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PROBIER‘S MAL MIT GEMÜTLICHKEIT


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 14.12.2022

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Voller Vorfreude hüpfe ich mich warm und halte den Zeigefinger auf dem Startknopf meiner Laufuhr. Obwohl ich 6:15:00 Stunden Zeit habe, um das Ziel zu erreichen und die auch auskosten werde, möchte ich meine Zeit stoppen. Die Jungs und Mädels neben mir tun das Gleiche, nur dass sie heute vielleicht eine neue Bestzeit laufen wollen. Ich habe mich weit vorne eingereiht. Aus reiner Neugierde und um das komplette Bild eines Marathons zu erleben, alle Facetten des Laufs zu entdecken. Ich versuche hier und da einen Smalltalk anzuzetteln und wünsche gute Beine. Aber bis auf ein „Danke“ herrscht hier vorne Ruhe und höchste Konzentration. Also halte ich meine Klappe und warte. Drei, zwei, eins: Los geht’s!

Es nieselt ein wenig, aber die Wettervorhersage für den Tag ist wunderbar – genauso wie die Stimmung auf den ersten Kilometern. Der Streckenrand ist gepflastert mit ...

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... applaudierendem Publikum. Einige halten Schilder hoch mit „Papa, du schaffst das“ und „Lauf, Ulrike, lauf “. Andere schwingen Rasseln und trommeln auf mitgebrachten Töpfen. Ich fühle mich regelrecht angetrieben und laufe im 5er-Schnitt durch die ersten Kurven. Viel zu schnell, denke ich, wenn ich ganz hinten ankommen will. Aber ich lasse mich erstmal mitziehen. Bis zum ersten Wendepunkt bei Kilometer 7 geht es am Rhein entlang. Dann nehme ich Tempo raus und fange an zu realisieren, dass ich ja wirklich keinen Zeitdruck habe. Es ist 11:11 Uhr und ich bin zufällig bei Kilometer 11 – da wird mir in karnevalistischer Manier wie selbstverständlich ein Schluck Kölsch angereicht. „Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir egal von welchem Fleck“ – so singt es Bär Balu im Dschungelbuch. Und das zehnte Kölsche Grundgesetz sagt: „Drinkste ene met?“ Okay. Man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen.

Ab hier laufen wir zusammen. Iris ist schon rund 150 Marathons gelaufen und beim Köln-Marathon Stammgast. Seit 1997 ist die Troisdorferin jedes Jahr dabei und absolviert somit gerade ihre 24. Königsdisziplin in Köln – zusammen mit ihrem Lauffreund Jürgen. Die zwei traben gemütlich und gut gelaunt Kilometer für Kilometer weiter, ohne festen Zeitplan. „Einfach genießen“, sagt Iris. „Hier sind alle positiv bekloppt. Teilweise stehen die Leute mit Sofas am Streckenrand.“ Aber hinsetzen ist keine Option. Die zwei wollen zum Dom. „Das ist immer ein ganz besonderer Moment kurz vor dem Ziel.“ Am Rudolfplatz lasse ich die beiden ziehen und lasse mich weiter zurückfallen. Dank der Jungs und Mädels am „Teufelstisch“ ein Kinderspiel.

DER TEUFELSTISCH UND TEAMWORK

Mike, Levi, Sascha, Alma, Jojo und Mirko haben es sich vor der Venloer Stube gemütlich gemacht und verteilen kneipenkonform Kölsch und Kippen an die Läufer. Ich schnappe mir einen Stuhl und schaue mir das Spektakel an. Die sechs wollen gucken, wer sich verführen lässt. Und Tatsache: Nicht wenige Marathonis bleiben stehen, nehmen einen Schluck Hopfenwasser, berichten kurz von müden Beinen und kleinen Motivationslöchern, bedanken sich dann und laufen weiter. „Ist nicht mehr weit“, rufe ich einer Läuferin hinterher und mühe mich nach bestimmt zehn Minuten wieder hoch, um selbst weiterzukommen. Mittlerweile ist auch die erste Frau, Sabine Burgdorf, mit einer Zeit von 2:40:39 Stunden im Ziel. Auf Richtung Ehrenfeld!

