Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

Probier’s mal mit Leichligkeit


Logo von Mein Pferd
Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 07.01.2022

HARMONISCH REITEN

Artikelbild für den Artikel "Probier’s mal mit Leichligkeit" aus der Ausgabe 20/2022 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 20/2022

Unabhängig vom Leistungsstand des Pferdes kann mit Leichtigkeit geritten werden. Diese kann sich durch eine entsprechende Ausbildung immer weiter verbessern

Tipps to go Unsere Tipps können Sie gratis auf Ihr Handy laden: Einfach diesen QR-Code scannen und Datei speichern!

Schwungvoll trabt eine Reiterin mit ihrer Fuchsstute durch das Viereck. Beide sind gerade erst in einen neuen Stall gezogen. Die Frau scheint einfach nur gelassen im Sattel zu sitzen und zu lächeln, während ihre Stute zufrieden kaut und sensibel, aber dabei äußerst willig auf die Hilfen reagiert. Ob Seitengänge oder ein paar Tritte verlängern an der langen Seite – das Paar strahlt nur so vor Leichtigkeit. Immer wieder legen sie kurze Pausen ein, in denen die Stute entspannt am hingegebenen Zügel weitergeht. Am Rand des Reitplatzes sammeln sich nach und nach neugierige Zuschauerinnen. Während ein junges Mädchen wie gebannt auf die Reiterin schaut und das Lächeln in ihrem Gesicht nicht zu übersehen ist, fallen bei den anderen Sätze wie: „Die haben einfach einen guten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€statt 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mein Pferd. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 20/2022 von DIE KLEINEN DINGE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE KLEINEN DINGE
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von Mit anderen Augen sehen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mit anderen Augen sehen
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von P.S.I. Award für Jürgen Koschel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
P.S.I. Award für Jürgen Koschel
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von TELEGRAMM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TELEGRAMM
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Was wurde aus … …dem dressierten Pferd Marocco?
Vorheriger Artikel
Was wurde aus … …dem dressierten Pferd Marocco?
ENTspannt oder VERspannt?
Nächster Artikel
ENTspannt oder VERspannt?
Mehr Lesetipps

... Tag“ oder „Das Pferd ist bestimmt in Beritt, und sie muss es einfach nur nachreiten“. Oberflächlich betrachtet zeigen diese Aussagen, dass ein gewisser Neid vorzuherrschen scheint. Doch was steckt dahinter?

Sehnsucht nach Harmonie

Leichtigkeit beim Reiten und generell ein harmonisches Miteinander zwischen Reiter und Pferd sind zwar für viele Reiter ein Ziel, jedoch kommt nicht selten immer wieder das Gefühl auf, genau an diesem Ziel zu scheitern. Hinter dem Verdacht des Neids kann sich also auch die Sehnsucht verstecken, mehr Leichtigkeit mit dem eigenen Pferd zu erleben. Nun ist das aber so eine Sache mit den Zielen: Während es vergleichsweise leicht erscheint, einen Plan zu erstellen, um unserem Pferd eine bestimmte Lektion beizubringen, und wir diesen Schritt für Schritt umsetzen können, ist so etwas wie Leichtigkeit ein weniger greifbarer Begriff. Wie eine Traversale geritten wird, welche Hilfen dazu nötig sind und was bei möglicherweise auftretenden Fehlern zu tun ist, steht in zahlreichen Lehrbüchern geschrieben. Damit ist das Grundgerüst gegeben. Was aber nicht vergessen werden darf: Die Umsetzung hängt in großem Maße von den Fähigkeiten und Fertigkeiten des Reiters ab. Wenn ein Pferd mit großem Kraftaufwand irgendwie durchs Viereck geschoben wird, sieht das Ganze nicht nur unharmonisch aus, sondern die Traversale verfehlt auch ihre gymnastizierende Wirkung. Gleiches gilt, wenn das Pferd einfach noch nicht so weit ist, um bestimmte Lektionen zu lernen oder zu zeigen. Leichtigkeit wird unter diesen Umständen nicht zu finden beziehungsweise zu erreichen sein.

