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Queere Solidarität


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 28.06.2022
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Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 7/2022

* Namen von der Redaktion geändert

Der 24. Februar 2022 ist mit dem Beginn von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits jetzt als ein Tag der Zeitenwende in die europäische Geschichte eingegangen. Inmitten von Pandemie, Klimawandel und Inflation gesellt sich nun auch noch ein weiterer Krieg in die Reihe globaler Krisen, die vielen Menschen Sorgen bereiten. Allerdings geht der Tag wohl auch in die Geschichte ein als der Beginn einer beispiellosen Welle an Solidarität – wenn auch leider wieder begleitet von rassistischen Aussagen im Kontext von Vergleichen mit Kriegen und Konflikten in nicht europäischen Regionen und schrecklichen Berichten über die Behandlung von BIPoC-Personen auf der Flucht.

Nichtsdestotrotz bleibt die Welle an Solidarität beeindruckend. Inmitten großer Angst, teilweise auch vor einem dritten Weltkrieg mit Atomwaffen, leuchtet sie wie ein Hoffnungsschimmer des Widerstands. ...

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... Das mag für manche vielleicht etwas aufgesetzt klingen. Doch ist es bei näherer Betrachtung der Ereignisse der letzten Jahre, des „Informationskrieges“, den Putin auch gegen westliche Demokratien führt, genau das: ein Akt des Widerstandes. Zur Pride Season haben wir mit Menschen gesprochen, die sich an diesem Widerstand auf unterschiedliche Art und Weise beteiligen.

Frank, Anna* und Alexej* sind dafür gute Beispiele. Anna ist eine der vielen Menschen, die bei sich zu Hause Geflüchtete aufgenommen haben. Über das Lesbennetzwerk „EuroCentralAsian Lesbian* Community“ der „European Lesbian* Conference“ (EL*C) wurde kurz nach dem Beginn des Krieges die Nachricht verbreitet, dass geflüchtete Lesben auf dem Weg Richtung Westen sind, auch nach Berlin. „Ich dachte dann, o.k., dann kannst du wenigstens über diesen Weg Menschen helfen, anstatt in dieser Starre zu bleiben“, erzählt sie im Interview mit SIEGESSÄULE. Ende März nahm sie dann geflüchtete Menschen bei sich auf. „Das ist sehr gut gelaufen, aber trotzdem habe ich anfangs unterschätzt, was Flucht eigentlich bedeutet. Das sind keine Auswandernden, keine Tourist*innen oder Freund*innen, die zu Besuch kommen. Das sind Menschen auf der Flucht, die Hals über Kopf mit einer Tasche aus dem eigenen Zuhause weg sind, ohne sich vorher wirklich informiert haben zu können, wo es denn jetzt genau hingeht. Es war hart zu sehen, dass sie hier nicht bei null, sondern bei minus zehn anfangen mussten.”

Zwischen Hauptbahnhof und Social Media

Anna aktivierte ihren schwul-lesbischen Freund*innenkreis. „Wir haben erst mal Geld zusammengelegt und die Dinge gekauft, die jetzt nötig waren. Das waren banale Dinge, wie Kleidung oder eine neue Brille.” Natürlich war an einen normalen Alltag erst einmal nicht zu denken. „Man kann von diesen Menschen nicht erwarten, dass sie sofort funktionieren, sich gleich in das Arbeitsleben integrieren, Deutschkurse belegen oder andere Vorstellungen erfüllen, die wir Deutsche manchmal vielleicht haben.” Selbst die Liebe, mit der die geflüchteten Personen von Annas Freund*innen überschüttet wurden, sei etwas überfordernd gewesen, berichtet Anna. „Alle wollten natürlich ihre Unterstützung zeigen. Aber für die geflüchteten Personen war es gar nicht so einfach, das auch anzunehmen.”

Frank Wilde ist Kostümbildner und Stylist. Unter anderem arbeitet er mit Sarah Connor, die durch die Zusammenarbeit mit ihm und Modedesignerin Katharine Hamnett sofort öffentlich politische Statements gegen den Krieg in ihre Outfits integrierte. Für die UN Refugee Agency arbeitete er kürzlich zusammen mit seinem Assistenten Razvan als Support-Kostümbildner für die ukrainische Kostümbildnerin Margarita Shekel, die an einem Film mit ukrainischer Crew mitwirkte, an dem auch der bekannte ukrainische Schauspieler Ivan Dorn beteiligt war. Er sponserte das Projekt außerdem ausstattungstechnisch mit seiner Firma Perfect Props. „Du bist mit diesen Menschen am Set, und plötzlich erzählt dir dort eine Person, ihre Mutter habe ihr gerade geschrieben, dass die Bombardierungen wieder begonnen hätten und sie jetzt Unterschlupf suchen. Und die Person fängt dann an zu weinen. Der Krieg fühlt sich plötzlich ganz nah an.”

