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PRO UND C ONTRA:POLITISCHE KARIKATUREN


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Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 12.09.2019


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pro Zu jeder ordentlichen Zeitung eines freien, demokratischen Landes gehört eine Meinungsseite, zu jeder Meinungsseite die Kritik an den herrschenden Verhältnissen, Normen, Akteuren. In einem Umfeld, in dem es von allem zu viel zu geben scheint – zu viele Fakten, Meinungen, Bilder –, erhebt sich die Frage, welche Form von Kritik heutige Leser überhaupt noch zum Nachdenken bringen kann. Die draufhauerische? Als sich die »New York Times« entschied, künftig auf politische Karikaturen zu verzichten, votierte sie damit auch gegen kritische Ambivalenz. Denn keine Karikatur, sie mag noch so platte Stereotype befördern, »sagt«, was sie meint. Wie jedes Bild produziert sie unkontrollierbare rhetorische Effekte, die die mutmaßliche Intention ihres Schöpfers an Wirkkraft weit überragen. Wo die Existenzberechtigung politischer Karikaturen in Zeitungen verneint wird, weil diese (auch) beleidigen, empören und kränken können, wird nicht nur die Notwendigkeit von Freiheit bestritten – mit all ihren Chancen und Gefahren. Dort wird auch so getan, als könnte man Menschen vor der Macht der Bilder beschützen. Aber diese Macht ist stärker denn je, und sie ist zutiefst paradox – eindeutig und uneindeutig zugleich. Bilder lassen die einen wütend werden, die anderen bringen sie zum Lachen, wieder andere machen sie ratlos. Dieses »Problem« »löst« man nicht, indem man ein bestimmtes (wenn auch sehr spezielles, traditionsreiches) Bildgenre verbietet. Die Zeitungsmacher sollten das Verhältnis von Bild und Schrift eher grundsätzlich reflektieren. Und fragen: Was soll Kritik? Wozu brauchen wir Meinungsfreiheit – und in welcher Form? Es gibt heute (wieder) weltweit viele junge, originelle, bildgewaltige Karikaturisten und Cartoonisten. Redakteure sollten sie bei der Entscheidungsfindung unbedingt miteinbeziehen.[Rebekka Reinhard]

contra Dass die »New York Times« ihre politischen Karikaturen abgeschafft hat, klingt nach einem harten Schritt, ist aber kein großer Verlust. Denn welchen Mehrwert hat eine solche Karikatur heute noch? Eine der Zeichnungen, die in Deutschland einen für diese Debatte typischen Aufruhr ausgelöst hat, zeigt zum Beispiel Mark Zuckerberg als Datenkrake mit Hakennase und Schläfenlocken und war in der »Süddeutschen Zeitung« erschienen. Hier werden antisemitische Klischees verbreitet. Und wieso sollte man ein Genre weiter publizieren, das in seinem Stilmittel der Vereinfachung immer wieder in Diskriminierung abrutscht? Sagt diese Zeichnung irgendetwas über die Gefahren von mangelndem Datenschutz bei Facebook, das wir nicht mit Worten ausdrücken könnten? Nein. Das Genre der politischen Karikatur stammt aus einer Zeit, in der es noch keine demokratisch gesicherte Meinungsfreiheit gab. Sie war das Mittel, nicht wörtlich Kritik an den Mächtigen zu üben. Heute darf man alles sagen, vor allem Kritik an den Mächtigen äußern, und die politische Karikatur verliert dadurch eine große Aufgabe. In der freiheitlichen Demokratie hinkt sie einer verbalen Kritik sogar hinterher, weil sie keine Begründung für ihre Aussage liefert. Sie besteht ausschließlich aus einer zugespitzten Aussage. Und man kann nicht sagen, dass der Diskurs derzeit daran krankt, dass es nicht genug zugespitzte Meinungen gibt, die sich nicht erklären. Politische Karikaturen sind veraltet. Das Stilmittel der Übertreibung wirkt plump und unkreativ im Vergleich zu neueren Genres. Wer nach etwas Nichtverbalem sucht, das dem Diskurs etwas hinzufügt, weil es etwas auf einen Blick verständlich macht, eine Einsicht provoziert, weil es witzig ist oder die Widersprüche der Verhältnisse aufzeigt, wird bei Memes eher fündig als bei politischen Karikaturen.[Maja Beckers]


FOTO: VERENA BRANDT

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