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Preis lass nach


ÖKO-TEST Kompass Discounter - epaper ⋅ Ausgabe 6/2009 vom 08.04.2010

Lebensmittel werden immer preiswerter. Die Discounter bieten sich einen ruinösen Wettkampf. Das freut die Verbraucher, die möglichst viel möglichst günstig einkaufen wollen. Die Leidtragenden sind die Erzeuger und die Beschäftigten.


Artikelbild für den Artikel "Preis lass nach" aus der Ausgabe 6/2009 von ÖKO-TEST Kompass Discounter. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Kompass Discounter, Ausgabe 6/2009

Dass Lidl sich lohnt, hat inzwischen jeder mitbekommen. Seit Monaten läuft allabendlich die softe Lidl-lohnt-sich-Imagekampagne über den Bildschirm, deren musikalische Untermalung fast schon zum Ohrwurm geworden ist. Penny ist seit Kurzem „Der neue Volksdiscounter“, gibt sich in Schwarz-Rot-Gold und verspricht: „Billiger für alle: noch besser, noch frischer, noch billiger, ...

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Dass Lidl sich lohnt, hat inzwischen jeder mitbekommen. Seit Monaten läuft allabendlich die softe Lidl-lohnt-sich-Imagekampagne über den Bildschirm, deren musikalische Untermalung fast schon zum Ohrwurm geworden ist. Penny ist seit Kurzem „Der neue Volksdiscounter“, gibt sich in Schwarz-Rot-Gold und verspricht: „Billiger für alle: noch besser, noch frischer, noch billiger, noch näher.“ Und Aldi Süd betont: „Auf Aldi ist Verlass! Immer, wenn wir die Preise senken können, werden wir das tun – garantiert, konsequent und dauerhaft!“

Zur Zeit will jeder Discounter der Billigste sein. Seit Anfang 2009 bieten sich die Märkte einen ruinösen Preiskampf, dessen Ende noch nicht in Sicht ist. Billigstangebote aller Art kommen den Kunden gerade recht, sitzt ihnen doch noch der Schrecken des Vorjahres im Nacken. Da waren zahlreiche Grundnahrungsmittel über Nacht massiv verteuert worden. Vor allem bei Milch, Getreide und Fleisch waren die Preise in die Höhe geschnellt. Denn die Energiekosten explodierten und die Milch war knapp geworden, nachdem die Landwirte sie lieber in den Gully kippten als Niedrigstpreise zu akzeptieren. Auch die Getreideernte 2007 war schlecht ausgefallen – und der Trend zu Bio-Diesel hatte die Situation an den Getreidemärkten weiter verschärft.

Nun geht es also wieder in die andere Richtung. Aldi begann im Januar 2009 als erste Billigkette, die Preisschilder zu überkleben und übernahm damit wieder mal die Preisführerschaft. Denn in der Discountlandschaft gilt: In der Regel purzeln zuerst bei Aldi die Preise, die Übrigen ziehen meist kurze Zeit später nach. So reagierte auch Penny diesmal umgehend. Bis zu 19 Prozent weniger mussten die Kunden nun für Brot, Käse, Joghurt, Wurst, Pflanzenöl und Schokolade zahlen.

Die Nase vorn hat Aldi

Dem ersten Vorstoß folgte ein zweiter. Aldi verkündete: „Die Preis-Offensive geht weiter.“ Bis Anfang Mai senkte Aldi die Preise für insgesamt 113 Artikel. Die Penny-Märkte zogen wieder als Erste nach, und auch Lidl konterte und reduzierte vor allem die Preise für zahlreiche Geflügelprodukte.

Der Wahnsinn scheint sich immer noch zu lohnen. Zwar mussten einige Händler Anfang des Jahres ein Umsatzminus hinnehmen: Aldi erwirtschaftete in den ersten zwei Monaten 4,6 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum, Lidl machte ein Minus von 0,9 Prozent. Doch dabei muss bedacht werden, dass die Umsätze vergangenes Jahr wegen der hohen Preise so gut waren.

