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Queeres Netzwerken in Kriegszeiten


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 29.04.2022
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Der russische Angriff war ein Schock für Ekatherina. Es sei unerträglich mitanzusehen, wie Verwandte und Freund:innen bombardiert würden

Oksana sitzt mit ihrem Sohn, ihrer Partnerin und einer Freundin Anfang März an einem Küchentisch, irgendwo in Polen, und sie führen einen Videochat. Immer wieder schiebt ihr Hund seinen wuscheligen Kopf in die Kamera. Das Handy wird regelmäßig justiert, immer dann, wenn eine:r der Anwesenden spricht. Oft reden sie alle durcheinander, übersetzen, hetzen durchs Englische, wie sie vor einigen Tagen auf der Flucht durch die Ukraine hetzten. Die kleine Gruppe ist in einem Safe House auf der polnischen Seite der Grenze untergebracht. Der Kriegsausbruch und die Flucht sind bei dem Zoom-Gespräch mit L-MAG noch so gegenwärtig, dass Oksana immer wieder Tränen in die Augen steigen.Ihr Sohn beginnt vor Aufregung zu stottern.

Am 24. Februar, dem Tag des russischen Angriffs, war der Lehrerin aus Kyjiw schnell klar, dass sie alle die Stadt verlassen müssen. Am frühen Morgen gab es den ersten Bombenalarm. Die ...

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... Menschen flohen in Keller und U-Bahnstationen. Die waren kalt und schnell überfüllt. Viele versuchten zu fliehen, packten ihre Habseligkeiten und nahmen Hund und Katze mit auf die Flucht. Auch Oksanas Familie flüchtete über verstopfte Straßen und harrte auf überfüllten Bahnhöfen aus, bis ein Zug fuhr, in den alle hineinpassten.

Die Unterbringung von LGBTIQ*-Personen in den Nachbarländern ist schwierig, wie Rasmus Andresen, Abgeordneter des Europaparlaments in einer Pressemitteilung schreibt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass immer noch viele polnische Gemeinden sich zur ,LGBTIQ*-freien Zone‘ erklärt haben. Hier besteht große Gefahr, dass LGBTIQ*-Personen diskriminiert werden und es zu Übergriffen kommt.“

Oksana und ihre Familie hatten Glück im Unglück. Sie fanden einen Unterschlupf dank des EL*C-Netzwerks: Die EuroCentralAsian Lesbian* Community organisiert Safe Houses für Geflüchtete in Polen sowie Transfers nach Warschau und in andere Länder.

Ein lesbisches Coming-out? Unmöglich!

In Kyjiw habe sie nicht offen lesbisch gelebt, erzählt Oksana, sie sei „unsichtbar“ gewesen, weil sie als Lehrerin berufliche Konsequenzen gefürchtet habe.

Zwar hatte die Ukraine 1991 als erste der ehemaligen Sowjetrepubliken Homosexualität legalisiert, aber die gesellschaftliche Akzeptanz ist nicht stark ausgeprägt. Anna, ehemalige LGBTIQ*-Aktivistin und Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kyjiw, hebt hervor, dass die Antidiskriminierungsgesetze in der Gesellschaft zwar nicht sonderlich populär seien, aber immerhin gebe es sie. Generell sei es einfacher, sich in der Hauptstadt zu outen.

Als Anna mit ihrer Partnerin und der gemeinsamen Katze am 24. Februar aus Kyjiw floh, war ihr klar, dass die Akzeptanz in kleineren Städten geringer sein würde. Untergekommen sind sie nun in einem kleinen Ort im Westen der Ukraine. Dort stellt sie ihre Partnerin nur noch als ihre Schwester vor. Sie könne hier in der Gegend unmöglich sagen, dass sie lesbisch sei – schon gar nicht bei der Wohnungssuche.

