Lesezeit ca. 24 Min.
arrow_back

PRESSURE Zone


Logo von Legacy
Legacy - epaper ⋅ Ausgabe 139/2022 vom 30.06.2022
Artikelbild für den Artikel "PRESSURE Zone" aus der Ausgabe 139/2022 von Legacy. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Legacy, Ausgabe 139/2022

A WILHELM SCREAM ?Lose Your Delusion?

… AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD “XI: Bleed Now” (InsideOut/Sony)

In den 1960er Jahren setzte sich langsam der Stereosound durch. Doch kurze Zeit später war die Unterhaltungsindustrie auf der Suche nach neuen, innovativen Verfahren und entwickelte die Quadrofonie – eine Form der Mehrkanalaufzeichnung und -wiedergabe. Dies hatte den Effekt, dass Raumklang simuliert wurde. Die Technik gilt somit zu Recht als Vorläufer des Dolby-Surround-Klangs. In den 1970er Jahren war die Quadrofonie allgegenwärtig, so wurden nicht nur neue Alben damit aufgenommen, sondern es kam auch zu Wiederveröffentlichungen mit dieser Technik. Pink Floyds „Atom Heart Mother“ und Black Sabbath „Paranoid“ (1970) sowie Kraftwerks „Autobahn“ (1974) sind prominente Beispiele. …AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD haben dieses technische Relikt ausgegraben, um auf ihrem elften Album eine Reminiszenz an den klassischen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 7,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Legacy. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 139/2022 von MUTIG IN DIE SOMMERZEIT!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MUTIG IN DIE SOMMERZEIT!
Titelbild der Ausgabe 139/2022 von ERSCHÜTTERUNG, ANGST UND EXTREMER ZYNISMUS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ERSCHÜTTERUNG, ANGST UND EXTREMER ZYNISMUS
Titelbild der Ausgabe 139/2022 von MITTELFINGER IN RICHTUNG STANDARDS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MITTELFINGER IN RICHTUNG STANDARDS
Titelbild der Ausgabe 139/2022 von TARTU UNDER THE HORNS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TARTU UNDER THE HORNS
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
VOODOO KISS BLUT GELECKT
Vorheriger Artikel
VOODOO KISS BLUT GELECKT
PRESSURE Zone
Nächster Artikel
PRESSURE Zone
Mehr Lesetipps

... Progressive Rock dieser Dekade zu zelebrieren. Um den Hörern zu verdeutlichen, womit sie es zu tun haben, enthält der Opener ,Our Epic Attempts‘ die Ansage des Bandnamens in unterschiedlichen Sprachen, die aus verschiedenen Richtungen kommen. Dazu zählt auch das „Und du wirst uns als die Spur desTodes kennen“ in akzentfreiem Deutsch. Dazu summen die Musiker, bevor eine episch-chorale, fast sinfonische Sequenz einsetzt. Danach geht es mit ,Long Distance Hell‘ relativ rockig weiter, doch die folgenden 19 (!) Tracks bewegen sich eher in den Grenzen des angekündigten „epischen Versuchs“, dessen Höhepunkt das elfminütige ,Taken By The Hand‘ ist, das in einem großartigen Rhythmus-Crescendo mündet. Piano und Cello dominieren die Ballade ,Darkness Into Light‘, während das abgedrehte Interlude ,Sounds Of Horror‘ Acid-Jüngern Freudentränen in die Augen treiben dürfte. Auch das kämpferische ,Protest Streets‘ erweist sich ganz im Geist der 1970er – obwohl, und das ist die Pointe, „XI: Bleed Now“ nicht retro im klassischen Sinn klingt. Doch die Harmonien, die Experimentierfreudigkeit und die intelligenten Arrangements dürften AOR- und Prog-Rocker gleichermaßen vor Neid erblassen lassen. Denn was in den 1970ern schon kristallin klang, wirkt bei …AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD fast unverschämt dynamisch und lebendig. Keine Frage, das ist ein Meisterwerk und könnte auch mehr als 15 Punkte generieren, wenn es die Legacy-Skala hergäbe.

(FSH)

15 Punkte

A WILHELM SCREAM „Lose Your Delusion“ (Creator Destructor)

Wahnsinn. Ist es wirklich zehn Jahre her, dass mit „Partycrasher“ das bislang letzte Album von A WILHELM SCREAM erschienen ist? Ja, ist es. 2013 ist das gewesen, auf No Idea Records. Zumindest live haben die fünf Musiker aus New Bedford, Massachusetts kontinuierlich Flagge gezeigt. Mit „Lose Your Delusion“ gibt es nunmehr auch einen neuen Longplayer. Das sphärische Intro lässt kurz aufhorchen und innehalten. Die Band fordert Aufmerksamkeit ein und bekommt sie. In der Folge tun A WILHELM SCREAM dann das, wofür sie seit Jahren abgefeiert werden. Die Tracks zwischen melodischem Hardcore und Punk-Punk – früher hätte man wohl von Skate-Punk gesprochen – finden jeweils treffsicher den Weg in Richtung Hymne. Leidenschaft, Intensität und Vorwärtsdrang sind ausgeprägt. Die positive Grundhaltung der Musiker zum Leben und Banddasein ist es ebenso.Aufgrund der melodischenAufladung allerTracks, aber auch des treffsicheren Spielwitz, mit dem die Formation aus New Bedford unterwegs ist, überträgt sich der musikalisch transportierte Optimismus schnell auf die Hörer. Das Quintett hat sein Comeback-Werk selbst im eigenen Studio aufgenommen. Vielleicht klingt „Lose Your Delusion“ deshalb noch einen Tick emotionaler und dichter. So oder so: Wer animierende Smasher zwischen melodischem Hardcore und Punk Rock sucht, ist bei A WILHELM SCREAM an der richtigen Adresse.

