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■ Rassismus und Antisemitismus in Schule entgegentreten


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 02.11.2021

Rezensionen

Antisemitismus und Rassismus werden in Deutschland in der Regel nur zum Thema, wenn es Angriffe und Gewalttaten auf jüdische Einrichtungen und Menschen oder auf Personen gibt, die als »migrantisch« verstanden werden. Das verbreitete gesellschaftliche Verständnis von Antisemitismus und Rassismus ist, dass es sich um physische Bedrohungen und justiziable Handlungen handelt. Nicht zuletzt angestoßen durch die Black-Lives-Matter-Bewegung 2020 wird auch in Deutschland vermehrt darüber gesprochen, dass Diskriminierung nicht punktuell auftritt und sich nicht alleine durch physische Gewalt ausdrückt, sondern dass wir es als Gesellschaft systematisch und strukturell mit Antisemitismus und Rassismus zu tun haben. Die Schule als gesellschaftlich bedeutsame Institution ist Teil dieser Strukturen. Zugleich hat sie den Bildungsauftrag, Antisemitismus und Rassismus entgegenzutreten.

Antisemitismus zu ...

Artikelbild für den Artikel "■ Rassismus und Antisemitismus in Schule entgegentreten" aus der Ausgabe 11/2021 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 11/2021

Micha Brumlik: Antisemitismus auf hundert Seiten Reclam 2020, 100 S., ? 10
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... verstehen ist schwer möglich, wenn nicht die historische Entwicklung dieser rassistischen Erscheinungsform von Judenfeindschaft verstanden wird. Brumlik (2020) nimmt die Leser*innen auf einen Streifzug durch die 2000-jährige Geschichte des Antisemitismus mit. Schwarz-Friesel (2019) hingegen rückt aktuellen Judenhass in den Fokus ihrer empirischen Untersuchung. Die antisemitischen Erfahrungen von betroffenen Schüler*innen und Lehrer*innen macht schließlich Bernstein

Micha Brumlik fundiert in seinem Band »Antisemitismus auf hundert Seiten« das, was zum Allgemeinwissen über Antisemitismus zählen müsste, mit zahlreichen historischen Quellen. Der Autor erzählt von den Anfängen der Judenfeindlichkeit, den blutigen Höhepunkten und sich strukturell durchziehenden Spuren von religiös, politisch, ökonomisch und rassistisch motiviertem Judenhass auf eine so knapp gehaltene wie eindrückliche Weise, dass sowohl weniger als auch sehr informierte Leser*innen einen Gewinn daraus ziehen werden.

Beginnend in der Antike (mit keiner belegbaren systematisch verbreiteten Judenfeindschaft) arbeitet der Band den religiösen Antijudaismus heraus, der mit der Ausbreitung des Christentums begann, entzaubert Aufklärung und Revolution, die den bildungsbürgerlich und intellektualistisch verkleideten Frühantisemitismus hervorbrachten, und stellt dar, wie diese dem modernen Antisemitismus im Deutschen Reich den Weg ebneten. All diese Formen von Judenfeindlichkeit brachen sich immer wieder in Zeiten gesellschaftlicher Krisen in Gewalttätigkeit Bahn. Sie mündeten mit dem rassistischen Antisemitismus im Dritten Reich in das historisch singuläre Menschlichkeitsverbrechen der Shoah, dessen Thematisierung mit jungen Menschen der Autor als zentrale pädagogische Aufgabe sieht.

Fünf der sieben Abschnitte im Band sind in historische Phasen unterteilt und können wie auch Einleitung und pädagogische Konsequenzen am Schluss getrennt voneinander gut gelesen werden. Dargelegt wird unter anderem, inwiefern einflussreiche Denker wie Luther, Kant und Marx den Wandel von antijudaistischer Diskriminierung in rassistischen Antisemitismus federführend vollzogen haben. Auch thematisiert Brumlik, dass im modernen Antisemitismus Sündenbockmotive mit Verschwörungstheorien verschmolzen werden. Der Autor problematisiert die sich judenfreundlich kleidende Islamophobie und bespricht strukturelle Ähnlichkeiten von historischem Antisemitismus und heutiger Islamophobie, ohne sie gleichzusetzen. Das in diesem schmalen Band dargelegte Wissen ist für antisemitismuskritischen Religions-, Philosophie-, Geschichts- und Sozialkundeunterricht unentbehrlich.