Wenn das Außen täuscht

Nicht nur das Einfühlungsvermögen, sondern auch die Balance des Reiters spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um die Leichtigkeit geht. Er muss in der Lage sein, völlig ausbalanciert und zügelunabhängig zu sitzen, um seine Hilfen mit Leichtigkeit geben zu können. Die Grundausbildung des Reiters kommt häufig viel zu kurz. Es wird eher der Blick auf das Pferd gerichtet als auf die Person auf dessen Rücken. Wie bewegt sich das Pferd? Geht es am Zügel oder nicht? Geht es fleißig nach vorne? Diese Fragen zeigen, wie viel Wert auf die äußere Form des Pferdes gelegt wird. In Bezug auf den Reiter gelten ähnliche Kriterien: Sitzt der Reiter gerade? Schaut er nach vorne und gibt er die richtigen Hilfen? Hier ein Gedankenexperiment: Schließen Sie die Augen. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig. Stellen Sie sich vor, Sie bereiten sich auf eine Prüfung vor. Sie sitzen auf Ihrem Pferd, in korrekter Haltung, und Sie wissen, welche Hilfen Sie wann zu geben haben. Reiten Sie einen Teil einer Aufgabe in Gedanken durch. Nun hören Sie plötzlich auf zu atmen und halten den Atem an, sodass Sie die Spannung in Ihrem Bauch spüren können (das stellen Sie sich nicht nur vor, sondern machen es wirklich). Reiten Sie mit angehaltenem Atem noch einmal einen Teil einer Aufgabe gedanklich durch. Die Augen sind weiterhin geschlossen. Bemerken Sie den Unterschied?

Vertrauen als Grundstein

Die äußere Form kann über so manches Problem hinwegtäuschen. Wenn der Reiter zum Beispiel aufgrund von Anspannung die Luft regelrecht anhält, wirkt sich das nicht nur auf seine eigenen Bewegungen aus, sondern auch auf den Bewegungsfluss des Pferdes. Ein harmonisches Mitschwingen in der Mittelpositur ist nicht möglich. Der Körper von Pferd und Reiter muss nicht einfach nur gut aussehen. Leichtigkeit entsteht durch ein harmonisches Miteinander und durch Training mit Köpfchen, durch das Pferd und Reiter gestärkt werden und zusammenwachsen. Dass die Fuchsstute und ihre Reiterin die Blicke auf sich ziehen, liegt eben nicht daran, dass die Beine in der Trabverstärkung nur so fliegen, oder daran, dass die Reiterin wie eine Eins im Sattel sitzt. Was die Zuschauer so gebannt hinschauen lässt, ist die Zusammenarbeit des Paares, die alles in Leichtigkeit erstrahlen lässt.

Wenn Sie sich die Leichtigkeit als Ergebnis einer Gleichung vorstellen, ist der Reiter ein entscheidender Faktor. Schließlich wirkt er auf verschiedene Art und Weise ständig auf sein Pferd ein. Aus diesem Grund spielt nicht nur die Losgelassenheit des Pferdes, sondern auch die des Reiters eine Rolle auf dem Weg hin zu mehr Leichtigkeit.

• Genau wie beim Pferd wird auch beim Reiter zwischen innerer und äußerer Losgelassenheit unterschieden. Das heißt, die Losgelassenheit hat sowohl körperliche als auch geistige Aspekte. Dabei gehen beide Hand in Hand.

• Wir lernen Bewegungen in Aktivität. Stellen Sie sich vor, Sie lernen Fahrradfahren. Anfangs spannen sich alle möglichen Muskeln in Ihrem Körper an, damit Sie nicht das Gleichgewicht verlieren. Zusätzlich müssen Sie Kraft aufbringen, um von der Stelle zu kommen und nicht umzukippen. Dabei ist auch Ausdauer gefragt. Nach kurzer Zeit sind Sie aus der Puste. Doch nach ein paar Tagen sieht das Ganze schon anders aus, und irgendwann können Sie im Schlaf Fahrrad fahren. Sie haben gelernt, und dieser Lernfortschritt befähigt Sie zu mehr Leichtigkeit beim Ausführen der Bewegungen.

• Je weiter Sie mit dem motorischen Lernen vorankommen, desto mehr schaffen Sie es, nur die Muskeln zu aktivieren, die für die jeweilige Bewegung absolut notwendig sind. Dann wird auf neurologischer Ebene sämtliche Muskulatur regelrecht gehemmt, die für die Bewegung nicht gebraucht wird.

