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RAUS AUS DER ZUCKERFALLE


Professor Dietrich Grönemeyer - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 10.01.2020

Acht Millionen Deutsche leiden mittlerweile unter Diabetes – und die Zahl der Patienten steigt weiterhin rasant. Neue Forschungen erleichtern ihr Leben jedoch enorm. Und machen Hoffnung, dass die Krankheit eines Tages sogar komplett heilbar sein wird


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Bildquelle: Professor Dietrich Grönemeyer, Ausgabe 1/2020

Ein ganz normales Leben führen und beherzt zugreifen, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Sich nicht fragen müssen, wie viele Kohlenhydrate wohl in der Pizza stecken und ob das Stück Kuchen vielleicht krank macht. So sieht unbeschwerter Alltag aus – von dem Millionen von Menschen nur träumen können. Sie sind Diabetiker, und Zucker ist ihr Gegenspieler. Laut ...

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... Diabetes-Atlas der Krankenkasse Barmer leiden allein in Deutschland mittlerweile acht Millionen an der chronischen Erkrankung ihres Stoffwechsels. 600.000 mehr als noch vor sechs Jahren. Ihr Blutzuckerspiegel ist ständig in Gefahr, aus seiner sensiblen Balance zu geraten. Und eine Entgleisung, ein Zuviel, aber auch ein Zuwenig an Glukose in ihrem Blut könnte gefährlich für sie werden.

Diabetes tritt in zwei verschiedenen Formen auf. Die Erkrankung vom Typ 1 ist eine genetisch bedingte Immunerkrankung. Bei Diabetes Typ 2, unter der 90 Prozent leiden, sprechen Mediziner von einer er worbenen Krankheit. Erworben, weil in vielen Fällen der Lebensstil für das Leiden verantwortlich ist. Mit dem Wort Heilung gehen Mediziner lieber sparsam um; aber dank innovativer Medikamente, intensiver Forschungsanstrengungen und weiterentwickelter Behandlungsformen lässt sich Diabetes heute immer besser beherrschen. Und bei einer leichten Form von Diabetes Typ 2 reicht es oft schon, die Ernährung umzustellen und mehr Bewegung in den Alltag zu bringen. Medikamente? Nicht nötig! Kathrin ist der beste Beweis dafür, wie viel Einfluss gesunde Lebensmittel und ein täglicher strammer Spaziergang auf Diabetes haben. Statt Medikamente zu verschreiben, hatte der Arzt seiner Diabetes-Typ- 2-Patientin Sport verordnet und eine Ernährung, die weniger Kohlenhydrate beinhaltet. „Ich kann nicht sagen, dass es leicht war“, erinnert sich die Projektmanagerin aus Lübeck. „Ich habe meinen Caffè Latte und mein Croissant im Stehcafé um die Ecke schmerzlich vermisst“, erzählt die 52-Jährige lachend, bevor sie zum großen „Aber“ ausholt: „Es hat sich gelohnt. Meine Werte sind wieder normal.“ Dafür musste Kathrin nicht komplett auf Kohlenhydrate verzichten, die aus der Nahrung als Traubenzucker ins Blut gelangen. „Aber statt auf die Schnelle ein Fertiggericht mit jeder Menge verstecktem Zucker auf den Tisch zu stellen, habe ich wieder angefangen zu kochen“, sagt sie. „Statt Fleisch, fetter Wurst und Weißmehl gibt es jetzt zu Hause öfter frisches Gemüse vom Markt.“ Denn ballaststoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte verlangsamen den Blutzuckeranstieg. Kathrins Formel ist ganz simpel: „Ich vermeide den Mix aus Zucker, Weißmehl und Fett.“

Mein Tipp


„Eine Handvoll Mandeln täglich würde reichen, um vor Diabetes zu schützen. Denn sie enthalten Vitamin E, B-Vitamine, Beta-Carotin, Eisen, Calcium, Eiweiß und viele ungesättigte Fettsäuren.“


DAS SMARTPHONE SCHLÄGT ALARM

Um den Glukosewert im Blut zu kontrollieren, ersparen sich heute viele Diabetiker den unangenehmen Piks in die Fingerkuppe. Sie tragen winzige Sensoren, viel kleiner als ein Stecknadelkopf, unter der Haut. Die messen in regelmäßigen Abständen den Zuckeranteil im Fettgewebe und senden die Werte an das Smartphone. Eine App wertet sie aus und schlägt bei zu hohen oder zu niedrigen Werten Alarm. Mediziner nennen diese kontinuierliche Kontrolle des Blutzuckerspiegels Continuous Glucose Monitoring (CGM). Mithilfe dieses Verfahrens können Diabetiker sofort reagieren, wenn ihre Werte aus dem Ruder laufen. Es gibt ihnen Sicherheit, sie können ihre Krankheit ein Stück weit an das System „abgeben“.


Wissenschaftler arbeiten an einem smarten System, bei dem Kontaktlinsen den Zuckergehalt in der Tränenflüssigkeit messen.


