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PRAXISTEST: S 4X4 gleich Spaß für zwei


Camper Vans - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 20.12.2019

Es gibt Fahrzeuge, da ist man sich am Anfang nicht ganz sicher, wer und für welchen Zweck man sie kaufen sollte. Der Grand Canyon auf Sprinter-Basis ist so ein Gefährt – bis das Thema Allrad auf den Tisch kommt.


Artikelbild für den Artikel "PRAXISTEST: S 4X4 gleich Spaß für zwei" aus der Ausgabe 1/2020 von Camper Vans. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Camper Vans, Ausgabe 1/2020

Da der Ausbau des Hymer Grand Canyon S schon einige Male getestet wurde, mussten wir dieses Mal etwas tiefer in die „Materie“ Basisfahrzeug „eintauchen“.


Rund 50 Prozent unserer bekannten Campervans sind heutzutage mit einem Allradantrieb ausgestattet. Den Trend zum Allrad findet man auch bei normalen Pkw´s wieder: Immer mehr Leistung und Drehmoment aus kleinen Turbomotoren sind einfach schwer auf ...

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... die Straße zu bekommen. Wer den Schritt schon beim Alltagsauto getan hat, der will auch im Freizeitmobil nicht darauf verzichten. Für die beeindruckende Hausnummer 50 Prozent sind aber hauptsächlich VW California und Mercedes Marco Polo verantwortlich, also Fahrzeuge, die oft wie ein normaler Pkw genutzt werden.

In der Klasse über 2,8 Tonnen wird die Auswahl nicht kleiner, dafür zum Teil deutlich kostspieliger. Außer VW Crafter und MAN TGE bietet kein anderer Hersteller 4x4 zum Aufpreis einer Komfort-Klimaautomatik oder eines besonders hochwertigen Soundsystems. Egal, ob Dangel, Achleitner, Oberaigner oder Iglhaut – unter 10.000 Euro gibt es wenig. Aber wozu überhaupt das Geld ausgeben? Ein Camper ist weder ein Renn- noch ein Geländewagen. Das Thema Fahrsicherheit steht bei den rund drei Tonnen schweren und drei Meter hohen Fahrzeugen mit Starrachse und Blattfedern sicher nicht an erster Stelle. Wintertauglichkeit schon eher, denn ein schwerer Ausbau und Wassertank im Heck können die Traktion an der Vorderachse ganz schön mindern. Dasselbe gilt auch im Frühjahr, Sommer, Herbst, wenn man sich abseits befestigter Straßen aufhält – also wie jeher sehr beliebt, einen schönen, einsamen Platz zum Freistehen sucht. Eine feuchte Wiese, nasses Laub oder ein matschiger Waldweg können einen dabei ganz leicht ins Schwitzen bringen.

Steigungen auf losem oder nassen Untergrund sind mit frontangetriebenen Fahrzeugen dieser Größe auch nicht zu unterschätzen – deshalb hatten die Urahnen unserer beliebten Basisfahrzeuge, also die Transporter für Bau und Gewerbe, auch meist Heckantrieb für eine bessere Traktion.

Allrad-Antriebskonzepte wie sie VW/MAN mit 4Motion oder Dangel anbieten, sind hier schon eine große Hilfe. Allerdings nur, solange das Gelände nicht zu steil oder der Untergrund zu tief wird. In einer ganz anderen Liga spielen daher die Umrüstungen von Oberaigner, Achleitner oder Iglhaut – und der ab Werk bestellbare (Oberaigner-) Sprinter 4x4 liegt genau dazwischen: Der ganz große Vorteil des Sprinter-Allrad-Systems gegenüber dem 4Motion- oder dem Dangel-System ist die Untersetzung, also die Verkürzung der Übersetzung auf Knopfdruck um den Faktor 1,42, also um 42 Prozent. Für die richtigen Offroader zählt das natürlich noch nicht als echter Low-Range, die neue G-Klasse verkürzt die Übersetzung beispielsweise um den Faktor 2,93, für einen Camper ist das aber schon ein guter Anfang.

Gemessen an einem echten Geländewagen, ist die werksseitige Untersetzung also relativ lang. Wobei Oberaigner als Werkszulieferer selbst eine Umrüstung des von ihnen gelieferten Antriebsstrangs auf Permanent- Allrad mit einer Untersetzung von 1: 2,85 anbot. Für den neuen VS 30 wird diese Lösung leider noch nicht geboten, man arbeitet aber daran. Wer nicht ausschließlich durch knietiefen, zähen Schlamm, die verblockten Wälder Transsylvaniens oder leistungshungrigen Tiefsand in der Wüste fahren muss, sollte mit dem derzeit gebotenen System aber weit genug kommen.

