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RASPUTIN DER SCHATTEN DES ZAREN


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National Geographic History - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 17.06.2022
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Bildquelle: National Geographic History, Ausgabe 5/2022

Heu, Brennholz, Wodka, Pferde: Die Liste der vermeintlichen Diebesgüter des Grigori Jefimowitsch Rasputin ist lang. Nachbarn ertappten den Bauersjungen angeblich sogar dabei, als er den kompletten Holzzaun um einen Heuschober stehlen wollte. Viele Erinnerungen zeichnen den später so berühmten Wunderheiler und Wanderprediger als lasterhaften jungen Mann. Doch echte Belege für grobe Verfehlungen aus seinen ersten 30 Lebensjahren als Kleinbauer existieren nicht.

Die meisten Geschichten über den verdorbenen Charakter des später am Zarenhof so einflussreichen Mannes sind schlicht erfunden, Teil der Legendenbildung seiner Feinde, die ihn als früh schon sexbessenes Monster dämonisieren wollten.

Es gibt lediglich einen Polizeibericht aus der westsibirischen Stadt Tjumen aus dem Jahr 1909, in dem Bewohner aus dem nahen Pokrowskoje Rasputin als Menschen beschreiben, der sich „gernbetrank“ und gelegentlich ...

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... „kleine Diebstähle“ beging. Bis er mit knapp 30 Jahren verschwand und als veränderter Mensch zurückkehrte.

Geboren am 21. Januar 1869 in Pokrowskoje, wuchs Rasputin als Sohn des Kleinbauern Jefim Jakowitsch in diesem ärmlichen Dorf in Westsibirien am Rand des Ural auf, mehr als 2000 Kilometer entfernt von St. Petersburg, der damaligen Hauptstadt Russlands. Seine Jugend glich der vieler Zeitgenossen, das Leben auf dem Land war einfach und hart.

Die innere Wandlung, die der Bericht aus Tjumen vermerkt hatte, scheint es tatsächlich gegeben zu haben. Als Rasputin nämlich 1897 von einer dreimonatigen Pilgerreise zum Kloster des Heiligen NikolausvonWerchoturjezurückkehrte,veränderte sich sein Leben. Zurück im Dorf, feierte er regelmäßig Gottesdienste und richtete dafür in seinem Haus sogar einen eigenen Andachtsraum ein. Offenbar hielt er dort gemeinsam mit Anhängern jedoch Rituale ab, die sich vom klassischen Gottesdienst der russisch-orthodoxen Kirche unterschieden.

Er erwarb sich den Ruf, einer umtriebigen Sekte anzugehören, den Chlysten. Es kam zum Streit mit dem Dorfpfarrer. Offenbar widersprachen die Messen und Gesänge der offiziellen Kirche.

Der Mystiker

Die Chlysten glaubten, dass Christus in jedem Menschen inkarniert sein könnte. Während ihrer nächtlichen Feiern in unterirdischen Räumen sangen und tanzten die Gläubigen; sie geißelten sich und erreichten so einen Zustand ritueller Ekstase, der in einer orgiastischen Sitzung endete.

Allerdings konnte keine der späteren kirchlichen Untersuchungen über Grigori nachweisen, dass er tatsächlich Anhänger dieser Sekte gewesen war. Bis heute gehen die Meinungen von Historikern hier auseinander. Der russische Experte Edward Radsinski geht davon aus, dass er eher aufgrund des Drucks des Zaren nicht als Chlyst identifiziert wurde. Der amerikanische Historiker John T. Fuhrmann dagegen hält ihn nicht für einen Sektierer, Rasputin habe lediglich Elemente ihrer Praxis übernommen.

CHRONOLOGIE

VON SIBI- RIEN IN DIE PALÄSTE

1869 Grigori Jefimowitsch Rasputin wird am 21.1. als Sohn einer Bauernfamilie im sibirischen Dorf Pokrowskoje geboren.

1897 Nach einer Pilgerreise zum Kloster in Werchoturje gibt Rasputin sein ausschweifendes Leben auf und widmet sich dem Mystizismus.

