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PSYCHOLOGIE: Wer loslässt, hat die Hände frei


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 06.02.2019

Durchhalten um jeden Preis? Manchmal ist es viel sinnvoller, sich zu verabschieden, loszulassen. Vier Frauen über die Kunst des Aufgebens


„Auf das Haus zu verzichten war leichter, als ich dachte“


Katja Fischer, 48, Projektmanagerin
Anfang 2017 war klar: Mein altes Leben ist vorbei, ich muss für meine Kinder und mich etwas ganz Neues aufbauen. Ich hatte mich im Jahr zuvor von meinem Mann getrennt. Damals ging auch sein Unternehmen insolvent, in dem ich mitgearbeitet hatte. Wir mussten unser Haus verkaufen. Meine Ehe, unsere Existenzgrundlage, mein Job, unser Zuhause – alles weg. Das war ein harter Schnitt. ...

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Bildquelle: Donna, Ausgabe 3/2019

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Katja Fischer, 48, Projektmanagerin
Anfang 2017 war klar: Mein altes Leben ist vorbei, ich muss für meine Kinder und mich etwas ganz Neues aufbauen. Ich hatte mich im Jahr zuvor von meinem Mann getrennt. Damals ging auch sein Unternehmen insolvent, in dem ich mitgearbeitet hatte. Wir mussten unser Haus verkaufen. Meine Ehe, unsere Existenzgrundlage, mein Job, unser Zuhause – alles weg. Das war ein harter Schnitt. Ich brauchte einen Vollzeitjob und eine neue Wohnung für mich und die Kinder, aber auf meine Bewerbungen bekam ich nur Absagen. Und ein paar Makler sagten mir ganz offen, dass ich als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern kaum Chancen hätte.

Neues Haus, neuer Job, neues Leben. Katja Fischer hat es in die Hand genommen


FOTO: BERTHOLD STEINHILBER

Der Auszug aus unserem Haus ist mir gar nicht so schwergefallen. Wir hatten es zwar selbst geplant und gebaut, aber vor allem nach den Vorstellungen meines Ex-Mannes – er wollte zum Beispiel alles viel größer als ich. Deshalb war es nie so ganz „mein“ Haus. Ich hing eher an dem Garten, den ich selbst angelegt hatte. Aber wichtiger als all das war für mich das Wohlergehen meiner Kinder. Und für die ist es überhaupt nicht wichtig, wie groß das Haus ist, in dem sie leben, sondern ob sie sich auf ihre Bezugspersonen verlassen können.

Auf ihren Vater traf das leider nicht zu, er war nie da, als sie ihn brauchten. Auch deshalb habe ich mich von ihm getrennt. Ich musste sie und mich schützen vor seinem Desinteresse an allem, was mit Familie zu tun hat. Unser neues Zuhause ist weniger repräsentativ, aber es ist unser „Safe Space“, wie ich es nenne: ein Ort, an dem es uns gut geht. Zu akzeptieren, dass mein Ex ist, wie er ist, dass er meinen Kindern nicht der Vater sein kann, den ich ihnen gewünscht hätte, fällt mir bis heute schwer, aber ich versuche es. Was mir beim Loslassen hilft? Dass ich sehr lösungsorientiert bin. Ich warte nicht, dass die Dinge von allein besser werden. Ich werde selbst aktiv.


„Yoga hat mir geholfen, meine Wut zu kontrollieren“


Alexandra Schmidt, 45, Soziologin
Ich bin Frauenbeauftragte der Stadt Salzburg und habe ständig mit Dingen zu tun, die mich wütend machen. Natürlich finde ich es auch gut und wichtig, sich immer wieder aufzuregen über das, was Frauen an Ungleichbehandlung, Übergriffigem oder gar Gewalt zustößt. Aber vor mehreren Jahren habe ich beschlossen, mich von meiner Wut nicht mehr überwältigen zu lassen. Wer Menschen überzeugen, etwas ändern und erreichen will, ist mit kühlem Kopf erfolgreicher. Und ich will etwas erreichen für die Frauen in meiner Stadt.

