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RAUS AUS DEM HAMSTERRAD


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 69/2022 vom 11.10.2022

Jobwelt

Artikelbild für den Artikel "RAUS AUS DEM HAMSTERRAD" aus der Ausgabe 69/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 69/2022

Mit sechzehn hatte ich zum ersten Mal einen Nebenjob als Kassiererin in einem Supermarkt. Die Arbeit machte mir nicht wirklich Spaß – mir ging es nur darum, mein Taschengeld aufzubessern. Ich erinnere mich noch genau an eine fiese Angewohnheit des Marktleiters: Kurz vor Ladenschluss erledigte er seine privaten Einkäufe, schob den vollgepackten Wagen an die Kasse und erwartete von der dort arbeitenden Kollegin, die Waren für ihn aufs Band zu räumen, zu scannen und einzupacken. Eines Abends stellte er seinen Wagen an meiner Kasse ab. Doch ich weigerte mich, die ganze Arbeit für ihn zu erledigen, deswegen länger bleiben zu müssen und meinen Bus zu verpassen. Zu meiner Überraschung akzeptierte der Chef meine klare Grenze. Ich denke heute noch an dieses kleine Erfolgserlebnis, wenn mir mal wieder jemand unbezahlte Extraarbeit aufhalsen will. Nach vielen weiteren Nebenjobs und Arbeitsstellen habe ...

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... ich mich mittlerweile als Journalistin selbstständig gemacht und darin mein Glück gefunden.

Na ja, was heißt Glück? Mein Beruf hat durchaus seine Schattenseiten. Ich kann keine großen Reserven fürs Alter anlegen, die Abgabefristen sind eng getaktet, manchmal habe ich Angst, keine neuen Aufträge zu bekommen, und im Grunde bin ich nie fertig mit der Arbeit. An manchen Tagen schätze ich mich glücklich: schreibe konzentriert an einem Artikel oder führe ein spannendes Interview, und die Zeilen gehen mir leicht von der Hand. An anderen Tagen ackere ich mich an einem langweiligen Auftrag ab, dann ist es wirklich Arbeit. Für die Miete, Einkäufe, Heizkosten. Egal, in welchem Bereich man tätig ist: Der Beruf nimmt in unserem Leben einen hohen Stellenwert ein. Schon Kinder fragt man, was sie werden wollen, wenn sie mal groß sind. Eine 40-Stunden-Woche ist in vielen Berufsgruppen in Deutschland die Norm. Wer weniger arbeitet oder gar nicht, muss gute Gründe dafür haben. Und dann ist da noch die unbezahlte Care-Arbeit, die überwiegend Frauen leisten und für die sie im Durchschnitt vier Stunden täglich zusätzlich für Kinder, Angehörige und den Haushalt aufbringen. Ohne schlechtes Gewissen einfach mal nichts tun? Das fällt vielen schwer und ist in einem auf Leistung getrimmten System auch gar nicht vorgesehen.

ARBEIT AUF ABRUF

So bedeutsam ein erfolgreiches Berufsleben für die persönliche Weiterentwicklung, unser soziales Miteinander und die Wirtschaft ist: Arbeit verursache auch zahlreiche Probleme in unserer Gesellschaft, meint die Soziologin Marguerite van den Berg, Dozentin an der Universität von Amsterdam. Für sie ist Arbeit schon längst nicht mehr gleichbedeutend mit Sicherheit. Wir können nur mit zwei Einkommen ein Haus kaufen und das auch nur, wenn wir sehr viel Glück haben. Kinderbetreuung ist knapp und teuer, viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeiter:innen nur noch eingeschränkt Arbeitsplätze im Büro an. Es gibt Null-Stunden-Verträge, die Arbeit auf Abruf möglich machen, und immer mehr Menschen leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden. Van den Berg ist der Meinung, dass viele von ihren Arbeitgeber:innen ausgenutzt werden. Einerseits arbeiten wir für uns persönlich, andererseits aber zu einem großen Teil auch in die Taschen von Aktionär:innen und Einzelpersonen. Und die werden immer reicher. Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa hat ein solches Vermögen angehäuft, dass er sich Weltraumflüge leisten kann. Schamlos sagte er in einem Interview: „Ihr habt für all das bezahlt.“ Van den Berg fragt: „Warum machen wir das alles mit? Warum akzeptieren wir, dass unsere Arbeit so viel Zeit in Anspruch nimmt? Warum streiken wir nicht massenhaft?“ Ihre provokanten Gedanken bringen mich zum Nachdenken. Bin ich als Freiberuflerin wirklich frei? Oder arbeite ich hauptsächlich meinen Kund:innen zuliebe und übernehme Aufträge, die mir nicht gefallen, nur weil sie profitabel sind? Ist es wirklich gut und richtig, dass ich auch an den Wochenenden meine E-Mails lese und ständig auf der Suche nach Ideen für neue Artikel bin?

