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Reden ist Gold


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Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 06.07.2022
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Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 8/2022

Manchmal genügt es, einfach nur auf einer Bank zu sitzen und der Freundin Gehör zu schenken

Können Sie sich noch an Momo erinnern, die kleine Heldin aus dem Roman von Michael Ende? Das Mädchen hatte eine seltene Gabe: Es konnte zuhören – so gut, dass es selten allein war. „Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen.

Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten“, so die Schilderung aus dem Roman. Dank Momo wussten unentschlossene Menschen auf einmal genau, was sie wollten.Schüchterne wurden mutig und Unglückliche fanden zu einer neuen Lebensfreude.

Auf ganz wunderbare Weise beschreibt der Bestseller-Autor Michael Ende, was ein ...

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... Gespräch alles bewirken kann: Es schafft Nähe und Verbundenheit zwischen zwei Menschen, es weitet den Blick und ermöglicht neuePerspektiven, es löst Konflikte und öffnet das Herz. Wer hat nicht schon mal erfahren, dass man sich etwas Bedrückendes von der Seele reden kann und sich hinterher befreit fühlt?

7 Regeln für Gespräche

Mit diesen Tipps entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der man sich öffnen kann

1. ZUHÖREN Ein gutes Gespräch braucht gute Zuhörer: Daher den anderen ausreden lassen und ihm nicht ins Wort fallen.

2. KÖRPERSPRACHE Interesse lässt sich auch ganz ohne Worte signalisieren, zum Beispiel durch aufmerksamen Blickkontakt und eine aufrechte Haltung.

3. HANDY-PAUSE Bitte keine Störungen von außen – daher ist es selbstverständlich, das Handy auf stumm zu schalten.Ein gutes Gespräch lebt von hoher Konzentration.

4. ZURÜCKHALTUNG Es liegt nahe, eigene Erfahrungen beizusteuern. Doch damit nimmt man dem anderen den Raum. „Eine gute Zuhörerin lässt sich ganz auf die innere Landkarte des Gegenübers ein und lässt eigene Themen außen vor“, rät Barbara Keßler von der Telefonseelsorge.

5. KEIN SOLLEN UND MÜSSEN Es ist sinnvoll, sich Ratschläge zu verkneifen, auch wenn es oft schwerfällt. Ungebetener Rat kann dazu führen, dass der andere sich herabgesetzt fühlt. „Wer sich wirklich verstanden fühlt, kommt selbst auf Ideen“, so Pfarrer Peter Krogull. Offene Fragen sind besser.

6. AUFFORDERN Wenn jemand anfangs zögerlich ist, kann eine Ermutigung helfen, zum Beispiel so: „Es ehrt mich sehr, dass du mir vertraust.“

7. EIGENE WORTE Gut zugehört ist nicht immer richtig verstanden. Deshalb kann es sinnvoll sein, das Gehörte in eigene Worte zu fassen, um sich zu vergewissern.

„In der heutigen Zeit sind wir von so vielen Reizen abgelenkt, dass intensives Zuhören selten geworden ist"

Barbara Keßler von der Telefonseelsorge Neuss

Ein gutes Gespräch kann ein echtes Geschenk sein. „In der heutigen Zeit sind wir von so vielen Reizen abgelenkt, dass intensives Zuhören selten geworden ist. Umso kostbarer ist es, wenn sich jemand mir zuwendet, mir sein Ohr und seine Zeit schenkt“, sagt Barbara Keßler, Psychologin und Leiterin der Telefonseelsorge Neuss. Dabei geht es nie allein ums Zuhören, sondern auch um Verständnis und Anteilnahme – im Idealfall so, dass zwei Menschen miteinander in eine tiefere Verbindung treten. Das gilt für den Austausch unter Freunden oder mit dem Partner ebenso wie für die seelsorgerische Arbeit.

Einsamkeit tut weh

Mehr als 7 700 Ehrenamtliche arbeiten für die Telefonseelsorge an über 100 Orten deutschlandweit – Tag und Nacht, an 365 Tagen im Jahr. Sie hören zu, wenn Menschen mit ihren Sorgen nicht mehr weiterwissen oder einsam und allein sind. Mit 23 Prozent ist Einsamkeit das häufigste Thema bei der Telefonseelsorge, die von den beiden großen christlichen Kirchen getragen wird und bereits seit 1956 besteht. Manche Menschen rufen an, weil sie sonst niemanden zum Reden haben.

