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RD-KLASSIKER: JUNI 1994 „Nur nicht runtersehen!“


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 29.06.2020

Unter den Bergleuten in dem festhängenden Seilfahrtskorb gähnte der Abgrund. Es gab nur einen Mann, der sie retten konnte


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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 7/2020

MARIO COCKRELL DRÜCKTE Schutzhelm und Verpflegungsbeutel an sich, sprintete zum Seilfahrtskorb und zwängte sich zwischen die dicht gedrängt stehenden Kumpel. Einige raunzten ihn an: „Wieder mal zu spät!“ Die Türen schlossen sich, Signalglocken ertönten, und der voll besetzte Korb begann seine 16-minütige 1,5-Kilometer-Fahrt in der Goldmine President Steyn in Welkom, Republik Südafrika. Es war der 23. März 1993 um 20.15 Uhr.

Die „Mary Ann“, wie das Gestell für die Personenbeförderung, ...

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... der Seilfahrtskorb, genannt wurde, trug auf dieser Fahrt 21 Mann. Nur ihre Kopflampen am Grubenhelm beleuchteten das Aluminium in dem kahlen Innern. Fast zehn Minuten lang ging die Fahrt glatt. Doch plötzlich ruckelte der Korb und blieb stehen.

Rassie Erasmus, der silberhaarige Fahrtbegleiter der „Mary Ann“, zeigte sich unbeeindruckt. „Bleibt ruhig“, sagte er. „Gleich geht’s weiter.“

Mario war da nicht so sicher. Aus der Finsternis über ihnen drang ein sonderbares Schlaggeräusch. Was mochte das sein? Schließlich begriff er. Auf das Dach des Fahrt korbes klatschten schwere Stahlseilwindungen. Die Fördermaschine, die den Korb hinabgelassen hatte, lief noch!

„Jetzt wird’s brenzlig“, dachte Mario. Irgendetwas blockierte die Abwärtsfahrt des Korbes, und was immer es war, es konnte jeden Moment nachgeben. Ununterbrochen lief Seil leer auf das Korbdach, da konnte schon eine bloße Erschütterung durch die Männer den Absturz des zweieinhalb Tonnen schweren Gefährts auslösen. Das schlappe Seil würde bei der ruckartigen Anspannung reißen. Daraufhin würden sie unweigerlich in die Tiefe sausen …

Mario schob Rassie beiseite und strebte zur Tür. „Wir müssen raus“, sagte er.

„Wir kommen alle um!“

Mario Cockrell, eines von elf Geschwistern, hatte schon als Junge gelernt, für sich selbst zu sorgen, denn als sein Vater starb, war Mario erst zwölf gewesen. Als junger Bursche war er in der Kalahari zusammen mit Freunden unter den Buschmännern auf die Jagd gegangen und hatte sich von dem ernährt, was er mit selbst gebastelten Bogen und Pfeilen erbeutete.

Später war Mario Amateurboxer und Sportlehrer bei den Verkenners gewesen, einer Elitetruppe des Heeres, bis er mit seiner belgischen Frau Connie sesshaft wurde und auf der Zeche angefangen hatte. Jetzt war er 31 und sparte für sein Traumziel – ein kleines Speditionsgeschäft mit ein paar eigenen Lastwagen und einigen Hektar Land für Connie und ihre Söhne, den dreijährigen Etienne und den fünf Monate alten Mario junior.

Mario drückte die Tür auf und spähte hinaus. Der Schein seiner Kopflampe fiel auf eine senkrecht abfallende Betonwand. Zwischen ihm und der Wand lag ein anderthalb Meter breiter Abgrund. Rechts bildete die Wand einen Winkel mit der Seitenwand neben dem Korb. Links von ihm war Leere – dort befanden sich sechs nebeneinander liegende Fahrschächte mit weiteren Fördereinrichtungen.