Auf der Vogelsanger Straße sacke ich Dachawne mit der Nummer 3645 ein. Er geht und hält sich den Rücken. „Cramps“, sagt er auf Englisch. Krämpfe. Er ist Amerikaner, lebt aber als stationierter Soldat in Wiesbaden und wollte schon lange mal in Köln mitlaufen, weil er schon oft von der guten Stimmung hier gehört hat. Ich rede ihm gut zu und sage, was auch Balu der Bär im Dschungelbuch singt: „Schmerz geht bald vorbei!“ Wir vertrödeln gemeinsam noch ein bisschen Zeit, dann frage ich ihn, ob er mit mir weiterlaufen möchte. Gemeinsam traben wir los, ich klopfe ihm noch auf die Schulter und lasse ihn ziehen – um nahtlos Ewa mit der 3437 aus Polen zu unterstützen. Sie hat Magenprobleme und kaum noch Lust weiterzulaufen. Bestimmt zehn Minuten gehen wir nebeneinanderher und die Zuschauer rufen uns zu „Ihr schafft das, weiter, weiter!“. Und irgendwann habe ich Ewa so weit: Ihre Motivation kommt zurück. Wir laufen zusammen an, dann schicke ich sie vor. Aber sie muss mir noch versprechen, dass sie ins Ziel läuft. „Okay“, sagt sie. „Cze??!“, sage ich. Irgendwie entstehen beim Köln-Marathon innerhalb von Minuten gefühlt ganze Freundschaften. Ich hoffe sehr, dass beide finishen. Und auch Staffelläuferin Petra von den Wetter-Hexen löst irgendwie ein richtiges Heimatgefühl in mir aus. Irgendwie kommen wir ins Erzählen. Sie sagt, dass sie mal zwei Wirbel gebrochen hatte und nicht viel laufen kann. „Aber ein paar Kilometer Staffel gehen.“ Wir umarmen uns beim Abschied sogar, schießen ein Foto und wünschen uns viel Spaß. Solche Momente sind zauberhaft.

„ES IST EIN RICHTIG TOLLES GEFÜHL, ERSTE VON HINTEN ZU WER DEN.“

ANITA HORN

NUR NOCH 12

Die Straße wird immer leerer, hinter mir sind nur noch ein paar hundert Läufer – und auch die möchte ich alle noch kennenlernen. Trotz steigender Erschöpfung sind die Läufer hier immer redseliger. Ich passiere Kilometer 30 und werde von einem neuen Motivationsschub gepackt, denn ich weiß, ich laufe gleich durch mein altes Veedel. In Nippes war ich viele Jahre zu Hause. So viele Nachbarn, so viele Freunde. Ein echtes Fest bereitet mir Anja auf der Neusser Straße. Sie hat mir ein warmes Fußbad, einen frischen Ingwer-Orangen-Saft und Schokolade bereitgelegt. Und während ich meine Luxuspause genieße, erzählt Anja, wie sehr sie all die Läufer*innen hier bewundert. „Die Leute bereiten sich zum Teil ein Jahr lang vor, um dann diesen einen Tag zu meistern. Gerade die Freizeitsportler haben den höchsten Respekt verdient, dass sie neben Arbeit, Alltag, Familie für einen Marathon trainieren. Klar sind die Profisportler vorne die Aushängeschilder, aber die, die richtig beißen und kämpfen müssen, die haben es noch mehr verdient, angefeuert zu werden.“

Für Anja ist der Köln-Marathon ein echter Pflichttermin im Jahr. Sie wohnt bei Kilometer 35. Hier fängt es für viele an, richtig wehzutun. „Ich hab schon mal mit Karnevalsmusik am Rand gestanden. Wenn man dann ein kleines Lächeln bekommt, geht allen das Herz auf.“ Das Ziel ist nicht mehr weit – das sagen wir allen, die an uns vorbeikommen. Auch ich laufe weiter. Danke, du Liebe. Ohne Leute wie dich wäre der Köln-Marathon nicht der Köln-Marathon.