„Wir wissen aus Studien, dass durch Einsamkeit ähnliche Hirnareale aktiviert werden wie durch körperlichen Schmerz“, so Barbara Keßler. „Daher kann Zuwendung in einem Gespräch wie eine Schmerztablette wirken. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sich mit anderen auszutauschen.“ Das Besondere bei der Telefonseelsorge: Die

Gespräche sind anonym. Die Ehrenamtlichen am Telefon durchlaufen eine Ausbildung, sind aber keine Therapeuten – das verspricht eine andere Art von Nähe als mit einem professionellen Gesprächspartner. Sie vermitteln das Gefühl: Du bist willkommen, so wie du bist. Eine der Ehrenamtlichen ist Monika Bauer (63), die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen wegen des Anonymitätsgebots nicht verraten darf. Sie versteht sich als Wegbegleiterin am Telefon, nicht als Ratgeberin. Die schnelle Lösung, der gut gemeinte Rat – das würde zu kurz greifen. Und darum geht es meist auch gar nicht.

Sorge für die Seele

„Ich stelle oftmals fest, dass ein Gespräch den Blick öffnen kann und damit heilende Wirkung hat“, erläutert Monika Bauer. „Vielen Menschen hilft es loszuwerden, was sie bedrückt.“ Das braucht viel Fingerspitzengefühl, denn Mimik und Gestik fallen am Telefon weg. Daher bleibt nur der Weg, Gefühle in Worte zu fassen. Ruhig mal zu sagen, dass einem die Worte fehlen oder die Tränen kommen. Ihre Aufgabe versteht Monika Bauer im wörtlichen Sinne:

Sorge für die Seele tragen. „Das ist ein Auftrag, den nicht nur ein Pfarrer hat, sondern auch meiner als Christin.“ Manchmal braucht es etwas Zeit, bis ein Gesprächspartner so viel Vertrauen aufgebaut hat, dass er sich öffnen kann.

Das gilt für die Gespräche am Telefon ebenso wie für den Austausch im Alltag. In einer Studie unter rund 1 800 Deutschen sagten 81 Prozent, dass Vertrauen für sie in erster Linie zu einem guten Gespräch gehört, gefolgt von Zuhören (80 Prozent) und Ehrlichkeit (78 Prozent). Es lohnt sich, intensiv in ein Gespräch einzusteigen, wie eine Studie der Universität Chicago aus dem vergangenen Jahr belegt. Die Wissenschaftler teilten hierfür die 1 800 Studienteilnehmer in zwei Gruppen ein: solche, die über oberflächliche Themen wie das Wetter plauderten, und solche, die über ernstere Dinge sprachen. Sie mussten zum

Scho ngewusst?In den Niederlanden gibt es Supermärkten die sogenannten „Kletskassas“, Plauderkassen. Dort können sich die Kunden Zeit lassen und mit den Mitarbeitern an der Kasse plaudern

Beispiel die Frage beantworten, was sie besonders dankbar macht. Dabei zeigte sich: Die Studienteilnehmer, die tiefgehende Gespräche führten, waren glücklicher und fühlten sich auch miteinander verbundener.

Das spricht aber nicht gegen freundlichen Small Talk – alles eben zu seiner Zeit.

Wie wichtig der persönliche Austausch ist, hat sich auch in der Corona-Pandemie gezeigt, als viele Begegnungen nicht möglich waren. „Die Pandemie hat der Seelsorge Beine gemacht“, sagt Peter Krogull, Pfarrer für Seelsorge-Fortbildung und -Entwicklung in Düsseldorf.In seinem Fall ist das wörtlich zu verstehen, denn gemeinsam mit dem Stadtteil-Laden der Diakonie in Düsseldorf-Flingern hat er das Projekt „Seelenwege“ im Frühjahr 2021 ins Leben gerufen. Menschen können sich in Düsseldorf mit ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern zum Spazierengehen verabreden. Dahinter steckt der Gedanke, dass beim Unterwegssein oftmals die besten Gespräche entstehen. „Die Bewegung bringt den Geist in Schwung und man blickt dann in eine gemeinsame Richtung“, betont Peter Krogull. Seelsorgerische Spaziergänge haben sich in der Stadt etabliert.

Auch die Düsseldorfer Evangelische Friedens-Kirchengemeinde vermittelt den Kontakt zu Spaziergangs-Paten.

Eine, die das Projekt nun seit zwei Jahren regelmäßig nutzt, ist Erika Kadalla. Etwa alle zwei bis drei Wochen macht sie sich gemeinsam mit ihrer Patin und deren zweijähriger Tochter auf den Weg. Feste Themen haben die beiden nicht – aber Mangel an Gesprächsstoff auch nicht.