Dass Lebensmittel derzeit so günstig zu haben sind wie nie, hat Gründe. Die Getreideernte 2008 war erfreulich, die Preise fielen und die Bäcker, Brauer und Pastaproduzenten konnten Rohstoffe preiswert einkaufen. Auch die Milch fließt wieder. Nachdem der Milchpreis 2008 gestiegen war, ist Milch nun wieder im Übermaß vorhanden und kann zu 49 Cent pro Liter rausgehauen werden – Tendenz weiter fallend. Und auch die Energiepreise sind erheblich zurückgegangen.

Gnadenloser Wettkampf

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Grund für den Preiskampf zu Jahresbeginn ist auch die Expansion des Discounters Netto. Rund 2.500 Filialen der maroden Plus-Kette gingen im Jahr 2008 an den Lebensmittelgiganten Edeka. Der besitzt ohnehin schon über 1.000 Netto-Märkte und will nun die von Tengelmann erworbenen Plus-Märkte zu einer gigantischen Netto-Flotte ausbauen. Unter dem Strich wird es schon bald mehrere Tausend Filialen geben, vor denen Flaggen mit dem Netto-Schriftzug flattern – und damit eine weitere Billigkonkurrenz.

Denn während Plus schon immer etwas teurer war als die übrigen Discounter, setzt Netto auf allerkleinste Preise. Vor allem bei Lidl sorgte die Übernahme für Unruhe. Die Kette mit dem kippenden „i“ im Schriftzug muss um ihre Position als zweitgrößter Billiganbieter nach Aldi fürchten. Seit der Übernahme ist Lidl der neuen Konkurrenz zumindest von der Anzahl der Filialen her deutlich unterlegen: Lidl hat derzeit rund 3.000 Geschäfte zu bieten, Netto arbeitet sich auf die 4.000 zu.

Dass Netto es ernst meint mit den billigen Preisen, zeigte der Discounter schon einmal. Laut Bundeskartellamt verkaufte die Kette Lebensmittel sogar unter dem Einstandspreis, den Netto selbst zahlen musste. In der Zeit von Dezember 2006 bis Februar 2007 wurden Fruchtjoghurt, Schokopudding mit Sahne, Deutsche Markenbutter, Frischmilch und H-Milch zu Kampfpreisen angeboten. 150 Gramm Joghurt waren in der 50. Kalenderwoche 2006 mit zwölf Cent durch die Scannerkasse gegangen, der Schokopudding (200 Gramm) zum selben Zeitpunkt für neun Cent und der Liter Frischmilch in der zweiten Kalenderwoche 2007 schließlich für 39 Cent. Das halbe Pfund Butter kostete in der siebten Kalenderwoche 2007 bei Netto lediglich 65 Cent.

1,99 Euro für ein Pfund Hähnchenbrust

Dass Lidl ähnliche Strategien fährt und somit Netto einiges entgegenzusetzen hat, zeigen ÖKO-TEST-Recherchen. So kaufte Lidl von der Firma Stolle im Jahr 2006 genau 915 Tonnen Hähnchenbrust für einen Preis von 3,2 Millionen Euro netto ein. Schlägt man die Mehrwertsteuer von sieben Prozent drauf und rechnet das Ganze auf ein Pfund Fleisch um, ergibt sich ein Preis von 1,87 Euro für 500 Gramm. Der Verkaufspreis lag – nicht nur bei Lidl, sondern auch bei anderen Discountern und Supermärkten – bei schlappen 1,99 Euro. Die Differenz zum Einstandspreis betrug also gerade mal zwölf Cent.

Bei den Bauern bleibt kaum etwas hängen

Da bleibt wenig Raum für die Marge, also den Gewinn, den der Handel auch noch einstreichen will. Schließlich muss er ja Läden, Personal und Transport finanzieren. Damit es sich überhaupt rechnet, wird auf allen Ebenen der Lebensmittelkette an der Preisschraube gedreht. Zu den Gliedern der Kette zählen der Landwirt, der Verarbeiter, der Lebensmittelhersteller und der Handel. Die Rollen sind allerdings nicht gerecht verteilt. Der Handel steht ganz oben in der Hierarchie. Er hat das Sagen und gibt den Preis vor, den der Hersteller bekommt. Der wiederum gibt den Preisdruck an den Verarbeiter und den Landwirt weiter, der möglichst billige Rohstoffe liefern muss.