DURCHBRUCH IN DER FORSCHUNG

Noch einfacher soll eine Blutzuckerkontrolle sein, die derzeit Forscher in Südkorea entwickeln. Die Wissenschaftler arbeiten an einem System, bei dem Kontaktlinsen den Zuckergehalt in der Tränenflüssigkeit messen. Steigt oder fällt die Zuckerkonzentration in bedrohliche Bereiche, sollen Lichtimpulse in der Kunstlinse den Träger warnen.

Entwicklungen wie diese tragen dazu bei, dass die weltweit mittlerweile 400 Millionen Diabetiker ihren Blutzucker konsequenter, weil viel einfacher kontrollieren können. Doch nicht nur bei der Messung wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Große Erfolge wurden auch in der Therapie erzielt. Sie ermöglichen Diabetikern, immer leichter ein beschwerdefreies Leben zu führen. Zur Senkung des Blutzuckerspiegels können bei einem leichten Diabetes Typ 2 sogenannte Antidiabetika als Tabletten eingenommen werden. Seit vielen Jahren bewährt ist zum Beispiel der Arzneistoff Metformin, der die Zuckeraufnahme aus dem Darm verzögert und übrigens auch den Alterungsprozess verlangsamt (siehe Titelgeschichte Seite 10). Andere Wirkstoffe regen die Bildung von körpereigenem Insulin an, steigern die Zuckerausscheidung über die Nieren und den Urin oder greifen über den Darm in den Stoffwechsel ein. Dabei ahmen sie die Wirkung der sogenannten Inkretine nach. Das sind Hormone, die der Darm bildet und die unter anderem die körpereigene Produktion von Insulin anregen. Zwei Fliegen mit einer Klappe wollen Forscher mit der Entwicklung von Twinkretinen (von englisch „twins“ = Zwillinge) schlagen. Sie sollen zusätzlich auch eindrucksvoll das Körpergewicht reduzieren können, „was bei den meisten unserer Patienten ja erwünscht ist“, sagt Prof. Michael Stumvoll, Direktor der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie an der Uniklinik Leipzig. Die Forschung sei aber noch nicht abgeschlossen, vor allem müssten Daten über längere Zeiträume ermittelt werden.

Gesunder Blutzuckerspiegel Er liegt zwischen 60 und 140 Milligramm Zucker pro Deziliter (mg/dl) Blut


Wenn zu hohe Blutzuckerwerte allerdings durch Antidiabetika nicht in den Griff zu bekommen sind, benötigen Diabetiker Insulin von außen. Meist werden regelmäßig und unabhängig vom jeweiligen Blutzuckerspiegel lange wirkende Basalinsuline gespritzt. Schnell und kurzfristig wirken dagegen die Analoginsuline, die Betroffene sich spontan verabreichen können. Stumvoll: „Oft kommt eine Kombination von Tabletten und Insulininjektionen zur Anwendung, die immer individueller auf Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten werden kann.“

Prof. Dr. Michael Stumvoll

Direktor der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie an der Uniklinik Leipzig


“Oft kommt eine Kombination von Tabletten und Insulininjektionen zum Einsatz.“
Prof. Michael Stumvoll


HEILUNG NICHT AUSGESCHLOSSEN

Immer mehr Zuckerkranke entscheiden sich für eine kleine Pumpe, die am Körper getragen wird. Sie wird individuell eingestellt und gibt regelmäßig über einen ins Unterhautfettgewebe führenden Katheter die benötigte Menge des lebenswichtigen Hormons ab. Steigt der Blutzuckerspiegel dennoch, zum Beispiel durch eine Mahlzeit, müssen Pumpenträger aber selbst eingreifen und kurzfristig wirkendes Insulin manuell freigeben. Allerdings sind in den USA schon erste weiterentwickelte Systeme im Einsatz, die einer „künstlichen Bauchspeicheldrüse“ ähneln und tatsächlich automatisch den Blutzuckerspiegel einstellen können. Mediziner sprechen von einem Closed-Loop-System: „Das System arbeitet permanent in einer geschlossenen Schleife. Blutzuckerwerte messen, entsprechend Insulin freisetzen und wieder messen“, sagt Experte Stumvoll. Das französische Unternehmen Diabeloop will nun einen Algorithmus entwickeln, der sich nach und nach die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten des Anwenders merkt und in die Berechnungen der notwendigen Dosis einbezieht.

Eine andere Methode, den Blutzucker zu regeln, ist die Transplantation sogenannter Inselzellen. Das Verfahren wird in Deutschland am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden erforscht und bei schweren Fällen von Diabetes Typ 1 praktiziert. „Hierbei werden Beta-Zellen von Spendern in die Bauchspeicheldrüse transplantiert, damit der Körper wieder selbst Insulin bilden kann, idealerweise genauso viel, wie der aktuelle Blutzucker erfordert“, erklärt Prof. Stumvoll. Alle diese Therapien bergen schon heute ein enormes Potenzial und machen berechtigte Hoffnung, dass die Volkskrankheit Diabetes eines Tages sogar einmal vollständig geheilt werden kann.

Blutzuckerkontrolle Der unangenehme Piks in den Finger ist häufig schon nicht mehr nötig


Foto: Shutterstock

Foto: Shutterstock, Stefan Straube/UKL; Illustrationen: Christian Sommer, NounProject