1905 Treffen mit Zar Nikolaus II. und seiner Frau Alexandra, die sich ihm anvertrauen und ihn bitten, ihren kranken Sohn Alexei zu heilen.

1912 Rasputin „rettet“ den Zarensohn erneut vor dem Tod. Die Zarin gerät in eine emotionale Abhängigkeit von Rasputin.

1915 Der Zar reist an die Front, das Schicksal Russlands liegt in den Händen von Alexandra, die sich von Rasputin beraten lässt.

1916 Ermordung Rasputins am 30. Dezember im Zu- ge eines Komplotts am Zarenhof, möglicherweise mit britischer Hilfe.

LESEN LERNEN: RASPUTIN UND DAS STUDIUM

RASPUTIN WAR LANGE ANALPHABET, er lernte erst spät lesen und schreiben. Wahrscheinlich erwarb er diese minimale Ausbildung 1897 während seines Pilgeraufenthalts im Kloster Werchoturje. „Ich lese viel“, sagte er nach der Rückkehr nach Pokrowskoje, und seine Fähigkeit, Texte aus der Heiligen Schrift zu zitieren, bestätigt seine Worte. Aber das war alles. Als ihn der Mönch Iliodor auf das Priesteramt vorbereiten wollte, verzweifelte dieser: „Er lernt nichts, er ist dumm wie ein Baumstumpf“. Auch Hermogen scheiterte damit. Rasputin sagte zu ihm: „So etwas könnte ich mir nicht mal im Traum vorstellen. Um Priester zu werden, muss man hart studieren. Man muss mit viel Konzentration meditieren. Und das ist nichts für mich. Meine Gedanken sind wie Vögel am Himmel, sie fliegen von einem Ort zum anderen, ohne dass ich sie aufhalten kann.“

Rasputin selbst veranlassten die Gerüchte über seine Mitgliedschaft bei den Chlysten, seine sexuellen Skandale und der Spott über seine angebliche Heiligkeit, zunächst 1902 auf den Berg Athos zu pilgern und danach in die Stadt Kasan zu reisen, einem wichtigen religiösen Zentrum. Die dortigen Würdenträger, die an der Spitze einer bürokratisierten und dem Zaren verpflichteten Kirche standen, waren von Rasputin beeindruckt. Sie suchten nach genau der Authentizität und Einfachheit, die dieser gläubige Bauer zu verkörpern schien. Der junge Prediger behandelte die orthodoxen Hierarchen mit der gleichen Vertrautheit wie die Menschen in seinem Heimatdorf Pokrowskoje. Er begeisterte sie so sehr, dass sie ihn der Kirchenleitung in St. Petersburg empfahlen. Mit dem Zug und in einem Wagen der ersten Klasse traf er Ostern 1903 dort ein. Von da an sollte er nie wieder im Staub der Straßen unterwegs sein.

Rasputins tiefer Glaube beeindruckte auch Archimandrit Theophan, den Beichtvater des

Zaren. Er machte ihn mit weiteren, bedeutenden Klerikern bekannt, darunter mit Bischof Hermogen und dem Mönch Iliodor. Sie sollten später zu seinen erbitterten Feinden werden. Nach Rasputins Tod sagte Hermogen: „Ich glaube, dass Rasputin anfangs eine göttliche Ausstrahlung hatte.

Er besaß die nötige Schärfe, um in das Innere der Menschen einzudringen, und er verstand es, Mitgefühl zu zeigen […]. Auf diese Weise hat er mich und, zumindest zu Beginn seiner Karriere, auch andere Menschen für sich gewonnen.“

Fasziniert vom sibirischen Bauern

Seine Spiritualität sowie die Protektion durch Theophan öffneten Rasputin die Salons der russischen Hocharistokratie. Die Großherzoginnen Militza und Anastasia von Montenegro, beide verheiratet mit Mitgliedern der Romanow-Familie, waren fasziniert von dem sibirischen Bauern. Sie stellten Rasputin 1905 der Zarenfamilie vor, die damals bereits zurückgezogen lebte.