Zum Glück war „Mary Ann“ genau in Höhe eines horizontalen Profilträgers stecken geblieben, der einen 50 Zentimeter breiten Sims bildete. Vorsichtig trat Mario, den Rücken zum Abgrund, auf den Träger und schob sich halb um den Korb herum, wobei er Schutt von dem Sims stieß, den er nie aufschlagen hörte. Gegen die Rückseite des Korbes gepresst, hinter sich auch hier anderthalb Meter Kluft, bemerkte er ein Bündel senkrechter Rohrleitungen, die an der Außenkante des Trägers befestigt waren.

Unter ihm verlor sich der Schacht in anscheinend bodenloser Tiefe. Alle drei Meter hatte er einen Querbalkenrahmen, und alle 60 Meter konnte Mario eine plattformartige Bühne erkennen, von der ein hell erleuchteter Tunnel zu einem Abbauort der Grube führte. Wegen des Schichtwechsels lagen die Tunnel jetzt alle verlassen.

Dann spürte Mario ein Beben, das stärker wurde, bis das ganze Trägergerüst summte. Er schaute nach oben. Fallende Steinchen und Staub rieselten ihm ins Gesicht. Ein Förderkorb war unterwegs!

Das Brausen wie von einem fernen Zug wurde immer lauter. Es war Förder korb Nr. 6. Mit etlichen Tonnen Betonkies beladen, rasselte er direkt neben dem Schacht von „Mary Ann“ abwärts. Gerade noch 800 Meter über ihnen würde er in weniger als einer Minute vorbeidonnern. Dabei, das war Mario klar, würde Förderkorb Nr. 6 die vom Dach ihres Korbes baumelnden Seilschlingen erfassen und den Aufzug samt Insassen in den Abgrund reißen. „Gott, hilf uns!“, betete Mario.

Knapp zehn Meter unterhalb der blockierten „Mary Ann“ sah Mario den Füllort für Sohle 37. Dort gab es ein Telefon und einen Notknopf zum Stoppen sämtlicher Förderkörbe im Schacht. „Ich muss an den Knopf ran“, überlegte Mario. „Aber wie komme ich hin?“

Sein Blick fiel auf das Rohrleitungsbündel. Die meisten Rohre waren zu dick und boten keinen Halt. Aber dann sah er ein zweieinhalb Zentimeter starkes Wasserrohr aus verzinktem Stahl, das mit getrocknetem Schlamm überkrustet war. Mario packte das Rohr und trat von dem Sims. Dann lockerte er den Griff.


MARIO COCKRELL HÖRT DIE PANIKSCHREIE DER KUMPELS, ALS KORB NR. 6 HERANRATTERT


Einen Augenblick lang rutschte er wie im freien Fall. Dann presste er zum Abbremsen die Hände wieder fest um das Rohr. Die raue Außenseite riss ihm die Haut von den Handflächen.

Endlich berührten seine Stiefelsohlen den Querbalken in Höhe des Füllorts. Aber zwischen ihm und der Bühne gähnte der anderthalb Meter breite Schachtschlund. Mario machte einen Riesenschritt und packte ein Fallrohr auf der anderen Seite. Im selben Moment gab das Rohr nach und krümmte sich ihm entgegen.

Für den Bruchteil einer Sekunde schwankte Mario viele 100 Meter über der Schachtsohle. Mit einem verzweifelten Ruck bekam er den rechten Fuß knapp auf den Rand der Bühne. Breitbeinig stand er über dem dunklen Nichts. Dann warf er sich hinüber, schlug die Fingerspitzen in den Einstiegsrahmen und zog das andere Bein nach. Er hörte die Panikschreie seiner Kumpels, als Korb Nr. 6 heranratterte.

Die Notsignalanlage musste in einem an der Felswand verschraubten roten Kasten sein. „Wo ist das Ding?“, fragte sich Mario. Er griff nach dem Telefon. Das ohrenbetäubende Getöse des großen Förderkorbes war jetzt dicht über ihm. Dann sah er den Notsignalgeber, der dick eingestaubt war.