Dass beim Bauern nur wenig hängen bleiben kann, liegt nahe. Berechnungen des bayerischen Bauernverbandes zeigen: Vom Preis, den die Verbraucher im Schnitt für ein Kilo Mischbrot bezahlen (3,75 Euro), erhält der Landwirt gerade mal 13,5 Cent für das Getreide. Von einem Brötchen, das im Laden 35 Cent kostet, fallen für ihn gerade mal 0,6 Cent ab. Für zwei Kilo Kartoffeln, die es bei Penny für 1,29 Euro gibt, erhält der Bauer rund 20 Cent, und vom Preis für einen halben Liter Bier von rund 60 Cent bekommt er 2,5 für die Braugerste und 0,5 Cent für den Hopfen.

Doch Einnahmen sind nicht gleich Gewinn. Schließlich hat der Bauer noch Kosten. Beispiel Hähnchen: Für ein Brathuhn zahlt der Handel dem Geflügelmäster einen Erzeugerpreis von 1,14 Euro pro Kilo. Zieht man davon aber die Kosten für das Futter und den Ankauf des Kükens ab, bleiben nur zwölf Cent pro Kilo Hähnchen. Davon müssen wiederum noch die Kosten für Arbeit, Energie, Wasser und den Tierarzt abgezogen werden. Unter dem Strich bleibt schließlich ein Gewinn von fünf bis zehn Cent pro Tier. „Dies erklärt vielleicht auch, warum man heute einen großen Hühnerstall braucht, wenn man als Hähnchenhalter eine Familie ernähren will und das nicht als Hobby betrieben wird“, erklärt Brigitte Wenzel vom Deutschen Bauernverband, die für die Tiergesundheit von Geflügel zuständig ist.

Die Kunden freut es: Nach den Preissteigerungen im vergangenen Jahr, kosten Lebensmittel jetzt wieder deutlich weniger.


Nicht viel besser sieht es bei der Milch aus. Seit Jahren klagen die Milchbauern in schöner Regelmäßigkeit, dass ihre Milch wieder mal viel zu billig in die Regale kommt. Sieht man mal von der wilden Jammerei ab, die die Milchbranche kennzeichnet, bleibt unter dem Strich tatsächlich wenig hängen. So erhielt ein Landwirt für einen Liter Milch im März 2009 etwa 24 Cent. Zukünftig könnte der Milchpreis sogar auf knapp 20 Cent per Liter fallen, da viel Milch auf dem Markt ist – Molkereien und Handel haben somit Verhandlungsspielraum. Doch nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) wäre bei einer Herdengröße von 40 Kühen, das ist die Durchschnittgröße in Deutschland, ein Milchpreis von 45 Cent angemessen.

Druck auf die Hersteller

Vielfältig sind die Tricks des Handels, an den Preisen der Zulieferer zu drehen. Die Zulieferer, das sind die Verarbeiter und Hersteller von Lebensmitteln, also Bahlsen, Nestlé, Maggi, Dr. Oetker und viele andere mehr, die eigene Markenprodukte und auch die Handelsmarken der Discounter herstellen (siehe Kapitel zwei). Dabei gilt: Je größer der Discounter ist, umso größer ist seine Verhandlungsmacht und umso größer sind die Prozente, die er beim Lieferanten einstreichen kann. Ein Marktanteil von acht Prozent am Lebensmittelhandel reicht laut einer Untersuchung der britischen Wettbewerbskommission aus, damit ein Handelsunternehmen seine Lieferanten unter Druck setzen kann.