(AK)

12 Punkte

ALEXIS FFRENCH „Truth” (Sony Classical/Sony)

Unter dem Eindruck der Pandemie, dem Tod von George Floyd und der „Black Lives Matter“-Protestbewegung erschuf der britische Pianist ALEXIS FFRENCH ein ungemein stimmungsvolles Werk, welches trotz (oder gerade wegen?) dem traurigen Hintergrund, vor dem es entstand, Hoffnung versprüht. Die 13 Kompositionen entfachen ein träumerisches, beseeltes Eigenleben, in Szene gesetzt von einem wahren Meister an seinem Instrument. Auch die Orchestrierung, die in Wien auf Distanz eingespielt wurde, fügt sich auf natürliche Art und Weise ins Gesamtbild. Dasselbe lässt sich auch von der E-Gitarre behaupten, die in ‚Colours‘ zu hören ist und für die der Lehrer von Ffrenchs Filius verantwortlich zeichnete. Mit Ausnahme von ‚One Look‘ sind sämtliche Stücke instrumental gehalten. Besagtes Stück darf aufgrund des ausdrucksstarken Gesangs von Leona Lewis als ein Höhepunkt der Scheibe bezeichnet werden. Dass Alexis nicht davor zurückschreckt, auch genrefremde Elemente in seine Musik zu integrieren, beweist die Latin-Gitarre des Japaners Jin Oki bei dem wundervollen ‚Viva Vida Amor‘. Ausgehend von einem Fundament, welches auf klassischer Musik beruht, hat Ffrench somit seiner Vita ein weiteres Ausnahmewerk hinzugefügt, welches Anspruch und Eingängigkeit auf meisterliche Art und Weise miteinander fusioniert.

(CW)

14 Punkte

ANDY BRINGS & BAND „Süden“ (Metalville/Rough Trade)

Es gibt da diesen recht strapazierten Begriff der „Umtriebigkeit“, aber wenn er auf jemanden zutrifft, dann sicher auf Andy Brings. Ob früher bei Sodom, in den letzten Jahren mit Double Crush Syndrome oder in diversen anderen Projekten – stets hat der Musiker aus Mülheim an der Ruhr überzeugt.Auch als Solist ist er nicht erst seit heute unterwegs, unter dem Namen ANDY BRINGS & BAND wagt er laut eigener Aussage aber eine Art Neustart. „Süden“ heißt das Album, welches Songs von 2008 bis 2021 enthält, welche mithilfe langjähriger Wegbereiter frisch aufbereitet wurden. Enthalten ist exakt das, was der Titel des ersten Tracks verspricht: ‚Rock’n’Roll’, angereichert mit viel Liebe, dem einen oder anderen Augenzwinkern und äußerst sympathischer Attitüde. Einen Hammer wie ‚Armee der Mädchen’ hätte auch die beste Band der Welt (aus Berlin!) nicht schöner schreiben können. Bei ‚Schlaflos’ werden selbst Narkoleptiker wieder wach. In ‚Tut mir leid’ lässt der harte Rockstar echten, fühlbaren Herzschmerz raus. Und wenn „Süden“ schließlich mittels des grandiosen ‚Raumschiff nach Hawaii’ mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie beendet wird, bleibt einem nur eines: die Platte noch mal starten und erneut abfeiern!

(FVD)

13 Punkte

ANNA SAGE „Anna Sage“ (Klonosphere/Season Of Mist)

Die aus Paris stammenden ANNA SAGE sind nur ein weiteres Beispiel für die vitale, konkurrenzstarke Hardcore-Szene Frankreichs. Nach zwei MCDs legt die 2012 gegründete Gruppe ihren ersten Longplayer vor. Das Quartett kultiviert einen spannenden, intensiven Sound, der Math Rock mit Darkened- sowie Post-Hardcore verbindet. Angesichts dieser Soundskizze dürfte ein Verweis auf Converge nicht überraschen. Dieser ist mit Blick auf das selbstbetitelte Album zwingend, weil auch stimmlich eine wahrnehmbare Nähe zu Jacob Bannon gegeben ist. ANNA SAGE interpretieren ihr Spiel aber breiter und arbeiten sich nicht allein durch die unterschiedlichen Interessen- und Schaffensphasen von Converge. Herausragend sind dabei die durchweg düstere Intensität und emotionale Spannung, die alle elf Tracks des Debüts aufweisen. Die Musiker bringen sich in ihre Songs voll und ganz ein. Das hört und spürt man, wenn man mit ANNA SAGE leidet oder – irgendwann unvermeidlich – seinen Aggressionen freien Lauf lässt. Die Franzosen verstehen sich gut darauf, ihre Hörer anzuteasern und deren innere Anspannung immer weiter zu steigern, bis man gemeinsam explodiert. Die selbstbetitelte Platte der Band aus Paris ist absolut kathartisch und in vielerlei Hinsicht heftig.

(AK)

11 Punkte

ASTRONOID „Radiant Bloom“ (Century Media/Sony)

Die aus Groveland, Massachusetts stammenden ASTRONOID sind bereits mit Periphery, Animals As Leaders, Between The Buried And Me und Coheed And Cambria getourt. Addiert man zusätzlich Alcest, Deafheaven und Mew hinzu und stellt sich anschließend den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Genannten vor, kommt man in etwa dort an, wo das Quartett aktiv ist. Mit „Radiant Bloom“ erscheint das Drittwerk der Gruppe, die einer Mischung aus Blackgaze und Dreamwave verschrieben ist. Auf dem Nachfolger von „Air“ aus dem Jahr 2016 und des selbstbetitelten Werks von 2019 geht es deutlich zugänglicher und durchgängig abstrakt poppig zu. ASTRONOID spielen anmutige, allgemeingültige und wirklich schöne Songs. Die Black-Metal-Einflüsse sind merklich zurückgefahren. Die Musiker stellen auf Wohlklang und eine warme, entrückte Intensität in der Breite ab. Bisweilen geht es auf „Radiant Bloom“ aber auch aufgewühlt und vertrackt zu, doch das niemals lange oder vordergründig. Eigentlich ist vieles, was man hört, schwerverdaulich, technisch komplex und heftig. Eigentlich. Denn dem Tenor nach ist das Drittwerk eher Post-Rock denn Post-Metal und niemals als extrem oder fordernd auszulegen. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht tief in den Sound-Kosmos der Band aus Massachusetts hineinhören und -arbeiten kann. Unter der verträumtschwelgenden Oberfläche passiert so viel. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, während der Respekt vor der kreativen Leistung von ASTRONOID immer weiter anwächst.

