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QUELLENREITER


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 10.06.2021

SONS OF KEMET

Artikelbild für den Artikel "QUELLENREITER" aus der Ausgabe 7/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Alles ist Poesie, alles ist Protest. Wir erzählen uns von der Vergangenheit, wir berichten aus der Gegenwart, wir blicken voraus auf das, was in Zukunft geschehen könnte. Wir analysieren, was nicht gut war, was heute nicht funktioniert – und woran wir morgen scheitern werden. Wir wollten und wollen vieles anders. Wir ahnen, dass uns die Umsetzung unserer Vorstellung nicht gelingen wird. Und doch probieren wir es weiter, wie auch nicht? Das alles kostet Kraft, wir benötigen Energie. „Und das Einzige“, sagt Shabaka Hutchings, „was uns zuverlässig mit dieser Energie versorgen kann, ist die Kunst, mit ihren Tönen, Worten, Bildern.“ Sorry für den technokratischen Ausdruck, aber Kunst ist demnach im besten Sinne eine Brückentechnologie: Sie ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Sie ist Geburt, Atemzug, Tod. Sie ist die Weisheit der Alten, die Bewegung von heute, die Utopie von ...

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... morgen. Und Shabaka Hutchings ist der Künstler, der uns dazu ermutigt, in allen Zeiten zu denken.

WER IST SHABAKA?

Shabaka Hutchings, 37 Jahre alt, ist die zentrale Figur der neuen Londoner Jazz-Szene. Geboren in London, zog er zusammen mit seiner Familie als Neunjähriger nach Barbados, das Geburtsland seiner Eltern. Er lernte Klarinette, übte das Instrument zu US-Rap, kehrte als junger Erwachsener nach London zurück, um dort Musik zu studieren und an die vitale Nu-Jazz-Szene anzudocken, die im Südosten der Stadt ihr Zentrum hat. Heute ist Shabaka Hutchings Saxofonist, Klarinettist, dazu Bandleader dreier Gruppen: Shabaka & The Ancestors, Sons Of Kemet und The Comet Is Coming. Gehen wir die drei Bands kurz durch, bei den Ancestors spielt Hutchings mit Musiker*innen aus Südafrika spirituellen Afro-Jazz, der wie gemacht ist für die Momente, wenn im Coffeehouse die ersten Drinks gemixt werden. Mit den Sons Of Kemet entwickelt Hutchings zusammen mit Tuba-Spieler Theon Cross sowie zwei Perkussionisten eine Form von „Erzählendem Jazz“, der zugleich informiert und antreibt, als würde man beim Brick Lane Carnival im Londoner East- End beim Tanzen auf der Straße Flugblätter verschlucken. Bei The Comet Is Coming schließlich wird Hutchings (der sich hier King Shabaka nennt) von zwei Psychs unterstützt, die an Synthies und Drums kosmische Electronica spielen, die so weit übers Ziel hinausschießt, dass sie bei der inneren Apokalypse landet. Ein einziges Mal hat Shabaka Hutchings bislang an einem Abend mit jeder dieser drei Gruppen ein Konzert gespielt. Am Ende sah er aus wie ein Fußballer nach einem epischen Match mit Verlängerung und Elfmeterschießen – glücklich, es überstanden zu haben. „Körperlich war es eher kein Problem“, erinnert er sich. „Aber in meinem Kopf war so einiges los, so viele Bewusstseinszustände, so viele Klänge.“

Wobei: Dass Shabaka Hutchings von seinem eigenen Tun überwältigt wird, ist nicht Teil des Deals. Drei Bands zu betreiben, besitzt für ihn keinen Nachrichtenwert, weil: it’s Jazz! Was sollte man anderes machen, als immer weiterzuspielen, in immer neuen Formationen, mit immer neuen Ansätzen? Was Shabaka Hutchings von den anderen Fleißbienen des Genres unterscheidet, was ihn wirklich einzigartig macht in der neuen Jazz-Szene, ist diese übergeordnete Erzählung, die er zu bieten hat. Jedes seiner drei Projekte ist eigen. Sie sind unterscheidbar. Aber sie besitzen dieselbe künstlerische Basis. Und das ist die Poesie.

WAS IST DIE POESIE DES JAZZ?

Fragt man Shabaka Hutchings, was das eigentlich genau ist, Poesie, dann lacht er und zeigt dabei den monumentalen Freiraum zwischen seinen beiden mittleren Schneidezähnen, der zu einem ganz leichten Lispeln führt und ihm beim Spielen von Blasinstrumenten einen echten Wettbewerbsvorteil einbringt. Poesie, das sei die Sprache der Kunst, sagt er. Worte, Töne, Bilder. Er selbst betrachte sich daher weniger als Musiker. „Meine Rolle ist die eines Bandleaders, als solcher kuratiere ich die Poesie der drei Gruppen, ich bündele sie zu einer Erzählung.“ Schon die Bandnamen bieten eine Geschichte. The Ancestors sind die Vorfahren, die beiden Alben heißen WISDOM OF ELDERS und WE ARE SENT HERE BY HISTORY, „es geht“, sagt Hutchings, „darum, das natürliche Wissen der früheren Generationen in Afrika in die Gegenwart zu holen“. Sons Of Kemet steht für die Söhne von Kemet, einem alten Synonym fürs alte Ägypten, der Wortbedeutung nach ein „schwarzes Land“, bezeichnet nach dem dunklen Nilschlamm, der nach den Schwemmen des Flusses übrigblieb und die Region fruchtbar machte; den Namen Shabaka trug damals auch ein altägyptischer Pharao. The Comet Is Coming verweist auf die Apokalypse, die jedoch nicht weltlich, sondern spirituell zu verstehen ist: „Der Komet“, sagt Hutchings, „stürzt auf unser Innerstes zu. Und er macht das nicht nur einmalig, sondern immer wieder. Er verlangt von uns, dass wir uns wandeln.“