Auf der Zweierbank lässt es sich allein einigermaßen fläzen. Zu zweit wird es auf nur 88 Zentimetern zu eng, die steile Rückenlehne ist ungemütlich.


Um an den Gaskasten zu kommen, müssen die Stühle weg. Über dem 90-Liter-Kühlschrank ist nützlicher Abstellplatz. Der Gaskocher reicht meist für zwei.


»DURCH DAS, WENN AUCH GERINGE, MEHRGEWICHT MACHT ES EIGENTLICH WENIG SINN, MIT MEHR ALS ZWEI PERSONEN UNTERWEGS ZU SEIN. «


Selbst mit Winterreifen und 3,5 bar Luftdruck hat sich der Allrad-Sprinter auf losem Untergrund tapfer geschlagen.


Der Sprinter ist derzeit der einzige Kastenwagen bis 3,5 Tonnen, der werksmäßig mit einer Untersetzung angeboten wird.



»MIT ORDENTLICH DOSIERBAREM DREHMOMENT KRIECHT DER GROSSE SCHWARZE KASTEN AUS DEN ERSTAUNLICHSTEN SITUATIONEN. «


Schließlich gibt es außer der Traktion noch einige andere Faktoren, wie Bodenfreiheit, Böschungswinkel, Fahrzeug-Höhe, -Breite und -Länge, die den Drang nach Abenteuer abseits der Straße eingrenzen. Außerdem ist die seit der Baureihe 907 erstmals im Allrad-Sprinter erhältliche Siebengang-Wandler-Automatik für den Anfang und ganz viele Situationen fast schon ausreichend.

Die erste Hürde, bevor man sich überhaupt festfahren kann, ist erst einmal ins Fahrzeug zu kommen – ein ordentlicher Haltegriff wäre für kleinere Menschen sehr hilfreich. Gut 15 Zentimeter an der Vorderachse und gut 13 an der Hinterachse hat der Allrad an Höhe gewonnen, die Ladekante ist ebenfalls um rückenfreundliche 16 Zentimeter nach oben gewandert. Mit der Höhe wuchs auch der Böschungswinkel, was bei einem sechs Meter Fahrzeug nicht nur bei Abfahrten oder Anstiegen, sondern besonders beim Rangieren, weil es eben doch trotz Allrad nicht mehr weitergeht, ganz wichtig ist. Der tiefste Punkt unter dem Fahrzeug ist Differenzial der Hinterachse – und die elektrische Trittstufe.

Wasserscheu ist der 4x4 auch nicht, zumindest ist die Watttiefe mit 61 Zentimetern angegeben – bis das Wasser in den Auslass der Verbrennungsluft der Truma- Kombiheizung läuft, muss der Hymer gut 90 Zentimeter in Wasser stehen. Da aber schon die angegebenen 61 Zentimeter oberhalb der Türdichtungen sind, hat Hymer gleich mit ein paar Abläufen vorgesorgt.

Da wir den Grand Canyon S mit all seinen Besonderheiten ja schon ausgiebig getestet und seine Schwächen ausgiebig besprochen haben, muss die Allradversion wenn dann mit dem Antrieb überzeugen. Camping-Urlaub im schönen Altmühltal. Das hört sich im ersten Moment gar nicht so spektakulär an. Gut 200 Kilometer Anfahrt über die A6 sind schon einmal ein guter Einstieg, um sich ein bisschen an ein wichtiges Kriterium bei einem Campervan heranzutasten, nämlich den Reisekomfort. Von der Hardware ähnelt unser GC-S 4x4 stark unserem Testwagen von zwölf Monaten. Und ja, die Kritikpunkte wurden nicht behoben – nicht einmal die einfachen, wie zum Beispiel bei einem Pressetestwagen das Blechstanzteil der Drehsitzkonsole wenigstens ein bisschen zu entgraten. Dass es noch immer kein ordentliches Verdunkelungssystem für die Seitenscheiben gibt, ist schade – aber vielleicht gewöhnt man sich ja nach ein paar Wochen an die labberige Lösung, die zurzeit verbaut ist. Die Sitze sind ebenfalls weiterhin nur Transporter-Niveau mit mittelmäßiger Einstellung und wenig Unterstützung und selbst auf das Lederlenkrad wurde beim Testwagen verzichtet. Wie schon sein heckgetriebener Zwilling ist der Hymer mit 163 PS starken 2,1 Liter Turbodiesel und der erstmalig auch in der Allradversion erhältlichen 7G-Tronic ausgestattet. Normalerweise würde man beim Allrad-Fernreisemobil zumindest All-Terrain-Bereifung erwarten – unser Sprinter wurde aber bereits auf zivile Winterreifen umgesattelt. Anstatt dem monotonen Summen der Reifen, sind hier das Summen der Vorderachse, der Antriebswellen und des Verteilergetriebes wahrnehmbar. Auch ohne dass der Antrieb gesperrt ist, werden die Bauteile beim Fahren ja mitbewegt.

