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RD-KLASSIKER: 8 Minuten


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 27.05.2019

Unerbittlich schließt sich die Tür um Katrins Arm. Sie schreit auf. Doch der Zug fährt los. Und wird erst wieder halten in …


Keine Gedanken, nur Bruchstücke: Anhalten … Hilfe … mein Arm … so schnell, der Zug ist so schnell …

Doch dann, von einer Sekunde auf die andere, kann Katrin Bosse so klar denken wie nie zuvor in ihrem Leben. Ein Leben, von dem die 35-jährige Studentin nicht weiß, wie lange es noch dauern wird. Zwei Minuten? Oder drei? Nur wenn sie die acht Minuten bis zum nächsten fahrplanmäßigen Halt überlebt, wenn sie das schafft – dann kann es ein langes Leben werden.

Artikelbild für den Artikel "RD-KLASSIKER: 8 Minuten" aus der Ausgabe 6/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 6/2019

Aber zuerst muss Katrin ihr ...

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... Fahrrad loswerden, auf dem sie sitzt, während der Regionalexpress RE 5856 aus dem Bahnhof Germersheim heraus beschleunigt und das Ende des Bahnsteigs an Gleis 3 näher kommt. Näher. Noch näher.

Sie spannt die Muskeln ihres linken Armes an, den die Zugtür fast zerquetscht hat. Ballt ihre Hand zur Faust, weil sie Angst hat, durch die Gummidichtungen der Tür herauszurutschen und unter den Zug zu geraten.

Mit beiden Beinen stößt Katrin das Fahrrad weg, auf das sie sich bereits gesetzt hat. Ihr Fuß schleift kurz über den Boden, ihre Haut wird dabei bis auf die Knochen abgeschürft. Ein brutaler Ruck geht durch ihren linken Arm, an dem nun das gesamte Körpergewicht hängt.

Acht Minuten sind 480 Sekunden. Jede einzelne zählt, bis RE 5856 in Speyer wieder stoppt. Doch die Studentin, die außen an der Zugwand hängt, verliert plötzlich jedes Zeitgefühl. Jetzt zählt das Hier und das Jetzt. Sonst nichts.

Ihr Gedächtnis spult keine Zeitraffer-Aufnahme ihres Lebens ab, von der Kindheit in Hannover, wo beide Eltern als Musiker arbeiten. Von den Jahren in Amsterdam, wo Katrin erst Modern Dance studiert, um dann doch nicht Tänzerin zu werden, sondern in Germersheim einen soliden Beruf zu erlernen: Übersetzerin.

Nicht einmal die letzten Minuten dieses 8. Mai 2003 drängen sich in ihr Bewusstsein. Wie sie nach einem Arztbesuch im nahen Karlsruhe mit ihrem Fahrrad in Germersheim aussteigt und sich aufs Rad setzt. Wie sie eine junge Frau sieht, die den RE 5856 noch erreichen will. Wie sie immer wieder den grünen Knopf drückt, um die automatische Schiebetür offen zu halten.

Die Frau rennt herbei. Jetzt beginnt die Tür, sich mit einem lauten Zischen zu schließen, reagiert nicht auf den grünen Knopf. Spontan streckt die Studentin ihren linken Arm in den Türspalt: Wenn die Lichtschranke unterbrochen ist oder die Zugtür den Widerstand spürt, wird sie sicher sofort wieder aufgehen. Doch die Tür bleibt geschlossen – und hält ihren Arm gefangen.


Acht Minuten sind480 Sekunden. Jede einzelne zählt, bis RE 5856 in Speyer wieder stoppt


Katrin weiß nicht, wie lange das alles her ist. Sekunden, Minuten, Stunden? Sie zieht beide Beine so nah wie möglich an ihren Körper. Jetzt spürt sie den Schmerz in ihrem linken Arm. Die schwarzen Gummidichtungen drücken auf die Armbanduhr, pressen sie brutal aufs Handgelenk. Katrin möchte schreien. Sie kann nur stöhnen.

Ausgangspunkt einer schrecklichen Reise: Katrin Bosse am Gleis 3 des Bahnhofs Germersheim


Nicht ohnmächtig werden, sagt sie sich. Du darfst auf keinen Fall ohnmächtig werden.