Zar Nikolaus und seine Frau Alexandra hüteten ein schreckliches Geheimnis. Nach der Geburt der vier Töchter Olga, Tatjana, Maria und Anastasia hatte die Zarin 1904 den ersehnten Thronfolger zur Welt gebracht: Alexei. Die Freude über seine Geburt wich schnell einem schlimmen Verdacht:

Zwei Tage lang blutete der Nabel des Babys: das erste Symptom der Hämophilie oder Bluterkrankheit, einer von Frauen übertragenen Erbkrankheit. Alexandra war eine Enkelin der englischen Königin Victoria, einer Trägerin des Gendefekts.

Er führt vor allem bei männlichen Nachkommen zur Erkrankung; die damalige Lebenserwartung eines Betroffenen betrug etwa 14 Jahre.

Ein verzweifeltes Paar

Um den Zustand ihres Sohnes geheim zu halten, verließ die Zarenfamilie St. Petersburg und zog sich in den Alexanderpalast im nahe gelegenen Zarskoje Selo zurück. So wollte man verhindern, dass die Krankheit des kleinen Alexei bekannt wurde und sein Status als Thronfolger in Zweifel gezogen werden konnte. Doch war dies nicht die einzige Sorge, die das Zarenpaar bedrückte. Im August 1905 verlor Russland den Krieg gegen Japan – ein Schock für die russische Gesellschaft, die bereits im Januar während des sogenannten Blutsonntags Zeuge der brutalen Unterdrückung Tausender Arbeiter geworden war, die friedlich ihre Petitionen an den Zaren gerichtet hatten. Die militärische Niederlage machte den Reformbedarf des russischen Staats überdeutlich; die Gewaltaktionen gegen seine Untertanen entzogen dem Zaren die Aura des Batjuschka, des strengen, aber gerechten „Väterchens Zar“. Unter Druck stimmte Nikolaus einer Verfassung und einer Duma zu, einem Parlament mit geringen Befugnissen. Doch nie erklärte er sich mit dem Status eines konstitutionellen Monarchen einverstanden, was in seinen Augen seine Autorität als absoluter Herrscher von Gottes Gnaden untergraben hätte. Alexandra, die auch um die Rechte ihres Sohnes auf den Zarenthron fürchtete, bestärkte ihren Mann.

In Zarskoje Selo fühlte sich die Zarin endlich befreit vom politischen Druck sowie der Ablehnung durch einen Hof, der sie als kalt und distanziert verurteilte – Alexandra sprach kein Russisch und kommunizierte selbst mit ihrem Mann auf Englisch. Die Montenegrinerinnen Militza und Anastasia leisteten ihr in der selbst gewählten Isolation Gesellschaft. Bereits 1901 hatten sie das Zarenpaar in Kontakt mit dem französischen Mystiker, Okkultisten und „Astralmediziner“ Nizier Anthelme Philippe gebracht. Ehe der obskure Heiler das Land im Sommer 1903 auf Druck des Staatssicherheitsdienstes verlassen musste, hatte er der Zarin die Geburt des Sohns und Thronfolgers versprochen. Vor seiner Abreise soll er Alexandra zudem prophezeit haben: „Eines Tages wirst du einen anderen Freund wie mich haben, der dir von Gott erzählen wird.“

DER WUNDERHEILER UND DIE HÄMOPHILIE

Zarin Alexandra war seit 1907 überzeugt, dass das Leben ihres Sohnes von Rasputin abhing. Allein dessen Gebete hätten die Blutung des Zarewitsch gestoppt. Mediziner vermuten, dass Rasputins Suggestionskraft, seine Gebete und Gelassenheit eine beruhigende Wirkung auf Alexei hatten und so zu einer Verengung der Blutgefäße beitrugen (anders als Adrenalin, das gegenteilig wirkt). Rasputin bestand darauf zu beten und lehnte Medikamente ab. Möglicherweise war auch dies gut für den Zarewitsch, denn er erhielt gegen seine Schmerzen Acetylsalicylsäure (Aspirin), von der damals noch nicht bekannt war, dass sie das Blut verflüssigt. Laut einer weiteren These teilte Rasputin die Gabe, Blutungen zu stoppen, mit anderen Bauern. Sie wendeten dasselbe Verfahren bei verletzten Rindern an, indem sie auf bestimmte Blutgefäße drückten, um den Blutfluss zu verlangsamen (ein Geheimnis, das diese Heiler eifersüchtig hüteten). Die Tatsache, dass die Blutungen in seiner Gegenwart aufhörten, könnte auch ein Zufall gewesen sein. So gibt es Hinweise, dass es dem kleinen Jungen während der zweiten großen Krise nach einem Unfall 1912 nur besser ging, weil der behandelnde Arzt Dr. Fjodorow heimlich zu chirurgischen Methoden griff. Damals „heilte“