Olena Shevchenko dagegen ist noch immer in Kyjiw. 2008 gründete sie gemeinsam mit zwei Freund:innen die LGBTIQ*-Organisation Insight. Inzwischen ist sie eine der Vorsitzenden der queeren Lobby-Vereinigung ILGA Europe. Derzeit organisiert Olena gemeinsam mit anderen Organisationen wie Allianz Global und Kiew Pride Fluchtwege für Queers aus der Ukraine – oder sie suchen sicherere Unterkünfte im Land selbst. Auch Oksana und ihre Familie bekamen Hilfe von Olena.

Sie hat den Kontakt zur polnischen Abteilung von EL*C hergestellt.

Auch das Bündnis „Queere Nothilfe Ukraine“ bemüht sich darum, Menschen aus der Ukraine herauszuhelfen und Hilfsgüter ins Land zu transportieren. Das sei schwierig, erzählt Sören Landmann von der Nothilfe. „Wir hatten am Anfang das Problem, mit unseren Transporten nicht ins Land hineinzukommen. Wir haben dann an der polnischen Grenze Lagerräume angemietet, um Lebensmittel, wichtige Medikamente und Schlafsäcke mit Hilfe von Einzelpersonen auf die ukrainische Seite zu bringen.“ Im Prinzip sei dieses System sogar etwas sicherer, weil so die Unterkünfte für queere Menschen in der Ukraine weniger sichtbar und somit besser geschützt seien. Mit fünf bis sechs queeren Organisationen in der Ukraine steht das Bündnis aktuell in Kontakt.

Die brauchen dringend internationale Hilfe, denn die schrecklichen Nachrichten häufen sich. Anfang April wurden in Butscha bei Kyjiw mehr als 400 tote Zivilist:innen gefunden – vermutlich ermordet von russischen Besatzungstruppen, die sich inzwischen von dort zurückgezogen haben. Moskau bestreitet das Massaker. Doch vieles deutet darauf hin, dass Gräueltaten ein Instrument der russischen Kriegsführung sind. Laut Human Rights Watch sind auch anderswo in der Ukraine „vorsätzliche Grausamkeiten“ an Zivilist:innen verübt worden.

Dass der Krieg einen rechtsfreien Raum schafft, wurde bereits Ende Februar deutlich, als in Kyjiw das Zentrum der LGBTIQ*-Gruppe Nash Svit Human Rights überfallen wurde. Vier Mitarbeiter wurden zusammengeschlagen. Man hat bisher nicht herausgefunden, wer dahintersteht. Vermutlich waren es Rechtsradikale. Der Vorfall zeigt deutlich, dass im Krieg Personen am Rande der Gesellschaft besonders stark gefährdet sind.

Russland: immer totalitärer?

Auch in Russland, das zunehmend totalitäre Strukturen entwickelt, wird es seit Kriegsbeginn gefährlicher für die queere Community.

Viele verlassen das Land und versuchen, sich im Ausland zu organisieren. Deshalb stellt sich die Queere Nothilfe auch auf eine steigende Zahl russischer Geflüchteter ein. Doch nicht alle gehen. Ekaterina (Name geändert) bleibt in Russland und versucht zu retten, was zu retten ist. Die russischen Behörden beobachten ihre Organisation genau. Interviews geben die Aktivist:innen nur noch anonym und jedes Wort wägen sie genau ab. Seit dem 4. März gilt in Russland ein neues, noch restriktiveres Mediengesetz. Erlaubt sind nur noch offizielle, staatlich vorgegebene State-ments. Wer anderes behauptet, muss mit bis zu fünfzehn Jahren Haft rechnen.

Dennoch versuchen die Aktivist:innen weiterzuarbeiten. Der russische Angriff auf die Ukraine war ein Schock für sie, sagt Ekaterina, denn russische NGOs seien auch bis in die Ukraine vernetzt. Auch persönlich sei es für sie schwierig, weil sie Familie in der Ukraine hat, so wie viele andere Russ:innen auch. Es sei unerträglich mitanzusehen, wie Verwandte und Freund:innen bombardiert würden.