In dem Augenblick glitt Korb Nr. 6 an „Mary Ann“ vorbei und erwischte ihr Seil. Ein Krachen und Rasseln erscholl. Funken stoben, Staub quoll durch den Schacht. Mit einem Satz war Mario an dem roten Kasten, durchschlug mit der Faust die Glasscheibe und hieb auf den Schaltknopf.

Mit schrillem Quietschen kam Korb Nr. 6 etwa 20 Meter unterhalb von „Mary Ann“ zum Stehen. Am Korbboden hatten sich Seilschleifen von „Mary Ann“ verfangen. Ein paar Meter weiter, und es hätte eine Katastrophe gegeben. Über die Fernsprechanlage erreichte Mario den Fördermaschinisten. „Nicht die Bremsen lösen! Mach gar nichts!“, rief Mario.

In dem Seilfahrtskorb oben beteten manche Kumpel, andere weinten. „Wir kommen alle um!“, schrie einer. Ein paar waren Mario gefolgt und hatten sich auf den Querbalken zur Korbrückseite geschoben. Rassie Erasmus hatte sich gerade in den angrenzenden Schacht gebeugt, da war Korb Nr. 6 so dicht an dem Bergmann vorbeigefahren, dass er ihm den Schutzhelm vom Kopf gerissen hatte.

Der Staub verzog sich. Rassie spähte wieder nach unten. Verblüfft sah er, dass Mario zu ihnen emporklomm.

„Vertraut mir!“

Mit angstgeweiteten Augen starrten die Kumpel Mario entgegen. „Keine Sorge“, beruhigte er sie, als er oben war. „Alles steht still, ihr könnt jetzt runterkommen.“ Keiner rührte sich.

„Gebt mir meinen Proviantbeutel“, knurrte er in gespielt ärgerlichem Ton. Die verängstigten Männer reichten ihm den Beutel heraus. „Passt auf, was ich jetzt tue, und macht es einfach nach.“

Den Beutel über die Schulter gehängt, ließ er sich an dem Wasserrohr hinab. Als der Lichtkegel von Marios Lampe den Korbboden von unten anleuchtete, erkannte er die Tragweite des Unglücks.

Die vertikalen Schienen, an denen „Mary Ann“ geführt wurde, hatten sich verbogen. Dadurch hatte sich das Gefährt verkantet und war mit einer Ecke auf einer Konsole an einem Träger hängengeblieben. Das Gewicht des Korbes und seiner Insassen ruhte jetzt auf ein paar Zentimeter dünnem Metall und ein paar Schrauben.

„Wenn ich die Jungs nicht runterschaffe, sind sie geliefert“, sagte sich Mario. Er kletterte wieder nach oben und erklärte den Kameraden: „Der Kasten kann jede Sekunde abstürzen. Berührt nichts, haltet die Luft an, und kommt mit mir an dem Rohr runter.“

Prüfend betrachtete er die Gesichter der Kumpel im Schein seiner Kopflampe. In ihren Augen stand die nackte Angst. Keiner bewegte sich.

Mario suchte sich den kleinsten Kumpel aus, der kaum 60 Kilogramm wog. Mit einer Hand hielt er sich an dem Rohr fest, mit der anderen packte er den Mann bei der Jacke und riss ihn zu sich. Schreiend klammerte sich der Kumpel an dem Querbalken fest. Aber Mario war schließlich mit 20 Boxchampion im Mittelgewicht gewesen. Ein kurzer Haken in die Rippen, und der Mann sackte zusammen.


ENTGEISTERT SCHAUEN DIE KAMERADEN ZU, ÜBERZEUGT, DASS DAS SCHWACHE ROHR BRECHEN MUSS


Mario packte ihn wieder bei der Jacke und hob ihn hoch, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren.

