Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

RÄTSEL-HAFTE MUMIEN VON DEN KANAREN


Logo von National Geographic Deutschland
National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022
Artikelbild für den Artikel "RÄTSEL-HAFTE MUMIEN VON DEN KANAREN" aus der Ausgabe 12/2022 von National Geographic Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Diese Mumie ruhte einst in einer sagenumwobenen Höhle auf Teneriffa. Die sterblichen Überreste haben die Zeit überdauert, doch der ursprüngliche Fundort fiel dem Vergessen anheim und ist heute unbekannt.

UNTEN

Mit dem Vulkan Teide besitzt Teneriffa den höchsten Berg Spaniens. Der vulkanische Untergrund der Inselgruppe hat ein System von Lavaröhren geschaffen – ideale Bedingungen für Höhlenbestattungen.

FOLGENDE SEITEN

Von gut 40 Mumien in Museumsbesitz ist dieses Exemplar am besten erhalten. Forscher wollten Einblick in den Körper erhalten, ohne diesen zu zerstören. Dazu wurden 2016 in einem Krankenhaus in Madrid Aufnahmen im Computertomografen (CT-Scans) gemacht.

DERWEG ZUR HÖHLEführt über einen Klippenpfad hinab zum Meer. Sieht man die steil aufragende Felswand hinauf, glaubt man, sie blicke zurück, locke mit dem, was im Fels verborgen ist. In dieser Schlucht im Süden Teneriffas, der größten Insel der Kanaren, liegen Hunderte von Höhlen. Im Lauf der Jahrhunderte wurden sie von den Lavaströmen des Vulkans Teide geschaffen. Jeder der Eingänge im Fels könnte der sein, nach dem wir suchen.

Im Jahr 1764 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von National Geographic Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Primaten und die Genderforschung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Primaten und die Genderforschung
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von FAMILIEN-ZIRKUS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAMILIEN-ZIRKUS
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von ZIRKUSWELTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ZIRKUSWELTEN
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
BEZIEHUNGSPFLEGE
Vorheriger Artikel
BEZIEHUNGSPFLEGE
PRÄCHTIGE PANZER
Nächster Artikel
PRÄCHTIGE PANZER
Mehr Lesetipps

... entdeckte Luis Román Jovel, spanischer Kapitän der Infanterie, hier eine besondere Höhle. Ein Zeitgenosse, der Geistliche und Dichter José Viera y Clavijo, berichtete: „Ein wunderbares Pantheon wurde gerade entdeckt. Es ist so voll von Mumien, dass man nicht weniger als tausend gezählt hat.“ Das war der Ursprung der Legende von den tausend Mumien.

Kaum etwas ist für mich spannender als der schmale Grat zwischen Legende und Historie. Heute, zweieinhalb Jahrhunderte später, ist die Schlucht unter dem Namen Barranco de Herques bekannt – ihrer Begräbnishöhlen wegen auch als „Schlucht der Toten“.

Ich fühle mich privilegiert, in Begleitung befreundeter Inselbewohner den Ort zu besuchen, von dem sie glauben, dass hier einst ihre Vorfahren ruhten; den auch die meisten hiesigen Archäologen für die mythische „Höhle der tausend Mumien“ halten. Ich beuge mich über die schmale Öffnung, schalte die Stirnlampe ein und lege mich flach auf den Boden. Um in dieses verborgene Reich zu gelangen, müssen wir ein paar Meter auf dem Bauch robben. Plötzlich öffnet sich vor mir ein weitläufiger Raum, der eine Reise in die Vergangenheit der Insel verheißt.

„Als Archäologen gehen wir davon aus, dass der Ausdruck ‚tausend Mumien‘ wahrscheinlich eine Übertreibung war, um anzudeuten, dass es tatsächlich viele waren, sehr viele – mehrere Hundert“, erklärt Mila Álvarez Sosa, eine ortsansässige Historikerin und Ägyptologin.

Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, suchen wir den Raum auf typische Merkmale einer Nekropole ab, die hier, in dem weitläufigen System von Lavaröhren, das die ganze Insel durchzieht, womöglich einst lag.

Lokalen Überlieferungen zufolge barg eine solche große Bestattungshöhle einst das Pantheon der neun sogenannten Mencey-Könige, die die Inseln in vorkolonialen Zeiten regierten.

Doch die genaue Lage des Orts war ein streng gehütetes Geheimnis. Schriftliche Koordinaten gibt es nicht, nur mündliche Überlieferungen. Wanderer, die sich heute auf den Klippenpfad wagen, wissen nichts von der Existenz. All das trug dazu bei, dass die Höhle heute als eine Art Heiliger Gral der kanarischen Archäologie gilt.