Ekaterina schaut schon lange keine Staatsmedien mehr. Aber viele Russ:innen sehen Tag für Tag staatliche Propaganda. Sie hat in den letzten Jahren zunehmend die unabhängige Berichterstattung verdrängt. Dahinter steht ein Konzept, das sich im Lauf von gut fünfzehn Jahren vom Kulturprojekt zur politischen Ideologie entwickelt hat: Russki Mir, „die russische Welt“. Russlands Präsident Wladimir Putin definierte sie 2006 so: „Die russische Welt kann und muss alle vereinen, denen das russische Wort und die russische Kultur teuer sind.“ „Russki Mir“ setzt sich ausdrücklich ab von allgemeingültigen Menschenrechten, dabei bleibt das Konzept schwammig und somit anpassungsfähig – Homofeindlichkeit aber ist ein klarer Bestandteil der Ideologie. Erst am 6. März erklärte der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill I., Präsident Putin befände sich „auch in einem Krieg gegen die Homosexualität“.

Zwar sind homosexuelle Handlungen in Russland seit 1993 nicht mehr strafbar, Polizei und Behörden schauen jedoch weg, wenn queere Menschen Opfer von Hasskriminalität werden. In den frühen 90er-Jahren versuchte sich die LGBTIQ*-Szene mit unabhängigen Publikationen Gehör zu verschaffen.

Die wurden damals vom Staat noch toleriert.

Doch 2013 trat ein neues Gesetz in Kraft: ein „Verbot der Propaganda nichttraditioneller sexueller Orientierungen unter Minderjährigen“, das Menschen das offene Leben ihrer sexuellen Orientierung stark erschwert.

Um dennoch weiter zu bestehen, vernetzt sich Russlands queere Szene mit Gruppen in anderen Ländern. Der Sprecher des Bündnises für Queere Nothilfe, Sören Landmann, betont, wie wichtig es sei, den derzeitigen Aktionismus in nachhaltige Strukturen überzuleiten. „Anders ist das nicht zu machen.“

// Nina Süßmilch

Hilfe für LGBTIQ* aus und in der Ukraine

Europa: Lesbians for Refugees Das europäisch-zentralasiatische Lesbennetzwerk EL*C versorgt Geflüchtete, unter anderem in drei „Safe Houses“ für Lesben in Polen (siehe L-MAG-Bericht) und sucht Gastgeber:innen für Geflüchtete. Infos auf: europeanlesbianconference.org/news Und Spenden via: gofundme.com/f/lesbians-refugeesin-the-ukranian-border

Ukraine: Insight Der ukrainische Verein kämpft sonst für gesellschaftliche Vielfalt. Nun sichert er Fluchtwege für Queers oder unterstützt sie bei der Suche nach einer sichereren Unterkunft im Land selbst (siehe L-MAG-

Bericht): insight-ukraine.org/en/join-donate

Deutschland: Quarteera Der deutsche Verein russischsprachiger Queers unterstützt LGBTIQ*-Geflüchtete und sucht unter anderem Gastgeber:innen, die ihnen vorübergehend eine Unterkunft anbieten können. facebook.com/Quarteera

Deutschland: Queere Nothilfe Ukraine Mehr als 60 Organisationen der deutschen Community haben sich zu einem Hilfsbündnis zusammengeschlossen, um queere Menschen in und aus der Ukraine zu unterstützen: altruja.de/nothilfe-ukraine

Schweiz: LGBTQ Emergency Fund for Ukraine In der Schweiz sammeln die Lesbenorganisation Schweiz LOS, Pink Cross und weitere Partner:innen Spenden für ihren Notfallfonds. Das Geld hilft LGBTIQ*-Personen, die in die Schweiz geflüchtet sind und solchen, die in der Ukraine queere Strukturen schaffen und erhalten. pinkcross.ch/ukraine

Gezielt Frauen unterstützen Die lesbische Initiative „Rad und Tat“ führt eine Liste mit deutschen und internationalen Hilfsorganisationen, die gezielt Lesben und andere Frauen unterstützen. rut-wohnen.de/hilfe-fuer-gefluechtetefrauen-lesben-lsbtiq-aus-der-ukraine

// Philip Eicker