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Psyche: DER RUF DEINER Sinne


flow - epaper ⋅ Ausgabe 52/2020 vom 01.09.2020

Unsere Arbeit und unser Leben spielen sich zunehmend in der digitalen Welt ab. Für unsere Sinne, etwa den Tastsinn und den Geruchssinn, gibt es dadurch weniger zu genießen. Und das ist ein ernsthaftes Manko. Warum und wie wir das ändern können


Artikelbild für den Artikel "Psyche: DER RUF DEINER Sinne" aus der Ausgabe 52/2020 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 52/2020

Ich konnte die Bücher durch die Schaufensterscheibe riechen - zumindest bildete ich mir das ein.
Einfach, um kurz dieses Aroma von bedrucktem Papier einzuatmen, das mich immer glücklich macht, betrat ich die Buchhandlung Zum Wetzstein in Freiburg. An einem sonnigen Herbsttag war ich letztes Jahr in die Stadt am Rande des Schwarzwalds gereist und wurde vom ...
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Ich konnte die Bücher durch die Schaufensterscheibe riechen - zumindest bildete ich mir das ein.
Einfach, um kurz dieses Aroma von bedrucktem Papier einzuatmen, das mich immer glücklich macht, betrat ich die Buchhandlung Zum Wetzstein in Freiburg. An einem sonnigen Herbsttag war ich letztes Jahr in die Stadt am Rande des Schwarzwalds gereist und wurde vom Fünfzigerjahre- Schaufenster des Ladens aus Holz und Messing angezogen, das in eine Sandsteinfassade eingelassen ist.
Im Inneren hingen Kupferkronleuchter und an den Wänden standen Holzregale und Vitrinen, in denen außer Erstausgaben auch handgeschriebene Briefe ausgestellt waren. Auf dem Boden lag weicher Teppichboden, der die Geräusche dämpfte und die Atmosphäre besonders intim machte. Meine Augen wanderten über die Bücherregale. Sie blieben an einem breiten, gebundenen Rücken hängen: Der Zauberberg von Thomas Mann. Ich musste das Buch kaufen, trotz der Stimme in meinem Hinterkopf, die maulte: Du wirst diese 984 Seiten garantiert nicht lesen.
Inzwischen habe ich das Buch ausgelesen.
Und das sage ich mit mehr Wehmut als Stolz, denn einen fesselnden Roman zuzuklappen stimmt mich jedes Mal melancholisch. Wo- chenlang hatte ich mit diesem besonderen Exemplar gelebt. Es lag auf dem Tischchen neben dem Sofa, meinem Nachtschränkchen, dem Frühstückstisch, immer in Sichtweite.
Jedes Mal war es aufs Neue ein Vergnügen, den Leineneinband in die Hände zu nehmen, den Reliefdruck des Bergsanatoriums auf dem Cover zu spüren und anschließend mit dem Satinlesebändchen das Meisterwerk auf der Seite zu öffnen, an der ich stehen geblieben war.

MIT FINGERSPITZENGEFÜHL

Beim Lesen des Zauberbergs begriff ich plötzlich, wie anders und intensiver die Gefühle sind, wenn man eine Seite umblättert, statt über einen Bildschirm zu wischen: eine Wegwerfgeste, bei der die Fingerspitzen fast nichts fühlen. Die Unterschiede eines Blattes Papier, das rau, glatt, geschmeidig oder steif sein kann, registriert die Haut hingegen in Millisekunden.
Mit der weiten Verbreitung der Touchscreens wird dieses Fingerspitzengefühl leider zu einem aussterbenden Vergnügen. Auf dem Buchmarkt gibt es allerdings eine spannende Entwicklung: Der Verkauf von E-Books sinkt, während der echter Bücher wieder ansteigt. Laut der Association of American Publishers begann diese Umkehr bereits 2015.
Parallel dazu steigt auch wieder die Zahl der Buchhandlungen, die ihre Türen öffnen, anstatt sie zu schließen, meldete die American Booksellers Association.

Mehr noch als das Buch aus Papier erlebt die Langspielplatte aus Vinyl ein Comeback. Das ist kein Zufall, denn genau wie in der Literatur geht es bei der Musik zwar um den Inhalt, doch das Medium, mit dem wir es konsumieren, erweist sich als relevanter als gedacht. Intuitiv habe ich das immer schon gewusst. Jedenfalls begründe ich so meine Weigerung, „mit der Zeit zu gehen“ wie viele meiner Freunde, die ihre Musiksammlung schon zweimal eingetauscht haben: erst die LPs gegen CDs, danach die CDs gegen MP3 oder Spotify. Das schafft ordentlich Platz im Haus. Dennoch erhielt ich von niemand Geringerem als Aufräumexpertin Marie Kondo die Bestätigung, dass es richtig war, meine Platten aufzubewahren.
Kondo lehrt schließlich, dass man nichts weggeben soll, das Freude auslöst, wenn man es in die Hand nimmt. Und das gilt für jede einzelne LP, die ich seit meinem 13. Lebensjahr in Plattenläden ausgesucht habe.
Als ich mit meiner Freundin unsere erste kleine Wohnung bezog, hatte meine Sammlung einen derartigen Umfang angenommen, dass wir über einen begehbaren Plattenschrank anstelle eines begehbaren Kleiderschranks nachdachten. Meine Freundin war nur mäßig begeistert davon.

