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RED BULL MUSIC FESTIVAL: Immer gerade aus!


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 11.09.2018

Er greift öffentlich seinen Chef Kanye West an, weigert sich, Hits zu schreiben, und hat grad deswegen das beste Hip-Hop-Album des Jahres geliefert: PUSHA T zeigt, wie du jedes Ziel erreichen und dabei trotzdem deinem Weg treu bleiben kannst.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2018

Megastar und Geheimtipp: In den USA gilt Pusha T als Hip-Hop-Legende, in Europa hingegen ist er vor allem in der Szene bekannt. Am 12. 10. spricht er auf dem Red Bull Music Festival in einer öffentlichen Lecture über seine Karriere (Seite 48).


Go West: Aufgewachsen in Virginia Beach, lebt Pusha T heute in Los Angeles.


Wer verstehen will, was für ein Typ dieser Pusha T ...

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... ist, der sollte das Lied „Infrared“ hören und dabei auf diese eine Textzeile achten, die unauffällig zwischen Angriffen auf Donald Trump und Kommentaren über die Musikindustrie liegt: „When the CEO’s blinded by the glow it’s different“. Frei übersetzt: „Es ist was anderes, wenn der Chef vom Glanz derart geblendet ist, dass er nichts mehr sieht.“ Es ist ein wortgewaltiges Lied, Old-School-Rap, voller Anspielungen, politisch und gesellschaftlich relevant. Dieser eine Satz am Anfang ist ein Angriff auf Rap-Superstar Kanye West und er verdeutlicht, dass dieser Rapper, der mit bürgerlichem Namen Terrence LeVarr Thornton heißt, ordentlich Eier in der Hose hat.

Die kreative Beleidigung gehört zum Hip-Hop wie zum Boxen, klar, deshalb ist es wichtig, zu wissen, dass Thornton seit drei Jahren Präsident des Labels G.O.O.D. Music ist. Dessen Eigentümer: Kanye West. Und es ist wichtig, zu wissen, dass dieses Lied und das im Sommer erschienene Album „Daytona“ während der berüchtigten „Wyoming Sessions“ entstanden ist, bei denen sich West in einem Studio auf einem Berg auf eine, wie er sagt, spirituelle und kreative Reise begeben und fünf Alben für sich und andere Künstler produziert hat.


„Ich erlaube mir den Luxus, mir Zeit zu lassen und ein Lied erst dann zu veröffentlichen, wenn ich wirklich damit zufrieden bin.“


Mal ehrlich, wer traut sich, dem eigenen Chef mitzuteilen: „Ich werde dich öffentlich bloßstellen – und du wirst mir dabei helfen!“ Und wer kann behaupten, dass er aufgrund seiner Aufrichtigkeit derart respektiert wird, dass dieser Chef, diesen Diss nicht nur hinnimmt, sondern fördert, einen weichen Beat darunterlegt und Samples wie Jay-Z’ „The Prelude“ dazumischt?
Willkommen in der Welt von Pusha T, der im Sommer mit „Daytona“ überraschend das Hip-Hop-Album des Jahres lieferte – und von dem man einiges lernen kann über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Es ist für einen Europäer keine Schande, diesen Künstler (noch) nicht zu kennen, auch wenn er seit mehr als zwei Jahrzehnten den Alltag von Afroamerikanern in den USA dokumentiert und seit Jahren das Gerücht kursiert, er habe für McDonald’s den Werbejingle „I’m loving it“ komponiert. Für ihn bedeutet der amerikanische Traum weniger, groß rauszukommen und Statussymbole zu sammeln – sondern eher die Freiheit, konsequent den eigenen Weg gehen zu können.

„Ich kann mir nach all den Jahren in diesem Geschäft den Luxus erlauben, mir Zeit zu lassen und nur dann ein Lied zu veröffentlichen, wenn ich wirklich damit zufrieden bin“, sagt er im Interview mit The Red Bulletin an einem freien Tag zwischen Konzerten in Detroit und Chicago. „Ich betrachte mich als Texthandwerker, der an Metaphern bastelt, eine Geschichte erzählt und mit Worten ein Bild zeichnet. Das muss nicht jedem gefallen, und ich konzentriere mich lieber auf eine kleinere Gruppe Menschen, die dann aber versteht, was ich sagen will.“ Nun, die Gruppe wächst. „Daytona“ landete auf Platz drei der US-Charts.

Thornton, vor 41 Jahren in der Bronx in New York geboren, wuchs im etwas weiter südlich an der Ostküste gelegenen Virginia Beach auf. Dort verdiente er sein Geld in den 1990er-Jahren zunächst nicht mit Musik, sondern mit Drogen. Gemeinsam mit seinem Bruder Gene, mittlerweile bekannt als No Malice, vertickte Thornton vor allem Kokain. Es gab da aber einen Typen, der, wie Thornton nun sagt, „nicht aufhören konnte, über diesen Musikscheiß zu reden“. Dieser Typ war Pharrell Williams, Teil des Hip-Hop-Duos The Neptunes und heute eine der einflussreichsten Pop-Größen unseres Planeten.