Als der Krieg begann, spendete Frank sofort und nutzte seine Reichweite in sozialen Medien, um zum Spenden zu animieren und an unterschiedlichen Stellen ehrenamtliche Hilfe zu leisten. Auf Instagram wurde er zuletzt unter ukrainischen Menschen eine kleine Berühmtheit, nachdem dortige Medien Artikel über seine Fotoserie veröffentlicht hatten. Seit Beginn des Krieges postet er täglich ein politisches Foto von sich in Outfits in den Farben der ukrainischen Flagge oder mit symbolträchtigen ukrainischen Referenzen – teils auch mit provokanten, queeren Motiven. In einem Interview sagte er dazu: „Ich bin offen schwul und ich habe mein ganzes Leben lang für queere Rechte gekämpft. Einer der Gründe, warum ich die Ukraine unterstütze, ist der, dass ich selbst auf hartem Weg lernen musste, dass es Freiheit nicht umsonst gibt.” Die Resonanz auf seine Fotoserie hat ihn überwältigt. Fast täglich bekommt er Nachrichten von Menschen aus der Ukraine, die sich sehr über dieses Zeichen der Solidarität freuen und ihm danken möchten. Im ukrainischen Fernsehen wurde ein 30-minütiger Beitrag mit Interview über seine Arbeit ausgestrahlt.

Frank erzählt, wie ein rumänischer Freund, der fließend Russisch spricht, ihn bat, am Hauptbahnhof auszuhelfen, wo die ukrainischen Geflüchteten ankommen. „Ich wusste aber am Anfang gar nicht, ob ich das wirklich kann. Ich wusste nicht, ob ich dann wirklich den Leuten dort eine Hilfe bin oder einfach heulend zusammenbreche und die zu mir sagen, ich solle wieder nach Hause gehen.” Dennoch fassten sie gemeinsam den Entschluss, das durchzuziehen. „Gut war, dass man am Hauptbahnhof erst einmal eine Einführung bekommen hat, wie man effektiv Hilfe leisten kann”, berichtet Frank. „Wir haben zum Beispiel gelernt, dass es nicht gut ist, den ankommenden Menschen das Gefühl zu geben, dass man sie bedauert. Vielmehr soll es um ganz konkrete Hilfeleistung gehen: Wo bekomme ich etwas zu essen? Oder wo kann ich eine SIM-Karte kaufen, um Angehörigen Bescheid zu geben, dass es mir gut geht? Empowerment statt Bedauern!”

Volles Risiko: Queerer Widerstand in Moskau

Aber nicht nur in Deutschland, auch in Russland engagieren sich queere Menschen gegen den Krieg – unter großen Risiken und Gefahren. Alexej ist Grafikdesigner und hatte schon lange den Wunsch, eine eigene Sticker-Serie zu entwerfen, konnte aber kein Thema finden, mit dem er zufrieden war. „Als der Krieg begann, hatte sich die Frage nach geeigneten Statements von selbst erledigt. Ich beschloss, unter meinen Follower*innen auf Instagram ein kleines Kunstprojekt daraus zu machen: Wir sind es gewohnt, in einem Land zu leben, in dem unsere Stimme nichts bedeutet und Wahlen ein fiktives Verfahren sind. Ich mache dieses Projekt, um allen, die das nicht können, die Möglichkeit zu geben, unabhängig und offen zu sprechen.” Die erste Sticker-Serie besteht aus Statements, die ihm Follower*innen zuschickten. Damit klebt Alexej derzeit die Straßen Moskaus zu. „Alle Statements, die ich bekomme, werden gedruckt.

Jede Stimme wird gehört. Wir können nicht zu den Waffen greifen, aber wir können uns am Informationskrieg beteiligen. Wörter sind schärfer als jedes Messer!”

Das ist natürlich ein gefährliches Unterfangen. Als Alexej eine Druckerei wegen der Aufkleber kontaktiert, verweigert diese ihm den Druck. „Der Freund eines Bekannten verteilte auf den Straßen Moskaus Flugblätter gegen den Krieg und wurde dabei von Überwachungskameras gefilmt. Am nächsten Tag kam die Polizei zu seinem Haus, um es zu durchsuchen. Sie stellten alles auf den Kopf, beschlagnahmten Handys und Computer und brachten ihn auf die Polizeiwache. Aktuell sitzt er in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Nach dem neuen Gesetz zur Diskreditierung der Streitkräfte drohen ihm zehn bis 15 Jahre Gefängnis.” Es dauerte zwei Wochen, bis Alexej eine Druckerei fand, die seine Sticker drucken wollte – und machte das dann tatsächlich kostenlos.