Grigori das Kind per Telegramm aus Sibirien.

ZARIN ALEXANDRA am Bett des kranken Zarewitsch Alexei (Aufnahme um 1916).

Am 1. November 1905 stellten die Großfürstinnen Militza und Anastasia Rasputin dem Zaren vor. War der verheißene „andere Freund“ gekommen? Rasputin machte zumindest großen Eindruck auf Alexandra und Nikolaus. Der Zar vermerkte die Begegnung mit einem Satz in seinem Tagebuch: „Lernten einen Mann Gottes kennen – Grigori aus dem Gouvernement Tobolsk.“

Wenige Tage später, am 5. November, schrieb Rasputin seinen ersten Brief an Nikolaus: „Großer Kaiser, Zar und Herrscher ganz Russlands!

Grüße! Möge Gott Ihnen weisen Ratschlag geben. Wenn ein Rat von Gott kommt, freut sich die Seele, unsere Freude ist ehrlich, doch wenn der Rat steif und formell ist, wird die Seele bedrückt, und unser Kopf ist verwirrt. Ganz Russland sorgt sich, das Land ist in eine schreckliche Auseinandersetzung verstrickt, und Gott sendet uns Gnade und jagt unseren Feinden mit ehrfurchtgebietenden Drohungen Schrecken ein.“ Der Brief ist aufschlussreich: Offenbar scheut sich Rasputin von Anfang an nicht, dem Zaren gegenüber politische Fragen anzusprechen.

Seine Verbindung zu den Monarchen intensivierte sich, als der dreijährige Zarewitsch 1907 stürzte und in der Folge unter inneren Blutungen litt. Die Ärzte waren machtlos. Rasputin wurde gegen Mitternacht ans Krankenbett des Jungen gerufen und sprach Gebete – am folgenden Morgen war Alexei geheilt. Ein Wunder? Die Beziehung zwischen Rasputin und den Herrschern wurde in der Folge immer enger, gleichzeitig fühlten sich die beiden montenegrinischen Großfürstinnen dadurch zurückgesetzt. Sie waren darüber so verärgert, dass sie Rasputin als „Teufel“ bezeichneten. So wuchs die Distanz zu Alexandra, die jedoch in der Hofdame Anna Wyrubowa bereits eine neue Freundin gefunden hatte, die gleichfalls zu einer glühenden Verehrerin Rasputins wurde. So wuchsen der sibirische Heiler, die bedrängte Zarin und ihre Freundin zu einem verschworenen Trio zusammen. Dies sollte sich als verhängnisvoll erweisen – für Rasputin selbst wie auch für die Dynastie der Romanows.

Eine unzerstörbare Beziehung

Die Hinweise auf ein sexuell exzessives Verhalten Rasputins, das um 1911 bereits die gesamte Hauptstadt in Aufruhr versetzte, tat das Zarenpaar als Verleumdung ab. Dabei waren Rasputins Vorliebe für Alkohol, seine sexuellen Abenteuer und zweideutigen Beziehungen mit Damen der Gesellschaft öffentlicher Gesprächsstoff. Ende 1911 eskalierte die Situation. Alexandra hatte Rasputin immer mehr Einfluss gewährt, selbst bei der Besetzung hoher kirchlicher Ämter. Dem fiel unter anderem Iliodor zum Opfer, der einstige Fürsprecher Rasputins: Ihm wurde das Amt des Bischofs verwehrt.

