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psychologie: Der große Asia-Soul-Coach


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 10.06.2020

Ikigai, Kaizen, Nunchi, Genki, ihre Namen klingen erst mal fremd. Doch sie stehen für Erfahrungen, die wir alle kennen. Stärken Sie Ihr Wohlfühlglück mit vier Kraftquellen aus Fernost


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FOTO: ADOBE STOCK

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) war überzeugt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“ Oft scheint es jedoch Worte zu benutzen, die wir nicht verstehen. Es löst Empfindungen bei uns aus, die wir zwar deutlich spüren, aber eben nicht benennen können. Umso mehr Unbehagen lösen sie bei uns aus. Gern hätten wir eine Übersetzungshilfe.

Das lässt sich einrichten, mit einem ...

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... Blick gen Asien. Ja, denn die drei großen fernöstlichen Lehren – Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus – befassen sich bereits seit dem 4. Jahrhundert vor Christus mit der „Befreiung des Geistes“. Wie gut es auch uns tut, dieses uralte Wissen zu nutzen, haben viele von uns z. B. schon beim Meditieren oder bei einer Akupunktur erlebt. Doch es lohnt sich, (noch) tiefer einzusteigen. Denn vieles, was in der westlichen Psychologie heute als wohltuend gilt, hat nicht nur seinen Ursprung in der fernöstlichen Philosophie, sondern sie kann unseren Blick auf uns selbst kraftvoll ergänzen. Auf den nächsten Seiten stellen wir Ihnen deshalb die vier wichtigsten Begriffe aus der asiatischen Seelenkunde vor. Dies vorweg: Sie passen richtig gut zu uns.

IKIGAI: Dem Leben Sinn verleihen

Was steckt dahinter? Westliches Denken verknüpft das Wort „Sinn“ intuitiv mit etwas Großem, Erhabenem. Ikigai meint das Gegenteil: „Es geht darum, die Freude an kleinen Dingen zu entdecken“, erklärt Ken Mogi (siehe Buch-Tipp unten). Forscher sind inzwischen davon überzeugt, dass genau diese Fähigkeit, Ikigai, die Menschen in Japan so alt werden lässt. „Insel der Hundertjährigen“ wird z. B. der Okinawa-Archipel im Süden des Landes genannt. „Ikigai“, ermutigt Mogi daher, „ist unser Grund, morgens aufzustehen. Ikigai schenkt uns jenen Appetit auf das Leben, der uns jeden Tag freudig begrüßen lässt.“

Das Besondere: Diesen Appetit können wir selbst in uns wecken. Dabei hilft uns kodawari, ein Kernelement des Ikigai. Es bedeutet, die Freude an kleinen Dingen zu entdecken, indem wir sie mit Stolz tun, liebevoll auf jedes Detail achten und versuchen, darin jeden Tag ein bisschen besser zu werden (s. „Kaizen – Die Kraft der kleinen Schritte“, rechts). Nicht, um dafür anerkannt zu werden, sondern um den, wie Mogi schreibt, „Gefühlswert“ der Tätigkeit oder einer Sache, die dabei entsteht, zu erhöhen. Und, im Idealfall, darin aufzugehen wie ein sorgloses Kind.

Solche Momente der Selbstvergessenheit motivieren uns nicht nur, sondern sie stärken zusätzlich zwei weitere Säulen des Ikigai: Sie zeigen uns erstens, wie gut es uns tut, wenn wir die Gegenwart wertschätzen, im Hier und Jetzt leben. Dadurch fällt es uns zweitens deutlich leichter, nicht jeden Gedanken, jedes Gefühl in uns für bare Münze zu nehmen. Wir lassen los. „Wir lernen, uns selbst zu akzeptieren“, erklärt Ken Mogi.