Monika Schwarz-Friesels Fokus auf gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus im medialen Umlauf bietet eine wichtige empirische Ergänzung zu Micha Brumliks geschichtlichem Tiefgang. Den »Judenhass im Internet« belegt sie als Ergebnis der Analysen einer bislang einmaligen zehnjährigen Langzeitstudie zu Online-Beiträgen, darunter die Berichterstattung von Spiegel, Welt, Focus, Tagesspiegel und taz, interaktive Kommunikation im Netz sowie soziale Medien wie Twitter und Facebook.

Die Autorin differenziert verschiedene Formen von Judenhass im Internet: klassischer Antisemitismus mit seinen Verschwörungstheorien, Post-Holocaust-Antisemitismus mit seinen leugnenden und bagatellisierenden Abwehrstrategien von Antisemitismus und israelbezogener Antisemitismus, der Israels Politik mit dem Judentum gleichsetzt. Die Auswertung tausender Beiträge kehrt das tief verwurzelte, judenfeindliche Gedankengut hervor und zeigt z. B. in Analysen zu bestimmten zeitlich begrenzt diskutierten Themen wie der Beschneidungsdebatte oder dem Fall Kollegah, wie mittelalterliche Stereotype bei aktuellen Anlässen reproduziert werden. Gegenwärtiger Antisemitismus ist durch solche Reproduktionen zum einen »monoton« (S. 85), zum anderen nimmt er zu: Die Anzahl der antisemitischen Online-Kommentare zu Ausgaben der Mainstreampresse hat sich im Untersuchungsraum zwischen 2007 und 2017 vervierfacht, ihre Semantik hat sich radikalisiert.

Konkret im Unterricht einsetzbar ist z. B. der Abschnitt »Wissenschaftlicher Faktencheck«, in dem die Autorin im öffentlichen Diskurs kursierende Meinungen sachlich überprüft und dabei insofern mit der Illusion aufräumt, Antisemitismus wäre in der gesellschaftlichen Mitte angekommen, als er exakt aus dieser stammt. Einige Stellen im Band irritieren auch, etwa wenn die Shoah als Zivilisationsbruch trotz erfolgter »Aufklärung« betrachtet wird – ein Verständnis des Zeitalters der Aufklärung, das dieses als Beginn der europäischen Kolonialund Unterdrückungsgeschichte verschleiert und den ihm inhärenten Antisemitismus ignoriert. Eine kritische Rezeption ist hier für Schule insofern wichtig, als sich darin die Herausforderung für Pädagog*innen andeutet, die Shoah als singuläres Verbrechen an der Menschlichkeit zu vermitteln und dabei ihre und auch aktuelle Kontinuitäten weiterer historischer Gewaltverbrechen ebenfalls im Blick zu behalten.

Julia Bernsteins empirische Studie »Antisemitismus an Schulen in Deutschland« rückt anders als die Bände zuvor die Perspektive jüdischer Schüler*innen, ihrer Eltern und Lehrer*innen ins Zentrum. Diese berichten in 88 Interviews von Erfahrungen und Vorfällen in der unmittelbaren Vergangenheit und aus ihren Lebensverläufen. Weitere 105 Interviews mit nicht-jüdischen Lehrer*innen dienen als Kontrastfolie. Ziel des Bandes ist es, dass die Leser*innen die Perspektiven der Betroffenen wahrnehmen und anerkennen und eine Haltung entwickeln, mit der sie (auch eigene) antisemitische Handlungs- und Denkmuster erkennen und ihnen entgegenwirken können.

Der Band zeichnet sich anders als der vorherige durch eine hohe Reflektiertheit aus, was die Benennung von muslimischem Antisemitismus angeht: Dieser wird in seiner Entlastungsfunktion durch die Verschiebung des gesamtgesellschaftlichen Problems auf eine Minderheit reflexiv gerahmt. Als ein Ergebnis ihrer Studie weist Bernstein scharf, aber ohne Moralisierung darauf hin, dass einem wachsenden Antisemitismus auf der einen Seite sein Verkennen auf der anderen Seite irritierend gegenübersteht. Mit Blick auf deutsche Schulen stellt die Autorin heraus, dass sich der gesamtgesellschaftlich zunehmende Antisemitismus dort in ideologischen Erscheinungsformen und Handlungen der Akteur*innen ausdrückt, womit der Band für Lehrer*innen von hoher Relevanz ist. Dazu bietet Bernstein konkretes Material für Lehrer*innen: Am Ende des Kapitels zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus und seinen sozialpsychologischen Mechanismen, die auch in diesem Band zentral sind, ist Basiswissen zu Antisemitismus in Form eines Frage-Antwort-Schemas aufbereitet.

