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PRINCE UND DIE 90ER POP-GENIE AUF SINNSUCHE


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 12.09.2019
Artikelbild für den Artikel "PRINCE UND DIE 90ER POP-GENIE AUF SINNSUCHE" aus der Ausgabe 10/2019 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 10/2019

DIE 90ER-JAHRE WAREN KEINE

LEICHTE ZEIT FÜR PRINCE.

DAS JAHRZEHNT WAR GEPRÄGT

VOM STREIT MIT SEINER

EHEMALIGEN PLATTENFIRMA ÜBER

DIE RECHTE AN SEINER MUSIK.

AUS DEM MEISTER WAR EIN SKLAVE

GEWORDEN, AUS DEM

POPWUNDERKIND DER 80ERJAHRE

EIN SINNSUCHENDER.

„EMANCIPATION“ SOLLTE 1996 DEN

NEUANFANG MARKIEREN.

ES IST DAS ALBUM, BEI DEM ER ZUM

ERSTEN MAL IN DER LAGE WAR,

SEINE KÜNSTLERISCHE VISION

KOMPROMISSLOS UMZUSETZEN.

ES IST ABER AUCH EIN DOKUMENT

DER GEPLATZTEN TRÄUME. NUN

WIRD ES ERSTMALS ANGEMESSEN

GEWÜRDIGT

„Free at Last“, skandiert der Chor, „am Ende sind wir frei“. Vier Trommler marschieren auf die Konzertbühne des ...

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... Paisley Park, sie schlagen zur Stimme Martin Luther Kings auf ihre Instrumente ein, während das Publikum sie bejubelt. „Free at last! Free at last!ank God Almighty, we are free at last!“ Das Sample stammt aus der berühmten „I Have A Dream“- Rede des Bürgerrechtlers, der vom Ende der Unterdrückung der Schwarzen träumte. 1963 war das, in Washington, D.C., King sprach am Lincoln Memorial vor 250.000 Menschen.

33 Jahre später spielt nun Prince die Rede Kings ein, als Teil seines Songs „Slave“ , der augenblicklich in„Jam Of _ e Year“ überleitet. Und dann betritt er seinYear“ überleitet. Und dann betritt er seine eigene Bühne, sichtlich gut gelaunt. Prince will eine „Befreiung“ feiern – mit dem sogenannten „Emancipation“-Konzert in seinem Arbeits- und Wohnkomplex in Minneapolis, anlässlich der Verö entlichung seines gleichnamigen Albums. Amerikanische TV¡Sender übertragen das Spektakel live. „Ich wurde geboren, um genau dieses Werk zu erscha en“, sagt Prince nach diesem Abend des 12. November 1996. Er £ hlt sich frei, weil er das EMANCIPATION Album aufnehmen konnte, ohne die Wünsche einer Plattenfi rma berücksichtigen zu müssen.

Prince hatte also einen Favoriten unter seinen 39 Studioalben, und der war erstaunlicherweise keines jener Werke, die in sämtlichen Kritikerlisten ganz oben stehen, PURPLE RAIN, 1999 oder SIGN O’ THE TIMES. Prince stellte EMANCIPATION unter dem Künstlernamen vor, den er sich ein Jahr vorher zulegte, und der sich nur als Sonderzeichen schreiben ließ. Aus Prince wurde das „Mann-Frau-Symbol“, das „Love Symbol“. Die Medien nannten ihn „ e Artist Formerly Known As Prince“, abgekürzt „TAFKAP“ – beides aus Verlegenheit, denn Prince weigerte sich, dem Schriftzeichen einen Namen zu geben.

War das 19. Prince-Album EMANCIPATION ein Hit? Nein. Es verkaufte sich im ersten Jahr nach seiner Verö entlichung nur 570.000 Mal. Die Vorab single„Betcha By Golly Wow!“ war in Großbritannien am erfolgBy war in Großbritannien am erfolgreichsten, kratzte dort aber auch nur an der Top Ten, sie kam nicht höher als Platz elf. Und doch er¢ hrt EMANCIPATION inzwischen seine Rehabilitierung: Es gilt als das Prince-Album, auf dem der Künstler seinen größten Mut und Durchhaltewillen bewies.