(AK)

13 Punkte

BECOMING THE ARCHETYPE „Children Of The Great Extinction“ (Solid State)

Da sind sie ja wieder. Na endlich. Wenige Monate nach der Veröffentlichung ihres bis dato letzten Albums „I Am“ hatten sich BECOMING THE ARCHETYPE 2013 in eine unbefristete Auszeit verabschiedet und sogar offen gelassen, ob die Band jemals wieder aktiv werden würde. Mit Erscheinen von „Children Of The Great Extinction“ herrscht nun Klarheit, dass es sich nur um eine temporäre Schaffenspause gehandelt hat. Zumindest vorerst. Die Gruppe aus Atlanta, Georgia meldet sich so verspielt, experimentell und heftig zurück, wie sie in Erinnerung geblieben ist. Einfache, simple Songstrukturen gibt es von ihr nicht. Bei BECOMING THE ARCHETYPE müssen es stets mehrere Komplexitäts- und Wirkungsebenen sowie sich nicht so schnell erschließende Bedeutungszusammenhänge sein. Das betrifft die Musik und Lyrics gleichermaßen. Der Ansatz der Musiker aus Atlanta ist allumfassend und ganzheitlich. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles bis ins kleinste Detail geplant und präzise umgesetzt. Die Akribie, mit der die US-Formation arbeitet, und die vorwärts gerichtete Kreativitätsattitüde hört man der Comeback-Platte jede Sekunde an. BECOMING THE ARCHETYPE geben sich wie in der Vergangenheit vertrackt und anspruchsvoll, dabei aber tendenziell auf Nachvollziehbarkeit bedacht und hinsichtlich der Atmosphäre stets so brachial und drückend wie möglich. Die eindrücklichen Hart-Zart-Kontraste und verträglichen Momente des sechsten Albums ändern daran nichts. Der Titel „Children Of The Great Extinction“ spricht Bände und ist eine gute Klammer für das düstere und apokalyptische Werk.

(AK)

12 Punkte

BLAUFUCHS „Daran wird es nicht scheitern“ (Aggressive Punk)

Damit deutschsprachiger Pop Punk wirklich funktioniert, müssen Künstler einen unpathetischen Umgang mit ihrer Muttersprache finden und in ihren Texten sowohl Plattitüden als auch Peinlichkeiten umschiffen. Lockerheit und Spaß dürfen gleichsam nicht zu kurz kommen. Den Ärzten gelingt das seit Jahrzehnten. BLAUFUCHS, die mitunter an die Berliner erinnern, ebenfalls. Es sind gerade auch die Lyrics, die als durchdacht, reflektiert und treffsicher auffallen. Überdies besitzen alle zehn Tracks von „Daran wird es nicht scheitern“ starke Hooklines und Refrains sowie tolle Melodien. Die Hildesheimer Band ist dem Ansatz verschrieben, Party und Protest beziehungsweise klare antifaschistische Kante miteinander zu verbinden. Damit überzeugt das niedersächsische Quintett über die gesamte Albumlänge. Es ist kaum zu glauben, dass BLAUFUCHS gerade erst ihren Vollzeiteinstand abliefern. Die Gastauftritte von Mitgliedern von ZSK, 100 Kilo Herz, Cosmo Thunder und Wisecräcker veredeln das tolle, mitreißende Debüt der Hildesheimer nur zusätzlich. Die feinen Pop-Punk-Hymnen der Band laufen erinnerbar ins Ohr, und gute Texte zum Nachdenken liefert „Daran wird es nicht scheitern“ auch. Respekt! Was will man mehr? Unbedingt anhören!

(AK)

12 Punkte

BLIND CHANNEL „Lifestyles Of The Sick & Dangerous“ (Century Media/Sony)

Nach etlichen Jahren im Underground hat ihr Auftritt beim Eurovision Song Contest 2021 für BLIND CHANNEL von jetzt

auf gleich alles verändert. Noch bevor sie für Finnland im Halbfinale antraten, sich für das Haupt-Event qualifizierten und einen mehr als respektablen sechsten Platz errangen, stand das Signing auf Century Media fest. Seither geht es für die sechsköpfige Gruppe stetig bergauf, doch hetzen ließen sich die Finnen deshalb nicht. Mit „Lifestyles Of The Sick & Dangerous“ erscheint der vierte Longplayer der Gruppe, der unter dem Motto „Stärken stärken“ steht. Eine Breitwandhymne jagt die nächste. Die Refrains aller elf Tracks sind herausragend und Ohrwurm-Garanten. Der Ansatz von BLIND CHANNEL mag durchschaubar sein, doch im Unterschied zu so vielen anderen Künstlern liefert das Sextett enorm starke Songs ab. Was die Musiker mitunter Violent Pop taufen, meint eine zwingende Mixtur aus Nu Metal, Alternative Rock, Post-Hardcore/-Screamo sowie einem ausgeprägten Pop-Faible. Dass Linkin Park einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, bleibt auf „Lifestyles Of The Sick & Dangerous“ kein lang gehütetes Geheimnis. Doch einerseits halten die Finnen dieser großen Referenz stand. Und andererseits gibt es ausreichend Differenzierung, als dass BLIND CHANNEL im Verdacht stehen würden, allein ihnen nachzueifern. Die sechsköpfige Gruppe nutzt das Momentum und legt ihr bislang bestesAlbum vor. Die Finnen stellen konsequent auf Breitwandhymnen ab, wobei sie bisweilen cheesy klingen. Doch dabei agieren sie so zugespitzt und übertrieben, dass man gar nicht anders kann, als diese Tracks abzufeiern.

(AK)

12 Punkte

BLOOD COMMAND „Praise Armageddonism” (Hassle)

Der Platz am Mikrofon scheint bei den Norwegern immer mehr zu einem Schleudersitz zu werden. Eigentlich war das vierte Album 2020 nach zwei Jahren im Kasten. Doch dann verabschiedete sich Frontfrau Karina Ljone, die einst auf Silje Tombre folgte. Die vier übrigen Musiker überlegten, wie nun weiter zu verfahren sei. 15.000 Kilometer entfernt von der Homebase in Bergen ging eine andere Band in die Brüche: Pagan spielten am 12. Januar 2020 ihre letzte Show. Ähnlich wie BLOOD COMMAND mischten Pagan wild Stile durcheinander: Punk, Black Metal und Disco. Kurzerhand eine Facebook-Nachricht geschickt, mit der Frage, ob sich Nikki Brumen vorstellen könne, bei den Norwegern einzusteigen. Die Antwort kam umgehend: Ja, konnte sie – schließlich hatte sie sich in Interviews schon häufiger als Fan geoutet. Eine kluge Entscheidung: „Praise Armageddonism” ist das bislang ausgereifteste und facettenreichste Werk von BLOOD COMMAND. Die Grundierung besteht weiterhin in melodischem Punk. Doch die Pop-Passagen klingen deutlich

… poppiger. Die Metal-Sequenzen … heavier. Und ebenso taucht plötzlich Ska auf (,A Questionable Taste In Friends‘). Im knapp achtminütigen Rausschmeißer – in der Vergangenheit kamen die Tracks lediglich auf zwei Minuten – ,Last Call To Heaven’s Gate‘ klingen die letzten vier Minuten schließlich nach epischem Jazz Rock, was nicht nur dem verspielten Saxofon zu verdanken ist. Der Songtitel verweist bereits auf das Konzept der Platte: die Auseinandersetzung mit dem Fanatismus der Sekte Heaven’s Gate, was schließlich im kollektiven Suizid mündete. Mit „Praise Armageddonism” übertreffen sich BLOOD COMMAND selbst.

