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RAKETEN UNTER SICH


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GRIP - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 19.11.2021

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Zugegeben: Die 2.000 Militärs samt Familien, die hier einst lebten, sind schon lange nicht mehr da. Und die 5.000 Kosovo-Flüchtlinge, die hier danach untergebracht waren, haben vor mehr als 20 Jahren eine neue Bleibe gefunden. Aber das Dorf, das ist noch da. Ebenfalls die Straßen. Jetzt regiert hier die Natur.

Und Bentley. Die Briten – bekannt dafür, exklusive Locations für neue Modelle zu finden – haben für die Präsentation ihres neuen Continental GT Speed eine Ex-NATO- Basis ausgegraben – teilweise im wortwörtlichen Sinne: Wir sind auf der Comiso Air Base bei Vittoria auf Sizilien, 1935 gebaut. In den 1980er Jahren war es der größte südeuropäische NATO-Stützpunkt mit amerikanische Cruise-Missiles-Atomraketen in sieben Bunkern. Dazu gehören eine komplette Kleinstadt mit Klinik, Badeanstalt, Supermarkt und allem, was autark macht. Seit gut zwei Jahrzehnten wachsen hier Büsche und Bäume und Bentley ...

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... hat auf dem Gelände eine rund fünf Kilometer lange Rundstrecke ersonnen, damit wir die Sprintfähigkeiten wie auch die Vorteile des stark aufgewerteten Fahrwerkes ihres neuen sportlichen Topmodells in Coupé-Form erfahren können. Unterhaltsamerweise geht es nicht nur an den Bunkern vorbei und durch das ehemalige Wohnviertel, sondern auch gleich durch komplette Werkshallen. Für die Cabrio-Variante sind aber eher die sizilianischen Landstraßen im Süden der Insel vorgesehen.

„LOST PLACE“ IN PERFEKTION – STATT ATOMRAKETEN DONNERN AUF DER EX-AIRBASE EINMALIG POWERCARS. WAS WESENTLICH SYMPATHISCHER IST

Doch vor den Fahrten erstmal ein bisschen Theorie: Optisch ist das Top-GT-Modell dezent unter anderem an dunkel getönten Grilleinsätzen sowie Sport-Seitenschwellern und Speed-Emblemen zu erkennen sowie an den riesigen Rädern. Innen ist je nach Kundenwunsch alles möglich. Trotz mehr Power als beim Vorgänger ist der neue GT Speed nicht der Stärkste seiner Modellreihenhistorie – das war der GT Supersport der zweiten Generation mit 710 PS und 1.017 Nm. Immerhin kommt der neue Speed jetzt mit 485 kW (659 PS) aus dem bekannten Sechsliter-W12-Biturbo, ist damit also 24 PS stärker als der Vorgänger. Die 900 Newtonmeter maximales Drehmoment bleiben unverändert. Was den neuen GT Speed zum laut Bentley „dynamischsten Automodell in der 101jährigen Historie“ macht, sind besonders die Vorteile der neuen elektronischen Allradlenkung gekoppelt mit einem adaptiven Dämpfersystem und dem erstmals im GT eingebauten elektronischen Sperrdifferenzial.

Wie bisher kann der Pilot auch in der jüngsten Speed-Ausprägung über die Fahrmodi „Comfort“, „Bentley“ und „Sport“ seine geheimen Wünsche ausleben. Zu „Sport“ kommen wir später – auf den offiziellen Landstraßen mit dem Cabrio reichen die anderen beiden vollauf. Hier kommt der offene Speed allerdings nicht mal in die Nähe seiner Leistungsfähigkeit. Und dass Bentley Komfort kann, weiß jeder, der schon mal einen fuhr. Und dass die sozialverträgliche automatische Zylinderabschaltung bei weniger sportiven Touren funktioniert, ebenfalls – die Paradedisziplin des neuen Speed soll jedoch Speed sein. Also geben wir – nach ausgiebiger Fahrt mit stets begleitendem Regen und dem deswegen ständig in Bewegung befindlichen Dach (Öffnen und Schließen in je 19 Sekunden) – Speed im Coupé durchs entmilitarisierte sizilianische Fahrer-Schlaraffenland. Nicht ohne zu bemerken, dass Bentley für Coupé und Cabrio fast die gleichen Fahrwerte angibt, obwohl das Coupé 163 Kilo leichter ist: Der Sprint dauert beim Cabrio dank Launch Control raketenartige 3,7 Sekunden, das Coupé ist nur um 0,1 Sekunden schneller. Als Höchstgeschwindigkeit wird bei beiden Modellen 335 km/h genannt – beeindruckend.

Wir können das im Coupé erleben beim Start der Hatz durchs Ex-NATO-Areal. Rund fünf Kilometer Strecke hat Bentley von Schutt, Büschen und Steinen geräumt, um gefahrlos unter anderem Sprintvermögen, Manövrierbarkeit in engen Kurven und die Bissigkeit der optionalen Keramik-Bremse zu demonstrieren. Dazu sitzt ein britischer Kenner der Runde als Beifahrer im Auto und sagt wie ein Rallye-Codriver an, wo es langgeht.