Ob Lehrer*innen die Bearbeitung der Fragen überspringen können, können sie selbst anhand der Transferaufgaben testen, bei denen Aussagen auf ihren antisemitischen Gehalt hin beurteilt werden sollen. Die Antworten befinden sich am Ende des Bandes, zusammen mit den nachzuschlagenden Antworten zum Basiswissen über jüdisches Leben, Israel und die Shoah. Die Befunde der Studie dienen am Ende als Grundlage für 90 Seiten auf Schule zugeschnittene Handlungsempfehlungen unter Berücksichtigung der Betroffenenperspektive.

In ihrer mit dem Augsburger Wissenschaftspreis ausgezeichneten Studie »Rassismuserfahrungen von Schüler*innen« erläutert Aylin Karabulut verschiedene Aspekte von Rassismus: Rassismus als Gesellschaftsstruktur, seine benachteiligende Wirkungsweise, Mechanismen der Erhaltung und Banalisierung, Formen von strukturellem, institutionellem und symbolischem Rassismus, Weißsein als Privileg und Rassismus als Gesundheitsrisiko.

Karabulut hat Gruppendiskussionen mit Schüler*innen aus verschiedenen Schulformen geführt. Im Nachgang äußern sich die Schüler*innen dankbar, erstmalig ihre Realität schulischer Erfahrungen darstellen zu können. Ein Schwarzer Schüler und eine muslimische Schülerin berichten von kriminalisierenden Ansprachen, ein Schüler mit vietnamesischer Zuwanderungsgeschichte leidet unter der homogenisierenden Ansprache als »chinesisch« und noch pauschaler als »asiatisch« (Karabulut wie auch andere Rassismusforscher*innen schreiben »Schwarz« groß, um zu verdeutlichen, dass es sich nicht um eine Farbe oder reale Eigenschaften handelt, sondern um eine politische Selbstbezeichnung, die auf rassistische Konstruktionen und daraus erwachsende geteilte Erfahrungen aufmerksam macht; vgl. etwa die Homepage der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland: https:// isdonline.de/uber-schwarze-menschen-in-deutschland-berichten/). Ihre Schreibfehler und die schlechtere Leistungsbewertung werden von einer Lehrperson vor der Klasse auf die »nicht-deutsche Abstammung« einer Schülerin zurückgeführt, ungeachtet des Umstands, dass der deutschstämmige Sitznachbar noch mehr dieser Fehler gemacht hatte. Es wird deutlich, dass sich rassistische Erfahrungen verschärfen: für Schwarze Schüler*innen, die biologistisch rassifiziert werden; für Jungen aufgrund von problematisierter, migrantisch markierter Männlichkeit; für Schüler*innen of Color mit deprivilegierten sozioökonomischen Hintergründen. Dabei stellen sich Formen struktureller Diskriminierung und Gewalt als umso stärker heraus, je niedriger der formale Abschluss der Schulform ist.

Der Band bietet institutionell marginalisiertes Wissen über rassistische Strukturen in Wahrnehmungs- und Adressierungsmustern von Lehrenden und damit Wissen darüber, wie Schule in die Reproduktion von rassimusrelevanten Ungleichheiten verstrickt ist. Die Lektüre ist auch für Schüler*innen von hohem Wert, da die dargelegten Bewältigungsformen ihnen als Anlass für eine Reflexion der eigenen Situation dienen können.

Anspruch des von Karim Fereidooni und Nina Simon herausgegebenen Sammelbandes »Rassismuskritische Fachdidaktiken« ist es, zu einer Fachdidaktik beizutragen, in der die Verantwortlichen die strukturellen Rassismen ihrer Fachdisziplinen und deren Schulbücher erkennen und diese Reproduktion unterbrechen. Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass kein Schulfach vor Rassismus reproduzierendem »Wissen« gefeit ist, da Inhalte und Perspektiven in gesellschaftliche Machtverhältnisse involviert sind.