Manche Einheimische behaupten, sie würden den Ort nicht preisgeben, um die Erinnerung an ihre dort ruhenden Vorfahren zu schützen – an das indigene Volk der Guanchen, das heute als erloschen gilt. Andere sagen, die Höhle sei durch einen Erdrutsch verschüttet und für immer verloren. Nach ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert wurden die Mumien aus ihrer Ruhestätte gerissen und aufs Festland gebracht. Der Fundort geriet in Vergessenheit. Heute rätseln Wissenschaftler: Wann und woher kamen die ersten Guanchen? Wie ehrten sie ihre Toten?

„Ein wunderbares Pantheon wurde soeben entdeckt, und es ist voll von Mumien.“

—José Viera y Clavijo, 1772

TENERIFFA WAR DIE LETZTEInsel des Archipels, die 1494 an die kastilische Krone fiel. Es war nicht das erste Zusammentreffen der Inselbewohner mit Europäern, aber es sollte das letzte sein – und das Schicksal der Ureinwohner besiegeln. Als Ende des 15. Jahrhunderts die spanischen Soldaten auf ihren Schiffen ankamen, begegneten sie einem Volk, das geradewegs der Jungsteinzeit entsprungen zu sein schien: – Höhlenbewohnern, die Tierhäute trugen und aus Stöcken und Steinen gefertigte Werkzeuge benutzten. „Und doch ehrten sie ihre Toten und bereiteten sie auf ihre letzte Reise vor“, sagt Historikerin Mila Álvarez Sosa.

Fasziniert vom Tod, dokumentierten die Kolonisten das Bestattungsritual bis ins kleinste Detail. Besonders fesselte sie der Prozess der Einbalsamierung –mirlado–, der den xaxo,wie die Mumie genannt wurde, auf die Ewigkeit vorbereitete. Luis Román brachte die konservierten Körper aufs europäische Festland, wo Mumien im 18. Jahrhundert eine neue, wissenschaftliche Kuriosität darstellten und reges Interesse hervorriefen. Merkwürdigerweise notierte Viera y Clavijo in seinem Bericht über den Höhlenbesuch nichts über den Fundort. Falls er die Höhle vor Plünderungen schützen wollte, ging die Rechnung nicht auf: Mehreren Quellen zufolge lag im Jahr 1833 kein Leichnam mehr dort.

ICH STEHE AUFund schüttle weißen Staub von Händen und Knien. Meine Stirnlampe leuchtet die Wände schwach aus. Obwohl ich weiß, dass es unmöglich ist, wünschte ich mir, in irgendeinem Winkel einen xaxo(ausgesprochen: chacho) zu entdecken, gerade so, wie Viera y Clavijo es beschrieben hat.

Die Methode der Guanchen, ihre Verstorbenen zu konservieren, war erstaunlich einfach. „Es ist das gleiche Verfahren, das man auch für Nahrungsmittel anwendet“, erklärt Álvarez Sosa. „Die Körper wurden mit getrockneten Kräutern und Fett behandelt, in der Sonne getrocknet und über Feuer geräuchert.“ Einenxaxozu erschaffen, dauerte 15 Tage, eine ägyptische Mumie dagegen 70 Tage – 40 Tage Trocknen in Natron, dann 30 Tage Einbalsamieren mit Salbölen und Gewürzen, bevor die Körperhöhle mit Stroh oder Stoff aufgefüllt und der Leichnam mit Leinenbinden umwickelt wurde. Ein weiterer großer Unterschied: Aufzeichnungen zufolge waren auf den Kanaren an der Einbalsamierung weiblicher Leichname auch Frauen beteiligt.

Anschließend kümmerte sich die Familie des Verstorbenen um denxaxo,legte ihn in sorgsam genähte Hüllen aus gegerbter Tierhaut – in der Regel Ziegenleder. Die Anzahl der Lederschichten richtete sich nach dem sozialen Status der Person. Der Brauch war nicht auf Teneriffa beschränkt. Auch auf der Nachbarinsel Gran Canaria fand man Mumien, die mit Zeichnungen oder bunten Malereien geschmückt, in Schilfmatten gewickelt und in ausgehöhlte Baumstämme gelegt worden waren. Und auch dort fanden sich Mumien in Begräbnishöhlen.