(FSH)

13 Punkte

BRUECKEN „Innere Unruhen” (Moment Of Collapse)

Die kurzzeitige Hoffnung, dass es sich um ein neues Album von Claudia Brücken (Ex-Propaganda) handelt, zerschlägt sich schnell. Bei BRUECKEN handelt es sich um eine Post-Rock-Band aus Oldenburg. Die Intention der sechs instrumentalen Tracks erschließt sich schnell aus den Titeln: ,Fluthoch’, ,Abgrundtief’, ,Zerrbild’, ,Ataxie’, ,Lichterloh’‘ und ,Immersion‘. Die Musik wirkt jedoch weniger verkopft. Die ersten Tracks kommen angenehm luftig daher – mit viel Shoegaze-Affinität. Die Post-Rock-klassischen Monolithen entstehen im zweiten Teil der Platte – vor allem im siebenminütigen ,Lichterloh‘. Darauf folgt das zehnminütige Outro und zugleich Herzstück desAlbums: ,Immersion‘. „Immersiv“ ist derzeit ein Schlagwort in der Kunst. Es heißt so viel wie eins zu werden mit dem Werk. Damit einher geht die Distanz der Zuschauenden und Betrachten. Analog dazu lässt sich dies auf mindestens den letzten Song übertragen. Denn wenngleich BRUECKEN das Rad nicht neu erfinden, gelingt ihnen ein sehr starkes und bewegendes Genre-Album.

(FSH)

11 Punkte

CARPET WAVES „Inner Weapons“ MCD (Waveland)

Natürlich war früher nichts alles besser – mit Ausnahme der 1980er Jahre. Sounds, Mode und popkulturelle Ikonen der Dekade feiern gefühlt seit Ewigkeiten die x-te Renaissance. Auf dem Cover der neuen CARPET-WAVES-EP „InnerWeapons“ taucht neonfarbenes Licht ein Zimmer in Pink. Doch nicht nur farblich orientieren sich die Düsseldorfer an diesem Jahrzehnt, sondern siedeln zudem ihren Rocksound irgendwo zwischen Post-Punk, Shoegaze und New Wave an. Ein Song wie ,Narrow Dream Factory‘ hätte perfekt auf das Mixtape zwischen den nicht mehr krachigen The Jesus And Mary Chain, The Go-Betweens und Sonic Youth gepasst. Verdammt viel Melodie, Hall und anschmiegsame Gitarrenriffs machen das Rezept für den Zuckerguss aus, in den die fünf starken Songs getaucht wurden. Hier merkt man deutlich, dass CARPET WAVES kein kurzlebiges Projekt, sondern eine gestandene Live-Band sind, die seit Jahren die Clubbühnen in Nordrhein Westfalen beackern.Wer so hart arbeitet und so perfekt abliefert, hat jetzt aber auch endlich mal den Durchbruch verdient!

(FSH)

12 Punkte

CLEAVER „No More Must Crawl“ (Klonosphere/Season Of Mist)

Das ist mal interessant. Die Franzosen geben freimütig zu Protokoll, von amerikanischem Hardcore Punk beeinflusst zu sein. Damit meinen sie Gruppen wie Converge und Botch. Okay, diese Namen hätte man mit dem genannten Stilmix nicht unbedingt assoziiert. Zieht man mit ins Kalkül, dass auch Norma Jean, The Dillinger Escape Plan, Disembodied, etc. als Referenzen in Frage kommen, landet man unweigerlich bei Math Rock, Chaoscore und Noise, weniger bei Hardcore Punk. Losgelöst von dieser brotlosen Überlegung: CLEAVER präsentieren sich sprunghaft, impulsiv, komplex, verkopft und extrem heftig. Dass hier lediglich eine Dreierbesetzung zugange ist, wird kaum offenbar. Die dichte Wall of Sound, die „No More Must Crawl“ darstellt, ist amtlich und rüttelt gehörig durch. Die Franzosen frickeln, blasten und wüten sich durch zehn Tracks, deren knapp halbstündige Spielzeit völlig ausreicht. Es gibt so viele Richtungs-, Tempo-, Stil- und Komplexitätswechsel zu verdauen, dass man als Hörer ohnehin

von innen auf außen gedreht wird. CLEAVER drücken kompromisslos, schonen weder sich selbst noch ihr Publikum. Zwar haben die bereits angeführten Referenzgruppen bereits vor 20 Jahren ähnlich gelagerte Platten veröffentlicht. Das ändert aber nichts an der Daseinsberechtigung des jäh impulsiven und kontinuierlich wirbelnden Debüts der Franzosen.

(AK)

11 Punkte

CRASHED OUT „Against All Odds“ (Demons Run Amok)

Neben den eigenen Platten hat es vor gut zehn Jahren auch ein Split-Album von CRASHED OUT und Angelic Upstarts gegeben, das dem Quartett sicherlich noch einmal einen guten Push gegeben hat, was seinen Bekanntheitsgrad anbelangt. Die Gruppe aus dem Nordosten Englands besteht seit 1995 und ist noch zu Teenagertagen der Beteiligten gegründet worden. Über die Zeit hat es stilistische Adjustierungen gegeben. An einer Mischung aus Streetpunk, Punk’n’Rock und britischem Oi! haben die Musiker aber stets festgehalten. Kombiniert mit zahllosen Shows und Touren, mündet das auf „Against All Odds“ in ausgewiesen live-tauglichen, kratzigen Hymnen, die ein „Wir gegen sie“-Gefühl kultivieren und die Verbrüderung unter Gleichgesinnten beschwören. Das Songwriting erfolgt routiniert und klassisch. Griffige Hooklines führen jeweils schnell in Refrains, die das Publikum mitgrölen soll. Das Spiel von CRASHED OUT kommt ohne jeglichen Überraschungsfaktor daher, funktioniert aber trotzdem. Zumindest gemessen an dem Anspruch beziehungsweise Ziel, den Soundtrack für einen geselligen, feucht-fröhlichen Abend im Pub abzuliefern. Die 16 Tracks bringen es auf eine fast einstündige Spielzeit, während der sich die Engländer an einfache Weisheiten und Spielmuster halten. In Live-Situationen wird das Quartett punk(t)en. Darüber hinaus fehlt es „Against All Odds“ allerdings an greifbaren Referenznummern oder herausragenden Highlights.