Auf der Autobahn das gleiche wie immer: Entweder Harakiri auf der linken Spur oder gemütlich auf der rechten. Wir entscheiden uns zuerst für die gemütliche Linie und bei Tempo 100 mit knapp 2.000 Umdrehungen schnurrt der Vierzylinder wie ein Kätzchen. Schade nur, dass anstatt einer automatischen Distanzregelung der unserer Meinung nach fast schon gefährliche aktive Spurhalteassistent verbaut wurde. Kommt man auf die weiße Line, bremst einen das System so ruppig ab, dass die Gefahr beim Zurücklenken das Lenkrad zu verreißen oder gar das jemand hinten auffährt – wir haben gemessen, bei Tempo 100 verzögert der Assistent auf knapp 90 – nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Außerdem fährt das Gefährt beim Nichteingreifen trotzdem in den Graben.

So harmlose Verschränkungspassagen meistert der Allrad-Sprinter mit seinem 4ETS-System relativ problemlos – man muss auf dem Gas bleiben, damit die Regelung ordentlich funktioniert.


Über 100 nimmt der Geräuschpegel im Fahrzeug kontinuierlich zu. Windgeräusche von den Dachhauben, ein klapperndes Rollo in der Schiebetür, und der Motor der 2.500 Umdrehungen und Tempo 120 klingt etwas angestrengt. Lustigerweise fährt es sich bei Tempo 140 wieder entspannter, vermutlich sind ab der Geschwindigkeit alle Geräuschquellen auf derselben Frequenz.

Unser Ziel ist erreicht: Auf den ersten Blick könnte man noch meinen, es wäre sehr idyllisch hier, bis man sich die Spuren, Steilhänge und Wasserdurchfahrten genauer anschaut. Der Offroad Park Langenaltheim ist eine der Top-Locations in Deutschland, in denen sich Allradfahrer nicht nur austoben, sondern auch den richtigen Umgang mit ihren Fahrzeugen lernen können. Unter anderem finden hier auch Fahrtrainings für Reiseund Expeditionsmobile statt, bei denen Betreiber und Instruktor Rudolf Meerländer und sein Team den Teilnehmern den richtigen Umgang mit ihren Fahrzeugen beibringen. Man kann aber auch selbst und auf eigene Gefahr die Grenzen seines Geräts austesten, der über zehn Hektar große Park ist ganzjährig geöffnet, die Tageskarte kostet 35 Euro.

Trotz nicht unerheblicher Höherlegung der Karosserie macht sich der Radstand beim Überfahren von Kuppen bemerkbar. Die Trittstufe musste als Erstes dran glauben.


Manchmal genügt es schon, sich mit dem Spaten Platz zu verschaffen. Der kompakte Sprinter schafft mit Allrad, Untersetzung und Winterreifen deutlich mehr als erwartet.


Da wir mit einer Sondergenehmigung unterwegs sind, gehört der ganze Park uns allein. Ganz langsam – dank Wandlerautomatik kein Problem – ertasten wir das Gelände. Alles, was man hier als normale Anfahrtswege findet, entspricht in der Realität dem, was man sich normalerweise auch mit einem normalen, frontangetriebenen Kastenwagen auf der Suche nach einem Plätzchen für die Nacht auch noch trauen würde. Zweigt man von Hauptwegen ab, werden die Spuren ausgewaschener und schnell hebt der Sprinter ein Bein und die Anti- Schlupfregelung muss elektronisch nachhelfen. Prinzipiell ist der Sprinter schon mit einer angetriebenen Hinterachse ganz gut unterwegs. Rund 1.600 Kilogramm ruhen fahrfertig mit vollem Wassertank auf den Hinterrädern. Knapp 300 Kilo Zuladung bleiben gesamt, wenn das Fahrzeug reisefertig mit Tisch, Stühlen, Gas, Diesel, Kabeltrommel, Wasser und einem 80-Kilogramm-Fahrer ausgerüstet ist. Bis die zulässige Achslast von 2.250 Kilogramm an der Hinterachse erreicht ist, wäre der 3,5- Tonnen-Hymer schon längst gnadenlos überladen.