„Siehst du?“, sagte er kurz angebunden. „Ich kann dich mit einer Hand halten. Hab Vertrauen zu mir.“

Der Mann warf Mario die Arme um den Hals und wollte sich nicht an dem Rohr festhalten. Für einen Sekundenbruchteil lockerte Mario den Griff, sodass sie ein kurzes Stück fielen. Unwillkürlich klammerte sich der Kumpel an das Rohr. Langsam rutschten sie tiefer. Entgeistert schauten die Kameraden zu, überzeugt, dass das schwache Rohr brechen musste.

Endlich erreichten Mario und der Kumpel den Querbalken von Sohle 37. Doch wie die anderthalb Meter entfernte Bühne erreichen? Zu einem Sprung war der junge Bergmann nicht in der Lage. Mario streckte ein Bein ins Nichts, bis er drüben Halt fand und mit weit gespreizten Beinen über dem Abgrund stand. Dann nahm er seinen Schützling wieder bei der Jacke. „Lass das Rohr genau dann los, wenn ich es sage!“

Furchtsam nickte der Mann.

„Loslassen!“

Der Kamerad gehorchte. Mario hob ihn hoch, schleuderte ihn über die Kluft auf die Bühne und nutzte den Schwung, um sich selbst hinterherzuwerfen.

Während Mario sich die blutigen Hände abwischte, betete er: „Gott, hilf mir, auch die anderen zu bergen.“ Und schon hangelte er sich wieder an dem Rohr hinauf.

Rettender Trick

Als Nächster war Marios stämmiger Mitarbeiter Jan Buys dran, dem sich alles vor den Augen drehte. „Nur nicht runtersehen!“, befahl ihm Mario. Sie ließen sich an dem Rohr auf den Balken hinab. Aber für eine Grätsche über dem Abgrund waren Jans Beine zu kurz, und zum Hinüberheben war er zu schwer. Was tun?

In seiner Zeit beim Militär hatte Mario oft die Schultern auf einen Stuhl gelegt, die Fersen auf einen anderen und Freiwillige aufgefordert, sich auf diese Brücke zu stellen und ihm dafür ein Bier zu spendieren. Es klappte immer. Auch jetzt würde Mario die Brücke wieder machen – mit einem Unterschied.

Auf dem Querbalken stehend ließ er sich nach vorn fallen und erwischte den Bühnenrand. Indem er sich an einem Eisenbeschlag festhielt, wälzte er sich um seine Längsachse. Nun lag er mit den Schultern auf der Bühnenkante auf, mit den Fersen auf dem Querträger. Eisern angespannte Muskeln machten Mario zum menschlichen Tragbalken.

„Los!“, sagte er zu Jan, „komm rüber, auf allen vieren.“

„Das kann ich nicht … ich bin zu schwer für dich!“

„Bist du nicht, glaub mir. Komm!“

Zitternd kauerte Jan sich nieder und umfasste Marios Knie, ohne nach unten zu sehen. Erst langsam, dann rascher kroch er hinüber.

Die anderen schöpften Mut, als sie das sahen. Aaron Loetse glitt auf Marios Schultern sitzend am Rohr hinunter. Thabo Phatsoane, ein hochgewachsener athletischer 34Jähriger, hangelte sich mit bebenden Armen abwärts, während ihm Mario die Beine führte. Da sich ihnen von der Bühne aus viele Hände engegenstreckten, kamen alle gut über den Abgrund.

Unmöglich!

Mario hatte 13 Kameraden in Sicherheit gebracht und sich 16mal an dem Rohr hinaufund hinuntergehangelt, das glitschig war vom Blut seiner Hände. Nach zwei weiteren Klettertouren zitterten ihm die Arme, und die zerfetzten Handflächen brannten, als hielten sie glühende Kohlen. Aber als er eine Verschnaufpause einlegte, flehten die Kumpel oben aus ihrem Korb: „Hör nicht auf! Hilf uns!“

Die ganze Zeit hatte Mario stumm gebetet. Nun tat er es laut: „Gott, gib mir die Kraft, auch die Letzten noch zu retten.“ Schwer atmend durchlebte er in Gedanken noch einmal die härteste Prüfung seines Lebens. Er führte damals einen Stoßtrupp und stellte fest, dass seine Männer von einem bulligen Rekruten tyrannisiert wurden. Der Kerl forderte ihn eines Abends in einer Kneipe zum Armdrücken heraus.