(AK)

8 Punkte

DAGGER THREAT „Weltschmerz“ (BDHW)

Thematisch geht es bei DAGGER THREAT um den Kampf mit sich selbst. Wer angesichts des schlimmen Zustands der modernen Gesellschaften und Welt in Lethargie und Resignation aufgeht, verliert sich selbst. Eine Schockstarre und der Verlust der geistigen Gesundheit sind allerdings keine Lösung. So nachvollziehbar der „Weltschmerz“ auch ist. Schon das vor drei Jahren erschienene Debüt „Gestaltzerfall“ war hinsichtlich Sound und Aussage düster und beklemmend. Das Zweitwerk wirkt nicht anders. Das Hamburger Quintett hat seinen Sound jedoch weiterentwickelt. Beatdownbeziehungsweise Düster-Hardcore, Death, Industrial und Nu Metal bleiben gesetzt oder werden noch prominenter eingebunden, klingen im Zusammenspiel in jedem Fall furchteinflößender und mächtiger. Und dann sind da noch die zahllosen Samples und Effekte, die einerseits die inhaltliche Stoßrichtung und andererseits den Heavy-Crossover der Hanseaten vertiefen. „Weltschmerz“ ist auch deshalb spannend, weil DAGGER THREAT einen Metal Hardcore kultivieren, der noch nicht totgespielt ist und sich positiv vom Gros der Metalcore-Konkurrenz absetzt. Die Tatsache, dass auch der norddeutsche Fünfer mit Industrial-/Nu-Metal-Elementen arbeitet, wie es gegenwärtig viele tun, ändert daran nichts. Code Orange haben nun einmal Spuren in der Szene hinterlassen. Das Zweitwerk von DAGGER THREAT bietet verstörende Soundscapes und heftige Crossover-Brecher sowie einen „Weltschmerz“, der sich nachfühlen lässt.

(AK)

12 Punkte

DAVID SYLVIAN „Sleepwalkers“ (Grönland/Good To Go)

Bereits mit seiner Band Japan, die sich in den 1970er Jahren aus dem Glam kommend dem Art Rock zuwandte, setzte der Brite Akzente. Japan trennten sich bereits 1982, seitdem wandelt DAVID SYLVIAN auf Solopfaden. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends veröffentlichte er nicht nur die richtungsweisenden Platten „Blemish“ (2003) und „Manafon“ (2009), sondern zeigte sich Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen der Improvisationsmusik, Electronic und der Neuen Musik äußerst zugänglich. 2010 erschien die Kompilation „Sleepwalkers“, die darüber einen Überblick verschafft. Die Platte liegt in jetzt remasterter Fassung vor. Dazu zählt auch die Zusammenarbeit mit dem Ausnahmepianisten Ryuichi Sakamoto in ,World Citizen (I Won’t Be Dissapointed)‘ (2004) wie ,Exit/Delete‘ (2004), das gemeinsam mit dem japanischen Regisseur und FilmkomponistenTagaki Masakatu erarbeitet wurde.An der Schnittstelle von Pop und zeitgenössischer Klassik steht ,Five Lines‘, das in der Kombination von Bariton-Gesang und Avantgarde-Arrangement an die späten Werke von Scott Walker erinnert. Die 2010er-Ausgabe wurde um eine weitere ,Word Citizen‘-Variante erweitert – eine unterm Strich bezaubernde Zusammenstellung von herausragenden Kooperationen.

(FSH) -

DEADNATE „The North Sea – Pt. II“ CD/LP (Dead)

Im Falle des Debüts von DEADNATE lohnt der Griff zum Vinyl, denn dann hat man gleich alle Songs beieinander. Das farbige Artwork sieht zudem noch gewaltiger aus als das der schwarz-weiß gestalteten MCDs. Wer sich für das CD-Format entscheidet, muss sowohl „The North Sea – Pt. I“ als auch „The North Sea – Pt. II“ erwerben, denn nur in Kenntnis aller Tracks ergibt sich das volle Bild. Einige Monate nach dem Auftakt ist nun auch der zweite Teil erhältlich. Anerkennung verdienen sowohl das zusammengehörige Artwork – die MCDs nebeneinandergestellt ergeben einen größeren Bedeutungszusammenhang – als auch die vielschichtige musikalische Reise, die man miterlebt. DEADNATE präsentieren sich als Formation zwischen Post-Metal und -Rock sowie Blackened Hardcore und, ja, auch Prog Metal – zumindest von der zugrunde liegenden Stoßrichtung. Wer sich mit einschlägigenVeröffentlichungen vonThe Ocean, Isis, Neurosis, Gojira, Between The Buried And Me, Cult Of Luna und Breach auskennt oder auch mit dem Schaffen von dänischen Landsleuten wie The Psyke Project oder LLNN, wird zwar nicht unvorbereitet getroffen, findet aber spannende und kraftvolle bzw. -zehrende Tracks, die wirken. Der düstere, intensive und wandelbare Klangraum von DEADNATE hat viel für sich. Die Dänen sind gute Songwriter, die findungsreich und interessant komponieren. Hilfreich dabei ist es, dass der Vierer jenseits gängiger Standards unterwegs ist, was den Überraschungswert des Materials von „The North Sea – Pt. II“ steigert.

