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Preußen am Abgrund


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.08.2021

PROLOG

Sommer 1759

Artikelbild für den Artikel "Preußen am Abgrund" aus der Ausgabe 9/2021 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 9/2021

Friedrich II. führt seine Männer selbst in den Kampf und sieht sie sterben. Zu stark sind die Österreicher und Russen. Zuletzt muss man ihn gewaltsam vom Schlachtfeld zerren

Als die preußischen Grenadiere die Anhöhe hinaufstürmen, laufen sie direkt ins feindliche Feuer. Kugeln und Schrotladungen prasseln auf sie ein, zerfetzen Gliedmaßen, reißen Bauchdecken auf. Angriffsreihe um Angriffsreihe fällt, Verletzte schreien vor Schmerz. Ihr Blut sickert in den sandigen Boden einer Senke bei Kunersdorf nahe Frankfurt an der Oder.

Der preußische König Friedrich II. führt den Sturmangriff an diesem 12. August 1759 selbst an. Er sieht, wie seine Männer reihenweise fallen. Eine Kugel trifft Friedrichs Pferd, doch der König besteigt ein neues Ross.

Allmählich begreifen die preußischen Soldaten, dass der Angriff auf die befestigten Stellungen aussichtslos ist. Die ersten werfen ihre Musketen weg und rennen davon. Der König schreit die Deserteure an, dass sie weiterkämpfen sollen. Aber viele ignorieren ihn.

Der König wird getroffen. Eine Tabakdose rettet ihm das Leben ...

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Dann wird Friedrich selbst getroffen. Die Kugel durchdringt seinen Rock – und prallt gegen eine Tabakdose in seiner Tasche, so die Überlieferung. Wäre das Projektil nur wenige Zentimeter höher herangeflogen, hätte es ihn schwer oder gar tödlich verwundet. Erst als die feindliche Kavallerie heranreitet, reißt der preußische Rittmeister dem König die Zügel aus der Hand und bringt ihn in Sicherheit. Im Lager schreibt Friedrich seinem Kabinettsmeister: »Von einem Heer von 48 000 Mann habe ich jetzt keine 3000. Alles flieht, und ich bin nicht mehr Herr meiner Leute.«

»Mein Unglück ist, dass ich noch lebe. Ich halte alles für verloren«

Friedrich II. nach der Schlacht bei Kunersdorf

So scheint die Niederlage bei Kunersdorf wie eine Entscheidung im Siebenjährigen Krieg. Friedrich fürchtet, dass die Österreicher und Russen bis ins hundert Kilometer entfernte Berlin durchmarschieren und sein Reich zerschlagen. Er schreibt: »Mein Unglück ist, dass ich noch lebe. Ich halte alles für verloren.« Um das Ende Preußens noch irgendwie abzuwenden, braucht der König, so scheint es, ein Wunder.

Rückblick: Zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs hat Preußen keine fünf Millionen Einwohner und kaum nennenswerte Industrie. Das Territorium reicht vom Niederrhein bis ins Baltikum, ist aber zerstückelt und kaum von Gebirgen geschützt. Was Bevölkerung und Wirtschaftskraft angeht, ist Preußen den anderen europäischen Großmächten unterlegen.

Friedrich setzt auf eine starke Armee: Selbst in Friedenszeiten gibt er etwa 85 Prozent der Staatseinnahmen für Kanonen, Pferde und Sold aus. Jeder 27. Einwohner ist Soldat. Die Leistungsfähigkeit dieser Armee hat der König zwei Jahrzehnte zuvor demonstriert, als er Schlesien erobert hat. Mit seiner aggressiven Politik hat er sich Feinde gemacht.

Der Preuße marschiert in Sachsen ein und fordert mächtige Gegner heraus

Als Friedrich im August 1756 ohne Kriegserklärung in Sachsen einmarschiert, fordert er mächtige Gegner heraus: Frankreich, Russland und Österreich haben sich gegen ihn verbündet, später kämpfen auch Bayern, Württemberg und Schweden gegen Preußen.