„Wir haben noch viele Fragen – und wenige Exemplare, an denen wir Untersuchungen vornehmen können“, sagt die Archäologin María García, Kuratorin am Institut für Bioanthropologie in Santa Cruz de Tenerife. Sie hat die Geschichte, die Daten und die Herkunft der Überreste von etwa 30xaxosin den Beständen des Instituts akribisch katalogisiert. In der blitzsauberen Leichenhalle lagern die Körper von Männern, Frauen, Kindern. Diese Xaxo-Überrestewurden von Wanderern und Hirten an unterschiedlichen Orten auf Teneriffa gefunden. Was geschah mit den „tausend Mumien“?

„Das war systematische Plünderung“, sagt García unverblümt. „Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Mumien eine große Attraktion in Europa. Unserexaxosreisten rund um die Welt, landeten in Museen und Privatsammlungen, und einige wurden sogar zu aphrodisierenden Pulvern zermahlen.“

Weitere könnten auf dem Meeresgrund gelandet sein, schreibt Álvarez Sosa in ihrem Buch „Tierras de Momias“ (Länder der Mumien), wahrscheinlich über Bord geworfen, nachdem milde Temperaturen auf dem Schiff während der Überfahrt zum europäischen Festland den Verwesungsprozess in Gang gesetzt hatten. Trotz der unversehrten Guanchen-Mumie und Überresten weiterer drei Dutzend Mumien wissen wir nur sehr wenig über ihre Gräber. „Kein Archäologe hat jemals einenxaxoin seiner ursprünglichen Umgebung gefunden“, sagt García.

Die Europäer, die im Mittelalter auf die Inseln stießen, stellten fest, dass diese im Gegensatz zu anderen atlantischen Inselgruppen bewohnt waren: Die Bevölkerung lebte jedoch offenbar seit Jahrhunderten vollkommen abgeschnitten von der restlichen Welt. In den Berichten ist von hochgewachsenen Weißen die Rede: Je nach Interpretation sollten diese von schiffbrüchigen baskischen, iberischen, keltischen oder Wikinger-Seefahrern abstammen. Mittlerweile sind diese Hypothesen allesamt widerlegt. Denn die Mumien haben angefangen zu sprechen.

WENN DER ORT, DEN ICH GERADE ERKUNDE,die von Viera y Clavijo beschriebene Höhle ist, dann begann hier die Reise der auf Seite 90/91 abgebildeten Mumie. Sie wurde im Jahr 1764 als Geschenk an König Karl III. nach Madrid verschifft und 1878 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt, ehe sie wieder nach Madrid zurückkehrte und dort mehr als hundert Jahre im heutigen Nationalmuseum für Anthropologie lagerte. 2015 gelangte sie an ihren jetzigen Aufenthaltsort, das Archäologische Nationalmuseum in Madrid. Im Juni 2016 unternahm die Mumie unter strengen Sicherheitsvorkehrungen ihren bislang kürzesten Ausflug: in eine nahe gelegene Klinik, um Aufnahmen mittels Computertomografie zu machen.

„Wir hatten bereits CT-Scans von mehreren ägyptischen Mumien“, sagt Javier Carrascoso, stellvertretender Leiter der Radiologie des Madrider Universitätsklinikums Quirónsalud. Die Ergebnisse widerlegten sowohl die Hypothese, die Mumien seien auf natürlichem Wege vertrocknet, als auch die Theorie, das Mumifizierungsverfahren der Guanchen sei von dem im 5000 Kilometer entfernten Ägypten abgeleitet.

„Es war beeindruckend“, sagt Carrascoso. „Die Guanchen-Mumie war viel besser erhalten als ägyptische.“ Die Muskeln waren noch erkennbar und insbesondere Hände und Füße ausgesprochen gut erhalten. „Sie sah aus wie eine hölzerne Christus-Statue“, sagt er.

Im Gegensatz zu ägyptischen Mumien war diese Guanchen-Mumie nicht ausgeweidet worden. Alle Organe, einschließlich des Gehirns, waren vollkommen intakt – mit einer Mischung aus Mineralien, aromatischen Kräutern, Kiefernund Heiderinde und dem Harz des heimischen Drachenbaums hatte man einem Bakterienbefall und damit der Verwesung vorgebeugt. Einer Radiokarbondatierung aus dem Jahr 2016 zufolge handelt es sich bei dem Verstorbenen um einen gesunden, hochgewachsenen Mann.