Und das geht so: Die für Edeka, den größten Lebensmittelanbieter Deutschlands, tätigen Lieferanten erhielten im Herbst 2008 Post. Darin wurde klargestellt, dass es bis 2009 keine Preiserhöhungen gebe. Der Handelskonzern Rewe forderte von seinen Zulieferern sogar Konditionsverbesserungen zwischen drei und neun Prozent. Firmen, die sich dagegen wehrten, hatten das Nachsehen. Bahlsen zum Beispiel. Die Keksfirma aus Hannover forderte eine Preiserhöhung für ihre Produkte. Die Firma hielt dies für gerechtfertigt, da sie die Qualität der Produkte verbessert und auch mit den steigenden Rohstoff- und Energiepreisen zu kämpfen hatte. Doch davon wollte der Handel nichts wissen. Bahlsen stellte daraufhin die Belieferung von Kaufland, Rewe und Tengelmann ein. Doch die Frage sei, so ein Wettbewerber in derLebensmittelzeitung , wie lange die Hannoveraner die ungleiche Kraftprobe mit den Handelsriesen durchhalten.

In den Block diktiert

Was der Handel für die Produkte zahlen will, die er abzunehmen plant, wird in den sogenannten Jahresgesprächen geklärt. Bei diesen Treffen sprechen die Lieferanten bei den Handelsgiganten in deren Zentrale vor und lassen sich den Preis in den Block diktieren. Immer gilt: Je größer die abgenommene Menge ist, desto weniger legt der Discounter dafür – umgerechnet auf den Stückpreis – auf den Tisch. „Der Listenpreis des Herstellers wird vom Handel nie bezahlt“, weiß Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Vielmehr jongliere der Handel mit verschiedenen Ra batten. „Er ist sehr erfinderisch.“ Die Einkäufer fordern Frühbucher rabatte, wenn frühzeitig geordert wird, Mengenrabatte, wenn Artikel in mehr als den üblichen Stückzahlen eingekauft werden und Jubiläumsrabatte, wenn eine Filiale Einjähriges hat oder auch ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Verlangt werden vom Lieferanten überdies Zuschüsse, wenn neue Filialen eröffnet werden und Zahlungen für Werbemaßnahmen.

Manchmal wünschen die Han delsmanager sogar einen Rabatt auf den Rabatt. Das geschah kürzlich, nachdem die Tengelmann-Kette Plus an Edeka verkauft wurde. Ende April 2009 durchsuchte das Bundeskartellamt die Ham burger Edeka-Zentrale. Der größte deutsche Lebensmitteleinzelhändler stehe im Verdacht, seine Nachfragemacht gegenüber Lieferanten ausgenutzt zu haben, so die Wettbewerbsbehörde in Bonn. Edeka soll nach der Fusion der eigenen Discounttochter Netto mit dem Tengelmann-Discounter Plus nachträglich Rabatte von den Lieferanten gefordert haben. Dies sei „ohne sachlich gerechtfertigten Grund“ geschehen, was gegen das Kartellrecht verstoße, so der Vorwurf der Behörde.

Auch die Kette Rewe, die ebenfalls einen (kleineren) Teil der Plus-Filialen übernahm, soll bessere Konditionen ge fordert haben, berichtete dieLebensmittelzeitung . „Wir wollen nicht benachteiligt, sondern bevorteilt werden“, stellte Rewe gegenüber seinen Lieferanten klar. Rewe soll von den Handelsmarkenlieferanten einen „Expansions-Bonus“ verlangt haben. Der Konzern begründet dies damit, dass die Hersteller mit der Integration der Plus-Märkte ins Penny-Netz höhere Umsätze erzielen.

Einstieg nur mit Listungsgeld

Überhaupt mit seinen Produkten in die Regale der Discounter zu kommen, ist für die Hersteller nicht einfach. Schließlich ist jeder Regalmeter hart umkämpft. Zwischen 800 und 2.500 Produkte sind in einem Discounter zu haben. Doch das Lebensmittelsortiment ist viel größer – und fast monatlich kommen neue Produkte auf den Markt. Die Konkurrenz ist also groß. Wer rein will ins Regal, muss sich erkenntlich zeigen. Darum zahlen viele Zulieferer erst einmal eine sogenannte Listungsgebühr, um die Gnade der Handelsriesen zu finden. Listungsgebühren sind allerdings nicht nur bei Discountern üblich. Und sie sind stattlich: zwischen fünf und zehn Prozent des möglichen Umsatzes mit dem Produkt.