1996 zehrte Prince noch immer von seinem exzellenten Ruf, der vor allem auf Leistungen aus den 1980er- Jahren gründete. Das Album PURPLE RAIN hatte sich mehr als 20 Millionen Mal verkauft, der BATMANSoundtrack über zehn Millionen Mal. Aber Prince galt in den 90ern auch als einer der größten Pop-Exzentriker. Die Auseinandersetzungen mit seiner Plattenfi rma waren legendär, und sie rieben ihn auf. Er bewerbe, so der Vorwurf, seine Werke zu wenig, verö entliche zu viel Musik in zu kurzer Zeit, und seine Konzepte würde niemand verstehen. Für die schwindenden Albumverkäufe aber machte Prince wiederum sein Label verantwortlich. Ein Musiker in seinem Umfeld sagte: „Bis PURPLE RAIN war alles in Ordnung. Danach bekam er alles, was er sich je gewünscht hatte, und es gefi el ihm nicht.“

Die EMANCIPATION sollte nun den Neuanfang markieren. Nach 18 Jahren bei Warner Bros. Records war Prince frei, der Vertrag mit der Major-Platten fi rma erª llt. Nun konnten die ersten Songs auf seinem eigenen Label NPG Records erscheinen. Nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich sprengte der 38«Jährige auf dem Cover von EMANCIPATION seine Ketten, das Eisen fl og dem Betrachter regelrecht entgegen. Im Booklet zeigte er seine rechte Wange, darauf der Schriftzug „Slave“ – „Sklave“. Jeder „Slave“ hat bekanntlich einen „Master“, und mit dem „Master“ war Warner gemeint. Es war ein Wortspiel: Die Firma hatte die Rechte an den Master-Bändern, also an seinen Aufnahmen. Entweder dir gehören die Master. Oder du gehörst einem Master. Ab jetzt würde Prince alles, was er herausbringen sollte, nur ihm gehören.

EMANCIPATION war jenes Album, das Prince ganz nach seinem Plan verö entlichen konnte. Mit der Songliste, die ihm vorschwebte, und im Sound, der ihm passend schien. Und wie viel er mitzuteilen hatte: Das Werk umfasste drei CDs mit jeweils zwölf Songs und exakt 60 Minuten Länge. 180 Minuten Gesamtspielzeit. Zwar wurde die Platte kein Hit, dennoch wurde Prince in den USA mit Doppel-Platin ª r mehr als eine Million Verkäufe ausgezeichnet. Jedes verkaufte Album musste mit dem Faktor drei multipliziert werden, weil EMANCI PATION eben aus drei Tonträgern bestand. Dabei interessierten den Künstler solche Erfolge nur bedingt. Vielmehr konnte er sich jetzt den Traum erª llen, der ihm neun Jahre zuvor, mit dem oftmals als größtes Album der Achtziger gefeierten SIGN O’THE TIMES, verwehrt geblieben war. Prince wollte das Album 1987 als Dreier-LP/CD herausbringen. Auf Druck seiner Plattenfi rma wurde es zum Doppelalbum heruntergekürzt. Argument: Als 3er-Set wäre es im Handel zu teuer angeboten worden. Diese Vorgabe empfand Prince als Eingri in seine Freiheit, als Zensur, und die hat er dem Label bis zum Ende seines Vertrags nicht verziehen.

JEDER„SLAVE“ HAT EINEN „MASTER“, UND MIT DEM „MASTER“ WAR SEINE EHEMALIGE PLATTENFIRMA GEMEINT. SIE HATTE DIE RECHTE AN DEN MASTER-BÄNDERN, ALSO AN SEINEN AUFNAHMEN.

Gesprengte Ketten: „EMANCIPATION“ erscheint nicht nur als CD-Reissue, sondern erstmals auch auf Vinyl, als 6-LP-Edition. Zeitgleich werden zwei weitere Werke aus der „Love Symbol“-Phase des Musikers wiederveröff entlicht: „Chaos and Disorder“ von 1996, sowie zum ersten Mal überhaupt „The Versace Experience (Prelude 2 Gold)“, das 1995 auf der Pariser Fashion Week als Musik-Kassette verteilt wurde und Remixe enthielt – und nun auf CD und Vinyl aufgelegt wird.

