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psychologie: Seelen-Wanderung


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 11.09.2019

Wir brechen auf, bezwingen steinige Etappen, überlegen umzukehren – und erreichen dann doch unser Ziel. Wollen wir uns verändern, hat das viel mit Wandern zu tun. Mit jedem Schritt in der Natur werden wir mehr zu der Person, die wir sein wollen


Artikelbild für den Artikel "psychologie: Seelen-Wanderung" aus der Ausgabe 10/2019 von Vital. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Vital, Ausgabe 10/2019

Dr. Albert Kitzler, 63
Philosoph und Gründer der Schule „Maß und Mitte“ in Berlin (massundmitte.de), ist seit 40 Jahren großer Trekkingfan. Sein Buch „Vom Glück des Wanderns“ (Droemer, 272 Seiten, 16,99 Euro) schrieb er daher wie eine Liebeserklärung

So ein Ausblick wie oben oder auf der vorangegangenen Seite beschert uns einen wunderbaren Glücksmoment. Alle ...

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... Strapazen auf dem Weg dorthin sind vergessen. Wir haben es geschafft! Wir spüren, wie wichtig es war, unsere Trägheit zu überwinden, etwas zu wagen – und wie viel Wandern mit unserer Seele zu tun hat. Es erfüllt uns nicht nur. Es erinnert uns daran, dass wir über uns hinauswachsen und uns immer wieder, wie die Natur, (ver-)wandeln können.

Eine Erfahrung, die immer mehr von uns machen wollen. In einer Umfrage, die im Juni veröffentlicht wurde, nannten 43 von 100 von uns Wandern als ihre beliebteste Outdoor-Aktivität. Den Berliner Philosophen Dr. Albert Kitzler wundert das nicht (s. Buch-Tipp links). „Erst wenn wir aus dem Haus treten und um des reinen Wanderns willen zu einer Tour oder zu einem Spaziergang aufbrechen, verlassen wir das Hamsterrad“, so der 63-Jährige, „Wir brechen aus dem Alltag aus, schalten ab, lassen los, schauen nach innen und kommen zu uns selbst.“

Mit jedem Schritt verstärken wir unsere „innere Burg“
Wandern kann allerdings noch mehr. Mit jedem Höhenmeter, den wir z. B. bis zu einer Burg überwinden (vorbereitende Übungen finden Sie ab Seite 44), „bauen wir an unserer inneren Burg“, erklärt Dr. Kitzler. „In ihr wahren und nähren wir unser Selbstvertrauen, unseren Optimismus.“ Denn dort warten sieben Kraftquellen auf uns. Wie wir sie erwandern, lesen Sie auf den nächsten Seiten.

Endlich bei mir an(ge)kommen

Die Natur schenkt uns Klarheit und Kraft, eint uns mit unserem Innersten. Sieben Wege führen dorthin

1 Wandern macht uns glücklicher

Eine Studie der Universität Exeter, für die Daten von fast 20 000 Frauen und Männern aus Großbritannien ausgewertet wurden, konnte das kürzlich erneut eindrucksvoll bestätigen. Demnach fühlten sich jene Menschen seelisch und körperlich am wohlsten, die pro Woche zwei bis zweieinhalb Stunden in der Natur verbracht hatten. Denn Wandern verstärkt die Produktion von Botenstoffen wie Dopamin und Serotonin, die bei uns positive Emotionen wecken und negative Befindlichkeiten reduzieren. Obendrein spricht die Natur all unsere Sinne an: Wir sehen in die Ferne, schmecken Quellwasser, wilde Blaubeeren, riechen den Wald, hören die Vögel, fühlen das weiche Moos, auf dem wir rasten. „Wandern lässt Körper und Geist regenerieren“, weiß Dr. Albert Kitzler. „Es hebt unsere Stimmung und steigert die Fähigkeit, Glück und Freude zu empfinden.“