(AK)

12 Punkte

DIAMOND DOGS „Eye Of The Storm“ (Rebellion/Cargo)

Musiker, die sich ansonsten zumeist in Hardcore-Bands wie Reaching Forward, Mainstrike, Justice und Cornered verdingen, haben mit DIAMOND DOGS eine Gruppe aus der Taufe gehoben, die in Richtung Oi!/Streetpunk angesiedelt ist. Der selbstbetitelten Debüt-MCD folgt mit „Eye OfThe Storm“ ein Album, das den eingeschlagenen Weg ohne Änderungen fortsetzt. Die Niederländer halten sich vornehmlich an eingeführte Szenestandards und kultivieren einen Straßenköter-Charme. Alle Songs sind direkt angelegt, in jeder Hinsicht berechenbar, aber dennoch effektiv. Diesbezüglich ist es von Vorteil, dass der Vierer sein Blatt nicht überreizt, sondern seine acht Tracks in knapp 17 Minuten heruntergespielt hat. So verhindern DIAMOND DOGS, dass eine allzu große Abnutzung einsetzt und die Energieleistung der Band heraussticht. Nichtsdestotrotz ist „Eye Of The Storm“ kein Album, das man zwingend gehört haben muss. Ja gut, die Tracks unterhalten ob ihrer schroff-hymnischen Anlage. Das ist bei handwerklich anständig umgesetzten Oi!/Streetpunk-Nummern aber immer der Fall. Ansätze, die das Spiel von DIAMOND DOGS irgendwie auszeichnen würden, finden sich nicht. Summa summarum steht deshalb eine solide Veröffentlichung im

gesichtslosen Mittelfeld.

(AK)

8 Punkte

DIRK MAASSEN „Time” (Sony Classicla/Sony)

Klavier spielen sei für ihn wie Tagebuch führen, verriet der Musiker im vergangenen Jahr der ARD in einem Interview. Weil er zu seinen instrumentalen Stücken über die sozialen Netzwerke Feedback erhielt,in dem die Hörer ähnliche Assoziationen äußerten wie beim Kompositionsprozess, betitelte DIRK MAASSEN sein 2021er-Album „Echoes“. Die Noten und die Akkorde seien wie ein emotionales Echo, das zurückgeworfen werde. Dazu passt ein Stück wie ,Feathers‘, das der 52-Jährige einst für seinen schwerkranken Vater geschrieben hatte und das den Weg auf die starke Platte „Oceans“ fand. Als Leitfaden zieht sich der Ozean als Symbol für den Ursprung des Lebens durch das Album. An ein ähnlich großes Thema wagt sich der Komponist und Pianist mit „Time“ heran. Dazu nahm MAASSEN eine Auszeit von seinem Hauptjob als Softwareentwickler und zog sich in eine Berghütte in Tirol zurück, wo Spaziergänge durch die Natur den Tagesablauf strukturierten. Das vollkommene Loslassen vom Alltag sah der Musiker als notwendig an, um neuen klanglichen Ideen Raum zu geben. Die 14 Stücke, die letztlich den Weg auf das Album fanden, präsentieren MAASSEN erneut als Meister der Melancholie. Jeder Künstler sei per se melancholisch, denn nur wer über existentielle Fragen nachdenke, könne überhaupt erst Kunst schaffen. Melancholie, so MASSEN, sei keinesfalls mit Traurigkeit gleichzusetzen – aber noch nie klang der Musiker stellenweise so optimistisch und tatkräftig wie in manchen Passagen von „Time“, das gedanklich klar und sehr reduziert wirkt und zugleich berührend, sodass sich die neue Platte perfekt in MAASSENS Oeuvre einfügt.

(FSH)

13 Punkte

GET SOME! „…And Then You Die!“ (WTF)

Die beteiligten Musiker blicken auf Erfahrungen mit oder in I-Reject, Brothers In Blood und Black Cloud Halo zurück. Ende 2012 etablierten sich die neue Fünferbesetzung und GET SOME! Das Quintett aus den Niederlanden spielt sich seither spritzig und schnörkellos durch die Lande und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen neue Platten. „…And Then You Die!“ heißt der neue Longplayer der Gruppe. Die Stoßrichtung bleibt erhalten. GET SOME! setzen auf einen bissigen Hardcore, der nicht mehr vorgibt zu sein, als man hört. Will sagen: Es geht traditionell und berechenbar zu. Die Musiker nutzen ihre Band, um Dampf abzulassen und das in die Welt hinauszuschreien, was sie ankotzt und in Rage versetzt. Die Attitüde aller Tracks ist entsprechend ruppig und aggressiv. GET SOME! nehmen kein Blatt vor den Mund und teilen ordentlich aus. Neue Erkenntnisse oder eine Weiterentwicklung des Hardcore New Yorker Prägung sind hier keine Zielgrößen. „…And Then You Die!“ ist Ausdruck der Liebe für und Verinnerlichung all dessen, was die Hardcore-Subkultur auszeichnet. GET SOME! sind Teil der Szene und wollen auch gar nicht mehr sein. Unter dieser Klammer erscheint ein in sich stimmiges, seinem Zweck gerecht werdendes Album. Hardcore pride!

(AK)

9 Punkte

GRACEFUL „Demiurgia“ (Vlad)

Ob man das Schaffen von GRACEFUL nun eher als progressiv oder experimentell wertet, liegt im Ohr des Hörers. Die Franzosen geben sich so oder so große Mühe, als unkonventionell und künstlerisch wertvoll aufzufallen. Das Songwriting scheint bewusst verkopft angelegt, bleibt wiedererkennbare Passagen und Refrains jedoch nicht schuldig. Auf „Demiurgia“ lärmt und kracht es. Das Quartett aus Nantes fährt einen Crossover auf, was per se für Vielseitigkeit und Dynamik garantiert, und definiert sein Spiel mit jedem Stück neu. Noise- und Alternative Rock auf der einen Seite, Düster-Electro und Trip-Hop auf der anderen. GRACEFUL sind primär eine Rockband, die hörbar Gefallen darin findet, Sounds so miteinander zu kombinieren, dass sie anders und speziell klingen. In Ansätzen gelingt das. Letztlich geht den Franzosen aber doch der kreative Wagemut ab, die eigenen Ziele konsequent umzusetzen. Immer wieder hat man das Gefühl, die Musiker würden sich zurückhalten, um Nachvollziehbarkeit zu ermöglichen und die eigentlich doch recht konventionellen Strukturen der Tracks nicht zu torpedieren. Dass es angesichts dessen kaum zu wirklich vorwärts gerichteten Soundscapes reicht, überrascht dann nicht. „Demiurgia“ deutet Potenzial an und verfügt über einige interessante Ansätze, doch die geweckte Erwartungshaltung bleibt unbefriedigt.