Der Weg zu EMANCIPATION beschreibt einen einmaligen Reifeprozess. Keine zwei anderen Platten aus dem Katalog von Prince, der zwischen 1978 und 2016 auf gigantische Größe angewachsen war, dokumentierten eine derartige Entwicklung. Aus dem sexbesessenen Sänger wurde eine Dekade später ein verliebter Ehemann, der kurz vor der Familiengründung stand. 1987 brüllte er noch „I want to do it baby every day, all right / In a bed, on the stairs, anywhere, all right“. Wen er auf dem Bett, den Stufen, einfach überall beglücken wollte, war nicht wichtig. „It“ drehte sich nur um sein Ego. 1996 aber wünschte Prince sich „Let’s have a baby / What are we livin‘ for?“ Es ging um neue Prioritäten, die plötzliche Dringlichkeit eines Vermächtnisses – aber nicht eines, in dem noch immer er im Mittelpunkt stand, sondern eines, das in einem anderen Menschen weiterleben sollte.

Prince ganz privat: mit Ehefrau Mayte Garcia und Hund Mia


Was ging plötzlich im Ge hlsleben von Prince vor? Die Geschichte von EMANCIPATION erwies sich nicht nur als die eines Musikers, der die Kontrolle zurückerlangte und nach seinem Weg suchte, seine Alben so umzusetzen, wie sie ihm vom ersten Gedanken an vorschwebten. EMANCIPATION ist aus zwei weiteren Gründen einzigartig. Es ist seine romantischste Platte. Einerseits. Andererseits ist sie mit Blick auf das, was sich kurz vor der Verö entlichung am 19. November 1996 zutragen sollte, auch seine todtraurigste Platte geworden. Unfreiwillig, weil Prince über anstehende Elternfreuden sang – und bei den Aufnahmen nicht wissen konnte, dass auf das Glück bald eine Tragödie folgen würde. Im Rückblick sind Lieder wie„Friend, Lover, Sister, Mother/Wife“ schwer zu ertragenSister, Mother/Wife“ schwer zu ertragen.

DAS ALBUM SCHRIEB PRINCE FÜR SEINE EHEFRAU UND FÜR SEINEN UNGEBORENEN SOHN AMIIR.

Am Valentinstag, dem 14. Februar 1996, er steckte gerade mitten in den Aufnahmen zum Album, trat Prince vor den Traualtar. Es war eine schnell anberaumte Hochzeit. Den Heiratsantrag hatte er kurz zuvor gemacht, am Telefon. Eine Villa auf einer Insel in der Sonne war auf die Schnelle nicht zu bekommen, also arrangierte er die Feier zu Hause im Paisley Park in Minneapolis, im kalten Winter von Minnesota. Seine Angetraute war die 22-jährige Mayte Garcia. Sie war Mitglied seiner Band e New Power Generation. Kennengelernt hatte er die Tochter puertoricanischer Einwanderer, als sie 16 war. Da war er 32. Garcia, seit Kindesalter begeisterte Tänzerin, ließ ihm während seiner „Nude Tour“ eine VHS£Kassette mit ihren Bauchtänzen zukommen. Prince war angetan und lud Mayte (und deren Mutter im Schlepptau) zu Konzerten ein. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die von Gesprächen in Hotelzimmern nach seinen Gigs geprägt gewesen sein soll. In diesen vier Wänden war die Mutter nicht mehr anwesend. Die Eltern vertrauten Prince, ö entliche Auftritte mit der Minderjährigen wären dagegen undenkbar gewesen.

FOTOS:RANDEE ST NICHOLAS

PRINCE PLANTE EIN KONZEPTALBUM MIT HAPPY END ALS VATER – DANN KAM IHM DAS ECHTE LEBEN IN DIE QUERE. SEIN SOHN STARB KURZ NACH DER GEBURT.

In ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografi e „ e Most Beautiful Girl“ legt Garcia Wert auf die Feststellung, dass er ihr keine Avancen gemacht habe, solange sie noch nicht volljährig war. Ein gelegentliches Liebespaar wären sie damit frühestens von 1991 an gewesen. Gewisse Freiheiten waren dem Liebhaber weiterhin zuzustehen. Das Image von Prince als Ver hrer, der nichts anbrennen ließ, hatte noch Bestand. Mit der Eheschließung und dem Willen zur Treue wollte er sich nicht nur als Mensch, sondern auch als Musiker neu positionieren. Mayte bezeichnete er als seine Seelenverwandte, das EMANCIPATION.Album sollte ihr gewidmet sein. Er komponierte es r sie – und r seinen ungeborenen Sohn Amiir