Iliodor brachte daraufhin Briefe in Umlauf, die die Zarin an Rasputin geschickt hatte – und die er wohl Rasputin gestohlen hatte. Darin standen zweideutige Sätze: „Ich wünsche mir nur eines:

Jahrhunderte lang an deiner Schulter zu schlafen, während du mich umarmst.“ Es waren die Worte einer verzweifelten Frau. Von einer ihr feindselig gesonnenen Öffentlichkeit wurden sie sexuell interpretiert. Die Krone war diskreditiert; selbst Monarchisten sahen in Rasputin eine Gefahr. Er musste aus St. Petersburg verschwinden.

Im Oktober 1912 kam eine erneute Wende. Der Zarewitsch war bei einem Jagdausflug gestürzt, die inneren Blutungen ließen sich nicht stoppen.

DER ANGRIFF DER FRAU OHNE NASE

Am 12. Juni 1914 sprach eine Frau Rasputin in Pokrowskoje an, ihr Gesicht war mit einem Schleier bedeckt. Er griff in seine Taschen und suchte nach einer Münze, weil er sie für eine Bettlerin hielt. In dem Moment stieß sie ihm ein Messer in den Bauch. Rasputin, schwer verwundet, rettete sich in die Kirche, während eine von den Schreien angezogene Menschenmenge die Frau aufhielt. Rasputin sagte der Polizei, dass sein Gegner, der Mönch Iliodor, hinter dem Angriff stecke. Der Angreiferin, Chinija Gussewa, fehlte die Nase. Diese hatte sie nach eigenen Angaben aufgrund einer Medikamentenreaktion im Alter von 13 Jahren verloren (wobei in der Presse behauptet wurde, dies sei auf Syphilis zurückzuführen). Gussewa, eine Anhängerin von Iliodor, war überzeugt, dass Rasputin ein Wüstling und ein falscher Prophet war. Ein Gericht befand sie für unzurechnungsfähig und wies sie in eine psychiatrische Anstalt ein. Sie bestand darauf, dass sie auf eigene Faust gehandelt habe, doch die Polizei glaubte ihr nicht: Sie hätte sich die Reise nach Pokrowskoje gar nicht leisten können. In einem auf Russisch veröffentlichten Buch von Iliodor, der mittlerweile in den Vereinigten Staaten im Exil lebte, gab dieser sogar zu, dass er hinter dem Anschlag steckte. Handelte er allein? Nach dem Anschlag überquerte er mit dem Auto die Grenze nach Finnland – ein Hinweis darauf, dass er von mächtigen Hintermännern in irgendeiner Form geschützt wurde.

RASPUTIN erholt sich nach seiner Operation im Juli 1914 im Krankenhaus von Tjumen von dem Attentat.

MIT EINEM KRUZIFIX GESCHLAGEN

DER 16. DEZEMBER 1911 war ein schicksalhafter Tag für Rasputin. Gerüchte über sein unanständiges Verhalten und seine Kontrolle kirchlicher Ämter hatten seine ehemaligen Förderer, Bischof Hermogen und den Mönch Iliodor, dazu veranlasst, Russland von seinem Einfluss zu befreien. Der Bischof lud ihn in das Jaroslawl-Kloster in St. Petersburg ein.

Als er eintraf, zerrte die Mystikerin Mitia Kozelski Rasputin vor eine Ikone. Iliodor und Hermogen warfen ihm vor, die Monarchie und die Kirche zu beschmutzen.

Der Bischof schlug ihm mit seinem Pektorale, dem Brustkreuz, auf den Kopf, verbot ihm, sich einer Frau zu nähern, und zwang ihn, niederzuknien und zu schwören, das Zarenpaar nie wieder zu sehen. Deren anschließender Zorn war gewaltig: Hermogen wurde nach Litauen verbannt, Iliodor in einem Kloster eingesperrt.

