Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

Prinzip Hoffrogge


Logo von St.GEORG
St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 18.11.2022
Artikelbild für den Artikel "Prinzip Hoffrogge" aus der Ausgabe 120/2022 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Jens und Beatrice Hoffrogge mit den Stationsbegründern Asagao xx und Bonds.

Wer hinter den letzten Häusern von Dorsten an der Ampel links in die Bestener Straße abbiegt, fährt durch Hoffrogge-Land. Rechter Hand ziehen sich mehrere Hektar Weidefläche einen steilen Hang hinauf. Der „Bonenberg“, wie das Dorsten Lexikon weiß. Oben blitzen die Dächer des Hofes Hoffrogge jenseits der Kuppe durch alten Baumbestand. Und das seit gut 350 Jahren. Mindestens zwölf Generationen der Familie haben hier gelebt und gearbeitet. Die jüngste ist knapp zwei und hört auf den Namen Mira. Es ist die Tochter von Jens und Beatrice Hoffrogge, die den Betrieb nun leiten. Sie haben ihn von Hans und Annette Hoffrogge übernommen, den Eltern von Jens, Markus und dem jüngsten Bruder, Stefan. Hans Hoffrogge (82) ist übrigens Träger des Deutschen Reiterkreuzes in Gold. Die FN zeichnet damit verdiente Persönlichkeiten der Pferdewelt aus. Als solche kann man ihn wohl bezeichnen. Er war Trainer, Richter, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von St.GEORG. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 120/2022 von Wenn Tierärzte mahnen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wenn Tierärzte mahnen
Titelbild der Ausgabe 120/2022 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 120/2022 von Notizen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Notizen
Titelbild der Ausgabe 120/2022 von Pferd des Monats. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pferd des Monats
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Namen des Monats
Vorheriger Artikel
Namen des Monats
Zirkeltraining für alle
Nächster Artikel
Zirkeltraining für alle
Mehr Lesetipps

... Equipechef und rheinischer Landesjugendwart, zwischendurch auch Bundestrainer der Ponyspringreiter sowie fast 25 Jahre lang Sprecher des FN-Fachbeirats Ponyreiten. Einer seiner erfolgreichsten Schüler war sein Sohn Jens. Das hat Tradition. Nicht nur der Hof wurde von Generation zu Generation vererbt. Pferde gehören hier dazu. Schon immer. Man lebt mit und von ihnen. Heute sogar noch mehr als früher. Die Umzucht, der Wandel des Pferdes vom Arbeits- zum Freizeitpartner, die Entwicklung der ländlichen Reiterei – Gustav Rau hätte seine Freude gehabt an der Geschichte des Hofes Hoffrogge und seiner Bewohner.

Um-, aus-, neu gebaut

Schon das Herz von Hans Hoffrogges Vater schlug für Pferde mit Edelblut. Davon gibt es viele auf dem Hof der Familie, Trakehner Vielseitigkeits- pferde und den Stationsbegründer Asagao xx. Der ist eine lebende Reminiszenz an vergangene Zeiten. Auf der Rennbahn am Bonenberg, auf der heute Jens Hoffrogge seine Vielseitigkeitspferde fit macht, hat sein Großvater Franz einst Vollblüter trainiert. Doch nicht nur zu Rennzwecken, er sprang auch mit ihnen. Sogar in Balve. „Dahin sind wir dann mit unserem ersten Deutz Traktor zum Zuschauen gefahren“, erinnert sich Hans Hoffrogge. Dorsten – Balve, rund 120 Kilometer. Und das mit 25 km/h – da fährt man lange Trecker für 60 Sekunden Parcours. Unter Hans Hoffrogge wurden die Schweinekoben in den 1990er-Jahren zu Pferdeställen umgebaut und der landwirtschaftliche Betrieb mit Viehhaltung zum Pensionsstall umfunktioniert. Die Ställe sind luftig, aber dunkel, die Boxen ohne Fenster. „Nicht mehr State of the Art“, weiß Beatrice Hoffrogge. Darum ist das Zentrum des Hofes momentan eine große Baustelle. Hier wird ein altes Stallgebäude entkernt und pferdegerecht umgebaut. „Wenn das fertig ist, kommt der Rest dran. Wir wünschten auch, wir hätten das Geld, alles auf einmal schick zu machen“, erklärt ihr Mann, „aber 2010 haben wir ja erstmal die neue Anlage gebaut.“

Beatrice Hoffrogge

Geb. 1989 in Baden-Württemberg, nach dem Abitur Ausbildung zur Pferdewirtin bei Johann Hinnemann, dann Bereitertätigkeit bei Isabell Werth, heute selbstständig. Grand Prix-Erfolge auf verschiedenen Pferden, Siege im Nürnberger Burg-Pokal und Louisdor-Preis auf Weihegold. Trägerin Goldenes Reitabzeichen.