Ikigai beflügelt jedoch nicht nur das Ich, sondern stärkt auch das Wir. Denn zu den „kleinen Dingen“ gehören auch Begegnungen. Sie sind ebenfalls flüchtig, oft einmalig. In Japan existiert dafür ein Ausdruck: ichigo ichie. Begegnen wir anderen, so rät es uns, Freunden oder Fremden, sollten wir ebenfalls wertschätzend auf die Details achten und uns bemühen, das Beste aus der Situation zu machen (s. „Nunchi“ auf Seite 74). Ken Mogi: „Die Erkenntnis der Einmaligkeit der Begegnungen und der Freuden des Lebens ist die Grundlage des Ikigai.“

Wie finde ich mein Ikigai? Lassen Sie sich dabei von zwei Fragen leiten: 1) Was hat für mich den höchsten Gefühlswert? 2) Welche kleinen Dinge machen mir Freude? Wandeln Sie Ihre Ideen in liebevolle Alltagsrituale um, die Ihnen Kraft spenden. Achten Sie auf kleinste Details, die Ihr Ikigai jedes Mal noch wertvoller machen. Nehmen Sie sich dafür jeden Tag mindestens zehn Minuten Zeit.

Ken Mogi
erzählt in seinem Buch (Dumont, 176 Seiten, 10 Euro) von beeindruckenden Menschen, die ihr Ikigai gefunden haben

KAIZEN: Die Kraft der kleinen Schritte

Was steckt dahinter? Ursprünglich war Kaizen (etwa: „guter Wechsel“ oder „Verbesserung“) eine Organisationstheorie, also ein Konzept, das Unternehmen in Japan vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts half, wirtschaftlich erfolgreich zu werden. Doch schnell zeigte sich, dass Kaizen nicht nur Firmen dazu bringt, ihre Ziele erfolgreich zu erreichen, sondern dass es auch Einzelpersonen auf die Sprünge helfen kann.

„Kaizen ist für alle, die schon mal versucht haben, neue Gewohnheiten zu entwickeln, aber ins Straucheln geraten sind, weil die Dinge des Lebens dazwischenkamen“, bestätigt Sarah Harvey (s. Buch- Tipp unten). Wir melden uns z. B. Anfang Januar im Fitnessstudio an – und gehen wenige Wochen später nicht mehr hin. Wir wollen uns gesünder ernähren – und sitzen abends trotzdem mit Kartoffelchips oder Schokolinsen vorm Fernseher. „Gewohnheiten haben etwas Verführerisches“, weiß Harvey aus eigener Erfahrung. „Mit ihnen sparen wir viel Zeit und Energie. Deshalb kann eine Änderung bedrohlich wirken.“ Und alles, was bedrohlich wirkt, blockt unser Gehirn umgehend ab.

Genau an dieser Stelle setzt Kaizen an. Denn diese Asia-Methode hilft uns dabei, unser Vorhaben, eine ungesunde oder unangenehme Angewohnheit zu ändern, in so kleine Schritte zu gliedern, dass unser innerer Schweinehund ganz entspannt bleibt, und es (fast) unmöglich wird aufzugeben. Auch unseren Alltagspflichten können wir weiter nachkommen. Da hat auch die innere Kritikerin nichts zu meckern. „Ändern Sie zunächst nur ein Prozent“, rät Harvey. „Vielleicht ein Stück Obst oder Gemüse (mehr) pro Tag oder fünf Minuten Meditation am Samstagmorgen.“ Klingt wenig, aber: Je mehr kleine Kaizen-Schritte wir jeden Tag erfolgreich meistern, desto stärker wird quasi ihr Zinseszins-Effekt. Aus kleinen Erfolgserlebnissen werden so peu à peu immer größere. Eine neue Gewohnheit, die uns guttut, ersetzt jene, die uns lange nervte – und es geschieht beinahe von selbst. „In Japan gibt es ein passendes Sprichwort zu Kaizen“, erzählt Harvey. „Mit vielen kleinen Schlägen, fällt man einen großen Baum.“

Wie nutze ich Kaizen für mich? Schreiben Sie zuerst so konkret wie möglich auf, was Sie erreichen wollen, z. B.: „Ich will mein Englisch verbessern, damit ich in einem halben Jahr nicht mehr warten muss, bis neue TV-Serien synchronisiert werden.“ Legen Sie nun die ersten kleinen Schritte fest, z. B.: „Heute die Volkshochschule anrufen und nach Kursen fragen“, „Morgen ein aktuelles Wörterbuch kaufen“ und „Ich will pro Woche 20 neue Vokabeln lernen“. (Halbieren Sie die Zahl, wenn sie Ihnen zu hoch erscheint.) Halten Sie in einem Tagebuch fest, ob und wie Sie die Schritte umsetzen. Legen Sie regelmäßig neue Tages-, Wochen- und Monatsziele fest. Fragen Sie sich jeden Morgen: Was bringt mich heute meinem Ziel näher? Belohnen Sie sich für jeden Schritt, den Sie schaffen. Lesen Sie Ihre Einträge aus vergangenen Monaten, um sich für den nächsten zu motivieren.