Sein Zustand verschlechterte sich derart, dass die Ärzte den fiebernden Jungen aufgaben. Er erhielt die Sterbesakramente. Rasputin erreichte die Nachricht in Sibirien. Sofort schrieb er ein Telegramm mit der Botschaft, dass der Zarewitsch leben würde – und tatsächlich erholte sich der Junge. Die Zarin sah nun in ihm nicht nur Alexeis Retter, sondern auch einen heiligen Mann und Seher. Er war womöglich der einzige Mensch, dem sie und ihr Mann trauen konnten.

Während des Ersten Weltkriegs erreichte Rasputin den Gipfel seiner Macht. Angesichts der Niederlagen an der Front begab sich Nikolaus 1915 in die Stavka, das militärische Hauptquartier, und übernahm das Kommando über die Armee, während Alexandra die Staatsgeschäfte führte. Die Zarin, Anna Wyrubowa und Rasputin wurden zur Schattenregierung des Landes. Dies führte zu innenpolitischem Aufruhr. Alexandra ernannte loyale, aber unfähige Minister, was die Opposition in der Duma auf den Plan rief. Gerüchte über eine Kollaboration der Zarin und Rasputins mit den Deutschen kamen auf. Sie sollten als Spione tätig sein und auf einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich hinarbeiten. Gerüchte über sexuelle Beziehungen zwischen der Zarin, Rasputin und der Wyrubowa machten zusätzlich die Runde. Diese Diskreditierung der Krone verlief parallel zu einer persönlichen Krise Rasputins.

Trinken ohne Maß

1914 hatte Rasputin ein schweres Attentat überlebt. In der Folge begann er haltlos zu trinken – vielleicht sogar in der Ahnung, dass sein Ende nahte. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass sich mächtige Kräfte gegen ihn wandten. Aufgrund seiner Verbindung zu den höchsten Ebenen des Staates besaß er Einfluss auf die Verleihung wichtiger Positionen.

Bittsteller überließen ihm hohe Geldsummen, die Rasputin für seine Vergnügungen ausgab, wodurch er sich weiter in Misskredit brachte.

Um die Monarchie zu retten, musste der Bauer sterben – zu diesem Schluss kam ein Kreis von Verschwörern aus dem engsten Umfeld der Zarenfamilie. Zentrale Figur des Komplotts war der reiche Fürst Felix Jussupow, der mit Irina Romanowa verheiratet war, einer Nichte des Zaren.

MYSTIKER UND SEXMONSTER?

Wenn jemand mit Rasputin über Sexualität sprechen wollte, wechselte dieser „schnell und spielerisch das Thema“, erzählte einmal der Redakteur Filipow, ein Freund Rasputins. Bis heute ist Rasputins kompliziertes Sexualleben nicht ganz geklärt. Ihm wurde eine große Libido zugeschrieben, Gerüchten zufolge vergewaltigte er sogar das Kindermädchen der Zarenkinder. Der Wahrheitsgehalt solcher Vorwürfe ist meist nicht zu überprüfen. Im Jahr 1912 begann die Polizei,

ihn zu überwachen, sodass zumindest bekannt ist, welche Bedeutung Prostituierte in seinem Leben hatten: Er nahm sie mit in sein Haus, ins Hotel, in Bäder. Manchmal traf er mehrere an einem Tag oder suchte Prostituierte auf, nachdem er sich in der Gesellschaft angesehener Damen wie Sinaida Manstedt oder Maria Sazonowa befunden hatte; es scheint, als ob der Kontrast zwischen „guten“ und „schlechten“

Frauen in ihm ein größeres Verlangen weckte. Gleichzeitig berichteten einige Prostituierte von einem eigenartigen Verhalten: Nachdem Rasputin sie aufgefordert hatte, sich auszuziehen, sah er sie einfach eine Weile an oder legte sich angezogen neben sie. Vielleicht ging es ihm bei den Begegnungen nicht um Sex, sondern darum, der Begierde zu widerstehen. Versuchung und Verweigerung waren offenbar wichtig für seinen Glauben. „Tatsächlich wurde seine Promiskuität wohl übertrieben“, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore.

