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PRAXIS EINSTELLUNG ZUM FISCHEN: Die Weitergabe des Feuers


FliegenFischen - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 31.01.2020

Das Fliegenfischen hat sich verändert. Doch was wollen wir gestandenen Fliegenfischer? Die Asche aufbewahren oder das Feuer weitergeben? Der Antwort kann man sich nur nähern, wenn man sich die Frage stellt: Was ist der „ Wesenskern” des Fliegenfischens?


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Bildquelle: FliegenFischen, Ausgabe 20/2020

Mit dem Fahrrad an den Fluss, mit Fisch zurück. Entweder hatte man ihn mit der Handschnur gewildert oder von einem freundlichen Fischer geschenkt bekommen. So oder so ähnlich haben viele von uns mit dem Angeln begonnen und sind letztlich Fliegenfischer geworden.



„Man muss nicht alles tun, was möglich ist.”


Einhand, Zweihand – und eine Spinnrute, an der ...

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... ein Flying Condom im Karabiner hängt. Dazu zwei sehr entspannt und ausgeglichen aussehende Fischer. Das Fliegenfischen ist zwar eine freiwillige Selbstbeschränkung, doch diese muss nicht ohne Wenn und Aber und auch nicht um jeden Preis erfolgen.


Fliegenfischen ist keine „Challange”, es geht nicht um „höher, schneller, weiter”, zumindest sollte es das nicht. Beim Fliegenfischen geht es um Werte, Wertschätzung – und um das Erleben. Ein Huchen ist ein Huchen, ganz gleich, wie groß er ist.


Eine Szene aus dem Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluss” ist in meinem Gedächtnis fest verankert: Ich sehe den Prediger, wie er beiläufig die größte Forelle neben die Fänge seiner Söhne legt. Sie bewundern sein Geschick. Er aber kommentiert sein Glück bescheiden und meint, der Herr habe es gut mit ihm gemeint.

Auf Youtube klingt das etwas anders: „Die Challenge ist ja, das ich hier noch vor meinem Buddy den ersten Fisch fangen werde”, ruft der Fischer im besten Denglisch in die Kamera und führt nach dem Drill einer 30-Zentimeter-Forelle am Streamer einen „Tanz” auf, der dem Fang eines 150 Zentimeter großen Huchen angemessen gewesen wäre …

Youtube zeigt in guten und schlechten Videos Fliegenfischen und Fliegenfischer. Leider liegt der Schwerpunkt oft auf letzterem. Man sieht und hört „stylisch” gekleidete Fliegenfischer nach dem Drill Begeisterungstänze aufführen und den aktuellen Fang als nahezu unwiederholbares Großereignis feiern.

Das Fliegenfischen hat sich verändert. War früher alles besser? Um diesbezüglichen Anwandlungen gleich zu begegnen: nein! Manches Neue hat seine Berechtigung. Spontan fallen mir die Large-Arbor-Rolle, Carbonmaterial und WF-Leinen ein. Aber Fliegenfischen auf das Materielle beschränken? Außer acht lassen, dass heute auch der Otto- Normal-Fliegenfischer ans Wasser darf? Sicher nicht. Es muss auch nicht um den Vergleich früher/heute gehen, sondern eher um die Frage, was der „Wesenskern” des Fliegenfischens ist. Was nimmt man mit aus der reichen Tradition des Fliegenfischens, was gibt man weiter: Die Asche „ausgebrannter” Traditionen oder das Feuer?

WAS MACHT FLIEGENFISCHEN SO BESONDERS?

Eine Bekannte hat – obwohl hinreichend intelligent – nie verstanden, warum in aller Welt man statt eines mit fünf Würmern bestückten Drillings eine – recht offensichtliche – Fliegenattrappe ans Vorfach bindet. Und ein ehemaliger Kollege, dem sein Freund die Grundzüge des Pilkens beibrachte, fuhr jedes Jahr nach Norwegen, um dort 14 Tage lang im Akkord die Kühlkisten zu füllen. Die sehr euphemistische Bezeichnung dieser eher kommerziellen Arbeitsveranstaltung als Angelurlaub war ihm nicht auszureden. Dass jemand Fische zurücksetzt, das verstand er nie – und alle Versuche, ihm das „Wesen” des Fliegenfischens zu erklären, scheiterten. Warum auch sollte jemand zwei Wochen lang eine sündhaft teure Zweihandrute an einem Lachsfluss schwingen, um an Ende den wahrscheinlich eh nicht beißenden Wandersalmoniden wieder frei zu lassen?

WETTKAMPFREGELN UND HISTORISCHE KRIEGE

„Jemand, der nicht weiß, wie man einen Fisch fängt, darf ihm nicht dadurch Schande bereiten, dass er ihn fängt.” Das schrieb Norman Maclean und erwähnt damit eine dem Fliegenfischen innewohnende Form des Respekts vor der möglichen Beute: Das Recht, einen Fisch mit der Fliege zu überlisten, erwirbt der Fischer dadurch, dass er besser/klüger ist als seine Beute – und zwar auf eine besondere Weise, die sich in Regeln ausdrückt, die dem Fisch eine Chance lassen.

