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Pro & Contra: Gebisslose Zäumungen: Ins Maul oder nicht ins Maul?


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.01.2019

Kaum eine Frage löst heißere Diskussionen aus, als die, was pferdefreundlicher ist: Reiten mit oder ohne Gebiss? Zwei konträre Meinungen, die sich nur in einer Aussage bestätigen: Auf die mechanische Hackamore sollte man definitiv verzichten.


Artikelbild für den Artikel "Pro & Contra: Gebisslose Zäumungen: Ins Maul oder nicht ins Maul?" aus der Ausgabe 2/2019 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 2/2019

Frau Lehmenkühler, welche Argumente sprechen für das gebisslose Reiten?

Das Reiten mit Gebiss führt zu zahlreichen gesundheitlichen Problemen, die trotz fundierter Belege nach wie vor ignoriert werden. Das Gebiss beeinflusst zum Beispiel maßgeblich den Schluck-Reflex. Alleine dies kann zu einer Sauerstoffminderversorgung des Körpers führen.

Zudem ändert sich durch ...

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... Metall im Maul die Speichelkomposition, was unter anderem nachweislich auch Koliken begünstigt. Selbst bei noch so feiner Einwirkung der Reiterhand können bereits Verletzungen im Maul verursacht werden.

Gibt es auch gebisslose Zäumungen, die Sie ablehnen?

Eine der schärfsten gebisslosen Varianten neben der spanischen, blanken Serreta ist sicher die mechanische Hackamore. Sie wurde nicht konzipiert, um im dressurmäßigen Sinne verwendet zu werden, was allerdings nicht ausschließt, dass dies möglich ist.

Welche gebisslosen Zäumungen empfehlen Sie?

In jedem Fall eine Zäumung, bei der das Prinzip des sofortigen Druckausfalls bei nachgebendem Zügel gegeben ist, was zum Beispiel beim Sidepull und bei meinem LG-Zaum der Fall ist. Ein Sidepull, mit guter seitlicher Wirkung, verlangt vom Reiter jedoch eine ausgesprochen gute Reit-Technik, um eine gesunde Haltung und damit Entlastung des Pferdes zu gewährleisten. Der von mir entwickelte LG-Zaum erfüllt beide Kriterien, eine gute seitliche Einwirkung so wie auch die Vertikalkontrolle.

Für Ausritte mag durchaus auch ein sogenanntes Baby-Hackamore ausreichen, da eine sehr präzise, feine Hilfengebung, wie sie für anspruchsvolle Lektionen vonnöten ist, für einen Geländeritt entbehrlich ist. All die Varianten, bei der die Zügelverlängerung durch Ringe verlaufen, empfehle ich nicht, da sie das nötige und effektive Nachgeben und somit die Belohnung für das Pferd immens verzögern, was ein Abstumpfen begünstigt. Dies wären zum Beispiel das merotische Reithalfter, leider auch das Bitless Bridle oder ein eher unbekannteres 3D-Halfter.

Gibt es für Sie Umstände, die Reiten mit Gebiss legitimieren?

Ich kann, darf und werde Reiter, die das Reiten mit Gebiss noch praktizieren, nicht delegitimieren. Ich reite seit meinem sechsten Lebensjahr und bin auch 20 Jahre recht erfolgreich mit Gebiss geritten. Ich habe dies jedoch an dem Tage, als ich erfuhr, was Gebisse anrichten, konsequent beendet. Die gebisslosen Varianten, die es damals gab, machten es erforderlich, alles zuvor Gelernte nicht nur hart zu überdenken, sondern über eine durchdachtere, technisch deutlich ausgefeiltere Reitweise zu modifizieren. Ich habe dadurch meinen Reitstil noch mal deutlich verfeinert.

Gibt es in der Ausbildung von Pferden Grenzen beim Reiten ohne Gebiss?

Dass es durchaus Hürden zu bewältigen gibt, die mit einer sogenannten Umstellung einhergehen können, will ich nicht bestreiten. Aber meine Frage dazu: Wieso glauben bloß so viele Reiter immer noch, dass ein Pferd einzig nur durch ein Gebiss zuverlässig zu händeln sei? Wo aber gleichzeitig und in einem Atemzug behauptet wird, dass ein zügelunabhängiges Reiten oberste Doktrin des Reitens sei? Dies ist doch ein Widerspruch! Meine Antwort auf die Frage lautet: Nein! Ein Pferd versteht viel eher einen Druck von außen, dem es naturgegeben immer versucht auszuweichen, als einem Zug im Maul, den es erst einmal verstehen lernen muss.

Kann jedes Pferd gebisslos geritten werden?

Ja, denn eine Umstellung vom Reiten mit Gebiss auf das gebisslose Reiten findet vielmehr im Kopf des Menschen statt und nicht beim Pferd.

Wie stehen Sie zu einem ständigen Wechsel zwischen gebisslosem Reiten und Reiten mit Gebiss?