• Neurophysiologisch ist Festhalten leider leichter als Loslassen, und Verspannen ist leichter als Entspannen. Das gilt für Mensch und Tier. Besonders wenn etwas anstrengend ist. Losgelassenheit im Sattel setzt also eine entsprechende Übung und Wiederholung voraus.

• Der Sitz spielt eine entscheidende Rolle beim Erreichen der Losgelassenheit, denn nur wenn sich der Reiter in Balance befindet, kann er und somit auch sein Pferd loslassen.

• Stress ist ein weiterer Faktor, der enormen Einfluss auf die Losgelassenheit hat. Reiter im Stressmodus spannen die Muskulatur stärker an, und sie können nicht mehr richtig in der Mittelpositur mitschwingen. Der eigene Bewegungsfluss und der des Pferdes wird gestört.

• Losgelassenheit und somit auch Leichtigkeit kann tagesformabhängig sein. Um Ihre Tagesform zu verbessern, können Sie sich passende Strategien zurechtlegen. Wie wäre es mit einem kurzen Übungsprogramm für mentale Stärke, Entspannungsübungen oder einer regelmäßigen Sitzschulung? So steigen Sie direkt ganz anders in den Sattel.

SICH SELBST ERLEICHTERN

Sie wollen mehr Leichtigkeit im Sattel erreichen? Dann befreien Sie sich von Ballast:

Machen Sie regelmäßig einen „mentalen Hausputz“. Nehmen Sie sich Zeit und sortieren Sie Ihre Gedanken. Dazu nehmen Sie sich verschiedene Karteikarten oder buntes Papier und schreiben alles auf, was Ihnen in den Kopf kommt. Sie denken ständig an die Prüfung nächste Woche und sind davon regelrecht gestresst? Schreiben Sie „Prüfung“ auf eine rote Karte und legen Sie diese beiseite.

Welche belastenden, aber auch welche fröhlichen Gedanken schwirren Ihnen noch durch den Kopf? Notieren Sie alles und ordnen Sie die auf Papier gebrachten Gedanken auf zwei Haufen. Die belastenden legen Sie zur Seite, und die fröhlichen lesen Sie sich noch einmal durch, bevor Sie sich mit Ihrem Pferd beschäftigen. Ihr Ballast hat Pause, Sie haben ihn wahrgenommen, müssen ihn allerdings nicht mit sich herumschleppen.

Das geht nicht ohne Vertrauen. Seit wenigen Tagen steht die neue Einstellerin nun im Stall, und ihre Stute scheint sich ohne Probleme an das unbekannte Umfeld gewöhnt zu haben. Selbst als auf dem Springplatz neben dem Viereck die Hindernisse für das Training am Abend aufgebaut werden, zuckt die Fuchsstute nicht einmal mit der Wimper. Vertrauen ist der Grundstein für eine gute Beziehung. Es kann jedoch weder beim Kauf des Pferdes direkt mitgekauft werden, noch kann ein Bereiter den Job übernehmen. Klar, es gibt Vierbeiner, denen es leichter fällt, Vertrauen aufzubauen.

Solche, die sich nicht schnell aus der Ruhe bringen lassen und nicht schreckhaft sind. Doch auf einem sicheren, ruhigen Pferd zu sitzen bedeutet noch nicht, auch mit Leichtigkeit reiten zu können.