Die 18 Beiträge im Band vertreten 14 Schulfächer, sie reichen von Biologie über Sprachen und Musik bis hin zu Philosophie und Physik. Auch Stochastik weist einen Zusammenhang zu Rassismus auf. Das Besondere an den Beiträgen ist ihr immer gleicher Aufbau: Zunächst analysieren die jeweiligen Autor*innen (darunter Lehrer*innen, Hochschuldozent*innen und Studierende) einen spezifischen Sachverhalt eines Unterrichtsfaches auf seine Rassismus reproduzierenden Inhalte hin, um im zweiten Schritt Vorschläge für eine rassismuskritische Umsetzung der Unterrichtsinhalte zu machen. Dieser konkrete Bezug auf Schulfachinhalte und Unterricht macht den Band sehr anwendungsbezogen, wobei sich ein Teil der Beiträge an eine auch theoretisch interessierte Leser*innenschaft richtet. Zwar besteht im Konzept des Bandes die Gefahr, Rassismuskritik durch den Anschein einer technokratischen Handhabbarkeit zu vereindeutigen. Das Durcharbeiten eines Beitrags, der sich auf das eigene oder das interessierende Fach bezieht, kann dennoch für Lehrende bereichernd sein, um die rassismuskritische Perspektive bezogen auf das eigene Unterrichtsfach beispielhaft nachzuvollziehen. So etablieren etwa Geografie-Schulbuchseiten der 5. Klasse mit einem vermeintlichen Vorstellen von unterschiedlichen Lebensweisen von Kindern auf der Erde einen kulturalisierenden und objektivierenden Blick auf »die Anderen«. Stattdessen, so z. B. ein Vorschlag, könnten multilokale Zugehörigkeiten in den Blick rücken und gefragt werden, wo Menschen die gleichen Dinge tun, die auch die angesprochenen Schüler*innen tun.

Die vielen Unterrichtsentwürfe im Band machen deutlich, dass mit Rassismuskritik in Schule und Unterricht nicht (immer) die konkrete Themati- sierung von Rassismus gemeint ist, sondern die Schulung eines Blicks, der die Spuren von rassismusrelevantem Wissen erkennen lässt, darunter Ver - Anderung und Fremdmachung.

Vor allem türkisch-arabisch-muslimisch gelabelte Eltern erfahren im öffentlichen Diskurs problematisierende Zuschreibungen. Ellen Kollender untersucht in ihrem Band »Eltern – Schule – Migrationsgesellschaft«, wie sogenannte Migranteneltern in den letzten Jahren zu einer zentralen Zielgruppe von kompensatorischen Informations-, Sprach- und Integrationsmaßnahmen geworden sind. Der Band zeichnet auf der Basis von Interviews mit Pädagog*innen und Eltern mit Migrationsgeschichte sowie unter Einbezug administrativer Aussagen nach, dass sich neoliberale Rationalitäten und rassistische Logiken miteinander verweben, und das Anliegen eines Einbezugs migrationsanderer Eltern deren rassistischen Ausschluss bedeutet. Maßnahmen, die sich über eine Integrationsforderung legitimieren, festigen die Einteilung von Eltern in integrierte/nicht-integrierte und freiheitlich-demokratische/ nicht freiheitlich-demokratische entlang der Grenzziehung europäisch/ nicht-europäisch und muslimisch/ nicht-muslimisch. Die Fiktion der damit hergestellten Wir-Gruppe bleibt unhinterfragt. Die befragten Pädagog*innen sprechen auf stereotype und defizitorientierte Weise über Eltern mit bestimmten Migrationsgeschichten, erklären sich irritierende Erfahrungen mittels Kulturkonflikthypothesen und konstruieren unüberwindbare Grenzen. Wissen über rassistische Diskriminierung wird von ihnen als wenig relevant erachtet, um das Verhältnis zwischen Eltern und Schule zu beschreiben. So negieren die Pädagog*innen häufig die Möglichkeit, dass Migrant*innen oder als solche verstandene von rassistischer Diskriminierung an den Schulen betroffen sind.

Für Lehrer*innen bietet dieser Band eine kritische Perspektive auf migrationsdiskursiv eingeübte Redeweisen über problematisierte Eltern und einen Einblick in deren marginalisierte Perspektiven auf Diskriminierungserfahrungen. Dass sich Rassismus in seiner Erscheinungsform wandelt und im Gewand von integrationspolitischen Fördermaßnahmen auftritt, ist höchst relevantes Wissen für Schulen und Lehrpersonal, das sich diskriminierungskritisch versteht.

Dr. Yalız Akbaba ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Mainz, Institut für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt pädagogische Professionalisierung in der Migrationsgesellschaft. akbaba@uni-mainz.de