Es gibt natürlich Reiter die diesen „Spagat“ vollführen. Sprich: Natürlich ist es möglich, die Pferde gebisslos und dann bei Bedarf mit einem Gebiss zu reiten, denn sie leiden ja still.

DIE PRO-MEINUNG:

FOTO: PRIVAT

Monika Lehmenkühler
hat zunächst die ganz klassische Reit-Laufbahn vom Pony bis zur Klasse S in der Dressur erfolgreich bestritten. Ein Korrekturpferd lieferte den Ausschlag dafür, sich mit gebisslosem Reiten zu beschäftigen. Lehmenkühler blieb dabei und entwickelte ihren eigenen Zaum.

DIE CONTRA- MEINUNG:

FOTO: S. LAFRENTZ

Martin Plewa
war 16 Jahre Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter und leitete von 2001 bis 2014 die Westfälische Reit- und Fahrschule in Münster. Er ist Pferdewirtschaftsmeister. 2006 wurde ihm der Titel Reitmeister verliehen.

Herr Plewa, welche Argumente sprechen gegen das gebisslose Reiten?

Mit gebisslosem Reiten kann ich Pferde bewegen, auch mit ihnen Lektionen produzieren, aber sie nicht im klassischen Sinne gymnastizieren. Das Erarbeiten von Lektionen ist kein Selbstzweck. Es hat den Sinn, das Pferd zum Beispiel besser ins Gleichgewicht zu bringen, ihm die Arbeit unter dem Sattel leichter zu machen, es geschmeidiger und beweglicher zu machen, es zu kräftigen, die für das Reiten nötige Muskulatur aufzubauen, es länger gesund zu erhalten und es auch aufgrund verbesserter Durchlässigkeit mit feineren Hilfen harmonischer reiten zu können.

Welche Gebisse empfehlen Sie?

Hier bin ich sehr konservativ: Das beste Gebiss ist eine einfach gebrochene Wassertrense, weil sie die unmittelbarste und unverfälschteste Information zur Reiterhand weitergibt und vermittelt, außerdem für das Pferd am verständlichsten ist. Daher lehne ich alle Gebisse ab, die zusätzliche Kraftverstärkungen beinhalten, in ihrer Anwendung unnötig stark rotieren, verstärkten Druck Richtung oberer Lade oder auf das Genick ausüben, wie etwa die Mehrringe-Gebisse. Gleiches gilt für starre Stangengebisse, die starken Druck auf die Pferdezunge ausüben und keine einseitigen Zügelhilfen ermöglichen. Auch Gebisse, die in ihrer Ausformung nicht rund sind, sondern kantige oder andere Strukturen aufweisen, lehne ich ab.

Natürlich habe ich nichts gegen das korrekte Reiten mit Kandarenzäumung, unter der Voraussetzung, dass nicht nur der Reiter, sondern auch das Pferd kandarenreif ist. Leider ist die Kultur des Reitens auf Kandare sehr verloren gegangen, weshalb wir in allen Klassen oft schreckliche Bilder hierzu sehen.

Gibt es für Sie Umstände, die Reiten ohne Gebiss legitimieren?

Nach Zahnbehandlungen kann es sinnvoll sein, auf das Reiten mit Gebiss zu verzichten. Natürlich kann man auch zur Kontrolle, ob das Pferd sich unabhängig von der Hand sicher an Sitz und Schenkel reiten lässt, phasenweise ohne Gebiss reiten. Es wäre aber töricht, stattdessen auf scharfe gebisslose Varianten zurückzugreifen, wie die mechanische Hackamore, mit der man viel Schaden anrichten kann. Auch andere, vergleichbar wirkende Zäumungen, wie der LG-Zaum, sind abzulehnen, weil schnell einwirkende Hebelkräfte wirksam werden.

Kann in der Ausbildung gebissloses Reiten an gewissen Stellen sinnvoll sein?

Ich setze einen gebisslosen Zaum, und zwar den Cooperzaum oder einen „easy2control“- Zaum, gerne zu Korrekturzwecken ein, wenn ein Reiter sich festgezogen oder das Pferd das Vertrauen zur Reiterhand völlig verloren hat.

Wie stehen Sie zu einem ständigen Wechsel zwischen gebisslosem Reiten und Reiten mit Gebiss?

Ich habe sowohl in der Grundausbildung der Reiter als auch beim Anreiten junger Pferde sehr gute Erfahrungen mit dem Halsring gemacht. Anfänger lernen damit, dass das Gebiss nicht das „Bremspedal“ ist, aber auch nicht das „Steuerrad“ zum Wenden am inneren Zügel.

Beim Anreiten junger Pferde ist das Pferd auf Trense gezäumt, was es zuvor von der Bodenarbeit kennengelernt hat, aber ohne Zügel an den Trensenringen. Stattdessen sind die Zügel an einer Art Nasenriemen verschnallt, zusätzlich verwende ich einen Halsriemen. Ein Gebiss im Maul zu haben, ist für ein junges Pferd ungewohnt. Man muss es ganz langsam und vorsichtig daran gewöhnen.