Williams sagt Sachen wie: „Wem es schlecht geht, der sollte daran denken, dass es jemand auf der Welt gerade noch viel schlimmer hat. Ich glaube fest daran, dass die Guten am Ende siegen.“ Wer Williams trifft und danach nicht gut gelaunt ist, dem hat die Natur statt eines Herzens einen Stein eingepflanzt. „Er hat mich gelehrt, immer etwas Außergewöhnliches zu versuchen und sich nicht mit der ersten Idee zufriedenzugeben“, sagt Thornton. „Er ist ein fantastischer Lehrer, und das will ich an junge Künstler weitergeben: Sie sollen ihre Stimme finden und Großartiges erreichen wollen.“

Und genau das ist Pusha T nun mit seinem aktuellen Album „Daytona“ selbst gelungen – ein Meisterwerk in Minimalismus, das sowohl künstlerisch als auch kommerziell derart erfolgreich ist, dass Thornton im Alter von 41 Jahren vielleicht doch noch im Mainstream angekommen sein könnte. Es sind Lieder über seine persönliche Vergangenheit und die amerikanische Gegenwart, es geht um Trump, die #MeToo-Bewegung, und nebenbei setzt er seine Fehde mit Drake fort, dem er unter die Nase reibt, ein Kind mit einem Pornosternchen zu haben (was Drake zugegeben hat) und seine Lieder von einem Ghostwriter verfassen zu lassen (was Drake mehr oder weniger zugegeben hat). „Er hat über meine Authentizität geredet“, sagt Thornton. „Der Blender darf niemals die Aktionen des Aufrichtigen bestimmen.“

Pushas Universum

Freunde, Förderer, Feinde: Pusha T pflegt Beziehungen zu vielen anderen Superstars – mal mit mehr Liebe, mal mit weniger. Ein kleiner Guide in den Kosmos eines Großen:

GETTY IMAGES (7)

Abseits der Bühne kommt Thornton höflich und bescheiden daher, und in diesem Gespräch überlegt er lange, bevor er mit leiser Stimme antwortet. Der während einer Krise um verunreinigtes Trinkwasser im US-Bundesstaat Michigan Lastwagen voller Wasser in die Region schickte. Der während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 offensiv für Hillary Clinton warb und Donald Trump auf T-Shirts empfahl, dass er doch bitte schön seinen Twitter-Account löschen möge. „Es war mir ein Anliegen, mich zu diesen Themen zu äußern“, sagt er. „Dinge wie die Wasserkrise in Michigan sind Zeichen dafür, dass die Politik versagt hat, und dann ist es unsere Verantwortung, selbst anzupacken.“

Auf der anderen Seite Kanye West, der im Lied „Ye vs. The People“ behauptet, er habe der roten Mütze von Trump mit dem Satz „Make America Great Again“ eine neue Bedeutung gegeben. Im Text des Songs heißt es wortwörtlich: „Ich habe Empathie, Fürsorge, Liebe und Zuneigung ergänzt.“ Zuvor hatte West mehrmals die Trump-Kappe getragen und Kritik dafür eingesteckt. Haben sich die zwei bei der Arbeit an „Daytona“ nicht die Köpfe eingeschlagen?

„Es ist eines von vielen Dingen, bei denen wir nicht einer Meinung sind. Diese Mütze ist das Ku-Klux-Klan-Kapuzengewand dieser Generation“, sagt Thornton. „Wir haben uns ausführlich darüber unterhalten. Es geht hier um echte Menschen, um Verfolgung und Ungerechtigkeiten, um Leben und Tod, um getrennte Familien. Da muss man ein bisschen vorsichtiger sein. Ich bin ein ehrlicher Typ und sage, was ich denke – und Kanye weiß jetzt, dass er das Thema besser nicht anspricht, wenn ich dabei bin.“

Er sagt jedoch auch, und es ist wichtig, dass er das genau so sagt: „Ich glaube, dass all die Aufregung diesem Album gutgetan hat. Kanye ist ein Musikhistoriker, ein Bewahrer dieser Kunst, keiner weiß mehr über dieses Genre als er. Er weiß deshalb auch, dass ich immer ehrlich bin und stets sage, was ich denke. Er versteht deshalb auch, dass diese Textzeile genau da stehen muss.“ Thornton kann seinem Chef die Meinung geigen, er bleibt ehrlich zu sich selbst – er ist jedoch klug genug, das Künstlerische vom Politischen zu trennen. Das ist, auch wenn es gerade heutzutage unmöglich scheint, tatsächlich zu bewerkstelligen, wenn man wie Thornton tapfer in der Sache ist und milde in der Art.

Es ist diese Geradlinigkeit, die Thornton zu einem der faszinierendsten Künstler derzeit werden lässt, er dürfte den Hip-Hop als Künstler sowie als Geschäftsmann weiter prägen. Es ist nicht immer einfach, sämtliche Botschaften in diesen Liedern zu dechiffrieren – weshalb er es auf dem Portal Genius immer wieder selbst tut: „Ich möchte den Leute die Möglichkeit geben, meine Bilder zu entschlüsseln und wirklich zu verstehen, was ich ausdrücken will.“ Er redet viel, er hat aber auch viel zu sagen. Man kann sehr viel lernen von diesem Terrence LeVarr Thornton. Man muss ihm nur zuhören. Dann erfährt man auch, dass er tatsächlich diesen Ba-da-da-da-daaa-Jingle geschrieben hat: „Jawohl! Zu hundert Prozent!“
Instagram: @kingpush


Fotos FABIEN MONTIQUE