„Vielleicht haben Ereignisse in Nordafrika Phasen der Abwanderung ausgelöst.“

—Teresa Delgado, Kanarisches Museum in Las Palmas

In Anbetracht des Zustands seiner Hände, Füße und Zähne war er möglicherweise Mitglied der Oberschicht. Er dürfte zwischen 35 und 40 Jahre alt gewesen sein, als er vor rund 800 bis 900 Jahren starb. Die Wirbelsäule wies eine Dysmorphie auf, wie sie bei nordafrikanischen Völkern häufig vorkommt. Auch seine Gesichtszüge deuteten auf eine afrikanische Abstammung hin.

Rosa Fregel, Wissenschaftlerin an der Universität La Laguna auf Teneriffa, die sich seit Jahren mit der frühen Bevölkerung der Inseln befasst, untersuchte die Überreste von 40xaxosmit den neuesten DNA-Sequenzierungstechniken. Die Ergebnisse stimmten mit früheren Untersuchungen überein und ließen keinen Zweifel an der Verwandtschaft der Verstorbenen mit Nordafrikanern. Die ersten Einwohner der Kanaren kamen aus dem Maghreb – dem nördlichsten Teil des Kontinents am Mittelmeer. Das heißt allerdings nicht, dass sie alle vom selben Ort stammten oder zur selben Zeit eintrafen. „Wir haben herausgefunden, dass die Bevölkerungsgruppen der einzelnen Inseln jeweils eigene Merkmale aufweisen“, erklärt sie. Die Bevölkerung der Inselgruppe war also nicht unbedingt homogen.

Die Etymologie, die sich mit der Herkunft von Wörtern befasst, und ethnohistorische Quellen hatten bereits afrikanische Ursprünge vermuten lassen. Nun gab die Wissenschaft ihnen recht. Jahrhunderte vor Ankunft des Islam in der Region war Nordafrika von numidischen Stämmen besiedelt. Griechen und Römer bezeichneten sie abfällig als „Barbaren“ – Berber. Die Numider selbst nannten sich Imazighen – „freie Menschen“. Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter; einige brachten Handwerkskenntnisse und ihre Nutztiere mit auf die Inselgruppe. Warum verließen sie ihre Heimat in Nordafrika? Wie erreichten sie die hundert Kilometer von der Küste entfernten Inseln?

„Wir sprechen immer von Migrationswellen“, sagt Teresa Delgado, Kuratorin des Kanarischen Museums in Las Palmas. „Aber vielleicht waren es nur Gruppen von Familien, die zu verschiedenen Zeiten ankamen. Vielleicht haben Ereignisse in Nordafrika, von der römischen Herrschaft bis zur Ankunft des Islam, Phasen der Abwanderung ausgelöst.“

Laut José Farrujia de la Rosa, Professor für Archäologie und Geschichte an der Universität von La Laguna auf Teneriffa, waren mindestens sieben der Kanarischen Inseln in den vergangenen zehn Jahrhunderten durchgehend bewohnt. Ihre Bevölkerungsgruppen besaßen gemeinsame körperliche Merkmale, und ihre (heute ausgestorbenen) Sprachen entwickelten sich aus dem libyschen Berberisch. Die auf dem Archipel gefundenen Felszeichnungen ähneln denen in der Westsahara, in Algerien und im marokkanischen Atlasgebirge.

DOCH DAMIT ENDENdie Übereinstimmungen. Historiker haben verschiedene Theorien darüber enwickelt, wie, wann und warum die frühen Siedler auf die Insel kamen. Einem Szenario zufolge waren die ersten Bewohner in die Verbannung geschickte Berber-Rebellen, die während der Wirren der römischen Bürgerkriege auf die Inseln gebracht wurden. „Das römische Recht sah die Verbannung auf die Inseln als Strafe vor“, erklärt Antonio Tejera Gaspar, der über den Konflikt geschrieben hat. „Seit dem Fall Karthagos war die ganze Region ein Pulverfass.“

Er geht davon aus, dass vor allem König Juba II. widerspenstige Untertanen verbannt hat. Viele Historiker stimmen darin überein, dass der Sohn des von den Römern besiegten Numiderkönigs Juba I. die Kanarischen Inseln entdeckt hat. Nach der Niederlage seines Vater in der Schlacht von Thapsus (46 v. Chr.) wurde er in Rom erzogen und heiratete später Kleopatra Selene, die Tochter von Mark Anton und Königin Kleopatra. Im Bestreben, die dortige Bevölkerung zu assimilieren, übertrug Kaiser Augustus Juba II. und seiner Frau die Verwaltung Mauretaniens, das sich vom heutigen Tunesien bis zur Westsahara erstreckte. Als Forscher und Autor erkundete König Juba sein Herrschaftsgebiet sowie einige Vorposten. Der Naturgeschichte von Plinius dem Älteren zufolge schreibt Juba in seinen – nicht erhaltenen – Aufzeichnungen von einer Erkundungsfahrt zu den „Inseln der Glückseligen“ im Jahr 46 v. Chr. Es ist das erste Mal, dass die Inseln benannt werden, eine von ihnen wird als Kanareninsel bezeichnet. „Und wenn er ihre Bewohner nicht erwähnt, dann deshalb, weil sie nicht bewohnt waren“, meint Tejera Gaspar. Das habe sich erst im folgenden Jahrhundert geändert, als Rom Aufständische in die Verbannung schickte.