„Amiir“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Geschenk Gottes“ oder „Prinz“. Auf den mehr oder weniger naheliegenden Namen kamen Mayte und Prince in einer ihrer Sessions, in denen er seine Frau angeblich hypnotisiert hatte. Amiirs Geburtstermin war r den November angesetzt. Er musste jedoch per Kaiserschnitt schon am 16. Oktober geholt werden. Erst bei der Geburt des Jungen wurde festgestellt, dass das Kind unter dem Pfei er-Syndrom litt – ein Gendefekt, der zu Fehlbildungen am Körper sowie lebensbedrohlichen Fehlbildungen in den Organen hrt. Amiir kam auf die Welt, und er litt augenblicklich unter seinem Leben. Falls er auch ohne Beatmungsgerät leben könne, legten Prince und Mayte fest, dann sei das Gottes Wille. Falls nicht, dann auch. Das Beatmungsgerät wurde nach sechs Tagen abgestellt. Amiir starb sieben Tage nach seiner Geburt. Prince ist seit dreieinhalb Jahren tot, er kann nicht mehr über diese Krise berichten und hat es damals auch nicht getan. In ihren Memoiren skizziert Garcia eher das Bild eines Ehemannes, der, gerade nach dem Tod des Jungen, zwischen religiös motivierter Schicksalsergebenheit und kompletter Überforderung als Partner changierte. Eine von den Ärzten dringend angeratene Fruchtwasseruntersuchung, die auf den Gendefekt Amiirs hätte hinweisen können, habe er verhindert: „Was auch passieren wird, es liegt in Gottes Hand.“

Die Eheleute entfremdeten sich bereits, als EMANCIPATION, die Familien-Chronik, rund einen Monat später verö ent licht wurde. Schon zwei Tage nach Amiirs Tod gab Prince ein Konzert. Es war wohl seine Art zu trauern. Später fand Mayte Weinlachen und Erbrochenes auf den Fußböden seiner Gemächer. Sein Musikerleben lang strebte Prince nach Kontrolle, und auch seine Vision r diese Platte war unverrückbar. Prince, der in einer Märchenwelt zu residieren schien, plante ein Konzeptalbum mit Happy End als Vater und Ehemann – und dann kam ihm das echte Leben in die Quere. Niederlagen sollten darin keinen Platz haben.

Prince war kamerascheu, aber er gab einige wenige Interviews. Das erschütterndste fand im Rahmen der EMANCIPATION.Promotion statt, eine Woche nach Amiirs Tod. Prince wollte den lange geplanten TV.Termin mit Oprah Winfrey, die mit ihrer Talkshow die Nummer eins des Landes war und ein Millionenpublikum vor den Bildschirm holte, nicht absagen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Ö entlichkeit schon, dass sein Kind geboren wurde. Aber noch nicht, dass es tot war.

Nun also der Hausbesuch. Mayte und er saßen im Paisley Park Winfrey gegenüber. Beide trugen weite, weiße Oberteile, als kämen sie direkt aus dem Krankenhaus. Mayte sah verständlicherweise noch sehr angeschlagen aus. „So muss es sich an hlen, wenn ein Leichnam in einem Begräbnisinstitut aufgehübscht wird“, notierte sie später über ihren Auftritt, dem sie sich anfangs habe verweigern wollen.

Das rund 45-minütige Special, man fi ndet es auf YouTube, ist grausam anzusehen. „Wie geht’s?“ – „Es könnte nicht besser laufen!“ Oprah Winfrey sprach Gerüchte an, die besagten, dass es bei der Geburt des Jungen zu Komplikationen gekommen sei, dass er verstorben sei. Prince antwortete, die Familie „existiere“, man be¬ nde sich „noch ganz am Anfang“, und die Familie solle noch größer werden, also: „höre nicht auf das, was die Leute sagen“. Dann zeigte er Winfrey das r Amiir eingerichtete, in blaues Licht getauchte Kinderzimmer.

Prince konnte der Talkmasterin kaum in die Augen sehen. Aber er blieb wie immer Profi,wenn es nicht ums Private, sondern um seine Künstlerpersönlichkeit ging. Er hatte einige Witze vorbereitet. Die trockenen Sprüche hatten nichts mit der Familiensituation zu tun, sondern mit seinem „Love Symbol“-Moniker. Ein sicheres Feld. „Die Sache mit dem Synonym hat sich verselbstständigt“, sagte er scheinbar erstaunt.