So jedenfalls, also ohne den Allradantrieb zuzuschalten, mit Winterreifen und ohne den Luftdruck von 3,5 bar abzusenken, kommt man schon erstaunlich weit – also kein Vergleich zu einem leeren Transporter ohne Wassertank, Gaskasten und Möbelbau im Heck. Mit ordentlich dosierbarem Drehmoment kriecht der große schwarze Kasten aus den erstaunlichsten Situationen. Selbst vorsätzlich gewählte, matschige Wege und Spuren meistert der S vorbildlich. Die Grenzen des Heckantriebs werden fast ausschließlich in Situationen erreicht, in denen man richtig Gas geben muss. Bergauf, so steil, dass man nicht einfach im Standgas hochzuckeln kann. Da Anlauf bei einem knapp 100.000 Euro Fahrzeug meist nur die zweitbeste Idee ist, kommt endlich der Allrad-Knopf zum Einsatz: Im Stand oder bis zu einer Geschwindigkeit von zehn Stundenkilometern lässt sich das Verteilergetriebe, per Knopfdruck wird ein Stirnradpaar eingerückt, zuschalten. Das Verteilergetriebe ist direkt am Hauptgetriebe angeflanscht. Der von Oberaigner direkt ins Werk nach Duisburg gelieferte Vorderachsantrieb ist mit rund 140 Kilogramm Mehrgewicht verschmerzbar. Die Ölfüllung soll lebenslänglich halten und wie die zusätzlichen Antriebswellen der Vorderachse wartungsfrei sein.

Die Kraftübertragung des Sprinters ist dabei variabel. Das Verteilergetriebe verteilt 35 Prozent der Antriebskraft auf die Vorder- und 65 Prozent auf die Hinterachse. Statt mechanischer Differenzialsperren setzt man beim Sprinter auf das elektronische Traktions-System 4ETS: Verlieren eines oder mehrere Räder auf rutschigem Untergrund die Traktion, bremst 4ETS die durchdrehenden Räder mit kurzen Impulsen automatisch ab und erhöht dadurch in gleichem Maße das Antriebsmoment an den Rädern mit guter Traktion. Das System nutzt zu diesem Zweck die ABS-Radsensoren. Der automatische Bremseneingriff mittels 4ETS kann oder soll die Wirkung von bis zu drei Differenzialsperren simulieren: Längssperre, Hinterachs- und Vorderachssperre. In der Praxis bedeutet das aber nur, dass pro Achse immer nur ein Rad antreibt, das andere abgebremst wird. Im schlimmsten Fall kommt es dabei dazu, dass die Bremse zu heiß wird und die Sperrwirkung des 4ETS so lange reduziert, bis die Temperatur wieder einen zulässigen Wert erreicht hat. Als Notanker, wenn man sich trotz Allrad festgefahren hat, bleibt dann nur noch das ASR zu deaktivieren und sich maximal zehn Sekunden lang aus dem Dreck zu wühlen – danach, oder ab 40 Stundenkilometern schaltet sich das System automatisch wieder ein.

Allein durch die Höhe und den höheren Schwerpunkt fühlen sich selbst unspektakuläre Passagen ziemlich wild an. Der Schleichgang der Wandlerautomatik war dabei stets sehr hilfreich.


Für den Anfang reicht der einfache Allrad aus, um kontrolliert durch die verschiedenen Verschränkungspassagen zu kommen. Nachdem zuerst die Anhängerkupplung den Böschungswinkel versaut und aufgesessen ist, wurde diese abgebaut. Der nächste neuralgische Punkt ist die Trittstufe, die mit nur 33 Zentimetern Luft bis zum Boden unseren Rampenwinkel ziemlich einschränkt. Was man besonders bei Auf- und Abfahrten beachten muss, der Sprinter hat an der Front einen Überhang 1,02 Meter, am Heck sind es aber 1,25. Daraus ergibt also ein recht unterschiedlicher Böschungs- winkel, der besonders bergab unangenehm werden kann – denn wenn es unten nicht reicht, muss man den Berg rückwärts wieder hoch. In genau so einer Situation kommt dann endlich mal die Untersetzung zum Zug – und 4ETS. Offroad mit dem Campervan ist ganz schön aufregend, aber nicht unmöglich.