„ENDSPURT“ MIT DOMBLICK

Auf der Amsterdamer Straße kommen mir dann tatsächlich die letzten Grüppchen entgegen und da, ganz am Ende, brummelt die Kolonne der Besenwagen. Wenn ich jetzt noch ein bisschen langsamer mache, geht mein Plan auf. Und ich denke – so wie Balu singt: „Denn mit Gemütlichkeit kommt auch das Glück zu dir!“ Ich bin gerade total happy. Und frage mich, wen dieser Läufer*innen ich wohl in etwa einer Stunde ins Ziel begleiten darf.

Die letzten Kilometer vergehen trotz des langsamen Laufens wie im Flug. Am Neumarkt ist nochmal richtig viel los. Die Jungs vom Teufelstisch sind hierher umgezogen – auch sie haben mittlerweile knapp sechs Stunden auf dem Buckel. Anfeuern ist auch eine Leistung. Und ich treffe die liebe Claudia und ihre Tochter Paula. Sie sind extra aus Frankfurt angereist, um ein paar Freunde anzufeuern. „Die Kölner Mentalität macht riesigen Spaß, die verkleideten Leute unter den Marathonis und im Publikum, großartig. Frankfurt ist ja auch eine große Sportstadt, aber Köln ist einfach besonders.“

Für mich kommen jetzt die letzten Kilometer, Richtung Dom und roter Teppich zum Ziel. Ich gehe immer wieder ein paar Meter, um mich langsam dem Besenwagen zu nähern. Dann schießt mir das Adrenalin in die Adern: Denn noch schöner als der Dom ist es, meine Familie in der letzten Kurve zu treffen. Mein erster Marathon als Mama. Mein Sohn ist auf Opas Arm, daneben mein Mann. Ich habe sogar noch eine Viertelstunde Zeit, bei ihnen zu warten, bevor tatsächlich die Schlussläufer und die letzten Damen um die Ecke kommen.

Martina mit der 3666 aus Neuss läuft hier gerade ihren ersten Marathon ins Ziel, aber auf den letzten Metern überholt sie noch Cornelia aus Bergneustadt mit der 2531. Völlig unerwartet und überrascht hat sie nun die Ehre, als letzte Finisherin die Ziellinie zu überqueren. Die Menge tobt, der Moderator feiert sie, als wäre sie Erste und Cornelia kann gar nicht fassen, dass sie plötzlich im Mittelpunkt steht. Mit einem großen Strauß Blumen in der Hand und Tränen in den Augen sagt sie am Ende nur „Danke“. Cornelia, du hast das super gemacht. Und ich verrate dir was: Du warst zwar die letzte Läuferin im Ziel, aber längst nicht die langsamste. Denn das war ich. Weil Cornelia im hinteren Startblock losgelaufen ist und bei einer Bruttozeit von 6:13:47 ins Ziel gekommen ist, war sie 6:03:49 Stunden unterwegs. Da ich ganz vorne gestartet bin, war ich bei gleicher Bruttozeit erst nach 6:13:46 im Ziel.

Und es ist ein richtig tolles Gefühl, Erste von hinten zu werden. Mit ganz viel Gemütlichkeit, Geselligkeit und einem Gefühl von Glück. Und was mich besonders freut: Auch Ewa aus Polen hat es nach 5:23:54 Stunden ins Ziel geschafft. Und Dachawne ist nach 5:44:40 Stunden ebenfalls angekommen. Es war mir eine Freude, euch alle ein Stück begleiten zu dürfen.