Sie konzentriert sich. Als könnte sie sich von außen betrachten, sieht Katrin sich selbst. Eine Frau in blauen Hosen und weißem T-Shirt, die hilflos an einem fahrenden Zug hängt. Der Zug ist rot. Die Haare der Frau sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, aber sie flattern heftig im Fahrtwind. Auf dem Rücken trägt sie einen schwarzen Rucksack. Um die Hüften ist ein Pullover gebunden.

Ein stummer Monolog beginnt. Kannst du den Handlauf im Wagen greifen?, fragt die innere Stimme. Da muss einer sein. Ich kann nicht, sagt Katrin zu sich selbst. Mein Arm ist fast taub. Ich kann meine Finger nicht mehr bewegen.

Erinnerst du dich an früher, als du in den Bergen geklettert bist? Denk an die drei Punkte. Du brauchst immer Halt an drei festen Punkten. Such sie. Der Zug fährt so schnell, aber Katrin konzentriert sich. Ihr eingeklemmter Arm ist ein fester Punkt. Langsam senkt sie den Kopf. Die schwarzen Schläuche, die zwischen den Wagen hängen! Wenn sie darauf ihre Füße stellen könnte, wäre das der zweite feste Punkt. Sie wiegt zwar nur 52 Kilo, aber trotzdem: Würden die Kunststoffschläuche ihr Gewicht aushalten? Und wie dorthin kommen, gegen die Fahrtrichtung?

Du musst es probieren, befiehlt die innere Stimme. Du bist Tänzerin, du hast gelernt, deinen Körper zu bewegen. Also kannst du ihn dort hinüberschwingen. Katrin kontrolliert ihren Atem. Tief Luft holen, langsam und stetig ausatmen. Drei-, viermal wiederholt sie die Übung. Es ist so weit. Die durchtrainierte Frau dreht die Hüfte, holt Schwung mit den Beinen – und erreicht mit den Füßen die Schläuche. Sie stellt ein Bein auf, die Schläuche geben nach. Aber sie halten. Dann das andere Bein.


Du wirst überleben, sagt die innere Stimme,du willst überleben, deshalb wirst du nicht aufgeben


Instinktiv sucht sie einen dritten Haltepunkt und findet ihn mit der rechten Hand: ein leichter Knick im Blech der Wagenwand. Nicht wirklich stabil, aber besser als nichts. Sie drückt die Knie durch. Sobald sie einknicken, fangen die Beine zu zittern an, völlig unkontrollierbar.

Mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde rast der RE 5856 von Germersheim nach Speyer. Der Lärm ist ohren betäubend. Katrins linker Arm scheint nicht mehr aus Muskeln, Haut und Knochen zu bestehen, sondern nur noch aus Schmerz. Wenn sie zu Boden blickt, wird ihr schwindlig, so schnell fliegt die Erde vorbei. Sie hat nur einen Gedanken: Wie lange reicht meine Kraft?

Katrin kennt die Strecke bis nach Speyer genau. Ist sie hundertmal gefahren. Germersheim, Lingenfeld, Heiligenstein …

O Gott, die Kurve! Die lange Rechtskurve hinter Lingenfeld. Ihr Zug ist ein Pendolino. Ein Pendolino aber neigt sich in jeder Kurve um ein paar Grad. Katrin überlegt fieberhaft. In welche Richtung wird er sich neigen? Werde ich dadurch herunterfallen? Eine andere Gefahr ist vielleicht noch größer: Wie wird sich in dieser Kurve die Lücke zwischen den beiden Wagen verändern? Wie nahe rücken sie zusammen? Werden sie mich zerquetschen? Denk nach, denk nach.

Schon rast der Zug in die Kurve. Katrin spürt nichts von der Neigung des Pendolino. Auch die Lücke zwischen den Wagen bleibt groß genug. Ich lebe, denkt sie.

Durchatmen. Und Kräfte einteilen. Es kostet Kraft, die Beine durchzudrücken. Und falls sie überlebt: Wird sie ihren linken Arm jemals wieder richtig benutzen können? Falls sie überlebt.

