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RALLYE DAKAR: „WAS IM AUTO PASSIERT, BLEIBT IM AUTO“


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 10.12.2019

Niemand hat die Dakar so oft gewonnen wie STÉPHANE PETERHANSEL. Auch seine Frau ANDREA zählt zur Racing-Elite. 2020 treten die beiden an, die härteste Rallye der Welt zu gewinnen – als erstes Ehepaar der Geschichte.


FLOTTES DUO

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 2/2020

NAIM CHIDIAC/RED BULL CONTENT POOL

Andrea und Stéphane Peterhansel: Die Dakar wird ihre Ehe strapazieren, „aber uns zusammenschweißen“, sagt der Champ.

FAMILIEN-AUSFLUG

Die Peterhansels treten bei der Rallye Dakar im MINI Buggy gegen eingespielte Profi-Crews an – und wollen sie mehr als nur fordern.

THE RED BULLETIN: Andrea, Stéphane, ihr seid beide erfolgreiche Motorsportler. War von ...

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... Anfang an klar, wer lenkt?
STÉPHANE: Als wir uns vor mehr als 15 Jahren kennengelernt haben, haben wir einmal versucht, die Plätze zu tauschen. Die Wahrheit ist: Ich halte es auf dem Beifahrersitz nicht aus. Ich bin viel zu rechthaberisch.

Andrea fährt nie?
ANDREA: Höchstens, wenn unserem Hund nicht schlecht werden soll. Bei Stéphanes Fahrweise kotzt er. Bevor du den Kofferraum sauber machst …
STÉPHANE: … überlasse ich dir das Steuer. Selbstverständlich fährst du super Auto. Ich bin bloß fürchterlich schlecht daneben.

Warum wollt ihr überhaupt gemeinsam die Dakar bestreiten?
ANDREA: Das war Stéphanes Idee. Wir haben 2018 geheiratet, ich sah das als eine Art Hochzeitsreise: Wir mieten einen Buggy und fahren ein paar Tage in der Wüste herum. Mittlerweile haben wir gemeinsam den Rally Raid World Cup gewonnen und stehen am Start der Dakar. Wir sind wohl ehrgeizig.(Beide lachen.)

Ehrgeiz reicht?
STÉPHANE: Natürlich nicht! Ich wollte das von Anfang an ordentlich betreiben, immerhin sind wir Profis. Wir fuhren ein paar kleinere Bewerbe in Sideby-Side-Buggys(siehe auch S. 54) und merkten, dass uns die Tage im Cockpit Spaß machten. Eines Tages bekam ich ein Angebot von Toyota für die Dakar, doch deren Management akzeptierte Andrea nicht, sondern bestand auf einen Profi-Copiloten. MINI war hingegen bereit, uns gemeinsam einen Test fahren zu lassen. Der war allerdings bald vorbei: Andrea wurde speiübel.

Damit hätte man es auch wieder lassen können, oder?
ANDREA: Ja, aber inzwischen hatte Stéphane das gemeinsame Ziel definiert, zu versuchen, als erstes Ehepaar die Dakar zu gewinnen. Jetzt musste ich mein Problem mit der Übelkeit lösen. Es stellte sich heraus, dass ein Nerv im Innenohr chronisch gereizt war. Ich musste zwei Monate lang Cortison schlucken, bevor ich überhaupt mit meinem Anti-Sickness-Training beginnen konnte.

Anti-Sickness-Training?
ANDREA: Ich war in der Schwindelambulanz im süddeutschen Sinsheim, die Fälle von „Motion-Sickness“ kuriert. Man sitzt während der Therapie beispielsweise auf einem rotierenden Stuhl und muss dabei lesen. Oder soll in einem dunklen Raum mit Lichtern, die sich in unterschiedliche Richtungen bewegen, geradeaus gehen.
STÉPHANE: Ja, du hast einiges in unseren Traum investiert.

Klingt so. Mir wird allein beim Gedanken an den Drehstuhl fürchterlich schlecht.
ANDREA: Noch dazu hatte ich immer gesagt, dass ich niemals Rallye-Beifahrerin werden will. Aber mir war klar: Wenn ich den Traum, eines Tages die Dakar zu gewinnen, in meinem Alter noch wahr machen will, dann an der Seite des besten Fahrers der Geschichte, meines Mannes.

Andersrum: Warum macht sich ein Rekordsieger das Leben so schwer? Jeder Profi würde liebend gern bei dir einsteigen.
STÉPHANE: Mit Jean-Paul „Polo“ Cottret bestritt ich zwanzig Dakars und gewann sieben davon. Eine mehr oder weniger fiele kaum ins Gewicht. Mit Andrea zu gewinnen wäre etwas völlig anderes. Schwieriger, aber potenziell schöner. Unser Sieg bei der Abu Dhabi Desert Challenge war bereits zehnmal so emotional wie jeder Sieg mit Polo. Bei der Dakar würde sich dieses Gefühl potenzieren.

Wie funktioniert ihr als Ehepaar unter Druck?
ANDREA: Man entdeckt Eigenschaften an seinem Gegenüber, die man vielleicht gar nicht sehen wollte. Aber das ist Liebe für mich: Dinge, die einem nicht gefallen, zu akzeptieren und gemeinsam sicherzustellen, dass es trotzdem funktioniert. Wenn im normalen Leben einer den Müll nicht rausträgt, geht es trotzdem weiter. Im Auto kannst du nicht voreinander davonlaufen.