„Um dem Hamsterrad zu entkommen, müssen wir nach innen blicken und eine gute Beziehung zu uns selbst pflegen.“

WARUM EIGENTLICH NICHT?

Ich kenne Leute in meinem Bekanntenkreis, die bewusst wenig arbeiten oder alternative Arbeitsmodelle für sich gefunden haben. Eine Freundin etwa leitet ehrenamtlich eine Theatergruppe. Ist das etwa keine Arbeit? Eine andere Freundin kündigte nach ihrem Burn-out den Job und arbeitet inzwischen nur noch halbtags. Und ein Kollege sagt über sich selbst, er arbeite keine Minute länger als nötig. Er möge seinen Job, aber es gebe noch so viel anderes im Leben. Schlafen zum Beispiel. Frühmorgens bringt er seine Kinder in die Kita, und es kommt vor, dass er sich anschließend noch mal kurz hinlegt. Das bringt ihm eine Menge Kommentare aus seinem Umfeld ein, denn „das macht man doch nicht“. „Wieso nicht?“, entgegnet er. Ja, warum eigentlich nicht? Ist es denn so abwegig, nicht konstant mit der Arbeit beschäftigt zu sein?

Auch wenn wir unsere Arbeit noch so sehr lieben, sie liebt uns nicht zurück, stellt Miya Tokumitsu in ihrem Buch Do What You Love: And Other Lies About Success and Happiness fest. Die amerikanische Kunsthistorikerin findet: Das altbewährte Mantra „Tu, was du liebst“ vermittle uns das Gefühl, unsere Arbeit gerne tun zu müssen, um erfolgreich und zufrieden zu sein. Doch nichts liege weiter von der Wahrheit entfernt, sagt Tokumitsu. Die Vorstellung, dass wir nur Erfüllung finden, wenn wir unsere Arbeit lieben, mache uns anfälliger für Ausbeutung. Wir sind eher bereit, schlechte Arbeitsbedingungen oder eine geringe Bezahlung zu akzeptieren. „Tu, was du liebst“ suggeriere: Ein Job ist keine Lohnarbeit, sondern ein Akt der Selbstliebe. Puh! Ich verstehe, worum es Tokumitsu geht, aber ich liebe meine Arbeit wirklich, wenn auch nicht immer gleich stark. Ist es denn verkehrt, nach Freude im Beruf zu streben?