Jens Hoffrogge

Geb. 1985 in NRW, Vielseitigkeitsreiter mit Erfolgen bis CCI4*, gelernter Industriekaufmann und Pferdewirt, zweifacher Pferdewirtschaftsmeister (Reiten, Zucht und Haltung), Träger des Goldenen Reitabzeichens.

Diese neue Anlage liegt nur 500 Meter weiter die Straße hinunter und ist das Reich von Jens‘ älterem Bruder Markus. Der betreibt hier einen Pensionsstall mit 90 Boxen und Platz auch für Zuchtstuten und Fohlen, die hier auch groß werden können. Eine Herde mit rund 20 Absetzern hat sich gerade zum Nachmittagsschläfchen auf ihrer großen Weide in der Sonne niedergelassen. Ja, viele Ställe auf der alten Anlage haben noch Innenboxen. Aber die Pferde kommen täglich auf die Weide. Alle, auch die Hengste. Wenn gebaut wird, dann zuerst für die Pferde.

„Es ist bemerkenswert, was dieser k leine Mann geleistet hat!“

Jens Hoffrogge über Asagao xx

Schritt für Schritt, anders geht es nicht. „Es ist schwierig, wenn man mit wertvollen Pferden arbeitet. Man muss die Balance finden zwischen Imagepflege und Geld verdienen“, erklärt Jens Hoffrogge. Mit anderen Worten: Man muss sich gut überlegen, ob man ein talentiertes Pferd für sehr gutes Geld verkauft und damit den nächsten Umbauschritt bezahlt, oder ob man es hält und damit ein Aushängeschild für den Betrieb, seine Ausbildung, seine Hengststation usw. hat. Investitionen müssen sich amortisieren. Jens Hoffrogge ist zwar zweifacher Pferdewirtschaftsmeister (Reiten und Zucht und Haltung), aber auch gelernter Industriekaufmann. Ehe er etwas anpackt, schreibt er seine Zahlen untereinander. Neben Jens und Markus gibt es auch noch einen dritten Bruder, Stefan, den jüngsten. Der begeisterte sich schon immer mehr für Motoren als für Pferde und absolvierte eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker. Doch die Frau, die er geheiratet hat, ist Reiterin. Inzwischen führen sie nebenberuflich einen Reitschulbetrieb, rund 20 Kilometer vom elterlichen Hof entfernt. Der Nachname verpflichtet.

Die Asagao-Geschichte

Dass aus dem familiären landwirtschaftlichen Betrieb eine international agierende Hengststation wurde, liegt übrigens an einer Stute. Der sportliche Schwerpunkt aller Hoffrogges lag immer im Springen und vor allem in der Vielseitigkeit. Jens Hoffrogge wurde im Busch Deutscher Vizemeister der Jungen Reiter und mehrfach Rheinischer Meister, in der Regel auf selbst gezogenen und immer auf selbst ausgebildeten Pferden. Da man für den Busch bekanntlich Blutpferde braucht, besuchte Markus Hoffrogge 2008 die Vollblutauktion in Baden-Baden und entdeckte dort eine Stute, zu der ihm von vielen Seiten geraten wurde: Ariostea xx v. Tagel xx, tragend von Tertullian xx. Die Stute zog um, im nächsten Jahr wurde ein fuchsfarbenes Hengstfohlen geborene: Asagao xx. Er entwickelte sich hervorragend und stellte sich über den Stangen besser an als manche seiner warmblütigen Altersgenossen.