Seitdem klebt er seine Sticker heimlich in die Straßen Moskaus. „Jedes Mal, wenn ich spazieren gehe, nehme ich Aufkleber mit und klebe sie schnell und unauffällig auf die nächstgelegene städtische Fläche und gehe weiter. Der ganze Vorgang dauert nur ein paar Sekunden.” Wenn Alexej an einem anderen Tag anderselben Stelle vorbeikommt, macht er ein Foto von den bereits aufgeklebten Stickern. „Das ist viel sicherer, als es gleich zu tun. Ich poste diese Fotos auf meinem geschlossenen Instagram-Account und schicke sie an die Telegram-Chats der Gruppe ,Visible Protest’, wo sie anonym für ein Publikum von 9.000 Abonnent*innen veröffentlicht werden, um zu zeigen, dass jeder Mensch, der gegen den Krieg ist, nicht allein ist.”

Solidarität und Diskriminierung

Es ist bewegend, wie viele Menschen sich in dieser schwierigen Situation engagieren. „Alle wollen helfen”, berichtet Anna. „Es ist schön zu sehen, was auf einmal alles möglich ist.” Gleichzeitig bedrückt es sie aber auch, dass dies bei Geflüchteten aus anderen Regionen lange nicht möglich war. „So toll ich es auch finde, dass diese Solidarität jetzt so sehr gezeigt wird, so sehr beschämt es mich aber auch, dass dies vorher bei Geflüchteten aus anderen Kriegsregionen, wie zum Beispiel Syrien, nicht möglich war.” Anna gibt ehrlich zu: „Ich hab mich auch selbst gefragt, warum ich nicht schon vorher Geflüchtete aufgenommen habe. Und dafür habe ich mich geschämt.” Vielleicht war einer der Gründe, dass sie schon öfters in der Ukraine war, aber noch nie in Syrien. Sie kennt die Ukraine also persönlich. „Aber eigentlich ist das kein Grund”, meint sie. „Hier muss man sich selbst auch fragen: Warum hat man nicht schon vorher mehr gemacht?”

Ein Zurück gebe es jetzt nicht mehr: „Denn wir haben nun gezeigt: Es geht!” Solidarität muss deswegen nun für alle Geflüchteten gelten, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft.

Dass es hier eine gewisse Doppelmoral gibt, findet auch Stephan Cooper, Gruppensprecher von Queer Amnesty in Berlin: „Pauschal gesehen werden die ukrainischen Geflüchteten heute natürlich insgesamt ganz anders behandelt als zum Beispiel Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder Somalia, die teilweise sogar wieder abgeschoben werden. Im Gegenzug dazu gibt man ukrainischen Geflüchteten vollkommene Freiheiten. Teilweise wissen wir sogar von Unterkünften, wo afghanische Geflüchtete raus mussten, um ukrainische aufzunehmen. Das ist natürlich sehr problematisch.”

Andererseits habe man aus den Fluchtbewegungen der Vergangenheit vieles gelernt, was dazu führe, dass die Unterstützung jetzt reibungsloser abläuft – nicht zuletzt auch deswegen, weil all die Schreckensszenarien, die rechtspopulistische und rechtsradikale Kräfte im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 heraufbeschworen hatten, nicht eingetreten sind. Nicht nur deshalb würde sich Stephan auch von der Politik mehr Solidarität für Geflüchtete aus anderen Regionen wünschen. „Es wäre zum Beispiel ein wichtiges Zeichen, wenn man sagen würde: In Afghanistan sind jetzt die Taliban an der Macht, deswegen schicken wir für die nächsten drei Jahre keine Geflüchteten mehr dorthin zurück!”

Doch auch im Kontext des Ukraine-Kriegs gibt es diese tragische unterschiedliche Bewertung von Geflüchteten. So hört man immer wieder von flüchtenden BIPoC aus der Ukraine, die aus den Zügen herausgeholt, eingeschüchtert und stundenlang festgehalten werden. Generell scheint die europäische Solidarität für Geflüchtete aus BIPoC-Communitys nicht so groß wie für weiße Menschen. Offenbar wird Geflüchteten besonders dann geholfen, wenn sie weiß, heterosexuell und cisgeschlechtlich sind. Auch an diesem Missstand möchte Queer Amnesty Berlin arbeiten. „Geflüchtete, die gleich gefährdet sind, müssen auch gleich behandelt werden, unabhängig von der Herkunft”, betont Stephan. „Darüber hinaus ist es aber auch essenziell, dass sexuelle Identität als gleichwertiges Menschenrecht anerkannt wird.“ Auch deswegen sei es wichtig, dass die sexuelle Identität in den Artikel drei des Grundgesetzes aufgenommen wird: „Niemand darf wegen seiner sexuellen Identität benachteiligt oder bevorzugt werden.”

Jeff Mannes