2 Wandern macht uns dankbarer

Nicht nur weil uns die Natur atemberaubende Erlebnisse schenkt und uns so sein lässt, wie wir sind. Je länger wir in ihr unterwegs sind, desto klarer wird uns auch, dass es all die Bäume, Berge und Bäche schon gab, lange bevor wir geboren wurden. Und: Sie werden uns garantiert überleben. „Beim Wandern erleben wir den Kontrast zwischen der Unendlichkeit und Ewigkeit der Natur und der Winzigkeit und Kürze unserer eigenen Existenz“, bestätigt Dr. Albert Kitzler. „Die Stimmung, die daraus entsteht, kann uns im täglichen Leben sehr hilfreich sein, wenn wir sie als Haltung verinnerlichen können. Wir werden dankbar für das, was uns geschenkt wird.“ Beispielsweise für das schöne Wetter, die Gastfreundschaft auf der Berghütte oder die Hilfsbereitschaft der anderen Wandergruppe. Schritt für Schritt lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf all die Dinge, die in unserem Leben bereits gut sind, die wir gemeistert haben. Das macht uns zuversichtlich.

Sicheren Schrittes

Es braucht Zeit, um für sich die ideale Kombi aus Halt und Platz zu finden

DREI FAKTOREN beeinflussen, welcher Wanderstiefel oder -schuh am besten passt: Ihre Fußform, Ihre Bedürfnisse in puncto Stabilität sowie das Gelände, durch das Ihre Tour führen wird. Die Zehen brauchen Platz, sollten sich aber nicht „festkrallen“ müssen. Es darf nichts drücken oder rutschen (Wandersocken tragen). Lassen Sie sich nachmittags oder abends beraten, wenn die Füße etwas dicker sind. Laufen Sie neue Schuhe auf jeden Fall länger ein, bevor Sie Ihre erste Wandertour starten.

DER WENDIGE
Speziell für Wanderinnen konzipiert, eignet sich der Tecnica Plasma S GTX W vor allem für längere Strecken mit leichtem Rucksack. Preis: ca. 180 Euro

DER ROBUSTE
Strapazierfähiges Naturleder hält die Füße auch im Gebirge. Garmisch von Finn Comfort eignet sich auch für Maßeinlagen. Preis: ca. 200 Euro

DER GESTRICKTE
Das flexible Obermaterial des Super Leggera GTX Women von Dachstein passt sich beim Schnüren dem Fuß millimetergenau an. Preis: ca. 230 Euro

3 Wandern macht uns achtsamer

Tagtäglich kümmern wir uns um so viele Dinge, treffen so viele Entscheidungen, da hilft es uns sehr, dass unser Gehirn einen „Autopiloten“ besitzt. Wir müssen z. B. nicht darüber nachdenken, wie wir uns die Zähne putzen oder unser Auto fahren. Das birgt allerdings die Gefahr, dass wir so automatisiert agieren, dass wir Stressauslöser und die Notwendigkeit, etwas zu verändern, regelrecht übersehen. Wandern stoppt den Autopiloten. „Wir erfahren uns jenseits des Alltagsgetriebes, werden ruhig und können uns im Inneren sammeln“, ermutigt Dr. Albert Kitzler. „Wir gewinnen Klarheit, können überprüfen, ob wir noch auf dem rechten Weg sind, die richtigen Werte verfolgen und danach leben.“ Achtsam nehmen wir unsere Gedanken und Gefühle wahr, ohne sie (negativ) zu bewerten. Wir kommen uns selbst näher, spüren wieder, was uns guttut – und was nicht

5 Wandern macht uns widerstandsfähiger

Körperlich und seelisch. Wandern wir durch einen Wald, nehmen wir diverse Duftstoffe, sogenannte Terpene auf, die nachweislich die Bildung von Antikörpern steigern und die Cortisol-Produktion drosseln. Die Folge: Unser Immunsystem kann Krankheitserreger gezielter bekämpfen, der Alltag stresst uns weniger. Die Natur steigert aber auch unsere psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz). „Wir werden auf uns selbst verwiesen“, erklärt Dr. Albert Kitzler, „kommen in unsere Mitte, in die Geborgenheit im eigenen Innern. Wir stärken unsere ‚innere Burg‘ und werden widerstandsfähiger gegenüber äußeren Erschütterungen und Belastungen.“ Denn die Natur zeigt uns, dass auch sie zum Leben dazugehören. Ein Gewittersturm kann z. B. einen Baum arg ramponieren. Doch danach wird er umso mehr Blätter austreiben. Das können wir auch.

