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PROVOKANT: Beppo Küster: Ich bin Marktschreier für würdevolles Sterben


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 14.03.2019

In den 1980er-Jahren wurde Beppo Küster mit Klamauk-Songs in der DDR bekannt. Jetzt will der 68-Jährige mit Spaß, Provokation und Satire fürSterbehilfe kämpfen


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 12/2019

Eigentlich wollte er nie wieder singen. Für sein Engagement für die Sterbehilfe will Beppo Küster aber eine Ausnahme machen


Es war der Narr, der im Mittelalter dem König den Spiegel vorhielt und ihm die Wahrheit sagte. Eine reizvolle Herausforderung, fand Blödel-Barde Beppo Küster, dem die Tage als Pensionär im beschaulichen Brandenburg zu dröge wurden. Als närrischer Aktivist will er nun den Mächtigen den Spiegel vorhalten. Oder besser gesagt, ...

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... die Videokamera. „Ich will mit Satire und Humor gegen die gesellschaftlich sanktionierte Entmündigung am Ende unseres Lebens kämpfen.“

Die Frage, ob ihn die Angst vor dem eigenen Tod antreibe, verneint der 68-Jährige mit den Worten „so egoistisch bin ich nun auch nicht“ und grinst zufrieden. Der Schlager-Komiker, der mit „Superfotograf“ und „Popgymnastik“ die DDR-Hitparaden stürmte, findet den Gag gelungen. Doch dann verschwinden die Lachfalten und ernst erzählt er vom Wendepunkt in seinem Leben: der Demenz seiner Mutter. „Schrecklich, dieses langsame Sich-aus-der-Zeit-nehmen. So wollte diese lebensfrohe Frau nie sein. Sie war Tanz pädagogin und gab auch als Rentnerin noch Kurse. Bis das Vergessen losging. Die letzte Zeit vor ihrem Tod 2013 war furchtbar. Es ist schlimm, wenn man jemanden so leiden sieht und nur danebenstehen kann.“

Beppo Küster weiß , dass er mit diesem Gefühl der Hilflosigkeit nicht allein ist – diesem Wechselbad zwischen Trauer und Zorn. „Aber Selbstmitleid ist nicht meins. Ich bin ein Macher. Ich bringe das Thema humane Sterbehilfe auf die große Bühne.“

1983 machte der von Arndt Bause komponierte Song „Absolute Stille“ Küster landesweit bekannt


Dass Tod und Klamauk dort gut gemeinsam stehen können, weiß er seit 1983. Damals sang er in Schlafmütze und Nachthemd den Song „Absolute Stille“ aus der Feder von Komponistenlegende Arndt Bause. „Das Lied endet mit den Zeilen: ‚Ich löse mein Problem allein, es wird nicht zu umgehen sein, dass ich mich selber kille – dann ist absolute Stille’.“ Im Nachhinein mögen einige die Darbietung geschmacklos finden, aber „Komik und Tragik liegen nun einmal dicht beieinander.“

Fast ein Jahr lang arbeitete Küster an seinem neuen Konzept, überlegte sogar, eine Partei zu gründen. Das Thema Sterben wurde im Haus in Grünheide, in dem er mit seiner vierten Frau Andrea lebt, zum Dauergast. Für die 62-Jährige anfangs keine einfache Situation: „Es fiel mir schwer darüber zu reden, weil ich daran eigentlich nicht denken wollte. Aber je öfter wir darüber diskutierten, desto unbefangener wurde ich. Es macht klar, dass unsere gemeinsame Zeit endlich ist, und wir genießen jeden Tag intensiver.“

Anfang Januar präsentierte Küster seine neue Bühne: den Verein „Bürgerrecht Notausgang“. Er soll das Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) unterstützen, die sich für eine umfassende gesetzliche Regelung der Sterbebegleitung und Sterbehilfe einsetzt. Allerdings zu leise, wie der 68-Jährige findet. „Mit philosophischen Ansätzen erreicht man Intellektuelle, aber der breiten Masse muss man das Thema humane Sterbehilfe anders rüberbringen: mit Spaß, Provokation und Satire.“ Deshalb zieht er wieder ein Kostüm an, inklusive Sense mit angebauter Kamera. Um seine Arbeit zu dokumentieren und später zu verbreiten.