Hengst bleiben zu lassen, könnte sich lohnen, dachten die Hoffrogges und behielten Recht. Gekört wurde Asagao xx über den 70-Tage-Test in Marbach – mit einem der besten Tests, die je ein xx-Hengst abgeschlossen hat. Sein Talent bewies er auch im Sport gegen Warmblüter. Mit Jens Hoffrogge sammelte er Siege und Platzierungen in Serie in Spring- und Geländepferdeprüfungen. Er hätte sich locker fürs Bundeschampionat empfohlen, doch dort sind ja nur deutsche Reitpferde zugelassen. Omnipräsent ist Asagao xx in Warendorf heute aber dennoch – über seine Nachkommen. Aus seinem ersten Jahrgang fielen neun Fohlen. 2020 waren sie fünfjährig, alt genug, um am Bundeschampionat teilnehmen zu dürfen. Von den neun Asagao-Kindern qualifizierten sich sechs, fünf traten in Warendorf an, drei kamen ins große Finale. Keine schlechte Bilanz, findet auch Jens Hoffrogge. „Es ist bemerkenswert, was dieser kleine Mann geleistet hat.“

Wer ihn erlebt, könnte meinen, er weiß das selbst. Ein Foto mit den beiden „Stammhengsten“ Asagao xx und Bonds? Kein Problem, machen wir vor dem Haus! Bonds macht den Hengst, bleibt zwar brav, aber merkt offensichtlich: Hier ist etwas anders! Asagao xx steht gelassen daneben, und als er das Rattern des Kameramotors hört, blickt er selbstbewusst mit gespitzten Ohren in die Kamera. Er kann aber auch anders. Das Bild kluger Gelassenheit ändert sich bei den nächsten Aufnahmen: Galopp am Berg zusammen mit Kollege Kros. Einer soll hinter dem anderen bleiben? Hallo? Hier ist keiner Zweiter! Auch wenn er nie eine Rennbahn betreten hat, er weiß, was zu tun ist, wenn von hinten einer angeflogen kommt! Ein recht beeindruckender Spurt, den er da den Hügel rauf hinlegt. Das sollte sich anschauen, wer Pferde für Badminton & Co. züchten möchte.

„Ich bin ganz sicher, das ist einer für später.“

Beatrice Hoffrogge über Zuperman (5)

Das Bonds-Girl kommt

Asagao blieb nicht der einzige Hengst aus Reinzucht an der Bestener Straße. Die Hoffrogges pflegen engen Kontakt zur Trakehner Szene und neben Kros, der seinerseits mit einer sensationellen 10,0 Verbandschampion im Gelände wurde, haben auch weitere Trakis wie Blancor, Gaspard und Integer ihren Weg nach Dorsten gefunden, letztere allerdings aus dem Dressurlager. Dass nun vermehrt Dressur geritten wird, auf Hof Hoffrogge, ist Jens‘ Frau zu verdanken, Beatrice Hoffrogge, früher bekannt als Beatrice Buchwald, eine Dressurreiterin, die sich in Ställen wie Hinnemann und Werth mit Pferden wie Lord Carnaby, Belantis und Weihegold einen Namen gemacht hat, ehe sie sich selbstständig machte. Doch dazu später. Als sie sich umhörte, wer einer Schülerin von ihr Springunterricht geben könnte, aktivierte sie den bis dahin losen Kontakt zu Jens Hoffrogge. Der meinte, klar, schick‘ sie her – wenn du im Gegenzug Dressurunterricht bei uns gibst. Der Mann ist halt geschäftstüchtig. Beatrice hatte damals den Stall von Isabell Werth schon vor einer Weile verlassen und arbeitete in Dinslaken im Stall der Familie Hödel, der unter anderem Lord Carnaby gehörte. Ihre Tätigkeit auf dem Hof Hoffrogge intensivierte sich, der berufliche Kontakt wurde privat. Beatrice und ihre Pferde zogen um. Mit dabei war unter anderem der Oldenburger Siegerhengst 2015, Leistungsprüfungsund Sporttestsieger Bonds. Fortan wurde in Dorsten trainiert, woanders abgesamt. Das war weder energie- noch kosteneffizient. Wäre es nicht besser, gleich eine eigene Station zu eröffnen? Anfang 2019 war es so weit und Asagao xx und Bonds waren die fuchsfarbenen Werbeträger.

