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PRAXIS GESUNDHEIT: Alles, was Sie über die Pferdezunge wissen sollten: Zungen- Zeichen


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 20.11.2019

Heraushängenlassen, Schlabbern, Verdrehen – die Zunge hat viel Spielraum. Warum solche Verhaltensweisen aber einen ernsten Hintergrund haben, lesen Sie hier.


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Sie ist die Prüfbehörde des Mauls: Die Zunge testet die potenzielle Nahrung des Pferdes auf Genießbarkeit – und erledigt damit aus nächster Nähe einen Job, den die Nase für die Ferne übernimmt. Diese Fähigkeit verdankt das bei einem mittelgroßen Pferd etwa 30 Zentimeter lange, extrem bewegliche und hochsensible Organ den druckempfindlichen, teils mit Geschmacksrezeptoren ausgestatteten Papillen in seiner Oberfläche, die jegliches ...

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... Futter auf Temperatur, Konsistenz und Geschmack überprüfen. Und nicht nur das: Als Tastorgan selektiert die Pferdezunge auch Fremdkörper und spuckt sie schnellstmöglich wieder aus.

Ein bis zwei Kilo wiegt die in gesundem Zustand blassrosa schimmernde Pferdezunge, die aus einem Binnenmuskel und drei paarig angelegten Skelettmuskeln besteht. Während der Musculus genioglossus das Nach-Vorne-Strecken ermöglicht, zieht sein Gegenspieler, der Musculus hyoglossus, die Zunge nach hinten. Der Musculus styloglossus wiederum tritt sowohl bei der Seitwärtsbewegung als auch beim Anheben der Zungenspitze in Aktion.

Was vermutlich den wenigsten Pferdebesitzern bewusst ist: Die Zunge ihres Tieres verfügt über das dichteste Nervengeflecht außerhalb des Gehirns. Insgesamt sechs Nervenstränge versorgen sie, von denen einer für die Motorik zuständig ist und die restlichen fünf Sinneseindrücke wie heiß oder kalt, aber auch süß, sauer, salzig und bitter ans Gehirn weiterleiten. Doch diese üppige Ausstattung mit Nerven hat auch Nachteile. Denn wenn Nervenstränge verletzt werden, droht eine Zungenlähmung. Dieser Gefahr setzt man sein Pferd zum Beispiel dann aus, wenn man an seiner Zunge zerrt oder es am Zügel anbindet und dabei riskiert, dass es sich im Falle des Erschreckens mit dem Gebiss die Zunge zerreißt. Eine vollständige Lähmung der Zunge endet tödlich, weil sie das Organ unbeweglich macht und das Pferd somit die Nahrung weder kauend im Maul hin- und herschieben noch richtig schlucken kann. Denn auch dafür ist die Zunge zuständig.

Zu den medizinischen Notfällen, die mancher Pferdezunge zu schaffen machen, zählt unter anderem die sogenannte vestikuläre Stomatitis. Bei ihr wirft die Schleimhaut Bläschen, die sich, wenn sie platzen und Bakterien in sie eindringen, zu eitrigen Pusteln und im weiteren Verlauf sogar zu tiefen Geschwüren entwickeln können – typische Symptome einer Maulhöhlenentzündung.


Die Zunge des Pferdes hat das dichteste Nervengeflecht außerhalb des Gehirns.


Deutlich häufiger als Entzündungen und Lähmungen kommen sogenannte Zungenfehler vor – ein Begriff, den Dr. Margit Zeitler-Feicht überhaupt nicht mag. „Das klingt, als sei das betreffende Pferd an irgendetwas schuld“, argumentiert die Wissenschaftlerin, die das Standardwerk „Handbuch Pferdeverhalten“ verfasst hat. „In Wirklichkeit sind solche Verhaltensweisen auf Fehler des Reiters oder Pferdehalters zurückzuführen.“ Statt von „Zungenfehlern“ spricht sie deshalb lieber vom „Zungenstrecken“ und vom „Zungenspiel“, bei denen es sich in der Regel um zwei unterschiedlich bedingte, in unterschiedlichen Situationen gezeigte Verhaltensweisen handelt.