DYNAMISCHER UND KREATIVER

„Ganz und gar nicht. Freude ist ein wichtiger Energielieferant“, sagt Businesscoachin Astrid Kaiser. Sie berät Menschen, die beruflich in einer Sackgasse stecken, und hat die Erfahrung gemacht: „Mit Freude können wir viel mehr bewirken als mit Fachwissen und guter Vorbereitung. Wenn wir etwas gerne tun, sind wir viel dynamischer und kreativer, die Arbeit gelingt uns leichter. Fehlt dieser Antrieb, fühlen wir uns ausgelaugt und frustriert, funktionieren irgendwann nur noch. Ein Zustand, aus dem man nur schwer wieder rauskommt und der krank machen kann, im schlimmsten Fall in eine Depression oder einen Burn-out führt.“ Rund ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen wir am Arbeitsplatz, also mehr Zeit, als uns mit Familie und Freund:innen bleibt. Es sei also kein überflüssiger Luxus, im Beruf glücklich zu sein, findet Astrid Kaiser. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Zufriedenheit im Job die Produktivität erhöhe und Fehlzeiten reduziere. Auch Arbeitgeber:innen seien daher für das Wohl ihrer Belegschaft mitverantwortlich, sagt Kaiser. Es reiche nicht, wenn es ein Sommerfest oder eine Tischtennisplatte im Büro gibt. „Wertschätzung und gute Führung sind essenziell. Weil wir darauf aber nur wenig Einfluss haben, ist ein Fokus auf uns selbst wichtiger. Persönliche Entwicklung passiert nicht im Hamsterrad, auch wenn das mit viel Fantasie von innen aussieht wie eine Leiter. Um rauszukommen, müssen wir zunächst nach innen blicken und eine gute Beziehung zu uns selbst pflegen“, sagt Kaiser.

Klingt gut, aber wie funktioniert das in der täglichen Praxis? Kaiser: „Zunächst einmal ist eine Bestandsaufnahme wichtig: Mit welcher Haltung gehst du an deine Arbeit? Denkst du in Hürden oder in Möglichkeiten? Zweifelst du oder bist du optimistisch? Mache dir bewusst, dass du mit deinen Gedanken deine Realität erschaffst und damit auch deinen Arbeitstag.“ Das kenne ich. Bei einem neuen Auftrag gehe ich oft vom größtmöglichen Arbeitsaufwand aus und bin gestresst, bevor ich überhaupt losgelegt habe. Kaiser rät, positive Absichten für die Arbeit zu fassen, etwa neue Aufgaben mit Leichtigkeit anzugehen und dabei mehr zu lächeln. „Ein Post-it mit einem Smiley-Gesicht, das du an deinen Bildschirm klebst, kann dich daran erinnern.“

Interessanter Perspektivwechsel: In ihrem Buch Die Elenden (Hanser) plädiert die Journalistin Anna Mayr dafür, dass Unternehmen und Auftraggeber:innen die eigentlichen Arbeitnehmer:innen sind: Sie nehmen die ihnen angebotene Arbeitskraft.

TIPPS FÜR SELBSTBESTIMMTES ARBEITEN

Ziehe regelmäßig Bilanz über deine Arbeitswoche: Womit verbringst du deine Zeit, was kostet besonders viel Kraft, was gibt dir Energie?

Teile deine Beobachtung mit deinen Vorgesetzten und dem Team: Was könnt ihr konkret verändern? Falls du selbstständig bist: Welche Dinge kannst du auslagern, ablehnen oder gut sein lassen?

Verteidige deine Freizeit. Zeige klar deine Grenzen auf, etwa wenn es um Arbeitszeiten und Zeiträume der Erreichbarkeit geht.

Trau dich, ab und zu die Regeln ein wenig infrage zu stellen. Warum kannst du nicht früher nach Hause gehen oder später anfangen? Falls du freiberuflich arbeitest: Stelle deine eigenen Regeln auf. Geh spazieren, wenn das Wetter schön ist, iss mit einer Freundin lange zu Mittag oder schlaf aus - und arbeite dann, wenn es am besten in deinen Tagesrhythmus passt.