Einige Monate später saß Beatrice Damals-noch-Buchwald daheim in Dorsten beim Abendessen, Jens Hoffrogge ging in Boekelo die Geländestrecke ab. Auf Buchwalds Handy machte es Bing, eine SMS, Absender: Bonds‘ Besitzerin. Sinngemäßer Inhalt: Die Pferde sollen verkauft werden, neben Bonds also auch Fürst William und Veneno, ebenfalls beide unter Buchwald sehr erfolgreich unterwegs gewesen. „Ich guckte etwas ungläubig auf mein Handy“, erinnert Beatrice sich an diese kuriose Situation. Sie leitete die Nachricht an Jens weiter, der war genauso überrascht. Was tun? Versuchen, den als Hengst sehr gefragten Bonds zu behalten? Ein Schnäppchen war er nicht. „Aber ich wusste ja, wie häufig er schon mit TG-Samen angefragt wurde, also hatte ich eine ungefähre Vorstellung, wie viel er mit Frischsamen decken würde“, so Jens Hoffrogge. Also wieder Zahlenspiele und schließlich die Entscheidung, Bonds wird gekauft. „Inzwischen hat er sich fast amortisiert“, schmunzelt Hoffrogge. 200 bis 250 Stuten deckt der Dunkelfuchs v. Benicio-Sir Donnerhall pro Jahr. Sehr zu Beatrices Leidwesen, denn Sport ist da nebenbei nicht drin. „Wir wollen den hoch frequentierten Hengsten die Doppelbelastung nicht zumuten und Jens sagt, so viel kann ich nicht gewinnen, wie er beim Decken verdient“, schmunzelt die 33-Jährige. Zuhause hat sie den heute neunjährigen Hengst aber weiter ausgebildet, inzwischen auf S***-Niveau. „Wer weiß, wenn er eines Tages nicht mehr so stark nach gefragt wird …“

Destello, der Star

Für Turniere hat sie ja auch noch andere Eisen im Feuer, z. B. den Dimaggion-Sohn Destello, vierjährig Bundeschampion, siebenjährig – also gerade erst – zweitbestes Dressurpferd der Welt in Ermelo. Dort ging er in der Qualifikation die zweite und im Finale die dritte S-Dressur seines Lebens. An der ersten Sichtung in Warendorf hatte das Paar gar nicht teilgenommen. Beatrice‘ Trainer Sebastian Heinze war allerdings der Ansicht, dass der ehrgeizige kleine Fuchs WM-Potenzial hat und schickte das Paar aufs Turnier nach Elmlohe für eine erste S. Destello gewann und wurde quasi als Quereinsteiger zur zweiten Sichtung eingeladen. Dort überzeugte er und holte die Fahrkarte nach Ermelo. Das war noch nicht überraschend für Hoffrogge. „Ich wusste, er kann das. Wenn ich die Aufgabe zuhause geritten bin, war das wie Joystick-Reiten.“ Aber Destello war in den letzten Jahren wenig Turniere gegangen. Schon gar keine vor einer Kulisse wie in Ermelo. Daher gab es schon einen Rest Unsicherheit bei der Reiterin. „Ob ich es in Ermelo würde abrufen können, das wusste ich nicht.“ Ihre Sorgen waren unbegründet. Destello zeigte sich von seiner besten Seite: der kleine Fuchs mit dem großen Go. Es hagelte nicht nur Noten, sondern auch Sympathiebekundungen von Publikum und Richtern und schließlich gab es Silber. „Er hat alle Möglichkeiten“, ist Beatrice Hoffrogge sich sicher. Und er darf auf jeden Fall bleiben. Die Besitzerin, Sophie Fabri aus Belgien, ist Hobbyreiterin. Sie hatte Destello als Fohlen entdeckt, eigentlich für sich. Doch als sich immer mehr abzeichnete, wie viel Talent er hat, fragte sie bei Beatrice an, ob sie die weitere Ausbildung übernehmen würde, ehe sie selbst irgendwann in den Sattel steigt. Die nahm Destello mit Kusshand. Er kam, um zu bleiben. Eine Luxussituation für eine Berufsreiterin, weiß Beatrice. Sie hat es auch schon anders erlebt.