Auf seiner Seite weiß Friedrich die britische Krone, die damals auch das Kurfürstentum Hannover im heutigen Niedersachsen regiert. Die Briten scheuen aber zunächst Verwicklungen auf dem europäischen Festland, da sie zeitgleich in Nordamerika, der Karibik und Südasien gegen Frankreich kämpfen.

In Europa nutzt Friedrich den Überraschungseffekt. Er besetzt Sachsen, widersteht nahe dem böhmischen Lobositz einem österreichischen Heer und belagert Prag. Als ein Entsatzheer herbeieilt, muss er die Belagerung abbrechen. Allmählich zieht sich eine Schlinge um Preußen: Aus dem Westen kommen Franzosen, aus dem Norden Schweden, aus dem Osten Russen und aus dem Süden Österreicher.

Anfang Dezember 1757 befindet sich der König bereits in einer scheinbar aussichtslosen Lage: Nahe dem schlesischen Leuthen, heute Lutynia in Polen, stehen seine 35 000 Soldaten einer Übermacht aus etwa 60 000 Feinden gegenüber.

Friedrich verkennt den Ernst der Lage nicht. »Ich werde«, sagt er zu seinen Offizieren, »gegen alle Regeln der Kunst einen beinahe zweimal stärkeren, auf Anhöhen verschanzt stehenden Feind angreifen. Wir müssen den Feind schlagen oder uns vor ihren Batterien alle begraben lassen.« Dann packt der König seine Leute bei der Ehre: »Ist einer oder der andere unter Ihnen, der nicht so denkt, der fordere hier auf der Stelle seinen Abschied. Ich werde ihm selbigen ohne den geringsten Vorwurf geben.« Ein Major ruft: »Ja, das müsste ein infamer Hundsfott sein.« Alle Offiziere bleiben.

Friedrich stellt seine Armee in einer schiefen Schlachtordnung auf: Während sein linker Flügel nur zum Schein angreift, marschieren Tau- sende Soldaten um einen Hügel herum nach rechts, um den Österreichern in die Flanke zu fallen und an der entscheidenden Stelle eine Überzahl herzustellen.

Der Plan geht auf: Die Artillerie deckt den Vormarsch der Infanterie, die Kavallerie fällt über die ungeordneten Feinde her. Die Preußen töten und verletzen 10 000 Gegner und nehmen weitere 12 000 gefangen. Friedrich verliert nur 6400 Mann. Napoleon wird die Schlacht später als »Meisterstück« bezeichnen.

Das verarmte Land kann nur noch seine Grenzen verteidigen

Der Sieg ändert allerdings wenig daran, dass Friedrich strategisch in der Defensive ist. Je länger der Krieg dauert, desto mehr macht sich Preußens geringe Wirtschaftskraft und Bevölkerung bemerkbar. Anders als seine Feinde kann der König verlorene Soldaten fast nicht mehr ersetzen – in Preußen sind kaum noch wehrfähige Männer abkömmlich. Angesichts der feindlichen Übermacht geht es nur noch darum, die preußischen Grenzen zu verteidigen.

Im Sommer 1759 vereinigen Österreicher und Russen ihre Armeen. Mehr als 70 000 feindliche Soldaten stehen wenige Tagesmärsche von Berlin entfernt am Ostufer der Oder bei Kunersdorf. Friedrich zieht ihnen mit 48 000 Mann entgegen, setzt über den Fluss und drängt auf eine Schlacht. Er folgt seiner bisherigen Strategie, die sein Bruder Prinz Heinrich so zusammenfasst: »Mein Bruder wollte immer bataillieren; das war seine ganze Kriegskunst!«

Wie bei Leuthen entscheidet sich der König für eine schiefe Schlachtordnung, um seine Unterzahl zu kaschieren. Die Soldaten marschieren um 3 Uhr morgens los, aber der König hat das Terrain falsch eingeschätzt. Anders als bei Leuthen verzögern Wälder und der sandige Boden den Flankenangriff. Den ersten Hügel nehmen Friedrichs Grenadiere noch ein, und der König schickt einen Boten mit einer Siegesmeldung nach Berlin.