(AK)

8 Punkte

GREEN SKY ACCIDENT„Daytime TV“ (Apollon/Soulfood)

Die Bergener legen eine feine Sommerplatte vor. Wer sich mal wieder im Spannungsfeld von shoegazigen Catherine Wheel, ein bisschen Indie à la Death Cab For Cutie und etwas emotional angehauchtem Progressive-Post/-Rock erfreuen mag, wird seine Zeit mit den Norwegern definitiv nicht verschenken. Der ausufernde 6-minütige Opener ‚Faded Memories‘ hat genau diese sehnsüchtige sommerliche Indie-Rock-Attitüde und wird mit der bereits auf YouTube veröffentlichten Single ‚In Vain‘ in weichen, durch Wolken gespielten Showgaze-Gitarren weitergesponnen. Einfache, an Slowcore-Helden wie die Red House Pointers oder Low gemahnende, tagträumerische Akkorde driften gedankenverloren im trägen ‚Point Of No Turn‘, mal sanft mit schrammelnden, dann mit perlenden Gitarrenmustern, sehr 90s-Indie-like. Das verdient alles keinen Originalitätspreis, macht aber auf nostalgische Weise gute Laune oder wahlweise etwas verträumt melancholisch. Diese zarte Dreampop-/Shoegaze-Affinität ergänzt den eher konventionellen Indie-Sound mit vielen kleinen, feinen atmosphärischen Gimmicks. Einfache, schmissige, nach vorn treibende Tracks wie die an Nada Surf erinnernden‘Insert Moin‘, ‚Finding Failure‘ oder der Titelsong machen ob ihrer positiven Aura einfach Laune und ergänzen sich perfekt mit immer wieder entschleunigten Songs wie ‚Screams At Night‘ oder dem schön entrückten, fast Post-Rock-artigen, siebenminütigen Rausschmeißer ‚While We Lasted‘. Man lässt sich mit Songlängen zwischen sechs und sieben Minuten gut Zeit für Stimmungen, dies aber im gesunden Kontrast zu poppig-kurzen Mini-Hits. Wenig originell, aber schöne Sommerplatte!

(RB)

11 Punkte

GREY DAZE „The Phoenix“ (Loma Vista/Universal)

Der Titel „The Phoenix“ lässt Raum für Interpretation. Spielt er nun auf die Herkunft der Gruppe aus Phoenix, Arizona an? Oder ist gemeint, dass sich Frontmann Chester Bennington noch einmal wie ein Phoenix aus der Asche erhebt? Wahrscheinlich trifft beides zu. Bevor sich der Linkin-Park-Sänger im Juli 2017 das Leben nahm, hatte er für den September desselben Jahres noch eine Live-Reunion seiner früheren Band GREY DAZE angekündigt. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Nach dem 2020er-Album „Amends“ erscheint bereits das zweite posthume Werk, das den Grunge bietet, dem die Gruppe verschrieben war, bevor man aufgrund bandinterner Streitigkeiten getrennteWege ging und Chester eineWeltkarriere startete. Die Bandkollegen verwerten das verbliebene Songmaterial und führen es im Sinne der früheren gemeinsamen Zusammenarbeit zur Veröffentlichungsreife. Mit von der Partie sind wieder einige Gäste. Besonders viel Gänsehaut kommt auf, wenn mit ,Hole‘ ein Duett des Ausnahmesängers mit seinen Töchtern erklingt, das es im wirklichen Leben niemals gegeben hat. Der verstorbene Frontmann hätte sich sicherlich auch über die Feature-Auftritte von Dave Navarro (Jane’s Addiction) und Richard Patrick (Filter) gefreut, die dem Vernehmen nach zu seinen wichtigen Einflüssen und Vorbildern zählten. Der Grunge Rock von GREY DAZE fällt insgesamt nicht als besonders auf – weder wirklich gut

noch schlecht. Herausragend ist allein die markante Stimme von Chester Bennington. Allein schon deshalb lohnt es, sich „The Phoenix“ anzuhören. Wobei, die Alternative, wenn man es mit (Post-)Grunge nicht so sehr hat, sind natürlich Linkin Park, auf deren Alben der Sänger noch selbstverständlicher und markanter in Erscheinung tritt.

(AK)

10 Punkte

HEAD FIRST „Head First“ (Metalville/Rough Trade)

Vor Waltari gab es HEAD FIRST, und jetzt hat sich die Band, in der Kärtsy Hatakka „nur“ sang, ehe seine eigene Combo international von sich reden macht, tatsächlich erst für ihr Debütalbum zusammengerauft. Die Kernbesetzung ist die gleiche wie Ende der 1980er, als die Musiker erstmals aufeinandertrafen, und dementsprechend altmodisch (aber im Guten!) klingt das Songmaterial auf der selbstbetitelten Platte. Hatakka möchte „Head First“ als Tribut an den ursprünglichen Rap Rock und Crossover im Geist von Faith No More oder insbesondere auch den frühen Red Hot Chili Peppers verstanden wissen; hinzufügen möchte man noch dieTatsache, dass die Band ihre finnische Herkunft nicht verhehlen kann. Abgesehen davon, dass die energiereichen Tracks durchgängig gute Laune verbreiten und somit absolut nicht in die Jetztzeit passen, wimmelt es darin vor abseitigen Ideen, die praktisch nur auf dem Mist von Finnen gewachsen sein können. Unabhängig davon wird man die meisten Stücke nicht mehr so schnell los, wenn man sie zwei-, dreimal gehört hat. Unterm Strich darf man sich auch deshalb für diese Reunion begeistern, weil ein bisschen musikalischer Eskapismus im gegenwärtigen soziopolitischen Düsterklima nicht schadet.