Gleich ist die Forelle gelandet, und das Gesicht spricht Bände. Tiefes Glück empfindet man eher beim Angeln als am Smartphone oder an der Spielkonsole. Das wahre Leben ist digital nicht zu ersetzen, und den Fang solch einer Forelle vergisst dieser Spross wohl nie …


In der englischen Historie, als der Begriff „Elite” noch nicht den Schimpfwortbeigeschmack hatte, der ihm heute mancherorts anhängt, war Fliegenfischen ein „sportlicher Wettkampf der oberen Gesellschaftsschichten mit der möglichen Beute”. Und „Wettkämpfe”, die man nicht verlieren kann, machen keine Freude. Die bevorzugten „edlen” Gegner, Forelle, Äsche und Lachs darf man nicht mit einem Wurm fangen, weil das zu einfach ist.

In der Historie bewanderte Fliegenfischer werden um das Only-dryupstream- Halfords und die erbitterten „Kriege” mit Skue wissen, der es wagte, die Nymphe „salonfähig” machen zu wollen. Das Resultat: Das Fliegenfischen ist bis heute an den Fangerfolg begrenzende Regeln gebunden und so die umständlichste Art, im Mittel relativ kleine Fische zu fangen – behaupten Spötter, und das nicht ganz zu Unrecht.

DIE DREI STADIEN DES FLIEGENFISCHER-LEBENS

Ein Lehrmeister am Beginn meiner Fliegenfischerjahre, der neben Hinweisen zum Fliegenwurf und zur Köderwahl auch erzieherisch auf mich einzuwirken hoffte, behauptete: Der Anfänger wolle viele Fische fangen, der Fortgeschrittene nur große Fische und der im dritten Stadium angekommene, „reife” Fliegenfischer nur noch ganz bestimmte Fische.

… ebenso wenig den Duft und Geschmack der selbstgefangenen Forelle, die als Steckerlfisch am Wasser zubereitet wurde. Auch das Beutemachen ist Teil des Fliegenfischens, es gehört zu seinem Wesenskern.


Ich bekenne, dass ich mich im dritten Stadium der Reife nur zeitweise zu befinden vermag und vermutlich Zeit meines Fliegenfischerlebens mich immer wieder im zweiten aufhalte, unter anderem weil ich nicht neben einem Traumgewässer wohne, an dem ich nur ganz bestimmten Fischen nachstellen kann. Aber mein Lehrmeister hatte zumindest teilweise Recht: Fliegenfischen ist eben nicht nur Fische fangen, sondern auch Persönlichkeitsbildung, wenn man mit anderen Fliegenfischern nicht aneinandergeraten möchte. Man watet nicht 20 Meter unterhalb des stromab fischenden Kollegen durch den Fluss oder wirft in den gleichen Bereich, in dem der Mitfischer gerade einen Fisch gefangen hat.

NICHT alles zu tun, was möglich wäre, zieht sich als roter Faden durch die Geschichte des Fliegenfischens und prägt auch heute unsere Gewohnheiten.

Neben dem Unaufgeschriebenen, dem in der Entwicklung als Fliegenfischer gelernten Was-man-tut-und-wasman- nicht-tut, gibt es natürlich auch sachliche Gründe für Zurückhaltung: der Schutz vor Überfischung und die schlichte Tatsache, dass die von Fliegenfischern auch heute noch bevorzugten Fischarten in Fließgewässern leben, die aufgrund der notwendigen Struktur in den nord- und westdeutschen Tiefebenen rar sind. Diese Umstände diktieren die Entnahmemöglichkeiten hinsichtlich Zahl und Größe der gefangenen Fische, die Einschränkungen in der Köderwahl und die Anzahl der ausgegebenen Tageskarten. Hakengröße nicht über 12, Streamer-Verbot, Dry Fly only und nicht mehr als zehn Fischer pro Tag heißen beispielsweise solche Beschränkungen.

FLIEGENFISCHEN IST FLIEGEN WERFEN – UND DAS IST ÄSTHETISCHER GENUSS

In einer Szene im oben erwähnten Film steht der Protagonist auf einem Stein im Fluss und hält im Schein der untergehenden Sonne eine lange Leine in der Luft, ein Bild vollkommener Ästhetik.

Die Aufmerksamkeit des Fliegenfischers ist auf den angeworfenen Fisch fokussiert. Das ist bei mir nicht anders, aber es ist nicht alles. Ich befürchte, dass man mich snobistischer Anwandlungen schilt, aber es macht für mich einen Unterschied, ob ich lediglich den Fisch fange oder ob der Wurf, mit dem ich ihm die Fliege anbot, sich gut anfühlte oder nicht. Doch es kommt noch schlimmer: Meistens fische ich mit einer traumhaft sensiblen Gespließten von R. Baginski, oder mit einer edlen Rute von G. P. Wieditz. Manchmal auch mit einer der Kohlefaserruten, die mir nach langen Jahren des „Materialjunkytums” ans Herz gewachsen sind, die das fühlen lassen und sehen lassen, was ich auf meine Weise fühlen und sehen will.

