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Putins SPIONE auf Shoppingtour


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 35/2021 vom 29.08.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 35/2021

Russland demonstriert mit Waffen wie dem Buk-Raketensystem seine vermeintliche Stärke. Doch die Rüstungsindustrie ist auf westliche Technologie angewiesen

Wer seine Wohnadresse am Cospudener See hat, ist in aller Regel gut betucht. Die Gegend wirkt im Sommer fast wie ein spanischer Badeort – mitten in Sachsen. Surfer ziehen ihre Kreise über kristallklares Wasser, in den Restaurants am Ufer werden Cocktails gereicht. Einer, der hier lebt, ist der Geschäftsmann Alexander S., 56 Jahre alt, Inhaber zweier Handelsfirmen. Sein hell verputztes Haus liegt nah am See. Aufs Klingeln öffnet seine Ehefrau. Sie möchte nicht mit den Reportern sprechen, sie sagt, sie habe keine Zeit. Auch am wenige Kilometer entfernten Firmensitz findet sich niemand, der über diese Angelegenheit reden möchte.

Geschäftsmann S. selbst sitzt seit Mitte Mai in der Justizvollzugsanstalt Leipzig ein. Der Generalbundesanwalt beschuldigt ihn, gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen und die russische Rüstungsindustrie illegal mit hochwertigen Gütern versorgt zu haben. Deutsche ...

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... Sicherheitsbehörden gehen nach WELT AM SONNTAG-Informationen davon aus, der Fall könne weit größere Dimensionen haben als bislang bekannt.

Der Sachse soll demnach bei einem geheimen Beschaffungsprogramm des Kreml mitgewirkt haben. Dieses war laut Russlandexperten und Erkenntnissen westlicher Geheimdienste im Sommer 2014 von Präsident Wladimir Putin persönlich auf den Weg gebracht worden – er ließ damit eine Operation aus einer längst vergessen geglaubten Zeit wieder aufleben: Mit dem berüchtigten System für Spetsinformatsiya – das Wort steht für Spezialinformationen – hatte sich die Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges Hochtechnologie vom kapitalistischen Klassenfeind erschlichen.

DECKNAME „FAREWELL“

Damals, im Kalten Krieg, funktionierte die Beschaffung von Rüstungsgütern in der Sowjetunion so: Eine Kommission ermittelte den Bedarf der Rüstungsfabriken, dann kümmerten sich der Geheimdienst KGB und sein militärischer Ableger GRU um die Besorgung im Ausland. Eingebunden waren etliche Ministerien sowie Organisationen in den sozialistischen Bruderländern. Der Großmacht gelang es so, sich Know-how in gigantischem Umfang zu besorgen. Der US-Geheimdienst CIA klagte 1985 in einem internen Papier, Moskau habe „Tausende westlicher Ausrüstungsgegenstände und viele Zehntausende nicht klassifizierter, geheimer und geschützter Dokumente“ erhalten.

Dass der Westen damals Kenntnis von dem konspirativen Beschaffungssystem erhielt, hing mit einer der spektakulärsten Spionageaffären des letzten Jahrhunderts zusammen: Eine sowjetische Quelle mit dem Decknamen „Farewell“ lieferte dem französischen Geheimdienst Anfang der 80er-Jahre fast 3000 Dokumente zum Spetsinformatsiya-System und die Namen von mehr als 250 Auslandsagenten. Das Material belegte, dass der Kreml sich im Ausland systematisch Radartechnik, Werkzeugmaschinen und Halbleiter beschafft hatte und auf diese Weise im Rüstungssektor nahezu wettbewerbsfähig mit den Nato-Staaten wurde. Heute weiß man, dass sich hinter diesem Decknamen „Farewell“ Wladimir Wetrow verbarg, ein abtrünniger KGB-Oberstleutnant. Nachdem er aufgeflogen war, richteten die Sowjets ihn 1985 hin. Zufällig wurde in jenem Jahr ein junger KGB- Agent nach Dresden geschickt. Sein Name: Wladimir Putin.