Lehrgeld

Beatrice Hoffrogge stammt aus einem Lehrerhaushalt in Baden-Württemberg. Pferde kamen in der Lebensplanung ihrer Familie nicht vor. Doch Beatrice‘ Tante ritt und förderte ihr Pferdefaible. Aus Reitversuchen im Urlaub wurde schließlich regelmäßiger Unterricht in einer Pony-Reitschule in der Nähe ihres Elternhauses. Ein eigenes Pony oder Pferd war lange nicht drin. Bea hatte ein Pflegepony, das für den Schulbetrieb zu temperamentvoll war, mit dem sie auch auf Turnieren reiten durfte. Dafür setzte sich inzwischen nicht mehr nur ihre Tante ein, sondern auch die Reitlehrerin. „Es war ein kleiner Stall und die Reitlehrerin war so richtig vom alten Schlag. Von ihr habe ich sehr viel gelernt“, erzählt Beatrice. „Sie legte großen Wert auf den Grundsitz. Vor allem aber darauf, dass die Pferde und Ponys immer zuerst kommen.“ Beatrice wünschte sich vor allem eins: ein eigenes Pferd. Schließlich waren ihre Eltern bereit, ihr den Wunsch zu erfüllen. Viel kosten durfte der vierbeinige Traum allerdings nicht, höchstens 2000 Euro. Beatrice Wahl fiel auf eine siebenjährige Stute, Abstammung Bormio xx-Pit, drei Fohlen, wenig geritten. Die Kaufentscheidung fällte sie alleine. „Sie war schwarz und schön und günstig. Das reichte mir.“ Als sie mit der Stute bei ihrer Reitlehrerin auf den Hof kam, guckte die recht kritisch. Beatrice ließ sich nicht verunsichern. „Ich dachte, sie sei vielleicht ärgerlich, weil ich sie nicht gefragt habe.“ Doch die Stute erwies sich als praktisch unreitbar. „Ich war wie ihr viertes Fohlen für sie. Sie war unglaublich selbstbewusst! Sie durchs Genick zu reiten, war unmöglich und wenn ich ausreiten wollte, ist sie am Hoftor umgedreht.“ Aber versucht hat Beatrice alles. Mit wenig Erfolg. E-Dressur – 4,5, E-Springen – dreimaliger Ungehorsam an Hindernis zwei. „Das Ziel war es, sie nach drei Jahren für 4000 Euro wieder zu verkaufen. Als es so weit war, fand meine Mutter, das könnten wir nicht machen. Aber ich war der Meinung, ich hätte jetzt genug gekämpft. Vielleicht habe ich damals meine pragmatische Einstellung zum Thema Verkauf entwickelt“, so Hoffrogge. Diese Stute hatte sie durch eine harte Schule geschickt. Aber sie war auch eine gute Lehrmeisterin, vor allem in Sachen Durchhaltevermögen, so Beatrice. „Danach kam ich mit jedem Pferd zurecht und habe Spaß an speziellen Pferden gefunden.“ Gute Voraussetzungen, wenn man das Reiten zum Beruf machen will. Das stand für Beatrice früh fest. Auch wenn sie bis zum Abitur nur auf A-/L-Niveau unterwegs gewesen war.

„Destello ist ein Charakterpferd.“

Beatrice Hoffrogge

Mit dem Abi in der Tasche bewarb sie sich auf dem Krüsterhof der Familie Hinnemann um eine Ausbildungsstelle und bekam sie. „Die ersten Monate hat Herr Hinnemann mich gefühlt gar nicht wahrgenommen“, erinnert sich Beatrice. „Aber dann hat er mir Unterricht gegeben und ich habe sehr viel gelernt.“ Dort lernte sie die Österreicher Familie Hödel kennen und deren schon erwähnten Lord Carnaby v. Lord Loxley. Der Fuchs war gerade erst angeritten, sollte aber bei der Hengstschau in Wickrath unter dem Sattel gehen. Größenmäßig passte Beatrice gut zu ihm, also durfte sie. „In der Abreitehalle bin ich heruntergeflogen, weil er sich erschrocken hat, als uns ein anderes Pferd entgegenkam. Meine eine Seite war total dreckig. Aber ich musste da dann rein.“ Es ging dann alles gut und Lord Carnaby wurde quasi Beatrice‘ Pferd, das „Pferd der ersten Male“ – erste Hengstvorführung, erstes Bundeschampionat, erste WM junge Dressurpferde, erstes Burg-Pokal Finale, erste S***-Prüfung. Bis er verkauft wurde. Zu dem Zeitpunkt war aber bereits ein anderes Pferd in Beatrice‘ Leben getreten, eine Stute namens Weihegold.