Du wirst überleben, sagt die innere Stimme. Du willst überleben, deshalb wirst du nicht aufgeben. Ihre rechte Hand schmerzt. Sie hat keine Ahnung, wie lange sie die noch gegen das glatte Blech pressen kann. Es strengt alles so unglaublich an.

Dann kommt die Wut in ihr hoch, pure Wut. Wieso hat der mich nicht gesehen? Wofür gibt es überhaupt Zugführer? Das darf doch alles nicht wahr sein! Die Wut ist gut für Katrin, macht sie stark und wach. Sie denkt nicht mehr an den Tod. Sie denkt nur noch daran, dass dieser blöde Zug bald halten soll, damit sie sich den Zugführer mal so richtig …

Er hält.

Tatsächlich, der Zug hält. Immer langsamer wird der Pendolino. Dann steht er still.

Katrins Wut löst sich auf. Eine Fahrminute vor Speyer steht der RE 5856 auf freiem Feld.

Pffffft – die automatische Türverriegelung löst sich. Katrin handelt, greift mit der rechten Hand um die Ecke und drückt den grünen Türöffner-Knopf. Sofort fährt die Schwebetür zur Seite. Sie zieht ihren Arm heraus. Lässt sich schluchzend auf den Schotter des Bahndamms fallen. Ihr Arm ist stark gequetscht; sie hat tiefe Abschürfungen am rechten Fuß; viele Muskeln sind gezerrt. Ihr Becken schmerzt. Aber sie lebt.

Der Zugführer kommt von vorn zu ihr gelaufen. Bahnmitarbeiter, welche die hilflose Frau am Pendolino hängen sahen, haben ihn per Funk alarmiert. Katrin sieht den Mann nur noch wie im Nebel. Ein Autofahrer, der auf der Straße nebenan gehalten hat, bringt die völlig erschöpfte Studentin ins Krankenhaus. Erst viel später erfährt Katrin, dass der Zugführer des Pendolino sie gar nicht hatte sehen können: Die Züge haben keine Rückspiegel. Das Sicherheitssystem meldet nur, wann alle Türen geschlossen sind. Erst dann kann der Zugführer Gas geben.

Zwei Tage lang wird Katrin Bosse im Krankenhaus behandelt. Danach geht sie an Krücken. Bis heute leidet sie an den Folgen des Unglücks. Sie fordert Schmerzensgeld sowie die Übernahme der Therapiekosten von der Bahn. Die hat ihr bisher lediglich zwei Drittel der geforderten Summe bezahlt, einen Blumenstrauß sowie zwei Werbegeschenke geschickt – und ihr Bedauern ausgedrückt.

Vor allem aber leidet die 35-Jährige psychisch. Jede Fahrstuhltür macht ihr Angst, Zugtüren sowieso. Sie hält es kaum auf dem Beifahrersitz eines Autos aus.

Katrin Bosse hat etwas Unersetzbares verloren. Sie nennt es „das schöne naive Vertrauen, dass das Leben auch morgen weitergehen wird“.

Eine Überprüfung des Unglücks-Zuges RE 5856 ergab, dass der Klemmschutz der Tür falsch eingestellt war. Inzwischen hat die Bahn auch bei anderen Pendolino-Zügen diesen Fehler entdeckt und behoben.

WORAN LIEGT’S?

Vor kurzem holte ich mir in der Apotheke ein Nasenspray. Zuerst las ich die Gebrauchsinformation durch. Hier die Anweisungen:

Für die Vereinigten Staaten: Halten Sie die Düse bei aufrechter Kopfhaltung in die Nasenöffnung, und drücken Sie die Pumpe mehrere Male. Atmen Sie während des Sprayvorgangs nicht ein.

Für Kanada: Halten Sie die Düse bei leicht vorgeneigtem Kopf in die Nasenöffnung, und betätigen Sie die Pumpe. Atmen Sie während des Sprayens mehrmals kräftig ein.


ILLUSTRIERT VON ANDREAS SCHICKERT

FOTOGRAFIERT VON BERND ROSELIEB