Der Dank des Künstlers geht an dieser Stelle ans Impulse!-Label, auf dem Shabaka Hutchings seine Heimat gefunden hat. Gegründet vor 60 Jahren, hatte die Firma spirituelle Jazz-Größen wie John Coltrane, Charles Mingus oder Pharoah Sanders unter Vertrag. Wie bei vielen Jazz-Labels waren die Album-Sleeves auch bei Impulse! mehr als ein Vertriebsinstrument. Mit ihrem Zusammenspiel aus Typografie, Farben, Fotos und Formen gaben sie dem Jazz einen Style. Auch Shabaka Hutchings gibt das Label die Gelegenheit, die Veröffentlichungen seiner drei Ensembles visuell zu prägen. Er nutzt das, indem er grafisch die Eigenheiten der Bands stärkt: mit einer Schwarz-Weiß-Ästhetik für die Ancestors, mit den kraftvollen orangenen und roten Farben für Sons Of Kemet, mit den psychedelischen Landschaften für The Comet Is Coming. Niemals würde der dreifache Bandleader eines dieser Projekte über das andere stellen. Das machen Eltern mit ihren Kindern ja auch nicht. Für ein Ranking sorgt die öffentliche Aufmerksamkeit: Mit den Sons Of Kemet hat Shabaka Hutchings bereits vier Platten aufgenommen (zwei vor dem Vertrag bei Impulse!), diese Band erhielt 2018 für das Album YOUR QUEEN IS A REPTILE eine Nominierung für den Mercury Prize, einer bahnbrechenden Platte, die dafür gesorgt hat, dass die experimentellen Jazzer aus dem Südosten Londons international auf den Radar gerieten, und zwar nicht nur in der Jazz-Ecke, sondern auch in der Pop-Presse.

WO LIEGT DIE POLITISCHE AGENDA?

Der Schlüssel des Erfolgs von Sons Of Kemet ist neben der sehr lebendigen Musik auch politische Agenda. Bei YOUR QUEEN IS A REPTILE wurde diese besonders deutlich: Jeder Track führte mit den Worten „My Queen Is…“ eine andere Black-Power-Vorreiterin in die Regentschaft, von Nanny of the Maroons, einer jamaikanischen Freiheitskämpferin im 18. Jahrhundert, über Harriet Tubman, einer treibenden Kraft hinter den sklavenbefreienden „Underground Railroads“, bis hin zu Angela Davis, als linke Bürgerrechtlerin ewige Kämpferin für eine offene und gerechte Gesellschaft. Man merkt schon: Wer Sons Of Kemet hört, ist nicht schlecht beraten, sich für die nächsten Wochen den Büchertisch freizuhalten, denn wenn es eine Musik gibt, die den Hörenden Sekundärliteratur nahebringt, dann diese. Das erste Stück von YOUR QUEEN IS A REPTILE trägt den Titel „My Queen Is Ada Eastman“, gewidmet Hutchings’ Groß-Großmutter. Der Poet Joshua Idehen schrieb für den Track einen Text, den er mit dem Furor eines Rappers vorträgt: Soll man ihn doch eine Kakerlake nennen, das mache ihn nur noch widerstandsfähiger, er werde noch da sein, wenn die Städte der Weißen zerfallen, ihre Grenzen und Zäune fallen, ihre Banken keine Geschäfte mehr mit den Schulden machen und die Herrschenden nicht mehr mit dem Tod: „I’m still here.“ Das Irre ist, dass Sons Of Kemet zu diesem Wort-Furor eine Musik spielen, die großartige Laune macht: der karibische Rhythmus, die treibende Tuba, das spielerische Saxofon – wie eine Barbados-Variante der Biermösl Blosn. Gut, die kennt Shabaka Hutchings jetzt nicht, aber er stimmt zu, dass dieser Protest tanzbar ist: „Bewegung des Körpers fördert Bewegung des Geistes, und darum geht’s.“