Ich mache seit 20 Jahren Yoga. Dort übt man, seine Impulse zu kontrollieren und Dinge einfach zu ertragen. Das hat mir dabei geholfen, meine Wut loszulassen. Der konkrete Auslöser war ein sehr dichter Arbeitstag vor einigen Jahren. Ich hatte fünf Termine, einer davon verlief höchst unerfreulich. Ich konnte mein Anliegen nicht durchsetzen, fühlte mich zu Unrecht zurechtgewiesen und war noch lange ziemlich aufgewühlt. Dabei waren die anderen vier Termine gut gelaufen, erfolgreich, mit positiven Rückmeldungen. Mir fiel auf: Die Wut nahm unverhältnismäßig viel Raum ein. Ich fragte mich: Wie kann ich das ändern?

Nach wie vor kann ich nicht verhindern, dass ich mich aufrege. Aber ich will anders damit umgehen. Ich lerne immer besser Wut auszuhalten und abzuwarten. Erst wenn ich mich beruhigt habe und wieder sachlich und freundlich sein kann, kümmere ich mich um den Konflikt. So verhindere ich, dass ich in einer Auseinandersetzung jemanden verletze oder etwas sage, was ich hinterher bereuen würde. Und eine gute Debatte ist ja auch lustvoll – wenn dabei alle ihr Gesicht wahren.

Auch privat habe ich davon profitiert. Als mein Mann mich vor drei Jahren verlassen hat, nach 22 Jahren, hat das sehr wehgetan, und natürlich war ich traurig – und wütend. Aber ich habe es geschafft, nicht im emotionalen Chaos zu versacken. Ich habe diese Gefühle ertragen, mir gleichzeitig bewusst gemacht, was schön daran ist, frei und selbstbestimmt zu leben. Und ich habe meinen Verstand eingeschaltet und mir gesagt: Über 40 Prozent aller Ehen in Salzburg scheitern, wir sind kein Einzelschicksal, die Wahrscheinlichkeit sprach einfach gegen uns. Heute sind wir sehr gute Freunde. Und ich bin allein glücklich.

Selbst nach der Trennung ist Alexandra Schmidt nicht im Gefühlschaos versackt


FOTO: TANJA KERNWEISS


„Ohne Kind ist mein Leben nicht schlechter, nur anders, als ich es mir mal vorgestellt habe“


Gabriele H., 46, Tierärztin
Der Wunsch nach einem Kind kam bei mir auf, nachdem ich meinen jetzigen Partner kennengelernt hatte. Als es nicht klappte mit dem Schwangerwerden, habe ich eine Kinderwunschbehandlung angefangen. Da war ich 38. Meine Gynäkologin erklärte mir, welche Möglichkeiten es gibt, und schon ging es los. Man rutscht da so rein, das war wie ein Automatismus. Niemand hat gesagt: „Die Spritzen, die Hormone, die Nebenwirkungen, das kann wirklich hart werden. Um das durchzustehen, musst du es wirklich, wirklich wollen! Willst du nicht noch einmal darüber nachdenken?“

Akzeptiert ihr Leben – auch wenn ihr Plan ein anderer war


Zwei Jahre lang habe ich durchgehalten. Dann habe ich zu meinem Partner gesagt: „Ich will nicht mehr, Schluss jetzt.“ Damals ist mir aufgefallen, dass Frauen in meiner Lage öffentlich kaum vorkommen. Die Medien berichten eher über die, die sich bewusst gegen ein Leben als Mutter entschieden haben. Und in Online-Kinderwunsch-Foren feuern sich die Frauen gegenseitig an durchzuhalten – manchmal über viele Jahre. Wenn Frauen wie ich sich entscheiden aufzuhören, ist das kein Thema mehr.