Snobismus pur? Warum fischt man mit Gespließten? Wenn man die wesentlichen physikalischen Parameter heranzieht, sind moderne Kohlefaserruten ihnen deutlich überlegen. Vielleicht kommt man der Antwort nahe, wenn man fragt, warum jemand mit großer Freude seinen alten VW Karmann Ghia über die Straßen bewegt statt seines modernen „Zweitwagens”. Vielleicht, weil das Auto ästhetisch schön ist und weil es den Fahrer weitaus mehr fordert als ein moderner Nachfolger. Das ist im Verhältnis Gespließte zu Kohlefaser genauso. Erstere verlangt von mir ruhige, gemessene Bewegungen und Konzentration. Sie fühlt sich anders an, sieht besser aus und erzieht mich werferisch. Die gelungene saubere Präsentation mit ihr schmeichelt meinem Ego ebenso wie der Fang einer guten Äsche mit der selbst gebundenen Fliege statt mit einer aus dem Laden.

ES GEHT UM DIE WEITERGABE DES FEUERS

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.” Diese im französischen Parlament geborene Metapher wird fälschlicherweise Gustav Mahler zugeschrieben. In Foren und manchmal der Wirklichkeit trifft man gelegentlich den ein oder anderen Aschebewahrer, der auf alle herabschaut, die nicht mit gespließter Rute und Seidenleine im Wasser stehen.

Nein, das ist nicht mein Anspruch, man möge mir meinen persönlichen Snobismus verzeihen. Ich will die Genussmöglichkeiten, die Fliegenfischen bietet, ausschöpfen und nehme es niemandem übel, wenn er es gerne einfacher hat. Wer gerne French- und Czech-Nymphing betreibt, wer im Skagit Style mit entsprechender Ausrüstung seiner Beute nachstellt oder mit der Hechtrute voluminöse Streamer befördert, ist sicher ein Stück weit von den Überlegungen Halford und Skues entfernt, aber er hat seine Gründe dafür. Den alten, hehren Idealen der Altvorderen zu folgen setzt voraus, dass man auch über die Gewässer und fischereilichen Möglichkeiten verfügt, die die „Regelgeber” vorfanden.

Wer statt der Trockenfliege den Wolly Bugger gebraucht, um sich für die eigene Räucherkiste einen Teil des Attraktivitätsbesatzes zu sichern, bevor die Kormorane ihn vernichtet haben, fischt nicht nur aus sportlichen Gründen, aber aus nachvollziehbaren. Andere Zeiten verlangen andere Herangehensweisen und auch mit modernem Gerät, mit modernen Techniken hat man die Wahl, wie man seinen Fischertag gestaltet: Messe ich den Erfolg an der Menge der gefangenen Fische oder mache ich aus dem Tag ein „Gesamterlebnis”? Gehe ich achtsam und gemessen, mit hellwachen Sinnen die wahrgenommenen und vermuteten Fischstandplätze an oder stolpere ich hektisch von Hotspot zu Hotspot? Setze ich mir hinsichtlich Zahl und Größe Grenzen, fühle ich mich in den Wurf hinein und genieße ihn ebenso wie den Fang in allen seinen Facetten? „Arbeite ich Fliegenfischen”, oder habe ich auch Augen für den Eisvogel und die in der Luft hochzeitenden Eintagsfliegen? Muss ich jeden gefangenen Fisch aus allen Perspektiven fotografieren und umgehend die „Öffentlichkeit” mit den Bildern überschwemmen oder kann ich das auch lassen?

Der Blick von der Brücke. Geht es wirklich nur um das Ausmachen eines Fisches oder sind die Gedanken im Fluss? Auch die Entschleunigung ist ein Teil des Fliegenfischens – und heutzutage ist dieser Punkt vielleicht wichtiger denn je.


FLIEGENFISCHEN IST DIE INSEL DER VORÜBERGEHENDEN UNERREICHBARKEIT

Wenn man weiß, was man tut, nicht alles tut, was man tun könnte und sich in seinem Handeln Regeln setzt, bewahrt man nicht die Asche, sondern erhält das Feuer, das man auch als das In-Gang- Halten einer Tradition der Selbstbeschränkung bezeichnen könnte.

Und damit wären wir wieder am Anfang dieses Beitrags. Fliegenfischen sei eine hinreichend erprobte Methode, sich die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, behauptete ein Bekannter, der das schon über 40 Jahre lang tut. Wer sich die Wirklichkeit von Google, Facebook, Youtube, berufsbedingter ständiger Erreichbarkeit und ununterbrochener Selbstdarstellung vom Leibe halten will, muss Fliegenfischen nicht als Event inszenieren, sondern als Kontrastprogramm, als Insel der Ruhe, der vorübergehenden Unerreichbarkeit.

Man könnte in Abwandlung des bekannten Satzes von Norman Maclean auch behaupten: Jemand, der nicht weiß, wie man mit der Fliege fischt, darf dem Fliegenfischen nicht dadurch Schande bereiten, dass er es tut.


Fotos: T. Wölfle