Ich habe gehört, man nennt Diana mittlerweile ‚ e Artist formerly known as Princess‘“. Lachen im Saal. Oder: „Der Vorteil an meinem unaussprechlichen neuen Namen ist, dass mich die Leute zum ersten Mal in meinem Leben mit ‚Sir‘ anreden müssen.“

Eine Woche nach der Oprah-Groteske begann die entscheidende Werbe-Phase r EMANCIPATION. Prince gab sein Konzert im Paisley Park, bei dem er neben den neuen Stücken auch lange von ihm ignorierte Klassiker wie„Purple Rain“ spielte. Dann wurde das Video z spielte. Dann wurde das Video zu„Betcha By Golly Wow!“ verö entlicht. Darin besucht Prince Mayte im Kreißsaal und streichelt glücklich ihren Bauch. Sie war wieder die Hochschwangere – eine Inszenierung, der Clip entstand nicht vor der Geburt, sondern nach dem Tod ihres Sohns. Das Paar gab die Ho nung auf Nachwuchs nicht auf. 1997 erlitt Garcia jedoch eine Fehlgeburt. Zuvor soll Prince sich wieder gegen eine Fruchtwasseruntersuchung ausgesprochen haben. Im Jahr 2000 wurde die Scheidung rechtskräftig.

Mit dem heutigen Wissen um diese Tragik wird EMANCIPATION noch bedeutsamer. Das Album war ein Dokument der Ho nung, falls man es bei Erscheinen im November 1996 gehört hatte und noch nicht wusste, dass das Baby kurz nach der Geburt verstorben war. Heute wissen wir: Es ist ein Dokument der geplatzten Träume.

„Sex In _ e Summer“ ist eines der Stücke, zu denen man tanzen möchte, die aber auch wegen ihres autobiografi schen Inhalts stark berühren. Der Song erzählt von den ersten Lebenszeichen eines Menschen, der nie eine Chance haben würde. Prince synchronisiert darin einen HipHop- Rhythmus mit der Aufnahme des Herzschlags des ungeborenen Amiir. Garcia erinnert sich, dass Prince euphorisch gewesen sein soll, als er in der Arztpraxis erstmals die Herztöne des Babys hörte. Derart euphorisch, dass man ihm habe erklären müssen, dass er das Sonografi egerät nicht einfach mit in den Paisley Park nehmen könne, um damit in seinem Tonstudio zu experimentieren. Prince war aufgeregt, denn er wollte seinen Sohn unbedingt in seinem neuen Werk verewigen. Vielleicht wollte er auch ein Herzschlag- Sample verwenden, damit Amiir eine Erwähnung als Musiker bereits in die Wiege gelegt wird.

Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist der Song„My Computer“ , eine gemeinsame Aufnahme mit Kate Bush. Als Song Nummer neun auf Tonträger drei, also als Stück 33 von 36, wirkt er katastrophal deplatziert. Schließlich war diese Zusammenarbeit Bushs erstes musikalisches Lebenszeichen seit fast drei Jahren. Wie Prince galt die eineinhalb Monate jüngere Britin als zurückgezogen lebendes Genie, deren Traumwelt bewundert, aber nie ganz verstanden wurde. Kurz, sie waren die besten Musiker ihrer Generation. Kate Bushs Debütalbum THE KICK INSIDE erschien im Februar 1978, eineinhalb Monate vor dem Erstling von Prince, FOR YOU. Bei den Aufnahmen zu dem Song kam es nicht zu einem persönlichen Tre en. Die beiden schickten sich„My Computer“ als Datei über den Atlantik hin und her. Die Komposition stammte von Prince, Bush sang den Chor im Hintergrund. Sie revanchierte sich damit r einen Gefallen, den Prince ihr 1991 tat – damals ergänzte er ihren Song„Why Should I Love You?“ mit seiner Stimme. Kate Bush soll regelrecht erschrocken gewesen sein wegen dieser Bearbeitung, Prince gte nicht nur seinen Gesang, sondern viele weitere Spuren mit Instrumenten hinzu; Kate Bush arbeitete das Lied um und brachte es erst zwei Jahre danach heraus


FOTO: ROB VERHORST / REDFERNS

FOTOS: NICOLE NODLAND; COURTESY OF MAYTE GARCIA(3)