6 Wandern macht uns einfühlsamer

Was fühlt sich noch besser an, als ein Ziel zu erreichen? Richtig, diesen Moment mit anderen zu teilen. Deshalb wandern wir selten allein. Wir wollen uns mit anderen verbunden fühlen, Teil einer Gemeinschaft sein, brauchen diesen emotionalen Austausch. „Dieses Bedürfnis wird durch Wandern in mehrfacher Hinsicht erfüllt“, erläutert Dr. Albert Kitzler. Ganz direkt, wenn wir z. B. mit dem Partner, der Familie oder Freundinnen unterwegs sind. Aber auch indirekt. „Das Wandern in der freien Natur macht uns milder, menschlicher, mitfühlender – für uns selbst und für andere“, zählt der Philosoph auf. „Wandern ist eine Schule der Empathie.“ Je mehr wir dabei bei uns ankommen, desto offener, unbefangener gehen wir auf andere zu und mit ihnen um. Wir knüpfen ein Netz aus gelingenden Beziehungen, die wichtigste Glücksquelle überhaupt.

4 Wandern macht uns maßvoller

Mit jeder Tour lernen wir uns und unseren Körper besser kennen, können genauer einschätzen, ob wir uns gerade über- oder unterfordern, ob wir weitergehen oder umkehren sollten. „Wenn wir diese Erfahrung der eigenen Grenzen auch in unserem Alltag beachten, dann haben wir einen großen Schritt zur Meisterung unseres Lebens getan“, sagt Dr. Albert Kitzler. „Wir verinnerlichen den Maßstab, der uns guttut. Wir werden selbst zur Waage, die spontan und ohne zu überlegen das richtige Maß trifft.“ Dann spüren wir intuitiv, wie viel Energie und Zeit wir z. B. für den Beruf, für die Familie, unsere Freunde und nicht zuletzt für uns selbst aufwenden wollen (und müssen). Wir erkennen den entscheidenden Zeitpunkt zwischen einem Zufrüh und einem Zuspät. Mit jeder Wanderung, zu der wir aufbrechen, schulen wir unser Augenmerk für den „richtigen“ Moment.

7 Wandern macht uns gelassener

Plötzlich schlägt das Wetter um. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, heftiger Wind treibt Regen und Hagel vor sich her. Im ersten Moment ärgern wir uns darüber, sind enttäuscht. Doch während wir dann unter Bäumen oder in einer Scheune auf Besserung hoffen, erleben wir noch etwas anderes: In den Gang der Natur können wir nicht eingreifen. „Daraus entspringt das Gefühl von Demut und Bescheidenheit“, erklärt Dr. Albert Kitzler. „Und wer demütig und bescheiden ist, der hat gelernt, dass er das wenigste vom dem, was geschieht, beherrschen oder beeinflussen kann. Aus dieser Haltung heraus fällt es ihm leicht, loslassen zu können.“ Wer nehmen an, was das Schicksal uns zuteilt. Nicht nur das Wetter, sondern vielleicht auch Mitmenschen, die uns den Alltag „verhageln“. Gelassenheit und Duldsamkeit bilden die Mauern unserer inneren Burg.

Was in den Rucksack gehört

Ob Tages- oder Hüttentour, diese Utensilien sollten Sie auf jeden Fall dabeihaben

NICHT BEIM WASSER SPAREN
Ein Liter wiegt ein Kilo, wissen wir seit der Schule. Doch unser Körper braucht pro Wanderstunde mindestens 0,5 Liter Flüssigkeit. Trinken Sie, schon bevor Sie durstig werden, und füllen Sie Ihre Trinkflasche unterwegs regelmäßig auf.

SCHONENDE STABILITÄT
Zusammenfaltbare Wander- oder Trekkkingstöcke (ca. 70 Euro, im Fachhandel) bieten auf schmalen, unebenen oder rutschigen Wegen zusätzlich Sicherheit. Außerdem verteilen sie das Gewicht bei steileren Abstiegen um und schonen auf diese Weise die Kniegelenke.


FOTO: GETTY/WESTEN61/UWE UMSTAETTER

FOTO: GETTY/WESTEN61