Der Lyriker Joshua Idehen ist nun auch bei zwei Stücken des neuen, vierten Sons-Of-Kemet-Albums BLACK TO THE FUTURE zu hören. Der Auftakt „Field Negus“ ist eine bittere Analyse des Ist-Zustands nach George Floyd, nach Trump, nach den Rassismus-Debatten – im Zentrum der Tirade steht der Begriff der „caucasity“, also die Dreistigkeit der Weißen, ganz selbstverständlich auch diese Diskussion nach ihrem Willen zu gestalten, sie zu lenken und zu beenden, wann immer sie das möchten. Als Schwarzer bleibt man dann wieder einmal auf dem „Field“ zurück, dem symbolhaften Ort der Sklavenarbeit. Jedoch, und das macht Idehen mit seinem flehenden Ton sehr deutlich, als „Negus“, wie die königlich Herrschenden im alten Äthiopien bezeichnet wurden. Das finale Stück „Black“ ist noch krasser, voller wütender Verzweiflung haut Idehen den Weißen entgegen: „Leave us alone!“ So endet eine Platte, zu deren Tracks man vorher gut gelaunt durch die Wohnung gehüpft ist. So funktioniert die politische Dimension bei Shabaka Hutchings: Sie hat das letzte Wort.

WO LIEGT DIE QUELLE?

BLACK TO THE FUTURE – der Albumtitel liest sich beinahe wie ein Slogan einer Black-Power-Bewegung. Ein Vergleich, der dem Schöpfer Shabaka Hutchings nicht sonderlich gut gefällt. „Denn was wir ganz sicher nicht brauchen, sind Slogans, sind Hashtags. #blacklivesmatter zum Beispiel ist heute bereits mehr Marketingtool als Bewegung, der politische Ansatz wird zum Produkt, der von sehr vielen Menschen ganz bequem getragen werden kann.“ Aber bequem darf er eben nicht sein, dieser Prozess. Es gehe aber auch nicht darum, Schuldige zu suchen oder neue Abgrenzungen zu provozieren. Worauf die musikalische, lyrische, visuelle Poesie von Shabaka Hutchings abzielt, ist die Gemeinsamkeit. Wobei er diese nicht anhand der Parameter definiert, die der Kapitalismus vorgibt. „Das Ziel“, sagt er, „ist die Quelle.“ Wobei wir im Zentrum des neuen Albums angekommen sind, dessen Tracks allesamt erzählende Songtitel tragen, die zusammen ein Gedicht ergeben, in der Mitte die Zeile: „To Never Forget The Source“. „Diese Quelle“, sagt Shabaka Hutchings, „steht für das indigene Wissen. Sie steht für die Erfahrungen und Funktionsweisen der afrikanischen Gesellschaften, die in einem bestimmten Moment der Kolonialgeschichte von den Weißen als nicht zivilisiert und wild definiert worden sind. Was mich interessiert, ist, wie sich dieses Wissen unserer Vorfahren in den heutigen gesellschaftlichen Kontext überführen lässt. Wie es uns heute helfen kann, wenn wir erfahren, wie der Mensch an seinem Ursprung, also in Afrika, über sich und die anderen gedacht hat.“

Man kann diesen Ansatz als softe Philosophie oder neuheidnischen Spiritualismus lesen. Jedoch lässt Shabaka Hutchings keinen Zweifel daran, dass er diese Verbindung zu den Vorfahren als essenziell betrachtet. „Was ist es, was uns das Überleben sichert? Unser Wissen. Woraus speist sich unser Wissen heute? Aus Technologie. Was macht die Technologie? Sie zerstört diese Erde.“ Er lächelt, sagt: „Das ist unsere Story.“ Dystopische Science-Fiction. Für den Aufbau einer besseren Zukunft ist dieser Stoff nur bedingt geeignet. Daher schlägt Shabaka Hutchings BLACK TO THE FUTURE vor: Die Rückbesinnung auf die Quelle des Menschlichen als Leitmotiv für eine humanistische Zukunft. „Die Kunst ist für diesen Prozess unser wertvollstes Werkzeug“, definiert er die Systemrelevanz der Kultur, „insbesondere Musik ist dafür geeignet, kulturelle Wertesysteme aus der Vergangenheit aufzunehmen, ihnen einen Klang-Code zu geben und über Generationen weiterzugeben.“ Jede Melodie, jeder Rhythmus, jede Textzeile könne man sich wie ein kleines Paket vorstellen, das Informationen aus der Quelle enthält. „Wer Musik hört, erfährt sehr direkt Elemente dieses ursprünglichen Menschseins. Darum packt uns Musik so sehr an den Gefühlen, darum bringt sie uns zum Tanzen, zum Singen, zum Weinen.“ Sein Job als Künstler? „Meine Aufgabe ist es nicht, diese Pakete vorab zu öffnen, zu erklären, zu definieren. Es reicht aber auch nicht aus, diese Pakete willkürlich zu verteilen. Ich sehe meine Arbeit daran, mithilfe meiner Werke die Pakete so zu kanalisieren, dass sie bei den Menschen eine möglichst große Wirkung erzielen können. Ich bereite der Quelle einen Weg in die Jetztzeit.“ Shabaka Hutchings, der Storyteller. Nicht immer einfacher Stoff. Aber am Ende der Rezeption ist man ein anderer Mensch. Und das findet dieser Künstler genau richtig so.

Albumkritik ME 06/2021