Die Labor-Situation eines Rennens beeinflusst euer Verhalten?
ANDREA: Stéphane ist im normalen Leben ein Fluss, aber im Rennen wird er zum Wasserfall.
STÉPHANE: Während du im Alltag ein Wasserfall bist, wirst du im Auto zum See.(Beide lachen.)


„Wir sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – und wir freuen uns darauf.“
ANDREA PETERHANSEL


Unterm Strich muss bei Paaren das gemeinsame Ziel wichtiger sein als persönliche Eitelkeiten?
ANDREA: Genau.
STÉPHANE: Wenn Andrea einen Navigationsfehler macht, verzeihe ich ihr das viel schneller als einem Profi. Umgekehrt: Wenn ich einen Fahrfehler mache und wir uns überschlagen – was bereits passiert ist –, nimmt sie mir das nicht krumm, obwohl ich es eigentlich hätte besser wissen müssen. Niemand macht Fehler absichtlich.

Also alles eitel Wonne im Auto?
ANDREA: Ich habe noch nie so laut und so viel mit ihm geschrien wie im Auto!
STÉPHANE: Das muss ich überhört haben.(Beide lachen.) Es ist doch nur ein Rennen. Okay, das wichtigste und bedeutendste Rennen der Welt, aber eben doch nur ein Rennen. Nicht wert, sich deswegen unglücklich zu machen. Ich bin auch wahnsinnig schnell darin, zu vergessen. Schlechtes, aber auch Siege. Ich freue mich kurz, dann ist’s auch wieder gut.
ANDREA: Das kann man von dir wirklich lernen – und du hast recht! Besser, sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, als Energie mit Vergangenem zu vergeuden. Und sachliche Kritik nicht persönlich zu nehmen hilft. Wir haben beide gern recht. Aber was im Auto passiert, bleibt im Auto. Klar kann man nachher Fehler analysieren, aber es wäre Kraftverschwendung, darauf herumzureiten. In einer gesunden Partnerschaft wollen ohnehin beide dasselbe, und bei uns ist dieses Ziel eben noch deutlicher definiert.
STÉPHANE: Dem Gegenüber seine Fehler nicht vorzuhalten ist sicher ein probates Mittel für gute Partnerschaft. Das habe ich in den letzten zwanzig Jahren bei unzähligen Gespannen in Rennwagen erlebt. Wer den Finger in die Wunde des anderen legt, schwächt im Endeffekt auch sich selbst.

Und wenn die Situation wirklich eskaliert?
STÉPHANE: Haben wir ein Codewort, das wir verwenden, wenn einer von uns den Eindruck hat, dass wir nicht mehr produktiv argumentieren, sondern bloß recht behalten wollen.
ANDREA:Reset , analysieren. Das brauchen wir allerdings nur im Auto, nicht im Alltag.
STÉPHANE: Ich wurde von vielen Freunden davor gewarnt, unsere Ehe nicht durch die extreme Belastung einer Dakar zu gefährden, bei der man während zweier Wochen Tag und Nacht aufeinanderklebt und jeder Fehler unmittelbare Auswirkungen hat. Aber ich glaube, dass uns das gemeinsame Erlebnis bloß noch mehr zusammenschweißen wird. Hoffe ich zumindest.
ANDREA: Im Alltag kann man immer die Tür hinter sich zumachen, kurz an die frische Luft gehen und durchatmen. Auf der Dakar hingegen können wir keine Entscheidungen vertagen, keine Kompromisse schließen: links oder rechts? Das hat unmittelbare Auswirkungen. Wir werden einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein – und freuen uns darauf.

Wer ist der Boss im Auto?
STÉPHANE: Im Auto ich. Denn ich sitze am Steuer!
ANDREA: Warte, bis wir wieder zu Hause sind.(Beide lachen.)

Was würde ein gemeinsamer Dakar-Sieg bedeuten?
ANDREA: Die Erfüllung eines Lebenstraums.
STÉPHANE: Das perfekte Ende. Wenn ich mit Andrea gewinne, beende ich meine Profi-Karriere.


„Wer seinen Finger in die Wunde des anderen legt, schwächt am Ende auch sich selbst.“
STÉPHANE PETERHANSEL


STÉPHANE PETERHANSEL

Jahrgang 1965, hat die Rallye Dakar 13-mal gewonnen: 6-mal auf dem Motorrad, 7-mal mit dem Auto. Beides ist unerreicht. Seit 1987 stand er jedes Jahr am Start der härtesten Wüstenrallye der Welt.

ANDREA PETERHANSEL

geborene Mayer, Jahrgang 1968, bestritt die Dakar ebenfalls mit Bike und Auto. Sie war Werkspilotin bei KTM, BMW und Mitsubishi. Highlights: jeweils Platz 5 in der Auto- und in der Bike-Kategorie.


FLAVIEN DUHAMEL/RED BULL CONTENT POOL, NAIM CHIDIAC/RED BULL CONTENT POOL(2)