Die 90-Jährige, die früher in der EDV tätig war, schätzt den Austausch der Generationen sehr. „Ich möchte mit Menschen in Kontakt sein und verstehen, wie andere Generationen denken. Durch den Austausch mit meiner Spaziergangs-Patin erlebe ich praktisch das ganze Leben noch einmal.“ Erika Kadalla ist neugierig und will jedes Mal dazulernen. „Wenn ich dann nach Hause in meine Wohnung gehe, bin ich richtig happy und denke über alles noch mal nach.“

„Ein Gespräch unter guten Freunden dämpft Sorgen und reduziert Ängste"

Dr. Wolfgang Krüger arbeitet seit über 40 Jahren als Psychotherapeut

Solche Begegnungen gelingen aus der Sicht von Pfarrer Peter Krogull, wenn sie von gegenseitigem Interesse, Neugier und Empathie geprägt sind. Für ihn ist wichtig, dass seelsorgerische Gespräche für alle zugänglich sind. „Kirche kann nicht hinter Mauern darauf warten, dass die Menschen zur ihr kommen. Wir müssen uns auf den Weg zu den Menschen machen.“ Dafür gibt es in diesem Sommer auch die „Seelsorge on tour“, einen Kaffeewagen an ganz verschiedenen Stationen in Düsseldorf, der zu einer Pause einlädt. Und wer viel Puste hat, kann mit dem Pfarrer joggen gehen und sich währenddessen unterhalten.

Gute Gespräche müssen aber nicht immer seelsorgerischen Charakter haben, man kann sie natürlich auch mit der besten Freundin, dem Partner oder der Schwester führen. Für Eva Lonsdorf, Trainerin und Künstlerin aus Neuss, gehört der Austausch mit Freundinnen zu den wichtigsten Gesprächen überhaupt. „Sie helfen mir, mich selbst besser zu verstehen, neue Zusammenhänge zu erkennen und so Probleme zu lösen“, sagt die 49-Jährige. Sie schätzt die Ehrlichkeit unter Freundinnen.

So hat ihre beste Freundin und Trauzeugin ihr schon mal ordentlich den Kopf gewaschen,als Eva Lonsdorf auf dem besten Weg war, sich in einen anderen Mann zu vergucken, während sie in festen Händen war. Umgekehrt ist es ihr wichtig, ehrliche Rückmeldungen zu geben, die auf Vertrauen und einer liebenden Haltung basieren. „Manchmal traue ich mich, bei meinen Freundinnen Dinge anzusprechen, die andere vorsichtig umschiffen. Das mag wehtun, hilft aber auf lange Sicht.“

Plaudern am Kiez-Kiosk

Der Berliner Psychologe und Autor Dr. Wolfgang Krüger beschäftigt sich mit der Frage, was Freundschaften zusammenhält.Er kann bestätigen, wie wichtig ein intensiver Austausch ist: „Gespräche unter guten Freunden dämpfen Sorgen und reduzieren Ängste. Insofern tragen sie zur seelischen und körperlichen Gesundheit bei“, erklärt der Psychologe. „Wie die Balken in einem Fachwerkhaus sind Gespräche mit Freunden wichtig für unsere innere seelische Struktur. Fehlt der Austausch, sind wir anfälliger für Depressionen und Angststörungen.“

Ein gutes Gespräch lässt Menschen zusammenwachsen – auch die Bewohner in einem Berliner Kiez, wie Marianne Rätzsch festgestellt hat. Die 71-jährige pensionierte Grundschullehrerin hat am U-Bahnhof Südstern im Stadtteil Kreuzberg zusammen mit einem Mitstreiter einen Zuhör-Kiosk eröffnet. „Wir hören zu, kommen Sie rein“ steht da seit Anfang 2021 auf einem Plakat, auf dem ein Ohr abgebildet ist. Marianne Rätzsch hatte von einem Zuhör-Kiosk in einer Hamburger U-Bahn gelesen – und war gleich fasziniert.

Hinzu kam: Der Kiez-Kiosk des Vereins „Bürgergenossenschaft Südstern“, bisher ein beliebter Treffpunkt im Viertel, blieb während der Pandemie verwaist.

Also stellte Marianne Rätzsch Stühle vor die Tür und legte warme Decken dazu. Seitdem halten sich hier an zwei Nachmittagen pro Woche, immer montags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr, drei Ehrenamtliche bereit, um zuzuhören.

Manchmal geht es um Depressionen, manchmal um Joboder Wohnungsverlust. Viele Menschen kommen aber, weil sie Austausch suchen. „Mein Antrieb ist es, die Anonymität im Kiez abzubauen“, erläutert Marianne Rätzsch. „Ich wohne jetzt seit 23 Jahren in Kreuzberg und kannte immer nur meine Nachbarn. Seit ich hier mitmische, bin ich in einem großen Kreis von Menschen aufgehoben.“

Jutta Oster

Anruf genügt: Zuhörer am Telefon

Telefonseelsorge:Telefon 08 00 1 11 01 11 oder 08 00 1 11 02 22, Austausch auch per Mail und Online-Chat möglich. www.telefonseelsorge.de

Redezeit für dich: Auf der Internetseite www.virtualsupport talks.de finden sich knapp 400 Coaches, Psychologen und Therapeuten, die nach Terminabsprache ehrenamtlich zuhören (Telefonat oder Videokonferenz).

Silb ernetz:

Telefon 08 00 4 70 80 90,

für Menschen ab 60 Jahren. www.silbernetz.org