Gemeinsam wachsen

Vertrauen wächst mit der Zeit, und mit ihm kann auch die Leichtigkeit wachsen. Dazu sind Ruhe, Geduld und eine Portion Selbstreflexion nötig. Wir können von unserem Pferd nicht erwarten, dass es uns vertraut, wenn wir nichts dafür tun. Vertrauen ist eben keine Einbahnstraße. Das Gleiche gilt in Bezug auf Respekt. Wir möchten, dass unser Pferd uns respektiert, uns folgt und sich auf uns einlässt. Doch bringen wir ihm auch den gleichen Respekt entgegen? Nehmen wir das Maul des Pferdes. Es ist ein wichtiges Sinnesorgan, ein Kommunikationsmittel und äußerst empfindlich. Wir wählen ein Gebiss aus und nehmen meist von Beginn der Ausbildung an erheblichen Einfluss auf das Maul. Die Kriterien, nach denen wir ein Gebiss aussuchen, haben wir oder andere festgelegt. Wenn das Pferd unzufrieden mit dem Gebiss ist, stellen wir selten sofort unsere Auswahl in Frage, sondern eher unseren Vierbeiner. Sorgfalt im Umgang mit dem Maul des Pferdes und das Wertschätzen des Miteinanders sind unglaublich wichtig. Leichtigkeit kann nur erreicht werden, wenn diese Voraussetzungen Tag für Tag gegeben sind. Das heißt, wir sollten uns nicht nur beim Training, sondern auch immer wieder im alltäglichen Umgang mit dem Pferd fragen, wie es um die Grundsteine Vertrauen, Respekt und Wertschätzung steht. Machen Sie sich dabei klar, dass auch Sie imstande sind, zu wachsen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Das ist das Schöne an der Arbeit mit dem Pferd: Gemeinsam zu wachsen ist ein besonderes Erlebnis.

Keine Reparaturmaßnahmen

Wenn es um das Maul des Pferdes geht, ist die Hand des Reiters nicht weit. Unser Leben ist generell sehr „handlastig“. Unsere Hände sind im Alltag unsere Werkzeuge, und alles, was wir „in die Hand nehmen“, manifestiert sich vor uns. Dabei haben wir unsere Hände im Blick und können genau sehen, was wir erschaffen. Wenn wir etwas reparieren müssen, sind ebenfalls unsere Hände gefragt. Diese Gewohnheiten nehmen wir in einem gewissen Maße mit in den Sattel. Vieles spielt sich vor uns ab: Der Kopf des Pferdes, sein Maul, die Vorhand. Die Hände übernehmen die Kontrolle, und ohne sie fürchten wir Kontrollverlust. Je nach Ausbildungsstand und Erfahrung sind wir es (noch) nicht gewohnt, nach hinten zu spüren und unsere Wahrnehmung auf die Hinterhand des Pferdes zu richten. Schließlich können wir sie ja nicht sehen. So passiert es schnell, dass unsere Hand rückwärts wirkt und den Bewegungsfluss stört. Treten Probleme auf, versuchen wir, auch diese mit der Hand zu reparieren, von Anlehnungsfehlern bis hin zu einem zu eiligen Tempo. Auch wenn wir es eigentlich nicht wollen, werden unsere Hände manchmal zum enorm regulierenden Element. Solche „Reparaturmaßnahmen“ ziehen das Pferd regelrecht zusammen. Die Hinterbeine können nicht mehr so weit nach vorne unter den Schwerpunkt treten, und die Wirbelsäule wird mehr oder weniger stark komprimiert. Wenn wir versuchen, ein unschönes Gefühl mit der Hand korrigieren zu wollen, verhindern wir Leichtigkeit. Egal ob es darum geht, das Pferd zur Dehnungshaltung einzuladen oder an der Versammlung zu arbeiten, es darf in keinem Fall durch die Reiterhand in eine Form gepresst werden. Besser ist es, mit Zeit und Geduld an der Balance, an Takt und Tempo sowie an der mentalen und physischen Losgelassenheit zu arbeiten. Tasten Sie sich nach und nach an die Formgebung heran. So verbessert sich auch die Durchlässigkeit, und Sie kommen dem Ziel der Leichtigkeit näher.

FALSCHE LEICHTIGKEIT

Nicht immer ist Leichtigkeit richtig und gewollt. Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, denn es gibt verschiedene Formen von Leichtigkeit. Eine Erklärung:

Auf den ersten Blick scheint die Kopfund Halshaltung des Pferdes perfekt. Doch sobald der Reiter es zur Dehnung an die Hand einlädt, fangen die Uhren an, laut zu ticken, denn es passiert einfach gar nichts. Der Vierbeiner verharrt regelrecht in seiner Position und traut der Hand nicht. Die Ursachen können vielfältig sein. Nicht selten steckt zum Beispiel ein zusammengezogener Hals dahinter. Grundsätzlich muss aus jeder Position heraus ein Vorwärtsreiten möglich sein, und das Pferd sollte der Einladung zur Dehnungsbereitschaft gerne nachkommen. Da kein Pferd dem anderen gleicht, können unterschiedliche Kopfhaltungen „richtig“ sein. Leichtigkeit bedeutet nicht, dass keine Verbindung mehr zwischen Reiterhand und Pferdemaul besteht. Es gilt also nicht „Je leichter, desto besser“. Vielmehr ist eine feine Verbindung, ein Kontakt, gemeint. Wenn sich das Pferd diesem Kontakt entzieht und so der Eindruck einer gewissen Leichtigkeit entsteht, läuft etwas schief.