Nur nicht hängen lassen

So ist das Zungenstrecken, sprich das frontale oder, häufiger, seitliche Heraushängenlassen der Zunge typisch für Pferde, die gerade unter dem Sattel oder vor der Kutsche gehen. Während manche Tiere die Zunge „nur“ herausstrecken, rollen andere sie hoch und legen sie über das Gebiss, um sich der Zügeleinwirkung zu entziehen. Zurückzuführen ist dies auf eine hart einwirkende Reiterhand. Oder es verursachen schlecht angepasste Zaumzeuge, zu fest zugezogene Sperrriemen und zu scharfe, zu dicke oder anderweitig nicht passende Gebisse Schmerzen. Ihnen versucht das Pferd insbesondere durch das Übers-Gebiss-Legen der Zunge zu entgehen. Aus gutem Grund empfiehlt Grand Prix-Reiterin Uta Gräf, bei Zungenstreckern verschiedene Reithalfter und Gebisse auszuprobieren und zu schauen, womit das Tier am besten zurecht kommt. „Nicht wenige dieser Pferde kommen mit Kunststoffgebissen besser klar“, sagt die erfahrene Dressurreiterin: „Bei vielen Pferden kommt das Problem gar nicht aus dem Maul, sondern vom Rücken. Dann hat es seine Ursache in Verspannungen.“ Nicht nur das Gebiss, sondern auch das Sattelzeug überprüfen, lautet deshalb die Devise. Und die Zähne kontrollieren lassen, denn: Auch Zahnhaken und scharfe Kanten können, wenn sie mit der Trense oder Kandare in Berührung kommen, äußerst schmerzhaft sein.

Zungenfehler sind in den meisten Fällen keine dumme Angewohnheit, sondern Ausdruck eines Missstands. Nicht selten auch einer körperlichen oder psychischen Überforderung: „Insbesondere wenn Pferde die Zunge hochziehen und übers Gebiss legen, geschieht dies häufig in Verbindung mit Stress“, betont Gräf. Zu früh zu viel abverlangt, zu hoch gesprungen, zu schnell in die Versammlung geritten – all das hat möglicherweise zum Problem beigetragen. „Dann sollte man in der Ausbildung einen Schritt zurückgehen und mit der betreffenden Lektion oder Übung erst dann wieder neu ansetzen, wenn es für das Pferd passt“, empfiehlt Gräf: „Es ist wichtig, ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt zu entwickeln.“ Von einem rät sie bei der Therapie eines Zungenstreckers allerdings strikt ab: „Nicht alle drei Sekunden schauen, ob der Zungenfehler endlich weg ist, denn davon wird’s auch nicht besser. Viel mehr bringt es, mit einem guten Training dafür zu sorgen, dass das Pferd locker und durchlässig wird. Bei vielen gibt sich das Problem mit der Zeit dann von selbst.“ Allerdings, so räumt sie ein: „Oft dauert es mehrere Monate. Am einfachsten ist es noch bei Pferden, die nur ab und zu und in einer bestimmten Situation mit der Zunge spielen. Dann hat man die Chance, die betreffende Situation zu vermeiden oder etwas an ihr zu ändern. Aber wenn das Pferd es situationsübergreifend und schon eine ganze Weile macht, ist es in der Regel sehr langwierig – und manchmal geht der Zungenfehler gar nicht mehr weg.“

Etwa zwei Kilogramm wiegt eine Pferdezunge. Blassrosa ist ihre gesunde Farbe.


Das Schlagen der Zunge auf Gegenstände ist eine Übersprunghandlung, wenn die Haltung nicht artgerecht ist.


FOTOS: WWW.ARND.NL


„Während wir Menschen uns am Kopf kratzen oder eine Zigarette anzünden, spielen Pferde eben mit der Zunge.“
Dr. Margit Zeitler-Feicht


Dass neben Dressurpferden auch Fahrpferde überdurchschnittlich häufig betroffen sind, kann man nachvollziehen, wenn man mit Horst Brindel spricht. Er ist Übungsleiter und Prüfer Fahren bei der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD) und weiß aus Erfahrung: „Viele Fahrer achten leider nicht genügend auf passende Gebisse. Während es sich bei Freizeitfahrern dabei meist um Unwissenheit handelt, stellen manche Sportfahrer ihren Ehrgeiz aus Kalkül über die Bedürfnisse des Pferdes. So ist beispielsweise der Einsatz von Sperrriemen in Verbindung mit Fahrkandaren tierschutzwidrig.“ Dazu kommt, dass beim Fahren sozusagen verschärfte Bedingungen herrschen. Denn die Hand des Fahrers wirkt mit einem deutlich größeren Hebel und damit bei Unvermögen auch mit deutlich mehr Kraft aufs Pferdemaul ein als die des Reiters. „Ein guter Fahrer kommt mit minimalen Hilfen aus. Das sind nicht mehr als Signale“, betont Horst Brindel, der in puncto Nasenriemen-Verschnallung auf die Zwei-Finger-Regel oder den Einsatz eines Messkeils verweist.

Und wie behebt er als Fachmann einen Zungenfehler beim Fahrpferd? „Indem ich Geduld aufbringe, viel Bodenarbeit mache und zunächst gebisslos, zum Beispiel mithilfe eines Kappzaums, mit dem Pferd arbeite, um nach einer Zeit des Vergessens mit der Ausbildung am passenden Gebiss behutsam wieder von vorne anzufangen“, antwortet er.