MEHR VON DEM, WAS GUTTUT

Weiter empfiehlt Kaiser, ein Energietagebuch zu führen, um festzustellen: Welche Arbeiten erledige ich mit Freude? Mit wem arbeite ich gut zusammen? Welche Aufgaben rauben mir Energie? Herrscht ein Gleichgewicht zwischen beiden? „Tu mehr von dem, was dir guttut, dann geht dir die Arbeit auch leichter von der Hand und die Ergebnisse werden besser“, sagt Kaiser. Ich weiß genau, welche Aufgaben mir keinen Spaß machen. Bei Meetings leert sich mein Akku rapide, und ich mag keine Routinearbeiten. Bei einem neuen Thema bin ich hingegen Feuer und Flamme. „Du besitzt eindeutig das Talent eines ‚Newsfreaks‘. Alles Neue verleiht dir Energie, aber sobald der Reiz des Neuen nachlässt, verlierst du an Schwung und Konzentration“, stellt Trainerin Karijn Breuning fest. Sie beruft sich dabei auf die Theorie von Talentcoach Luk Dewulf, der 39 Talente unterscheidet und überzeugt ist, dass jeder Mensch etwa 17 dieser Talente besitzt. Breuning erklärt, dass zwischen Kompetenzen und Talenten ein Unterschied besteht: „Es kann sein, dass du in irgendetwas besonders gut bist, zum Beispiel im Organisieren oder Führen. Das sind deine Kompetenzen, und du kannst sie lernen. Doch möglicherweise machen dir diese Aufgaben keinen Spaß und rauben mehr Energie, als sie bringen. Viel besser ist es, deine Talente sinnvoll zu nutzen: all das, was du ohne Anstrengung gut kannst und was dir Freude und Energie verleiht.“

„Wir könnten uns alle ein bisschen weniger anstrengen und ab und zu Widerstand leisten.“

GUTER DRAHT ZU UNS SELBST

Und wer kümmert sich dann um unliebsame Aufgaben, die trotzdem erledigt werden müssen? Businesscoachin Astrid Kaiser ermutigt, Vorlieben und Stärken sowohl mit den Führungskräften als auch im Team offen anzusprechen. „Was du nicht gerne machst, erledigt jemand anderes vielleicht mit großer Freude und Leichtigkeit. Wenn wir darüber sprechen, können wir Aufgaben umverteilen und in unserer maximalen Kraft arbeiten.“ Überhaupt findet sie, dass wir viel selbstbestimmter arbeiten sollten. „Nur wenn es uns gut geht, können wir auch gute Arbeit leisten. Was uns im Einzelfall guttut, wissen wir selbst am besten.“ Etwa ob wir früh in den Arbeitstag starten wollen oder uns am späten Nachmittag besser konzentrieren können. Aber auch, wann und wie lange wir eine Pause machen oder wie ein Arbeitsplatz aussehen muss, an dem wir uns wohlfühlen. „Die wichtigste Beziehung ist nicht etwa die zum Chef oder den Kolleg:innen, sondern die zu uns selbst und unseren Bedürfnissen“, davon ist Astrid Kaiser überzeugt.

Das leuchtet mir ein. Bevor ich den nächsten Auftrag annehme, nehme ich mir vor, in mich hineinzuhorchen: Was daran kann Spaß machen? Wie kann ich meine Talente einbringen? Was mir noch schwerfällt: die Arbeit nicht zu wichtig zu nehmen. Die Soziologin Marguerite van den Berg schlägt vor: Wir könnten uns alle ein bisschen weniger anstrengen und an manchen Stellen vorsichtig Widerstand leisten. Nach Feierabend keine beruflichen E-Mails mehr lesen oder eine Aufgabe ablehnen, für die wir keine Zeit haben. Überhaupt ruft sie dazu auf, öfter beherzt Nein zu sagen, um unsere Arbeitssituation aktiv mitzugestalten. Zur Erinnerung, wie gut sich Widerstand anfühlt, denke ich an meinen Job im Supermarkt. Ja, ich schaffe das: aus dem Hamsterrad auszusteigen.

NEUER ONLINE-KURS “SINNVOLL ARBEITEN”

Zusammen mit Businesscoachin Astrid Kaiser und haben wir den neuen Videokurs SINNvoll arbeiten” erdacht. Er “ hilft dir herauszufinden, wo du beruflich hinwillst. In vier Modulen mit vielen Reflexionseinheiten und Übungen unterstützt er dich dabei, Klarheit über deine Ziele und Stärken zu finden und nachhaltige Entwicklung anzustoßen. Buchbar für 179 Euro unter flow-magazin.de/coaching

TEXT MAIKE KNORRE, KARINE HOENDERDOS