Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 4 Min.

PROCONTRA:Gymnasiallehrer in der Grundschule?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 27.08.2018

Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen an den Grundschulen bis 2025 bundesweit rund 35000 Lehrer. Immer mehr Bundesländer bieten deswegen Lehrern, die eigentlich für das Gymnasium ausgebildet sind, (vorübergehend) eine Stelle an einer Grundschule an. Aber sind die überhaupt daran interessiert – und dafür qualifiziert? Und birgt diese (vermeintliche) Lösung tatsächlich mehr Chancen als Gefahren?


Qualität steigern – Unterrichtsversorgung sichern

Die baden-württembergische Bildungspolitik konzentriert sich auf zwei Schwerpunkte, die ich mit großer Konsequenz verfolge. Sowohl die Steigerung von ...

Artikelbild für den Artikel "PROCONTRA:Gymnasiallehrer in der Grundschule?" aus der Ausgabe 9/2018 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 9/2018

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Pädagogik. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Lernen mit Methode. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lernen mit Methode
Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Lernen mit Methode. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lernen mit Methode
Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Ein Methodenkonzept für das Gymnasium entwickeln. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Methodenkonzept für das Gymnasium entwickeln
Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Wissenschaftliches Arbeiten einüben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wissenschaftliches Arbeiten einüben
Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Mit digitalen Medien arbeiten: Methodenschulung im Fach Computer- und Medientraining (CoMeT). Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mit digitalen Medien arbeiten: Methodenschulung im Fach Computer- und Medientraining (CoMeT)
Titelbild der Ausgabe 9/2018 von Effektiv lernen: Lernmethoden für jeden Tag. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Effektiv lernen: Lernmethoden für jeden Tag
Vorheriger Artikel
Erziehen in der Schule: Serie – 1. Folge: Erziehung als Zum…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Schulbegleitungen
aus dieser Ausgabe

... Qualität und Leistungsfähigkeit als auch die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung sind Kernaufgaben guter und verantwortungsvoller Bildungspolitik. Die Leistungsvergleiche und Bildungsstudien der letzten Jahre zeigen sehr deutlich, dass wir erheblichen Handlungsbedarf haben: IGLU, PISA und die IQB Bildungstrends lassen grüßen.

Dr. Susanne Eisenmann (CDU) ist Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg. Adresse: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Thouretstraße 6, 70173 Stuttgart E-Mail: pressestelle@km.kv.bwl.de


Baden-Württemberg hat dafür einen Weg eingeschlagen, bei dem gerade das Qualitätsthema eine Schlüsselrolle spielt.

Potenziale nutzen – Chancen eröffnen

Gerade an den Grundschulen ist der Lehrkräftemangel eklatant. Daher muss es uns ein Anliegen sein, vorrangig dort anzusetzen. Die Grundschulen leisten unverzichtbare Grundlagenarbeit, besonders beim Lesen, Rechnen und Schreiben. Diese Fähigkeiten und Fertigkeiten bilden die Voraussetzung für Bildungserfolg insgesamt, in allen Fächern, in allen Schularten, in allen Varianten von Ausbildung, Studium und Beruf.

Nun ist der Lehrerarbeitsmarkt praktisch in ganz Deutschland leergefegt – gerade im Grundschulbereich. Die Zahl der Studienplätze für das Grundschullehramt haben wir bereits erhöht. Um dem Mangel kurzfristig zu begegnen, müssen wir jedoch zusätzlich auf den Bestand an Lehrkräften mit anderen Lehrbefähigungen als der für die Grundschule zugreifen. Es gibt einen Überhang an ausgebildeten Gymnasiallehrerinnen und -lehrern mit Fächerkombinationen, für die derzeit und in absehbarer Zeit keine Stellen in ihrem ursprünglichen Lehramt frei sind bzw. werden. Diese Lehrerinnen und Lehrer haben ein fachlich anspruchsvolles Studium absolviert, mit Fächern, die auch im Grundschulbereich gut einsetzbar sind, und sie haben eine hochwertige pädagogische Ausbildung erfahren.

Daher ist es konsequent, diesen Lehrerinnen und Lehrern ein Angebot zu unterbreiten, das mehrere Komponenten umfasst:
• sie arbeiten unverzüglich direkt an den Grundschulen,
• sie erhalten begleitend eine einjährige Qualifizierung für die pädagogische Arbeit mit Kindern im Grundschulalter, aufbauend auf ihrer gymnasialen Lehrbefähigung, die ja erhalten bleibt,
• sie erhalten eine Einstellungsgarantie für den Grundschulbereich mit der Grundschullehrer-Besoldung in A12 und schließlich
• erhalten sie nach mindestens drei Jahren ein Einstellungsangebot für ihr ursprüngliches Lehramt. Unabhängig davon können sie sich jederzeit auf gymnasiale Stellen bewerben.
Bereits mit Stand Ende Juni 2018 haben wir knapp 90 Personen übernommen und damit rund dreimal so viele wie letztes Jahr.Wir rechnenbis zum Ende des Einstellungsverfahrens mit einer deutlich höheren Zahl.

Fazit: Perspektiven schaffen – Mangel beseitigen

Mit unserem Konzept, das dem Prinzip nach in Bayernmit großem Erfolg funktioniert, erreichen wir zwei Ziele gleichzeitig.