(AS)

11 Punkte

HECKSPOILER „Tokyo Drift“ (Noise Appeal)

Es ist nicht zwingend offenbar, dass die Österreicher instrumentenseitig allein mit Bass und Schlagzeug antreten. Die Wall of Sound ihres neuen Albums „Tokio Drift“ ist amtlich und beachtlich. HECKSPOILER betreiben einen leidenschaftlichen Aufwand, um größer zu wirken, als sie es eigentlich sind. Doch der Plan geht auf. Jenseits des Drum’n‘Bass-Ansatzes verdingen sich beide Musiker auch als Sänger. Der 11-Tracker des Duos gleicht einem wilden, grellen Art-Happening. Primär ist von einer Mischung aus Punk Rock, Garage, Stoner, Noise und Hardcore zu sprechen. Letztlich stimmt aber vor allem das Folgende: HECKSPOILER missachten gängige Konventionen und tun, wonach ihnen ist. Gut so. „Tokyo Drift“ klingt sowohl spontan und situativ als auch abstrakt hittig und mitreißend. Gerade im Letztgenannten offenbart sich die Klasse der Österreicher, die sicherlich schon einige Zeit lang fleißig Konzerte spielen und längst wissen, wie sie mit ihrem naturgegeben minimalen Einsatz maximale Wirkung erzielen können. Interessanterweise gönnt sich das Duo bisweilen auch ein Hip-Hop-Flair und erinnert dann – jenseits des auffälligen Dialekts – irgendwie an Deichkind. Im Kontext von HECKSPOILER ist scheinbar nichts ausgeschlossen.

(AK)

11 Punkte

HIGH CASTLE TELEORKESTRA „The Egg That Never Opened (Radio Free Albemuth, Part 1)” (Art As Catharsis)

Philip K. Dick, dessen literarische Vorlagen zu Filmen wie „Blade Runner“, „Total Recall“ oder „Minority Report“ adaptiert wurden, schrieb kurz vor seinem Tod an „Radio Free Albemuth“. Die Handlung des damals dystopisch anmutenden Romans erscheint vor dem Hintergrund von allgegenwärtigen Fake News gar nicht so weit hergeholt: Der Politiker Ferris F. Fremont (FFF = 666) warnt die Bevölkerung vor einer anarchistischenVereinigung, die jedoch gar nicht existiert. Doch aufgrund der geschürten Angst kann er gemeinsam mit der populistischen Organisation „Friends of the American People“ (FAP) Gesetze vornehmen, die die Bürgerrechte beschneiden. Während des Lockdowns fand sich unter dem Namen HIGH CASTLE TELEORKESTRA ein international agierendes Ensemble zusammen, das instrumentale Musik spielt, die von den Themen des Romans inspiriert wurde. Dick hätte dies in jedem Fall zugesagt, schließlich hatte er seinen ersten Brotjob in einem Plattenladen für klassische Musik. Ganz klassisch agiert das HIGH CASTLE TELEORKESTRA allerdings nicht: Es mischt Metal, Progressive Rock, Jazz, osteuropäischen Folk und Neue Musik zu einem brodelnden Stilmix und zögert dabei auch nicht, Brecht/Weill mit Songs aus deren „Dreigroschenoper“ (1928) zu covern. Sehr abgedreht und äußerst eigen. Muss man einfach aufgrund der Originalität mögen! (FSH) 12 Punkte

HOLLYWOOD UNDEAD „Hotel Kalifornia“ (BMG)

Egal was die Kalifornier anfassen, Erfolg ist ihnen garantiert. Zweifelt irgendjemand daran, dass auch der neue Longplayer von Charlie Scene, J-Dog, Johnny 3 Tears, Funny Man und Danny Anklang finden wird? Nein? Eben! HOLLYWOOD UNDEAD haben sich vor Jahren einen Trademark-Crossover-Sound zwischen Rap Rock, Alternative Rock, Nu Metal und Electro aufgebaut, der selbst im Mainstream die Massen begeistert. „Hotel Kalifornia“ entwickelt sich nach dem altbekannten Rezept. Es ist weniger ein Album im Sinne zusammengehöriger, miteinander interagierender Tracks als vielmehr eine Ansammlung von 14 Hits. Einzelne Songs sind bereits als Singles ausgekoppelt worden. Im Zeitverlauf könnte man dies mit allen Liedern tun. Das Material ist stark genug. HOLLYWOOD UNDEAD wandeln geschickt zwischen ihren Einflüssen, stellen mal den einen, mal den anderen heraus.Was sich durch dieTracks von „Hotel Kalifornia“ zieht, sind die catchy Refrains, die selbstredend im Ohr hängen bleiben. Inhaltlich behandeln die Kalifornier dabei immer wieder auch ernste Themen. HOLLYWOOD UNDEAD sind in jeder Hinsicht eine vielseitige, interessierte Band. Selbst Hörer, die mit den grellen, auffälligen und überbetonten Nummern des Quintetts nicht so viel anfangen können, müssen anerkennen, wie couragiert und einmischend die Gruppe unterwegs ist. Das Leben ist nicht allein eitel Sonnenschein. Songs wie ,CHAOS‘, ,World War Me‘, ,Ruin My Life‘, ,Go To War‘, ,Wild In The Streets‘ oder ,City Of The Dead‘ erzählen davon. Die Band, die gemeinhin mit Kalibern wie Papa Roach und Bad Wolves tourt, hat mehr zu bieten, als ihre viele zugestehen.

(AK)

12 Punkte

IF I DIE TODAY „The Abyss In Silence“ (Argonauta)

Das ist mal eine Überraschung: die Spielzeit von gut 24 Minuten. Und das, wo es sich bei „The Abyss In Silence“ um ein Konzeptalbum handelt, das um das Gedicht „Der Tod wird kommen und wird deine Augen haben“ des italienischen Dichters Cesare Pavese herum entwickelt wird. Der Stoff ist starker Tobak. Es geht um die Akzeptanz von Verlust und Tod als unverzichtbarem Bestandteil des Lebens. Als Band zwischen Post- und Blackened Hardcore sowie Sludge- und Post-Metal sollte das IF I DIE TODAY eine ideale Ausgangslage verschaffen, sich kreativ auszutoben und viele denkbare und undenkbare Facetten des Konzepts auszukundschaften. Die seit 2007 aktiven Norditaliener beschäftigen sich aber vor allem oder besser ausschließlich mit den aufwühlenden, barschen und heftigen Aspekten. „The Abyss In Silence“ klingt durchgängig brachial, kraftvoll und voluminös. Musikalische Fragilität oder introvertierte Momente gibt es nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb das Quartett keine halbe Stunde füllt. Ein anderer ist es, dass IF I DIE TODAY ein gesundes Gespür dafür beweisen, wann alles gesagt ist. Die einzelnen Tracks ihres Viertwerks setzen sich ausreichend voneinander ab, um die Spannung aufrechtzuerhalten und für den Fortgang zu interessieren. Bevor die Italiener Gefahr laufen, sich zu wiederholen oder im Songwriting nachzulassen, ist „TheAbyss In Silence“ bereits beendet.

(AK)

10 Punkte