»DER NÄCHSTE NEURALGISCHE PUNKT IST DIE TRITTSTUFE, DIE MIT NUR 33 ZENTIMETERN LUFT BIS ZUM BODEN UNSEREN RAMPENWINKEL ZIEMLICH EINSCHRÄNKT. «


Zum Glück ist die abnehmbare Anhängerkupplung von der robusten Sorte. Der Allrad darf nur 2.000 Kilo ziehen, der Hecktriebler bis 3.500. Beim Verschränken haben sich die Blattfedern den Schutzschlauch von Abwasser- und Heizungsrohr geschnappt. Nichts passiert, aber entweder falsch montiert oder schon bei der Konstruktion nicht beachtet.


Der kleine Tisch ist für zwei, maximal drei Personen ausreichend. Auf der Rückbank möchte man nur allein sitzen, der gedrehte Beifahrersitz ist fast ein bisschen zu weit weg vom Tisch.


»DER ALLRAD-HYMER IST DAS, WAS MAN SICH KAUFT, WENN DIE KINDER NICHT MEHR MIT IN DEN URLAUB WOLLEN. «


Mit der seitlich eingehängten Arbeitsflächenverbreiterung reicht der Platz zum Stellen und Vorbereiten gerade so aus. Komfortabler ist es, wenn man draußen kocht und die komplette Küche nutzen kann.


Nachdem wir mutwillig alle Situationen ausprobiert haben und selbst dorthin gefahren sind, wo man eigentlich nicht hinfahren sollte, kann man nur sagen, dass die anfängliche Skepsis und vielleicht sogar die Abneigung gegen den Grand Canyon S mit Allrad komplett vergangen sind. Klar gibt es praktischere Camper mit Querbett – aber wir haben zu zweit ganz gut darin geschlafen, jeder mit den Füßen des Anderen vor der Nase, wie man es eben unter Kollegen macht. Natürlich ist die Dinette mit dem nur 40 Zentimeter Klapptisch nicht die größte, aber für zwei Personen ist sie ausreichend und auf der unbequemen Sitzbank mit rechtwinkliger Rückenlehne kann eh nur eine Person sitzen. Und natürlich ist das Bad mit einer Stehhöhe von 1,80 Metern eigentlich auch ein Argument, welches gegen den GC spricht, wie immer noch die mit 96 Zentimetern beachtliche Einstiegshöhe ins Bett – ohne ordentlichen Tritt, sondern nur mit einem Klapphocker aus Kunststoff.

95.000 Euro kostet unser komplett ausgestatteter Grand Canyon S – rund 78.000 Euro kostet ein vergleichbar ausgestatteter Mercedes-Sprinter-Kastenwagen mit zwei Sitzplätzen und einem leeren Laderaum. Auf rund 12.000 Euro der Ausstattung könnte man ohne Abstriche zu machen getrost verzichten – dazu zähle ich auch MBUX und das Fahrassistenzpaket, aber natürlich auch die TV-Vorbereitung, Klappstühle und Dekorbeklebung. Unterm Strich stehen dann rund 83.000 Euro für den fertigen Hymer und gegenüber vielleicht 68.000 Euro für den nackten Sprinter. Es bleiben also 15.000 Euro für einen kompletten Ausbau inklusive Truma Kombi 6DE, zwei großen Dachluken und einem 90-Liter-Thetford-Kompressorkühlschrank. Für den Preis macht man es nicht selbst und nicht zwingend besser. Dennoch, ein gewaltiger Batzen, aber ganz ehrlich, ein Hammer-Gerät. Total unvernünftig, aber vielleicht macht der Allrad-Campervan für diejenigen, die gerne entlegene Gegenden bereisen oder auch im Winter viel unterwegs sind, mehr Sinn als ein SUV, um nur in der Stadt damit zu fahren.

Die größte Beschränkung beim GC-S 4x4: Durch das, wenn auch geringe, Mehrgewicht macht es eigentlich wenig Sinn, mit mehr als zwei Personen unterwegs zu sein. Der Platz ist eh schon sehr beengt und die Sitzbank für Mitfahrer eher qualvoll. Der Allrad-Hymer ist das, was man sich kauft, wenn die Kinder nicht mehr mit wollen. Nochmals so richtig Spaß haben und unvernünftig in Ecken und Winkel vordringen, wo man sonst nicht hinkommen würde. Vielleicht würde das auch ohne einen Allrad-Sprinter funktionieren, aber es würde lange nicht so viel Spaß machen und sähe auch nicht so gut aus. Aber wenn es ein Allrad sein soll, mit dem man nicht nur auf einer nassen Wiese fahren kann, dann der Grand Canyon S auf dem Sprinter Allrad. Denn in diesem Segment ist der Hymer ein echtes Schnäppchen.