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Raphaela Gromes: Verborgener Geniestreich


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.02.2020

Mit der Weltersteinspielung der Urfassung von Richard Strauss’ Cello-Sonate gelingt Raphaela Gromes und Julian Riem eine echte Sensation.


Artikelbild für den Artikel "Raphaela Gromes: Verborgener Geniestreich" aus der Ausgabe 1/2020 von Rondo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rondo, Ausgabe 1/2020

Ganz natürlich: Nachdem Raphaela Gromes mit 21 Jahren den Richard- Strauss-Wettbewerb mit der Cellosonate gewann, war sie überrascht, wie sehr die jugendliche Urfassung davon abweicht


Was Raphaela Gromes und Richard Strauss gemeinsam haben? So einiges! Wie Strauss wurde Gromes in München geboren und wuchs in einer Musikerfamilie auf. Im gleichen Alter, in dem der Komponist der Öffentlichkeit seine ersten, nicht unbedeutenden Werke präsentierte, begann die Cellistin als ...

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... Jungstudentin ihr Studium an der Musikhochschule Leipzig und sammelte erste Solistenerfahrungen. Jugendliche Erfolge hier wie dort, doch es gibt eine noch viel direktere Linie, die das Werk des einen mit dem Wirken der anderen verbindet. „Schon seit der Kindheit spielt Strauss’ Musik eine große Rolle in meinem Leben“, sagt Raphaela Gromes, und es klingt fast wie eine Art Liebeserklärung, wenn sie über seine Opern, die Tondichtungen und die Lieder spricht. Dass der erste Wettbewerb ihres Lebens ausgerechnet der Richard- Strauss-Wettbewerb in Garmisch-Partenkirchen war – und dass sie dabei auch noch den 1. Preis gewann –, wirkt in diesem Zusammenhang fast wie ein Schicksalswink.


„Wir haben sofort gesehen, dass es sich um etwas ganz Großes handelt.“
Raphaela Gromes


„Der Richard-Strauss-Wettbewerb war wirklich etwas Besonderes. Ansonsten habe ich mir nie etwas aus Wettbewerben gemacht“, erzählt die 28-Jährige, die selbst das sonst so obligatorische „Jugend-musiziert“-Curriculum nie durchlaufen hat. Anders der junge Richard Strauss, der sich als 16-jähriger Gymnasiast bei einer Ausschreibung der „Neuen Zeitschrift für Musik“ mit breiter Brust der Konkurrenz stellte, mit seinem Beitrag, der Sonate „für Clavier und Violoncell“ in F-Dur, aber nur unter „ferner liefen“ landete. Für den enttäuschten Teenager-Komponisten ein Grund, das Werk gründlich zu revidieren. Die Neufassung wurde 1883 gedruckt und erfreut sich noch heute großer Beliebtheit. Auch im Haushalt von Raphaela Gromes’ Eltern, beide Cellisten, wurde sie häufig gespielt. „Ich habe das Stück schon im Mutterleib gehört“, sagt Raphaela Gromes – die zu diesem Zeitpunkt kaum gewusst haben dürfte, dass es ihr 21 Jahre später, 2012, den Sieg beim Richard-Strauss-Wettbewerb einbringen würde.

Unzählige Male hat Raphaela Gromes die Sonate seitdem in ihrer „offiziellen“ Fassung gespielt. Treu, zuverlässig und beflügelnd an ihrer Seite: der Pianist Julian Riem, den sie ebenfalls beim Ausflug nach Garmisch-Partenkirchen kennengelernt hatte und mit dem sie seitdem eine enge musikalische Zusammenarbeit pflegt. Schon früh hatten die beiden von der Existenz einer Urfassung der Cello-Sonate gehört, auch beim Strauss-Wettbewerb gehörte sie zu den heißen Gesprächsthemen während der Pausen. Der geheimnisvolle Geniestreich selbst aber lag, unzugänglich für Aug’ und Ohr, nur als Originalhandschrift vor und sollte erst im Zuge der von der Münchner Ludwig-Maximilians- Universität betreuten „Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss“ wieder in den Fokus des Interesses rücken. Raphaela Gromes und Julian Riem waren die ersten Musiker, die die Manuskriptfassung der Cello-Sonate nach knapp 140 Jahren wieder in Händen hielten. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Von klein auf

Gerade einmal vier Jahre alt war Raphaela Gromes, als sie von ihrer Mutter den ersten Cello-Unterricht erhielt. Noch im Grundschulalter sammelte sie erste Erfahrungen auf der Bühne und debütierte mit 2005 als Solistin in Friedrich Guldas Cello-Konzert. Zur gleichen Zeit nahm sie als Jungstudentin ein Studium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn“ in Leipzig auf, das sie später in ihrer Heimatstadt München und in Wien fortsetzte. Von Hamburg bis Amsterdam, von Wien bis Berlin gastiert Raphaela Gromes regelmäßig in den wichtigsten Konzerthäusern und spielt bei bedeutenden Festivals. Zudem hat sie zahlreiche neue Werke zur Uraufführung gebracht.

Sensation für die Ohren

„Wir haben sofort gesehen, dass wir ein komplett anderes Stück vor uns hatten als das, was wir kannten. Und wir wussten, dass es sich um etwas ganz Großes handelt.“ In der Tat hatte Strauss in seiner Revision nicht nur ein paar dynamische Bezeichnungen geändert, hier und dort ein anderes Tempo eingefügt oder einer Fermate hinzugedichtet. Schon im ersten Satz zeigen sich starke Abweichungen gegenüber der späteren Überarbeitung, wenn auch das thematische Ausgangsmaterial weitgehend beibehalten wurde. Was aber den zweiten und den dritten Satz angeht, so wurden diese komplett neu komponiert. „Ich liebe die Sonate so wie ich sie kenne“, sagt Raphaela Gromes. „Trotzdem kann man bei der Neufassung nicht von einiger ‚Verbesserung‘ im eigentlichen Sinne sprechen. Die musikalische Qualität der ersten Version steht der der zweiten in nichts nach.“ Mit seiner Meinung, dass die Wiederentdeckung mehr ist als nur das Schließen ei- ner Lücke im Werkverzeichnis, ist das Duo Gromes und Riem übrigens nicht allein. Fachwelt und Publikum sprechen schon jetzt von einer Sensation.

Gelegenheit, diese Sensation mit Hilfe der eigenen Ohren zu bestaunen, bietet das neu erschienene Album von Raphaela Gromes und Julian Riem. Es präsentiert Strauss pur und enthält neben der Urfassung der Cello-Sonate auch eine Aufnahme der späteren Version. „Wir hatten überlegt, wie man ein ganzes Album mit Strauss füllen könnte. Jetzt kann man die beiden Sonaten im Vergleich hören.“ So erklärt sich auch der Titel „Cello Sonatas“, der zumindest bei Strauss-Kennern zu Anfang für leichte Verwirrung sorgen könnte. Dazwischen geschoben sind Cello-Bearbeitungen von frühen Liedern des Komponisten und, als besonderer Bonus-Track am Ende, eine süffige Bearbeitung der Walzerfolge aus dem „Rosenkavalier“, die Julian Riem eigenhändig angefertigt und auf die Bedürfnisse beider Kammermusikpartner abgestimmt hat. Ein Rausschmeißer, wenn man so will, wie ihn der Komponist auch im ursprünglichen Finale seiner Cello-Sonate vorgesehen hatte: Hier endet das Ganze ebenfalls in einem beschwingten Dreivierteltakt, aus dem schon viel vom künftigen Meister herauszuhören ist.


Foto: Sammy Hart