Geniale Weihegold

Sie kam zu Hinnemann, als Beatrice ihre Ausbildung gerade beendet hatte und nun Bereiterin auf dem Krüsterhof war. „Weihe“ war damals schon unter Kira Wulferding erfolgreich gewesen. Als Chefreiterin Steffi Wolf sich für längere Zeit zum Meisterlehrgang verabschiedete, schlug Beas große Stunde. Wir schreiben das Jahr 2012, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – auch mit Weihegolds Besitzerin Christine Arns-Krogmann, die Beatrice das Pferd anvertraute und mit der sie heute auch noch zusammenarbeitet. „Weihe ist das genialste Pferd!“, sagt Beatrice. Erstes Turnier Ende März in Hünxe: Dressurpferde-M – Platz eins, erste M* – Platz eins. Zwei Monate später erste M** in Neuss, Platz eins. Drei Monate darauf erstes Mal schwere Klasse in Datteln: S* – Rang vier, Prix St. Georges – Rang fünf. Danach wechselte Beatrice zu Isabell Werth. Weihegold zog kurz darauf hinterher. Die beiden gewannen das Finale des Nürnberger Burg-Pokals, ein Jahr später den Louisdor-Preis. Weihegold war eine Hochbegabte. Wenn man zwei Einerwechsel reiten kann, warum nicht auch 15? „Erst wenn man so viele andere Pferde hatte, weiß man, wie genial sie war“, so Beatrice. „Im Stall war sie immer unscheinbar. Aber ihre Intelligenz, ihr unbedingter Wille, es richtig zu machen, und dieses Hinterbein, das war einmalig.“ Klar, eine Lampenaustreterin war sie nie. Aber Beatrice hat immer an sie geglaubt. Und dass man auch mit einer 6,5 im starken Trab dreifache Weltcup-Siegerin, Europameisterin, Mannschaftsolympiasiegerin usw. werden kann, hat „Weihe“ hinlänglich bewiesen. Das allerdings mit Beatrice‘ Chefin, Isabell Werth. Ein wunder Punkt für Beatrice? Nicht wirklich. „Ohne die Unterstützung von Isabell wäre ich mit Weihe niemals dorthin gekommen“, betont sie. Nachdem Werth Weihegold ein paar Mal auf Turnieren gezeigt hatte und Bella Rose absehbar für längere Zeit ausfiel, war für Beatrice der Zeitpunkt gekommen, sich selbstständig zu machen. „Es war eine schwierige Entscheidung, weil ich so viel gelernt habe. Aber pferdemäßig habe ich für mich keine Perspektive gesehen. Wobei ich das auch total verstanden habe. Das ist eben so, wenn man angestellter Bereiter ist.“ Ihr Ziel war es ohnehin, irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen, nun war es so weit. Mitgenommen habe sie viel aus Rheinberg: „Wie wichtig Basisarbeit und Gymnastizieren sind. Außerdem das Management, dass ich nicht schon am Montag Vollgas geben muss, wenn ich Freitag Turnier habe. Auch wie man eine Saison plant und auf ein Turnier hintrainiert.“ Von Isabell Werth habe sie auch gelernt, dass man jedes Pferd so nehmen muss, wie es ist und dann pro Pferd denken und nach Lösungen suchen muss. Weihegolds gibt es eben nicht viele. Aber immerhin einen Urenkel von ihr, Iowa Gold, der Hoffrogges gehört und auf den Beatrice große Stücke hält. Doch der ist erst fünf. Die nächste Weihegold könnte Destello heißen. So der Plan. Sofern Tochter Mira ihn nicht für sich beansprucht. Sie und ihr vierbeiniger Freund haben einen ähnlich starken Willen. Sprechen können sie beide nicht, sehr wohl aber zeigen, was sie wollen und was nicht. Mit der flachen Hand an den Kopf klopfen heißt: „Mama, setz mir meinen Helm auf und mich auf Destello!“ Sie ist eben eine Hoffrogge, strenge Selektion auf ein Merkmal: Pferdebegeisterung.

Autorin

Dominique Wehrmann

Wenn ich meinen Eindruck von Familie Hoffrogge mit einem Wort zusammenfassen müsste, wäre das: tüchtig. Hier weiß man offensichtlich, dass Geld eigentlich nicht einfach so vorhanden ist. Aber wenn investiert werden kann, dann kommt es zuerst den Pferden zugute.