„Die Hersteller stehen bei den Discountern Schlange, um gelistet zu werden. Sie kommen um diesen Vertriebsweg nicht herum“, sagt Wolfgang Twardawa von der GfK auf die Frage, warum sich die Hersteller so viel bieten lassen. Mit jedem neuen Discounter öffne sich schließlich ein neuer Absatzkanal. Auch scheinen die Lieferanten trotz Rabatt, Listungsgeld und Hochzeitsgeschenken doch ir - gend wie auf ihre Kosten zu kommen. Der Umsatz der Deutschen Lebensmittelindustrie betrug 2008 insgesamt 155 Milliarden Euro. Das entspricht einem nominalen Wachstum von 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Großteil des Wachstums gehe allerdings auf Preissteigerungen wegen erhöhter Rohstoff- und Energiepreise zurück, schränkt die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie die Erfolgsmeldung ein.

Spartanisch, praktisch, gut

Zum Discountkonzept gehört aber noch ein Grundsatz: Die eigenen Kosten werden so weit wie möglich gedrückt. „Wir sparen bei allem, was Ware üblicherweise nur verteuert“, heißt es bei Aldi. „Unsere Läden sind nicht zu groß. Unser Sortiment ist nicht zu breit, die Warenpräsentation nicht aufwendig. Unsere Logistik ist äußerst rationell.“ Das kann jeder bestätigen, der schon mal in einem Discounter war: Die Einrichtung ist meist weniger schmuck als in einem Supermarkt, der in der Regel auch eine Fleisch-, Käse- und Salattheke zu bieten hat. Die Waren werden in schlichten Regalen präsentiert, man stolpert nicht über Sondertische, Extratresen und Körbe mit Supersonderangeboten. Probier ecken mit Wein, Salaten oder Knabbereien gibt es schon gar nicht.

Gespart wird zugleich bei der Werbung. Während die Lebensmittelindustrie allabendlich ihre Produkte im Fernsehen anpreist, in Hochglanzmagazinen wirbt und auch riesige Plakatwände mit ansprechenden Fotos von Speisen beklebt, verhält sich der Handel eher bescheiden. Discounter werben in Tageszeitungen für ihre Sonderangebote, sie legen in den Filia len Handzettel aus und zeigen die Sonderangebote der Woche auf den Websites im Internet. Eine Ausnahme ist da die Lidl-Fernsehwerbung, die man aber auch als Imagekampagne nach den innerbetrieblichen Spitzelaffären ansehen kann.

Ausgefeilte Logistik: Mit straffen Strukturen und der Beschränkung auf wenige Lieferanten drücken Discounter auch hier die Kosten.


Straffe und damit sparsame Strukturen kennzeichnen die Logistik, die den Einkauf, den Transport und die Verteilung der Waren umfasst. Die Logistikkosten werden bei Handelsunternehmen auf knapp 28 Prozent geschätzt und sind damit ein gewaltiger Posten. Gespart werden kann, indem die Anzahl der Lieferanten so gering wie möglich gehalten wird. Wenn das Brot nur von ein oder zwei Großbäckereien in die Discountverteilzentren angeliefert wird, verringern sich Transportwege und somit Kosten. Edeka unterhält sogar eigene Bäckereien und kann damit weiteres Geld sparen. Aldi hat eigene Röstereien und Fleischereien.

Fertige Ware beziehen die Discounter meist direkt von den Lieferanten. Der Großhandel wird somit umschifft, was weitere Kosten spart. Beim Obst- und Gemüseeinkauf arbeiten die Handelskonzerne teils sogar direkt mit den Fruchtkonzernen in den Erzeugerländern zusammen, sei es nun bei Bananen, Ananas oder Orangen. Der Lebensmittelhandel schließt hierzu direkte Anbauverträge mit den Erzeugern, in denen Exklusivpreise vereinbart werden – natürlich immer mit dem Ziel, die Kosten so weit zu drücken, dass die Früchte im Discount für wenige Cent angeboten werden können. Das Obst wird direkt importiert, in die Verteilzentren der Discounter gebracht und von dort zu den Filialen gefahren.