PLATTENAUFLEGE-RITUAL

Für mich hängen viele Jugendsentimentalitäten am Vinyl; aber wie ist das bei den Jüngeren, die entgegen allen Voraussagen der LP ein Revival verschafft haben? Ich habe Lakshmi gefragt, eine Sängerin in ihren Zwanzigern, die zwei wunderbare Alben erfolgreich auf Vinyl herausgebracht hat. „Was ich so schön finde an einer LP“, erzählt sie, „ist, dass man sie sich viel aufmerksamer anhört als eine Spotify-Playlist. Allein das Ritual, ein Album aus der Hülle zu nehmen, die Vinylscheibe auf den Plattenspieler zu legen, sie kurz mit einer Staubbürste zu reinigen und dann ganz vorsichtig die Nadel in die Rille abzusenken …“ Die Konzentration, die es dazu brauche, lenke die Aufmerksamkeit wirklich auf die Musik. „Man versenkt sich so kurz in die Welt des Künstlers und der Geschichte des Albums.“ Auch die beigefügten Texte helfen dabei, und die vermisse sie immer bei digitaler Musik. Bei einem Vinyl-Album könne sie etwas davon vermitteln.
„Ansonsten sind mir persönlich visuelle Aspekte auf der Bühne sehr wichtig, sie sind für mich eins mit der Musik“, sagt Lakshmi. Es sei übrigens kein Wunder, dass Festivals populärer sind denn je, dort werde die Musik wirklich zum ganzheitlichen Erlebnis.
„Ich lege daher auch viel mehr Wert auf die Menge der Leute, die meine Konzerte besucht, als auf die Anzahl Streams auf Spotify. Denn es ist doch sehr die Frage, ob die Leute den Songs auf Spotify auch wirklich richtig zugehört haben.“

Der Buchladen Armchair Books in Edinburgh sei ihr liebster, schrieb Fotografin Danique van Kesteren auf Instagram (@oakandfir). “ Nur von Büchern umgeben, so wie hier, komme ich wirklich zur Ruhe und fühle mich zu Hause.“


Niemand Geringeres als Marie Kondo bestätigte mir, dass es richtig war, meine Platten aufzubewahren


Rob Walker ist Journalist und Dozent an der School of Visual Arts in New York und hat das Buch The Art of Noticing geschrieben, das sich nahtlos an das anschließt, was Lakshmi berichtet hat. Walker sagt, dass bewusste Wahrnehmung eine „Übung im Aufmerksamkeitschenken“ sei. Er stellt in seinem Buch über hundert einfache Übungen vor, um die Welt mit neuen Augen zu betrachten – Übungen, durch die „man kreativer wird, klarer denkt, besser zuhört und sich wieder in das verliebt, was wirklich wichtig ist im Leben“, so Walker. Das Schöne ist nämlich, dass man durch das Hören von Musik auf LPs, das Lesen von Büchern und auch das Fotografieren mit einer Polaroid- Kamera wesentlich aufmerksamer zuhört und hinsieht.

Das menschliche Bedürfnis nach dem Greifbaren kann man nicht einfach als Materialismus abtun. Physisches Fühlen ist nämlich ein grundlegendes Lebensbedürfnis, haben Forschungen ergeben. Wie essenziell der Tastsinn ist, leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass Babys ihre Umgebung zuerst erforschen, indem sie alles in den Mund stecken. Das tun sie, weil im Mund und an den Fingern die meisten Tastnerven sitzen. Ein wenig später übernehmen die Hände die Funktion des Mundes, und die Kinder ertasten sich ihre Welt. „Die Hände trainieren dann die Augen, um zu lernen, was sie sehen. Von diesem Moment an können Kinder auch Formen unterscheiden“, habe ich in der Fachliteratur eines Gehirnzentrums gelesen. Das Sehen ist der dominante Sinn des Menschen, aber man weiß erst, was man sieht, wenn man es gefühlt hat. Dies stimmt mit der Entdeckung überein, dass sich die Sinne in einer festgelegten Reihenfolge entwickeln. Zuerst, schon mit etwa 16 Wochen in der Gebärmutter, entwickelt sich der Tastsinn, als letzter dann das Sehen.