2016 nun berichtete der an der Universität Oxford lehrende Ökonom Christopher Mark Davis, Russland habe das Spetsinformatsiya-System revitalisiert. Erkenntnisse, die sich nach Informationen von WELT AM SONNTAG mit denen der Bundesanwaltschaft decken, die sich wegen des laufenden Verfahrens aber nicht zu Details äußert.

In einer Pressemitteilung anlässlich der Festnahme von Alexander S. nannte die Behörde jedoch Eckpunkte: Der Unternehmer habe in einer Geschäftsbeziehung mit einer Firma in Russland gestanden, „deren Beschaffungsaktivitäten von einem russischen Geheimdienst gesteuert werden“. Der Beschuldigte S. habe im Juni 2019 zwei Maschinen und einen Monat später einen weiteren Apparat – welche genau und von welchem Hersteller, wurde nicht benannt – nach Russland ausgeführt. Eine Genehmigung des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle habe nicht vorgelegen. Die Kanzlei, die S. vertritt, wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

In Sicherheitskreisen heißt es, die Millionenmetropole Jekaterinburg spiele in dem Fall eine zentrale Rolle – sie ist Sitz eines bedeutenden Rüstungsunternehmens: Novator. Die Tochter des staatlichen Rüstungskonzerns Almaz- Antey stellt unter anderem Komponenten für das Buk-Lenkwaffensystem her. Mit einer Rakete dieses Typs wurde am 17. Juli 2014 über der Ostukraine die malaysische Passagiermaschine MH17 abgeschossen, 298 Menschen starben.

EIN ZUFALL HALF

Auf dem Gelände von Novator ist die Handelsfirma Uric untergebracht. Angeblich wird sie vom Geheimdienst betrieben, sie gilt als ein wichtiger Bestandteil des Spetsinformatsiya-Systems. Auch gegen dort Verantwortliche ermittelt die Bundesanwaltschaft. Die Aussichten, sie in Deutschland auf die Anklagebank bringen zu können, sind freilich gering. In Jekaterinburg zählt zudem die Uralische Föderale Universität mit einem Institut für Militärtechnische Ausbildung und Sicherheit zum militärischen Komplex. Die Ermittler gehen dem Verdacht nach, dass Alexander S. auch diese Hochschule mit sensibler Ware versorgt haben könnte.

Die offenbar engen Kontakte von S. nach Russland sind familiär bedingt. Er wuchs in der DDR auf, ist das Kind einer Sowjetbürgerin und eines Deutschen, der einst in Moskau studiert hatte. Seine Ehefrau entstammt einer Moskauer Familie. Aktuell bescheinigen Kreditauskunfteien den Unternehmen von Alexander S. eine „gute Bonität“. Womöglich hätte S. seinen lukrativen Geschäften noch jahrelang ungestört nachgehen können, hätten nicht die deutschen Sicherheitsbehörden von einem befreundeten ausländischen Geheimdienst einen Tipp erhalten.

Durch diesen Hinweis konnte Anfang des Jahres auch bereits zwei Geschäftsleuten aus Augsburg der Prozess gemacht werden, die 15 hochwertige Werkzeugmaschinen für knapp acht Millionen Euro an russische Rüstungsfirmen in Jekaterinburg geliefert hatten – offenbar an jene Firma, die auch im sächsischen Fall eine Rolle spielen soll: Novator. Der Hauptangeklagte, ein 42- Jähriger aus Kasachstan stammender Deutscher, wurde vom Oberlandesgericht Hamburg für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis geschickt. Das 80-seitige Urteil liegt WELT AM SONNTAG vor. Das Gericht hat darin viele Seiten unkenntlich gemacht. Offenkundig betreffen die Schwärzungen vor allem Informationen zum Spetsinformatsiya-System. Sicher ist laut Urteil, dass auch im Fall der über Augsburg gelieferten Maschinen eine „geheimdienstlich gesteuerte Beschaffung“ stattfand. Das flog auch auf, weil die Ermittler des Zollkriminalamts in Köln die Telefone der Täter abgehört hatten.