„Im 17. und 18. Jahrhundert waren Mumien eine große Attraktion für kultivierte Europäer.“

—María García, Archäologin und Kuratorin

Vielleicht aber auch nicht. Einer anderen Theorie zufolge, die nach dem Fund von Keramikscherben auf der kleinen Insel Lobos im Jahr 2012 entstand, könnten frühe Siedler die Inseln wegen ihrer natürlichen Vorkommen aufgesucht haben. Archäologen entdeckten Töpfe, Laternen, Haken und Harpunen, die importiert und aus nicht heimischen Materialien hergestellt waren – einige waren andalusischen Ursprungs. Schalentierbestände, die im selben Gebiet entdeckt wurden, veranlassten einige Forscher zu der Annahme, dass zeitweilig Saisonarbeiter auf den Inseln lebten, umStramonita haemastomazu ernten, die Rotmund-Leistenschnecke, die in der Antike der Herstellung des kostbaren Purpurs diente, der römischen Kaisern vorbehalten war. „Eine Werkstatt zur Herstellung des Purpurfarbstoffs beweist, dass die Inselgruppe zum Einflussbereich Roms gehörte“, erklärt María del Carmen del Arco, Archäologin an der Fundstelle auf Lobos, die auf die Römerzeit datiert wurde.

Plinius der Ältere, so Carmen del Arco, habe aber auch eine frühere Bevölkerungsgruppe erwähnt, vor der Zeit der Römer, und die Archäologie bestätigt dies. Einige Stätten auf Teneriffa wurden auf das sechste, andere auf La Palma auf das dritte vorchristliche Jahrhundert datiert.

„Das ergibt alles Sinn, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Inseln von Osten nach Westen besiedelt wurden, beginnend von der der afrikanischen Küste nächstgelegenen bis zu der am weitesten entfernten“, sagt Farrujia de la Rosa. Sie beschreibt Höhlenmalereien auf mehreren Inseln, die Phönizierschiffen ähneln. „Nichts weist darauf hin, dass sie nicht in der Lage waren, das Meer zu befahren“, sagt Farrujia de la Rosa. „Wahrscheinlich gab es Schiffe, aber biologisch abbaubare Materialien hinterlassen keine archäologischen Spuren.“ Es ist auch möglich, dass Menschen versklavt und gegen ihren Willen auf einem Schiff hergebracht wurden, das dann weitersegelte.

Einige Wissenschaftler halten die Radiokarbondatierung an diesen Stätten für nicht schlüssig. Und die menschlichen Überreste, die bisher auf den Inseln gefunden wurden, reichen nur bis zum vierten Jahrhundert zurück. Gleichzeitig haben die Forschungsergebnisse archäologischen Ansätzen neuen Auftrieb gegeben, die weitere Hinweise zutage fördern könnten.

WER SIND WIR?Letztlich läuft alles auf die Suche nach unseren Ursprüngen hinaus. Die Antwort könnte in einer unerforschten Höhle, einer Nekropole oder einer Zeichnung liegen. Ich schalte meine Stirnlampe aus und finde Zuflucht in der absoluten Stille. Ich spüre keine Kälte, keine Hitze, keine Angst. Meine Begleiter, allesamt Kanarier, holen eine alte Keramikschale hervor, die sie ganigonennen und die den Schalen ähnelt, aus denen die Guanchen Milch tranken, um einen Pakt zu besiegeln. Sie stellen mir eine Frage: Schwörst du, niemandem zu sagen, wo sich diese Höhle befindet?

In der Dunkelheit kann ich ihre Augen nicht sehen, aber ich weiß, dass sie so wie meine leuchten. Mit ihnen und den Seelen, die diese Höhle seit Jahrhunderten bewohnen, als meine Zeugen antworte ich: Ja, ich schwöre. jAus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Die Journalistin und SchriftstellerinEmma Liraschreibt regelmäßig für die spanische Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC. Sie ist Verfasserin mehrerer historischer Romane (bisher nur auf Spanisch erhältlich).