Einerseits eröffnen wir Perspektiven für Lehramtsabsolventinnen und -absolventen, die anders kaum eine Einstellungschance im Schuldienst hätten. Andererseits schaffen wir für den aktuellen Mangel an Grundschullehrkräften schnell fachlich wie pädagogisch qualifizierte Abhilfe.

Ich bin überzeugt, dass dieser Weg richtig ist. Darüber hinaus bleibt es die Aufgabe der Kultusverwaltung, für eine verlässlichere Bedarfsplanung bei den Lehrkräften zu sorgen. Die Diskussion um einen Länderstaatsvertrag für Bildung bietet dafür eine gute Chance.

Selbstverständlich ist jede Maßnahme zu begrüßen, die Unterrichtsausfall vermeidet. Und selbstverständlich können Gymnasiallehrkräfte sehr gerne und sehr gut an Grundschulen unterrichten. Aber: Hinter dieser Notlösung steht eine Fülle an fragwürdigen Entwicklungen und Perspektiven.

Die Kalkulation des Lehrerbedarfs wird vernachlässigt

Statistische Landesämter liefern Zahlen zur demographischen Entwicklung, aus denen sich Bedarfe für eine grundlegende Ausstattung von Schulen mit ausgebildeten Lehrkräften ableiten lassen. Neue, gesellschaftlich relevante Themen (z. B. Inklusion, Migration, Digitalisierung) sowie Pensionierungszahlen sind langfristig identifizierbar. Das Problem liegt also nicht an der Datengrundlage, sondern an der Ausrichtung von Steuerungsmaßnahmen an Legislaturperioden.

So sind etwa in Baden-Württemberg die vorletzte und die letzte Landesregierung für die Misere an Grundschulen verantwortlich. Die in Deutschland lange Dauer der Lehrerbildung – erweitert über die Bachelor-Master-Struktur – erfordert eine langfristige Lehrerbedarfsberechnung, in die Studienzeiten und falls erforderlich auch eine Erhöhung der Studienplätze einzukalkulieren sind. In vielen Bundesländern gewinnt man allerdings den Eindruck, dass es innerhalb der Ministerien kein qualifiziertes Personal für eine sachgerechte Kalkulation des Lehrerbedarfs gibt.

Abwertung und Dequalifizierung der Grundschule

Lehramtsstudierende überlegen – auch mit Hilfe von Beratungsangeboten – in der Regel genau, welche Schulart siewählen. Wer sich für das Gymnasium und nicht für die Grundschule entscheidet, hat sich dies meist gut überlegt. Die Altersgruppe mit der er oder sie arbeiten möchte oder welches schulartspezifische Lern-und Entwicklungsmilieu bevorzugt wird, spielen dabei eine Rolle.

Die hohe (ein-bis zwei-)fachliche Qualifikation von Gymnasiallehrkräften kann zahlreiche Anforderungen nicht berücksichtigen, die typisch für die Arbeit an Grundschulen sind. An der Grundschule geht es um eine breitere und andere Fachlichkeit, beispielsweise hinsichtlich unabdingbarer entwicklungspsychologischer, sprachwissenschaftlicher und insbesondere auf das Lesen und die Rechtschreibung bezogener Kenntnisse und Kompetenzen. Ist es nach einem zehnsemestrigen Gymnasiallehramtsstudium möglich, Fehlerstrukturen von Grundschülerinnen und Grundschülern zu analysieren und daraus die notwendigen fachdidaktischen Schlüsse zu ziehen? Grundschulklassen sind sehr heterogen, beispielsweise hinsichtlich der Lesefähigkeiten ab dem ersten Schultag, die nicht selten Unterschiede von mehreren Schuljahren aufweisen. Ein flexibler, geöffneter, differenzierender und einfühlsam in soziale Beziehungen eingebundener Unterricht ist erforderlich. Unterrichtsplanung und -gestaltung erfordern einen anderen Zugang als in den Sekundarstufen I und II. Nicht umsonst sind Lehramtsstudiengänge unterschiedlich konzipiert.

Merkwürdig mutet die Kombination aus verzweifelter Suche (»Land wirbt für Einstellung von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen«) mit einer sofortigen Ausstiegsoption (»Land wirbt mit späterer Einstellungszusage für Gymnasiallehrkräfte am Gymnasium«) an – lässt man sich da ernsthaft auf die spezifischen Anforderungen der Primarstufe ein? In die Grundschule kann man scheinbar problemlos rein- und rausspringen. Nicht zuletzt landen ja nur diejenigen Gymnasiallehrkräfte an Grundschulen, die kein gymnasiales Einstellungsangebot erhalten haben.

Was wäre zu tun?

Die besseren Alternativen, den Lehrermangel an Grundschulen zu überwinden, sind: Die Arbeit an Grundschulen attraktivmachen, deren Stellenwert und Bedeutung für unsere Gesellschaft betonen, Regelstudienzeit, Deputat und Gehalt an die Sekundarstufen angleichen und den Lehrerbedarf über Legislaturperioden hinaus planen. Der Einsatz von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen ist eine Notlösung. Eine verantwortungsvolle und weitsichtige Bildungspolitik müsste dafür sorgen, dass wir solche Notlösungen nicht brauchen.

Dr. Thorsten Bohl ist Professor für Erziehungswissenschaft am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen.
Adresse: Münzgasse 22–30, 72070 Tübingen
E-Mail: thorsten.bohl@unituebingen.de