Eine genaue Angabe, wie viel Gewicht in der Reiterhand in Ordnung ist, gibt es nicht. Wir können das Gewicht nicht einfach in Gramm angeben. Wenn Sie allerdings das Gefühl haben, jegliche Verbindung zu verlieren, verliert auch die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd an Wert. Das Pferd muss lernen, die Hand des Reiters vertrauensvoll zu suchen, und der Reiter muss dem Pferd dieses Vertrauen ermöglichen. Falsche Leichtigkeit ist nicht immer leicht zu entlarven. Es kann sinnvoll sein, mit einem guten Trainer zusammenzuarbeiten, der nicht nur Unterricht gibt, sondern auch selbst vom Sattel aus fühlt.

LEISTUNGSFÄHIGKEIT UND LEICHTIGKEIT

Wie wir Menschen verfügen auch Pferde über angeborenen Bewegungsfähigkeiten, die sich durch das Wachstum, aber auch durch ständiges Lernen und Üben weiterentwickeln. Im Laufe des Lebens können sich diese motorischen Fähigkeiten also verändern oder auf einem bestimmten Niveau bleiben.

Die persönliche Leistungsfähigkeit hängt unter anderem davon ab, wie der Körper belastet wird und wie die körperlichen Fähigkeiten trainiert werden. Leichtigkeit setzt eine gewisse körperliche Leistungsfähigkeit voraus.

Folgende Faktoren spielen dabei eine Rolle:

• Ausdauer und Kraft: Die beiden konditionellen Grundfähigkeiten bestimmen zu einem großen Teil die Leistungsfähigkeit und wirken sich stark auf die Gesundheit aus. Ausdauer kann auch als Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung bezeichnet werden. Je besser diese Fähigkeit ausgeprägt ist, desto länger kann eine bestimmte Leistung erbracht werden. Kraft ist wiederum die Voraussetzung für jede andere motorische Fähigkeit, das heißt für jede Art von Bewegung.

• Beweglichkeit: Gelenke können bewegt und Muskeln gedehnt werden. So wird Beweglichkeit möglich. Sie beschreibt also den Bewegungsumfang der Gelenke beziehungsweise die Dehnfähigkeit der Muskulatur. Bei guter Beweglichkeit ist der Bewegungsumfang der Gelenke groß. Muskelverkürzungen kann durch gezieltes Dehnen und entsprechendes Training, aber auch durch die passende Belastung vorgebeugt werden. Bewegungsabläufe sind komplex. Dabei spielen verschiedene koordinative und konditionelle Fähigkeiten zusammen. Wenn dieses Zusammenspiel gelingt und das Pferd über ausreichend muskuläre Kraft und Ausdauer verfügt, kann es Bewegungen mit mehr Leichtigkeit ausführen.

• Schnelligkeit: Darunter wird die Fähigkeit verstanden, Bewegungen mit einer bestimmten Beschleunigung durchführen zu können. Schnelligkeit hängt sowohl von der Kraft als auch von den koordinativen Fähigkeiten des Pferdes ab. Vor allem im Leistungssport wird die Schnelligkeit gezielt trainiert. Doch auch die schnellen Reaktionen auf Hilfen brauchen Übung, und dazu ist Wiederholung nötig. Das Pferd muss also lernen, rasch zu reagieren, und es sollte nicht vorausgesetzt werden, dass zum Beispiel ein junges Pferd sofort weiß, was der Mensch auf seinem Rücken von ihm will. Reaktionsfähigkeit kann durch Training verbessert werden und somit auch zu mehr Leichtigkeit führen.