Sarah Harvey
zog 2017 von England als Literaturagentin nach Tokio, wo sie Kaizen kennenlernte (Irisiana, 272 S., 18 Euro, erscheint 22.6.)

NUNCHI: Das Augenmaß fürs Wir

Was steckt dahinter? Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich in einem Café mit Ihrer besten Freundin. Alle Tische sind besetzt, also beobachten Sie nun die anderen Gäste, um den nächsten freien Platz zu ergattern. „Diejenige von Ihnen, die den besten Riecher für frei werdende Tische hat“, erläutert Expertin Euny Hong, „hat ein besseres Nunchi.“ Wörtlich aus dem Koreanischen übersetzt, bedeutet es „Augenmaß“. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Mischung aus Intuition, Taktgefühl, Empathie und Schlagfertigkeit. „Nunchi ist das wichtigste koreanische Leitprinzip“, erklärt Hong (s. Buch-Tipp), denn: „In Korea ist das, was nicht ausgesprochen wird, genauso wichtig wie das Gesagte. Wer bloß auf Worte achtet, erfährt nur die Hälfte.“ Hierzulande verhält es sich doch genauso.

Auch wir erleben häufig genug, dass andere unsere Äußerungen völlig falsch verstehen oder umgekehrt zu uns Dinge sagen, die wir als Kritik oder Vorwurf deuten, obwohl sie gar nicht so gemeint waren. Kennen wir die unausgesprochenen Regeln in einer bestimmten Situation oder Gruppe nicht, fühlen wir uns unbehaglich und fürchten, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten.

Nunchi bewahrt uns davor. Kommen Menschen (in einem Raum) zusammen, entsteht etwas, dass in Korea boonwigi genannt wird und sich mit „Atmosphäre“ nur schlecht übersetzen lässt. „Jeder trägt allein schon durch seine Anwesenheit dazu bei“, so Euny Hong. „Benimmt man sich wie ein Trampel ohne Nunchi, zerstört man das boonwigi des gesamten Raums. Setzt man sein Nunchi ein, kann man die Stimmung für alle verbessern.“

Wie stärke ich mein Nunchi? Kümmern Sie sich zuerst um seinen größten Feind: das Smartphone. Sorgen Sie dafür, dass es Sie nicht ablenkt, wenn Sie Ihren Mitmenschen begegnen, und reden Sie lieber von Angesicht zu Angesicht mit Ihnen, anstatt zu mailen oder zu chatten. Acht Nunchi-Regeln unterstützen Sie dabei:
1) Horchen Sie in sich hinein, wie es Ihnen geht, bevor Sie sich in eine soziale Situation begeben. Sind Sie z. B. hungrig, müde, traurig oder wütend? Solche Gefühle beeinflussen Ihr Sozialverhalten.
2) Allein Ihre Anwesenheit verändert die Situation. Beobachten Sie das boonwigi.
3) Andere Personen sind meist schon länger im Raum. Verfolgen Sie zunächst, was zwischen ihnen passiert, und überlegen Sie nicht, was Ihrer Ansicht nach passieren sollte.
4) Lassen Sie keine gute Gelegenheit aus, den Mund zu halten. Hören Sie aufmerksam zu, reden Sie leise statt (vor)laut.
5) Gute Manieren helfen allen, sich wohlzufühlen. Nutzen Sie sie nicht aus, um sich überlegen zu fühlen oder um andere zurechtzuweisen.
6) Lesen Sie zwischen den Zeilen,, achten Sie auf den Kontext.
7) Bemühen Sie sich, Ihr Gegenüber nicht mit Worten zu verletzen. „Du siehst toll aus!“ klingt z. B. viel liebevoller als „Hast du abgenommen?“
8) Vertrauen Sie Ihrem ersten Eindruck. Verlassen Sie sich auf Ihr Nunchi.

