbst entwickelten Superparabolic P.P.P.-Rute. Nachdem die ersten Forellen gefangen sind, wird er mir hoffentlich zustimmen und voller Bewunderung für die Fliegen sein. Vielleicht wird auch er sich fragen, warum der Siegeszug der Bürzelfedern so lang hat auf sich warten lassen. Mit einem Lächeln wird er mich beobachten und anmerken: „Perfektion bei der Imitation wird fehlerhaftes oder unvollkommenes Präsentieren nicht kompensieren.“ Da, jetzt hat er es getan, mich indirekt einen Fliegenklatscher genannt …

Das nächste Mal gehe ich zu Ernest Hemingway. Salut!