Doch um ins feindliche Zentrum vorzustoßen und den Feind aufzureiben, müssen die Preußen eine acht Meter tiefe Senke namens Kuhgrund durchqueren – ohne Artillerie- Unterstützung, weil die Kanonen im Sand feststecken. Zudem haben die Russen auf der anderen Seite des Kuhgrunds eine Verteidigungsstellung mit zahlreichen Geschützen errichtet.

Die preußischen Generäle legen dem König nahe, den Angriff abzubrechen. Er aber befiehlt, die Anhöhe jenseits des Kuhgrunds zu stürmen. Wie häufig reitet er in einer der ersten Linien mit, um seine Männer zu motivieren.

Nach der verlorenen Schlacht verschickt der König verzweifelte Briefe

Die Entscheidung führt ins Desaster. Die russische Artillerie schießt die Preußen im Kuhgrund zusammen, bis der uneinsichtige Friedrich vom Schlachtfeld gezerrt wird. In den Abendstunden des 12. August schreibt der Preußenkönig seine verzweifelten Briefe – manche Historiker erkennen in seinen Worten Gedanken an Suizid.

Wenige Tage später stellt sich jedoch heraus, dass die Aussichten weniger düster sind als befürchtet. 18 000 preußische Soldaten sind gefangen, verletzt oder tot. Der Rest aber kehrt bald zu Friedrichs Fahnen zurück. Der König kommandiert wieder eine einigermaßen schlagkräftige Armee.

Die beste Neuigkeit für Friedrich aber ist, dass seine Feinde nicht weiter vorrücken. Der österreichische Feldmarschall erhält zwar den Befehl, Berlin einzunehmen. Doch er wagt den Vormarsch nicht, weil die preußischen Truppen von Prinz Heinrich die österreichischen Nachschublinien in der Lausitz bedrohen. Die russische Armee hat bei Kunersdorf 14 000 Mann verloren und ist für weitere Offensiven zu erschöpft. Ihr Befehlshaber führt sie bald zurück ins Winterquartier östlich der Weichsel. Auch die Franzosen, die von Westen vorstoßen könnten, unternehmen nichts. Weder Russland noch Frankreich haben Interesse daran, Preußen komplett zu unterwerfen: Sie fürchten, dass davon vor allem Österreich profitieren und eine Vormachtstellung in Europa einnehmen würde.

Am 1. September 1759 schreibt Friedrich an seinen Bruder: »Ich verkündige Dir das Mirakel des Hauses Brandenburg! Während der Feind bereits über die Oder gegangen war und nur eine zweite Schlacht zu wagen brauchte, um den Krieg zu beenden, ist er über Müllrose nach Lieberose gezogen« – also nach Süden und weg von Berlin. Mit dem Begriff »Mirakel« macht sich Friedrich über die Propaganda der österreichischen Monarchie lustig, die sich in ihrer Geschichte immer wieder auf Rettungen durch Heilige beruft.

Trotz der glücklichen Wendung ist Friedrich im Herbst 1759 angeschlagen. Er ist mittlerweile 47 Jahre alt, und die Gicht macht ihm zu schaffen. »Wenn Sie mich jemals wiedersehen, werden Sie mich recht gealtert finden«, schreibt er an seinen Kammerherrn, »mein Haar wird grau, die Zähne fallen mir aus, und bald werde ich gewiss dummes Zeug reden.« Sein Preußen ist weiterhin von mächtigen Feinden umstellt. Sie können es zwar nicht auslöschen, wollen es aber kleinhalten. Das Mirakel nach der Schlacht von Kunersdorf hat Friedrich eine Verschnaufpause verschafft. Und es wird nicht das letzte preußische Wunder im Siebenjährigen Krieg bleiben.

LESETIPPS

Tim Blanning: »Friedrich der Große: König von Preußen. Eine Biographie«. C. H. Beck 2019, € 34,– Klaus Jürgen Bremm: »Kunersdorf 1759. Vom militärischen Desaster zum moralischen Triumph«. Brill/Ferdinand Schöningh 2021, € 29,90