Euny Hong
lebte in Korea und den USA, spricht Koreanisch, Englisch, Deutsch, Französisch – und Nunchi (240 S., Knaur Balance, 18 Euro)

GENKI: Stress nicht als Feind sehen

Was steckt dahinter? Oberflächlich betrachtet, hat das Wort genki in Japan im Alltag ungefähr die gleiche floskelhafte Funktion wie unser „Wie geht’s?“. Seine tiefere Bedeutung erschließt sich erst aus den beiden Silben, aus denen es gebildet wird: gen bedeutet übersetzt Ursprung oder Quelle. Ki (manchmal auch Qi oder Chi geschrieben) steht für die Lebensenergie oder -kraft, die z. B. in der fernöstlichen Medizin mithilfe von Akupunktur wieder zum Fließen gebracht wird. „Das Ki ist das, was unseren Geist und unseren Körper verbindet“, erklärt Experte Nicolas Chauvat (s. Buch-Tipp). „Es ist gleichzeitig materieller und psychischer Natur. Um Genki zu sein, ist es daher wichtig, nicht nur auf das zu achten, was wir tun, sondern auch auf das, was wir denken.“ Gelingt uns das nicht (mehr), tappen wir in die Stress-Falle.

Genki kann sie entschärfen, wenn wir drei wichtige Regeln beachten. Nummer eins: Wir sollten dem, was wir tun, einen Sinn geben (s. „Ikigai“ auf Seite 72). „Das ist wichtig, damit wir uns in unserer Arbeit nicht gefangen fühlen“, so Chauvat. Nummer zwei: Stress nicht als Gegner betrachten, sondern als nützliche Reaktion unseres Nervensystems. „Es ist nicht der Stress an sich, der einen Verlust von Ki verursacht“, erklärt der Experte, „sondern die negative Meinung, die wir über dieses Empfinden haben.“ Regel Nummer drei: nicht so streng mit sich selbst sein. „Ständige Selbstkritik ist die Hauptursache für emotionale Erschöpfung“, warnt Chauvat. Mit Genki können wir über unsere Fehler lachen und aus ihnen für die Zukunft lernen.

Wie schütze ich mein Genki? Buddhisten vergleichen den menschlichen Verstand oft mit einem Pferd, das auf seiner Koppel so lange im Kreis läuft, bis es erschöpft umfällt. Die sogenannte Zen- Meditation kann diesen energieraubenden Marsch stoppen: Versuchen Sie für drei Minuten, bei jedem Atemzug etwa fünf Sekunden lang die frische Luft durch die Nase einzuatmen und danach die verbrauchte Luft sieben Sekunden lang durch die Nase auszuatmen. Zeigen sich währenddessen negative Gedanken oder Bilder, versuchen Sie nicht, sie verschwinden zu lassen. Verurteilen Sie sich nicht dafür. Sagen Sie sich einfach, dass diese Bilder und Gedanken gerade nicht Teil Ihrer Gegenwart sind. Betrachten Sie sie wie ein Zuschauer. Machen Sie sich klar, dass diese oberflächlichen Gedanken nicht Ihr tiefes Ich widerspiegeln. Hinter Ihren Ängsten existiert ein Teil von Ihnen, der unveränderlich bleibt. Nehmen Sie ihn wahr. Kehren Sie danach langsam ins Hier und Jetzt zurück.

„Wenn Sie diese Übung machen“, ermutigt Chauvat, „können Sie zwischen irrationalen Gefühlen und dem, was Sie wirklich anstreben, unterscheiden. Sie spüren das, was die Japaner auch jiyū nennen, die Freiheit des Herzens.“

Nicolas Chauvat
studierte Politik, arbeitete für die französische Botschaft in Japan, forscht zu Buddhismus, Daoismus (Scorpio, 120 S., 14 Euro)


FOTOS: ADOBE STOCK, PRIVAT (2)