DER UNVERZICHTBARE SINN

Die Bedeutung des Fühlens wurde lange stark unterschätzt. Das hat sich zuletzt glücklicherweise verändert. Das Buch Touch – The Science of Hand, Heart, and Mind des amerikanischen Neurobiologen David J. Linden bietet faszinierende Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse. Linden schlussfolgert, dass alles, was mit dem Tastsinn zu tun hat, essenziell für den Menschen gewesen ist, um sich zu dem einzigartigen Wesen zu entwickeln, das er heute ist. Das Fühlen sei ein Sinn, der für den Menschen unerlässlich sei, schreibt er. Ein Kind kann sehr gut ohne emotionale oder körperliche Probleme aufwachsen, wenn es blind oder taub geboren wird. Aber gesund aufzuwachsen, ohne fühlen zu können oder berührt zu werden, ist unmöglich. Dies führt zu seelischen und körperlichen Störungen. Beispielsweise entwickeln sich Immunsystem und Verdauungssystem dann nicht richtig. Auch ältere Kinder, die nicht häufig genug berührt werden und deren Fähigkeit zu fühlen zu wenig gefordert wird, erleiden dadurch kognitiven, emotionalen und motorischen Schaden.


Indem man Musik auf LPs hört, richtige Bücher liest und Polaroid-Fotos macht, hört, sieht und genießt man mit größerer Aufmerksamkeit


David J. Linden beschreibt, dass es zwei Bahnen im Gehirn gibt, entlang derer das Fühlen verarbeitet wird. Die eine Bahn leitet Fakten weiter, etwa Vibration, Druck, Temperatur, Lage und Feinstruktur. Die zweite verarbeitet soziale und emotionale Informationen.
Bei Berührungen zwischen Menschen werden Bereiche des Gehirns aktiviert, die wichtig sind für die soziale Bindung, Vergnügen und Schmerz. Diese zweite Bahn sorgt dafür, dass man einen um die Schultern gelegten Arm auf verschiedene Art und Weise erleben kann. Der Arm eines geliebten Menschen fühlt sich anders an als der eines Chefs, sagt Linden. Beide Bahnen sind miteinander verbunden, das heißt, wenn man physische Reize nicht oder nicht richtig wahrnimmt, kann auch die emotionale Wahrnehmung einer Be- rührung gestört sein.

TASTSINN TRAINIEREN

„Fühlen“, sagt Neuropsychologe Chris Dijkerman in einem Interview, „hat nicht umsonst eine doppelte Bedeutung. Auch im Gehirn sind Tastsinn und Emotionen miteinander verbunden. Das Tastsystem ist zugleich ein affektives System“, es spiegelt also Emotionen wider.

Linden gibt in seinem Buch ein gutes Beispiel für diesen Zusammenhang: „Wer eine Schädigung in dem Teil des Gehirns erlitten hat, der emotionale Empfindungen verarbeitet, kann unter Umständen einen Orgasmus lediglich als ein kleines ‚Ups‘ erleben.“ Dijkerman stellt außerdem fest, dass sich das Fühlen, ähnlich wie das Sehen, Schmecken oder Hören, bei älteren Menschen zurückbilden kann.
Das ist zum Beispiel ein Grund, warum ältere Leute schneller hinfallen können.
Ihr Gehirn erhält dann falsche Informationen durch die Fußsohlen.
Dementsprechend ist es sehr wichtig, seinen Tastsinn im Laufe seines Lebens so viel wie möglich zu benutzen und zu trainieren, ähnlich wie einen Muskel.

Was das Fühlen im Vergleich zum Sehen, Hören, Riechen und Schmecken einzigartig macht, ist, dass der unmittelbare Kontakt dazu notwendig ist. Das macht es zur persönlichsten und tiefsten Empfindung, die zudem eine unmittelbare Verbindung zur Umwelt schafft. Und genau deshalb, um noch einmal auf die Digitalisierung zurückzukommen, sollte man das Lesen, Hören und Sehen nicht nur einem Sinnesorgan überlassen.

Während ich über das Fehlen physischer Erfahrungen im Alltagsleben nachdachte und wie man dieses kompensieren könnte, wurde mir klar, dass ich das vielleicht unbewusst schon tat. Und da bin ich bestimmt nicht die Einzige. So bin ich jeden Sonntag zum Beispiel mit ein paar Freunden im Park zu einer Laufrunde verabredet. Das Verrückte ist: Gerade wenn es regnet, kommen fast immer alle. Anfangs dachte ich, dass sich niemand in unserer WhatsApp- Gruppe als Schönwetterläufer outen möchte. Doch als ich genauer darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich mich richtig freue, am Sonntagmorgen durch einen Regenschauer zu joggen. Alle alltäglichen Sorgen fallen von mir ab, wenn mich diese kindliche Euphorie erfasst, wie man sie beim Rennen durch den Regen verspürt.
Ich fühle, wie die Tropfen auf meinen Kopf und meine Haut prasseln, taste, wie meine Kleidung immer schwerer wird. Ich fühle, achtsam und ganz im Moment. Und hoffe, dass es am kommenden Sonntag wieder schüttet.

MEHR LESEN?

Homo hapticus - Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können, Martin Grunwald (Droemer)
The Art of Noticing: 131 Ways to Spark Creativity, Find Inspiration, and Discover Joy in the Everyday, Rob Walker (Knopf)
Touch: The Science of Hand, Heart, and Mind, David J. Linden (Penguin Books)