335 KM/H SPITZE SIND BEEINDRUCKEND – NUR LEIDER NICHT OFT MACHBAR. ERST RECHT NICHT AUF SIZILIEN – DIE STRAßEN SIND ZU SCHLECHT

Das alles passiert im „Sport“-Modus, der sich zunächst mit mehr Sound und später mit deutlichem Brabbeln beim Zurückschaltern meldet. Der Einfluss des Rettungsankers für Überengagierte namens ESP wird zwar reduziert, greift aber immer noch deutlich und früh ein. Wer in Sachen Driftwinkel gerne im wortwörtlichen Sinne quer denkt, kann das System auch völlig ausschalten, was wir fahrdynamisch auf einer (freigeräumten) Driftfläche ausprobieren.

Während sich die Hinterräder der Allradlenkung bei langsamen und mittleren Tempi in entgegengesetzter Richtung als die Vorderräder drehen, um schnelle Richtungsänderungen zu unterstützen, weisen sie bei hohen Tempi in die gleiche Richtung für bessere Stabilität. Wer so sportlich unterwegs ist, erhält im Gegensatz zu den beiden anderen Fahrmodi bis zu 72 Prozent der Kraft auf die Hinterachse, mit der das elektronische Sperrdifferenzial dann königlich spielen kann – zum Beispiel für schnellere Beschleunigung, bessere Traktion und optimiertes Einlenkverhalten. Die Achtgang- Doppelkupplung schaltet bei Performance-Anforderungen später hoch oder, je nachdem, früher herunter, wie es beim sportlichen Fahren sein muss, natürlich händisch beeinflussbar über die Schaltpaddel.

Damit der geneigte Bentley-Chauffeur dabei kaum Karosserienick- und Seitenneigungsbewegungen erleiden muss, genießt er eine Dreikammer- Luftfederung mit adaptiver Stoßdämpfung und eine aktive 48-Volt- Wankstabilisierung. Kleine Elektromotoren in den Stabilisatoren können in bis zu 0,3 Sekunden eine Leistung von 1.300 Newtonmetern entwickeln, um in Kurven Fliehkräften entgegenzuwirken.

KOMPAKTE ZURÜCKHALTUNG IST ANDERS: KNAPP FÜNF METER LÄNGE UND 659 PS MACHEN DEN NEUEN CONTINENTAL GT SPEED ZUR STATTLICHEN UND SCHNELLEN ERSCHEINUNG

Tatsächlich sind auch wegen der gelenkten Hinterräder Fahrmanöver möglich, die wohl nur die wenigsten Bentleyfahrer sowohl erleben können als auch zu schätzen wissen. Laut Hersteller waren solche extrovertierten Eskapaden bislang nur den Rennwagen der Edelmarke vorbehalten. Jetzt also sogar quer mit Straßenzulassung – wobei man sich immer bewusst sein muss, dass hier – wenn auch technisch gut in Zaum gehaltene, aber immer noch physikalisch einflussreiche – 2,3 Tonnen Masse um die Ecken gewuchtet werden wollen.

Dabei helfen die optionalen Carbon-Keramik-Bremsen (Aufpreis: 11.890 Euro mit schwarzen, 13.170 Euro mit roten Bremszangen, beides ohne Steuern) Noch nie war eine Pkw-Bremse größer: Die Bremsscheiben vorne haben mit einem Durchmesser von 44 Zentimetern die Größe eines praktischen Beistelltisches. Vorne packen zehn Kolben in den Bremssätteln zu, hinten sind es zusätzlich noch einmal vier – je 22-Zoll-Rad. Damit werden bei einer Vollbremsung aus der Höchstgeschwindigkeit von 335 km/h rund zehn Megajoule Energie in Wärme umgewandelt. Das Fading – also das unerwünschte Nachlassen der Bremsen nach dauernder Nutzung – soll nach zehn Vollbremsungen aus 130 km/h bei nur 1,1 Metern Unterschied zwischen erster und letzter Bremsung liegen. Bei der serienmäßigen Stahlbremse macht das Fading immerhin 4,6 Meter aus. Allerdings stoppt sie das Auto von 130 km/h auf 0 auch schon in 63 Metern – die Keramikbremse arbeitet da „nur“ um 1,9 Meter besser. Trotz allem – ein Sportwagen ist der neue Speed nicht, aber ein verdammt sportlicher GT. Der allerdings auch ’ne Menge kostet: In der Basisversion als Coupé 225.100 Euro, als Cabriolet 247.600 Euro, jeweils ohne Steuern. Die Fahrt durch das NATO-Dorf allerdings ist unbezahlbar …

GRIP Faktor

Drivestyle ★★★★★

Performance ★★★★★

Preis 341,58 €/PS 375,72 €/PS

FACTs

Bentley Continental GT Speed Coupé (Cabriolet)

W12-Biturbo 5.950 cm 3

485 kW (659 PS) bei 5.000-6.000/min

900 Nm max.bei 1.500-5.000/min

Achtgang-Doppelkupplung

Allrad

4.850/1.954/1.405 (1.399) L/B/H mm

2.273 (2436) kg 358 Liter

0-100 km/h in 3,6 (3,7) s

335 km/h Vmax

225.100 (247.600) Euro (ohne Steuern)