Mir tat es sehr gut, endlich wieder eine Entscheidung zu treffen, nachdem ich lange nur getan hatte, wozu mich die Umstände gezwungen haben. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Danach habe ich das Leben ohne Kinder erst mal glorifiziert. Natürlich hatten wir schon vorher am Wochenende ausgeschlafen, sind oft essen oder ins Museum gegangen und haben schöne Reisen gemacht. Aber plötzlich redete ich mir ein, dass das alles viel toller sei, als Kinder zu haben. Das ging so weit, dass ich Mütter und Väter, die ich mit ihren Kindern auf der Straße sah, bedauerte: schrecklich, so ein Leben! Wer will das schon? Nur die zwei Kinder meiner Schwester habe ich immer geliebt.

Vor Kurzem ist mir aufgegangen, dass ich auch diese Phase hinter mir gelassen habe, die ja eine Art Trotzphase war. Inzwischen bin ich manchmal traurig, dann beneide ich Menschen mit Kindern. Manchmal bin ich nach wie vor erleichtert darüber, kinderlos zu sein. Erst seit ich diese gegensätzlichen Empfindungen zulassen kann, habe ich den Eindruck, meinen Kinderwunsch wirklich losgelassen zu haben. Ich habe akzeptiert, dass beide Lebensentwürfe ihre Vor- und Nachteile haben und dass manche Träume nun mal nicht in Erfüllung gehen. Das Leben ist dann trotzdem nicht schlechter. Es ist nur anders, als ich es mir mal vorgestellt habe.

Die Kündigung war keine leichte Entscheidung – aber die richtige


„ Nach meinem letzten Arbeitstag war ich erleichtert wie noch nie in meinem Leben“


Sigrid Wischer, 53, Abteilungsleiterin
Als ich im Frühjahr 2017 meine Stelle kündigte, war ich 51 und hatte keine Ahnung, wie es beruflich weitergehen würde. Alles, was ich wusste, war, dass ich mich vor diesem Job schützen musste.

Fünf Monate Probezeit lagen hinter mir, in denen mir jeden Tag bewusster geworden war, dass die Arbeit nicht zu mir passte. Ich sollte firmeninterne Abläufe verbessern und neue Standards definieren, also die betriebliche Effizienz und Qualität steigern. Schnell zeigte sich aber, dass das zweitrangig war. Es ging fast nur um Umsatzsteigerung. Ich war den ganzen Tag mit Zahlen beschäftigt, damit, dass wir genug Neugeschäft machten und Mitarbeiter ihre Zielvorgaben erreichten. Kundenservice und Ver besserung der Prozesse gerieten ins Hintertreffen. Das war nicht die Arbeit, für die ich mich beworben hatte. Und es war nicht das, was ich gut kann.

Vielleicht hätte ich für meine Ideen und Ansprüche gekämpft, wenn ich die nötige Energie dazu gehabt hätte. Aber fast gleichzeitig mit Beginn der Tätigkeit erkrankte mein Vater an Krebs. Diese Situation, die Sorge um ihn und meine Mutter, kostete mich so viel Kraft, dass für berufliche Auseinandersetzungen nichts übrig blieb. Plötzlich bekam ich Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Herzrasen. Und ein Infekt haute mich völlig um. So kannte ich mich gar nicht.

Dann kam dieses Meeting, bei dem ich eine Präsentation halten musste. Ich bereitete sie vor, während mein Vater im Sterben lag. Als ich fertig war, kritisierte der eine Chef mich barsch und unfair. Der andere schwieg, obwohl er meine Vorschläge kannte und sich hätte vor mich stellen müssen. Der Augenblick, in dem ich aus dem Konferenzraum ging, war der, in dem ich wusste: Das war’s jetzt!

Einen neuen Job zu finden hat länger gedauert, als ich dachte, nämlich eineinhalb Jahre. Trotzdem war ich immer sicher, das Richtige getan zu haben. Denn als ich die Firma an meinem letzten Arbeitstag verließ, fiel alles von mir ab. Trotz der Trauer um meinen Vater war ich erleichtert wie nie zuvor in meinem Leben. Und alle meine gesundheitlichen Probleme waren schlagartig weg. Bestärkt haben mich auch mein Mann und meine Mutter, die gesagt haben: „Was immer passiert, wir kriegen das hin.“


FOTOS: FABIAN FIECHTER, FREDERIKE WETZELS