• Geschicklichkeit: Bewegungen müssen gesteuert und koordiniert werden. Nur so ist ein guter Bewegungsfluss möglich. Dazu sind Gleichgewichts-, Reaktions- oder Rhythmusfähigkeit nötig. Im Prinzip bezeichnet Geschicklichkeit die Fähigkeit, unter Kontrolle des Gehirns Bewegungen zu steuern und aufeinander abzustimmen. Sie wird auch als koordinative Fähigkeit bezeichnet. Das Lernen und Trainieren von Bewegungsabläufen kann die Geschicklichkeit verbessern. Ein abwechslungsreiches Training mit Konzept fördert nicht nur die Bewegungskoordination, sondern auch die Leichtigkeit.

Hürden sind keine Hindernisse

Das Wichtigste dabei ist: Setzen Sie sich und Ihr Pferd nicht unter Druck. Versuchen Sie, die Ausbildung Ihres Pferdes nicht als Pyramide, sondern als Spirale zu sehen. Je mehr Sie und Ihr Vierbeiner lernen, je mehr Sie beide geschult werden, desto mehr haben Sie beide die Möglichkeit, sich zu entwickeln und zusammenzuwachsen. Grundsteine wie Balance und Losgelassenheit liegen nicht wie ein schweres Fundament am Boden, sondern wirken sich dynamisch auf das weitere Geschehen aus. Leichtigkeit ist kein Ziel, das sich in kurzer Zeit erreichen lässt. Vielmehr ist es eine lebenslange Aufgabe, die, wenn Sie auf dem richtigen Weg sind, Früchte trägt. Hürden gehören dennoch dazu und stellen kein Hindernis dar, solange Lösungen gefunden und ausprobiert werden können.

So kann es sein, dass zu Beginn der Ausbildung bereits eine gewisse Leichtigkeit am Boden vorhanden ist und das Pferd immer mehr in der Arbeit aufgeht. Als Ausbilder tasten wir uns an neue Aufgaben mit unserem Vierbeiner heran und wundern uns manchmal, wie einfach uns etwas von der Hand geht. Dann folgt der Umstieg in den Sattel, und wir sehen die Leichtigkeit nur noch Reißaus nehmen und irgendwo am Horizont verschwinden. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Solche Hürden lehren uns, geduldig zu bleiben und mehr Ausdauer zu bekommen – sowohl körperlich als auch mental. Nicht immer ist alles leicht. Das muss auch nicht so sein. Aber je öfter wir Leichtigkeit beim Reiten erleben, desto mehr bekommen wir eine Idee davon, was alles möglich sein kann.

Vom Zuschauen lernen

„Wie schaffst du es, dass dein Pferd so toll läuft?“, fragt ein junges Mädchen, als die neue Einstellerin mit ihrer Fuchsstute an der Hand das Viereck verlässt. Die anderen Leute gehen ein Stück zur Seite, hören aber ganz genau hin, was sie sagt: „Das war nicht immer so. Stell dir vor, dass meine Stute ein ganz schöner Wildfang war, als sie zu mir kam. Ich hatte keine Ahnung, und sie hatte keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht. Sie war sehr misstrauisch. Damals gab es eine ältere Frau bei uns am Stall, der ich Tag für Tag beim Reiten zugeschaut habe. Es sah so leicht aus, wie sie ihren Wallach geritten ist. Ich habe mir gesagt, dass ich irgendwann auch so reiten möchte“.

Das junge Mädchen schaut sie nachdenklich an und fragt:

„Und das hat dann einfach so geklappt?“ Die Frau mit der Fuchsstute lächelt: „Es hat seine Zeit gebraucht, und es gab Zeiten, in denen ich nicht mehr weiter wusste. Dann habe ich mir das Bild der älteren Frau wieder vorgestellt.

Das Wichtigste ist, dass du darauf vertraust, dass es möglich ist. Wenn du dann einmal selbst erlebst, wie schön es ist, mit Leichtigkeit zu reiten – und auch wenn es nur ein kurzer Moment ist – dann willst du mehr davon und fängst gleichzeitig an, dein Pferd immer besser zu verstehen.“ „Darf ich dir morgen zugucken?“, fragt das junge Mädchen. „Gerne“, nickt die Frau freundlich und geht Richtung Stall.