Stressabbau à la Zigarette

Am Anfang sei Zungenstrecken beim Reiten oder Fahren ein Alarmsignal für psychische Überforderung und Schmerzen, erklärt Dr. Zeitler-Feicht. „In diesem Stadium handelt es sich noch um ein Normalverhalten des Pferdes und ist relativ gut zu therapieren“, sagt sie. „Wenn keine Abhilfe geschaffen wird, entwickelt sich daraus auf Dauer aber eine reaktive Verhaltensstörung. Diese ist dann nicht mehr reversibel, also nicht mehr umkehrbar. Selbst bei gebissloser Zäumung lassen die betreffenden Pferde dann ihre Zunge aus dem Maul hängen.“

Das Zungenspiel im Stall hat in der Regel andere Ursachen. Es geht auf eine nicht artgerechte Haltung und Fütterung zurück und ist mittel- bis längerfristig in vielen Fällen so verfestigt, dass es strukturelle Veränderungen im Gehirn hinterlässt und somit selbst bei einer Verbesserung der Haltung nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Manche Pferde bewegen und verdrehen die Zunge im oder außerhalb des Mauls, andere rollen sie hoch oder schlagen sie gegen die Lippen oder Gegenstände. Überraschend in diesem Zusammenhang: „Zungenspiel findet man nicht selten bei Pferden, die in Außenboxen oder auf Einzelpaddocks stehen“, berichtet Dr. Zeitler-Feicht. „Sie können nicht auf Außenreize reagieren. Sie sehen vielleicht andere Pferde, können aber nicht zu ihnen hin. Dann kommt es häufig zu einer Übersprunghandlung. Und während wir Menschen uns am Kopf kratzen oder eine Zigarette anzünden, spielen die Pferde eben mit der Zunge.“

Wissenschaftliche Untersuchungen speziell zu den Ursachen des Zungenspiels beim Pferd gebe es bislang nur sehr wenige, räumt die Verhaltensfachfrau ein: „Aber da es zu den oralen Verhaltensweisen zählt, geht man davon aus, dass es einen ähnlichen Hintergrund wie das Koppen hat.“ Will heißen: Neben der bereits erwähnten Reizarmut können auch Bewegungsmangel oder sogenannte Initialtraumata wie fehlerhaftes Absetzen hinter einer permanent schlabbernden Zunge stecken.

UNSERE EXPERTEN

FOTO: PRIVAT

Dr. Margit Zeitler-Feicht lehrt und forscht an der Technischen Universität München-Weihenstephan zu den Themen Pferdeverhalten, Pferdehaltung und Tierschutz. Sie hat das „Handbuch Pferdeverhalten“ geschrieben.

FOTO: J. RAU

Uta Gräf ist mehrfache Grandprix-Siegerin. Auf dem Gut Rothenkircherhof in Kirchheimbolanden bildet sie Pferde bis zur schweren Klasse aus.

FOTO: PRIVAT

Horst Brindel ist Übungsleiter und Prüfer Fahren bei der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD).

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Anke Opwis ist Tierphysiotherapeutin und arbeitet in Besenfeld im Schwarzwald.

Blick aufs Zungenbein

Zur Zunge gehört untrennbar das Zungenbein – ein ausgesprochen filigraner und ziemlich störanfälliger Knochen, der an den beiden Kiefergelenken befestigt und über verschiedene Muskelgruppen sowohl mit dem Brustbein als mit den Schultern und dem Genick verbunden ist.

„Ein blockiertes Zungenbein kann zu muskulären Verspannungen, einer Einschränkung der Schulterfreiheit und letztlich zu einer Lahmheit führen“, warnt die Tierphysiotherapeutin Anke Opwis. „Beim Kauen bewegt sich die Zunge unzählige Male von einer Seite auf die andere, meist nach rechts“, erklärt sie. Dadurch kann sich das mit der Zunge bewegende Zungenbein auf Dauer nach rechts verschieben. Es entsteht eine Schiefe, die sich nicht selten über die Kiefergelenke sowie die Hals-, Brust-, Rücken- und Lendenwirbel bis ins Sakralgelenk fortsetzt. „Viele Pferde haben ein gutes Gespür für Zungenbeinblockaden und können sie auch gut selbst wieder lösen – zum Beispiel, indem sie den Kopf in die Höhe recken, um einen Apfel vom Baum zu fressen“, beobachtet die Tierphysiotherapeutin. „Deshalb rate ich Pferdebesitzern bei einer Zungenbeinblockade häufig dazu, sich auf einen Stuhl zu stellen und dem Pferd von oben einen Apfel zu geben.“ Anke Opwis hat Übung darin, den Knochen manuell zu lösen und berichtet, dass er sich sehr oft auch beim Zähneraspeln verlagert: „Deshalb empfehle ich vorbeugend nach jeder Zahnbehandlung eine Physiotherapie-Sitzung.“