Der Hüne wog 129 Kilogramm, Mario 79. Als sie die Hände verschränkten, fiel Mario ein, was sein Vater immer gesagt hatte: „Du kannst bei allem gewinnen – mit Willenskraft!“ Mario konzentrierte seine ganze Kraft im rechten Arm und drückte tatsächlich den Handrücken des Riesen auf die Tischplatte.

Jetzt bot Mario abermals all seinen Willen auf. Seine Arme waren kraftgeladen, als er noch viermal hinaufund hinunterkletterte und dann den letzten Mann holte – Rassie Erasmus.

Rassie hatte fürchterliche Angst, zwang sich aber trotzdem, auf die Schultern seines Kollegen zu steigen. Langsam ging es abwärts. Kurz vor dem Ziel ließ Marios Griff nach. Zum ersten Mal kam der Retter ins Rutschen. Aber seine Stiefel erwischten den Querbalken.

Als Mario sich jetzt wieder zur Brücke über den gähnenden Abgrund legte, grauste es Rassie bei dem Anblick. Er konnte doch nicht seine 91 Kilogramm dem ausgepumpten Körper des Freundes aufbürden! Dann las Rassie in Marios Augen absolute Zuversicht. Rasch machte er drei Schritte auf Marios gespanntem Körper. Ein Dutzend Hände griffen nach ihm – und er war drüben.

Es gab Jubelrufe und Tränen, als die Kumpel Mario hochhalfen. Bebend nahm er seine Thermosflasche und goss Rassie, der an einer Wand zusammengesackt war, einen Becher Tee ein. Dann telefonierte er nach oben: „Alle Mann in Sicherheit.“ Es war 22 Uhr.

Ein paar Minuten später traf in einem anderen Korb eine Gruppe von Grubendirektoren und Ingenieuren ein. Einer von ihnen schüttelte Mario kräftig die Hand. Der zuckte vor Schmerz zusammen. Beim Fausthieb auf den Alarmknopf hatte er sich einen Knochen in der Hand gebrochen.

ERST NACH MITTERNACHT schob sich Mario behutsam neben Connie ins Bett. Am nächsten Morgen nahm er die Jungen in die Arme. Erst als Connie seine geschundenen Hände sah, rückte er damit heraus, was im Schacht vorgefallen war.

Sechs Monate später verlieh die südafrikanische Montanindustrie Mario Cockrell ihre höchste Auszeichnung für Tapferkeit. Aber deutlicher als jeder Orden beschreiben die Erzählungen der Kumpel den zähen, schweigsamen Bergmann, der mit bloßen Händen und purer Körperkraft 20 Kameraden – einem nach dem anderen – das Leben gerettet hat.

Willenskraft

Es ist wahr: Ich habe von Kindheit an jede Aufgabe angenommen, die sich mir gestellt hat. Ich bin Schwierigkeiten kaum je aus gewichen. Ich habe sogar eine tiefe Befriedigung darin ge funden, das Schwierigste zu tun – dasjenige, was meine Kräfte zum Äußersten anspannen musste.

LUISE RINSER, DT. SCHRIFTSTELLERIN (1911–2002)

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde von Volontärin Helin Dag aus unserer Buchredaktion ausgewählt: „Diese Geschichte zeigt eindrücklich, dass jeder Mensch unter bestimmten Um ständen über sich hinauswachsen und das eigentlich Unmögliche meistern kann – wie der Bergmann, der mit schier übermenschlicher Willenskraft seinen 20 Kameraden das Leben rettet.“


FOTOGRAFIERT VON JÜRGEN SCHINKER