Edeka unterhält sogar ein eigenes Fruchtkontor und zählt damit zu den größten Fruchtimporteuren Europas. Bei der Beschaffung beispielsweise von Bananen liegt vom Einkauf über den Transport bis hin zur Reifung hier alles komplett in Edeka-Hand. Auch Lidl steigt derzeit in den Direkteinkauf von Gemüse und Obst ein und macht sich somit von Importeuren unabhängig. Das Neckarsulmer Unternehmen bezieht sein Grünzeug vor allem aus Südeuropa.

Der brutale Preiskampf der Discounter wird auch auf dem Rücken des Personals ausgetragen.


Neun Euro Lohn für zwölf Stunden Arbeit

Damit kann der Handel direkt Einfluss auf die Herstellungsbedingungen nehmen. Das ist von Vorteil, wenn Edeka, Lidl und Aldi ihren Produzenten vorschreiben, wie wenige Rückstände von Pflanzenschutzmitteln sich auf Gemüse und Obst befinden dürfen. Ein Nach teil ist es aber, wenn bei der Jagd nach dem kleinsten Preis Niedrigstlöhne gezahlt und Menschenrechte missachtet werden. „Der Preis- und Kostendruck wird entlang der Lieferkette nach unten weitergegeben. Arbeiter/innen, die im Süden unter menschenunwürdigen Bedingungen auf den Plantagen arbeiten, sind die Leidtragenden einer solchen Geschäftspolitik“, so die Oxfam- StudieEndstation Ladentheke von 2008. Die Recherchen der Hilfsorganisation zeigen, dass die Preispolitik der großen Lebensmittelhändler für die schlechten Arbeitsbedingungen auf den südamerikanischen Plantagen mitverantwortlich ist, wo für die Handelskonzerne beispielsweise Bananen und Ananas angebaut werden.

Festanstellungen gibt es auf den Plantagen in der Regel nicht. 60 Prozent der in Costa Rica in der Ananasproduktion (offiziell) 20.000 Beschäftigten bekommen laut Oxfam nur für zwei bis drei Monate Arbeit. Dadurch könnten Sozialabgaben umgangen, die Löhne gedrückt und der Bildung von Gewerkschaften von Anfang an ein Riegel vorgeschoben werden. Bestenfalls verdienen die Arbeiter den gesetzlichen Mindestlohn von neun Euro pro Tag. Die Summe wird für einen Acht-Stunden-Arbeitstag gezahlt. Doch die Menschen schaffen in Stoßzeiten etwa zwölf Stunden täglich. Und der Mindestlohn reicht längst nicht, um die Existenz zu sichern. Dafür müssten die Arbeiter 79 bis 88 Euro pro Woche bekommen, sagen die Experten von Oxfam.

Doch man muss gar nicht in die Ferne schweifen. Auch hierzulande sind die Bedingungen, unter denen die Beschäftigten in Discountern arbeiten, teilweise katastrophal. Es gibt extrem wenig Personal – oft nur einen Marktleiter, ein bis zwei Vollzeitkräfte und einige Teilzeitkräfte, die den ganzen Laden schmeißen müssen. Zugleich fordern alle Discounter von den Mitarbeitern Flexibilität. Oft erfahren diese erst einen Tag vorher, wann und wie lange sie am nächsten Tag arbeiten müssen. Überstunden sind die Regel – oft für lau.

Das summiert sich im Verlauf eines Jahres zu einem ganzen Batzen. Selbst wenn ein Discounter den Mindestlohn von mindestens 7,50 Euro zahlt, den Verdi fordert, kommen deshalb unter dem Strich oft doch nur vier, fünf Euro Stundenlohn heraus, wie ein bei Netto tätiger Marktleiter in der TageszeitungTaz anonym berichtet. Er hatte in einem Jahr rund 1.000 Überstunden geschoben, die nicht extra entlohnt wurden.

Leih- und Aushilfskräfte erhalten teils sogar nur fünf Euro die Stunde. Ein Stundenlohn, der nach einem Urteil des Arbeitsgerichts Dortmund als „sittenwidrig“ gilt.


Foto: A. Jakuscheit/M. Wägele

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