Er rekrutierte Großfürst Dmitri Pawlowitsch Romanow, einen Cousin von Nikolaus, den dieser wie einen Sohn liebte. Die dritte beteiligte Person war der rechtsextreme Duma-Abgeordnete Wladimir Purischkewitsch. Am 30. Dezember 1916 lockte Jussupow Rasputin mit dem Versprechen in seinen Palast, dass er Irina sehen würde, eine Schönheit, von der Rasputin fasziniert war. Laut Darstellung Jussupows gab man Rasputin mit Zyankali versetzten Wein und Kuchen, doch das Gift zeigte keine Wirkung. Daraufhin schoss ihm Jussupow in den Rücken. Man hielt ihn für tot, doch Rasputin rappelte sich auf und versuchte, durch den Palasthof zu fliehen.

Purischkewitsch feuerte weitere Schüsse ab und traf zweimal. Dann fesselten sie den noch lebenden Rasputin, fuhren ihn im Auto ans Newa-Ufer und warfen ihn durch ein Loch im Eis in den Fluss.

Diese Schilderung aus Felix Jussupows Buch über die Mordnacht ist umstritten.

Dem russischen Historiker Edward Radsinski zufolge aß Rasputin nichts Süßes – seiner Meinung nach sollte Jussupows Schilderung die Tatsache verschleiern, dass Dmitri Pawlowitsch Rasputin getötet hatte. Dies hätte verhindert, dass er im Fall eines Staatsstreichs die Nachfolge des Zaren hätte antreten können. Einer anderen Theorie zufolge waren sogar die Briten – Gegner Russlands im Ersten Weltkrieg – in den Mord verwickelt (s. Seite 76).

Sie wollten demnach verhindern, dass Russland einen Separatfrieden mit Deutschland schloss, wie es Rasputin angeblich wollte.

Rasputin wurde in den Fundamenten einer Kapelle in Zarskoje Selo beerdigt. Nur drei Monate später, nach der Abdankung des Zaren am 15. März 1917, grub man den Leichnam aus und brachte ihn in die Hauptstadt. Was dann geschah, ist so mysteriös wie viele Details in Rasputins Leben: Lange hieß es, der Körper sei im Wald verbrannt worden. Inzwischen nimmt man an, dass er im Polytechnischen Institut von St. Petersburg eingeäschert wurde.

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BÜCHER

Und die Erde wird zittern: Rasputin und das Ende der Romanows

Douglas Smith. Theiss, 2017

Der letzte Zar: Der Untergang des Hauses Romanow György Dalos. C. H. Beck, 2017

TRAUER UND FREUDE ÜBER EIN AT TENTAT

Rasputins Ermordung schweißte den Zaren und seine Frau noch enger zusammen. Sie brachen danach die Beziehungen zur Familie Romanow ab. Deren hochrangige Mitglieder – darunter auch die Schwester der Zarin, Elisabeth Fjodorowna – baten rasch um Vergebung für die am Mord Beteiligten. Großfürst Dmitri wurde in den Iran geschickt und Felix Jussupow auf seine Besitztümer im Süden Russlands verbannt.

Alexandra klammerte sich an das blutbefleckte Satingewand, das Rasputin in der Nacht seines „Märtyrertodes“ getragen hatte: „Sie bewahrte es mit großem Glauben auf, wie eine Reliquie, ein Palladium oder eine Schutzkraft, von der das Schicksal der Monarchie abhängt“, schrieb der französische Botschafter. Die Zarin war nicht die Einzige, die trauerte. Eine Dame der höheren Gesellschaft zeigte sich überrascht, dass ihre Patienten im Militärkrankenhaus wegen der Ermordung betrübt waren. Als sie nach dem Grund fragte, antwortete ein Soldat: „Ja, ein Bauer kam zum Zaren, und die Adligen haben ihn getötet!“ Dies entsprach dem Gefühl von Millionen russischer Bauern: Für sie war Rasputin ein Märtyrer.

NIKOLAUS II. MIT SEINEM COUSIN NIKOLAI NIKOLAJEWITSCH 1914. DER GROSSHERZOG FÜHRTE DIE ARMEE, BIS DER ZAR BESCHLOSS, DEN OBERBEFEHL SELBST ZU ÜBERNEHMEN.