„Ich bin der Marktschreier für würdevolles Sterben.“ In dieser Rolle will Küster ab April im öffentlichen Raum provokante Protest-Shows starten, finanziert mithilfe seines Vereins. „Die Kampagnen sollen bewusst auffallen, aber doch ein seriöses Anliegen haben. Ein schmaler Grat zwischen genial und total daneben.“

Doch genau so käme man ins Gespräch, ist Küster überzeugt. Als Beispiel nennt der Brandenburger einen Werbefilm, den er für das Fürstenwalder Spaßbad Schwapp drehte und der mit gewollter übertriebener Witzigkeit von einem Familienausflug ins Bad erzählt. Ein Zufall wollte es, dass Moderator Klaas Heufer-Umlauf ihn im Internet entdeckte und so schräg fand, dass er den Spot 2015 in der satirischen Late-Night-Show „Circus HalliGalli“ durch den Kakao zog. Für das Spaßbad bedeutete das jede Menge kostenlose PR im Fernsehen, landesweite Medienaufmerksamkeit und neue Gäste.


„Selbstbestimmung muss auch für das Sterben gelten.“
Beppo Küster


Aber lässt sich diese skurrile Klamauk-Erfolgsformel auf ein derart komplexes und emotionales Thema wie begleiteten Freitod übertragen? „Ich weiß, dass auch beim DGHS einige Bedenken haben, dass es Pro und Contra geben wird. Und sicher wird sich der eine oder andere vor den Kopf gestoßen fühlen. Doch Kunst darf alles, wenn sie Menschen mobilisiert und ins Gespräch bringt.“

Der Marktschreier kann Küsters peinlichster Auftritt werden - oder sein nachhaltigster Erfolg!

Die Eltern: Tanzpädagogin Gertrud und Konzertmeister Hans-Joachim Küster heirateten 1946, lebten bis zu Gertruds Tod 2013 zusammen


Beppo und seine Andrea. Beim Kennenlernen wusste sie nichts von seiner Promi-Vergangenheit. „Sie ist meine Bodenhaftung.“

Die komplexe Rechtslage bei Sterbehilfe in Deutschland

Wenn das Einverständnis eines unheilbar Kranken vorliegt, zum Beispiel als Patientenverfügung, dann ist passive Sterbehilfe durch das Unterlassen oder den Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen wie künstliche Ernährung oder Beatmung möglich. Auch indirekte Sterbehilfe kann geleistet werden, wenn der unheilbar kranke Patient vorher seinen Willen dazu bekundet hat. Dann können etwa schmerzlindernde Medikamente so gegeben werden, dass eine lebensverkürzende Wirkung in Kauf genommen wird. Aktive Sterbehilfe hingegen ist verboten. Als Tötung auf Verlangen kann sie mit Freiheitsstrafen von bis fünf Jahren geahndet werden. Im März 2017 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass Schwerstkranke das Recht haben, „zu entscheiden, wie und zu welchem Zeitpunkt“ ihr Leben enden soll. Im „extremen Einzelfall“ könnten nach sorgfältiger Überprüfung tödliche Medikamente gegeben werden (Az.: BVerwG 3 C 19.15). Allerdings genehmigte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bisher keinen der über 100 Anträge auf Ausgabe von Medikamenten zur Sterbehilfe. Leistet ein Arzt durch das Verschreiben von entsprechenden Medikamenten Hilfe zum Suizid, könnte er sich laut §217 StGB der „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ strafbar machen. Nun soll das Bundesverfassungsgericht den Widerspruch lösen.


FOTOS: SUPERillu/Nikola (3), imago, privat