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REDET MITEINANDER!


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familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 04.11.2021

Papa, antworte doch mal, wenn ich dir eine Nachricht schicke“, forderte unsere 14-jährige Tochter neulich energisch. „Wieso, war doch alles klar. Warum soll ich dann zurückschreiben?“, entgegnete mein Mann.

„Ja, aber wenn du mir ein kurzes Okay schickst, weiß ich, dass du Bescheid weißt“, fand wiederum unsere Tochter. Mein Mann gelobte Besserung. Unsere Tochter murmelte freundlich: „Geht doch!“

Wie wir miteinander sprechen, das macht zu einem guten Teil die Familienidentität aus, es stärkt das Wir-Gefühl und vermittelt Kindern einen bestimmten Blick auf die Welt, der die Familie zusammenschweißt. Kommunikation ist der Kitt im System Familie und der entscheidende Faktor in der Erziehung: Ein Lolli mehr oder weniger, der laute Indoorspielplatz statt des bildenden Museums – all das wirkt sich am Ende gar nicht so sehr auf die Entwicklung von Kindern aus. „Kommunikation, vor allem aber ermutigende Kommunikation ist alles“, meint auch Trudi Kühn, Mitbegründerin von „STEP – Das Elterntraining“ (instep-online.de).

Artikelbild für den Artikel "REDET MITEINANDER!" aus der Ausgabe 11/2021 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
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Medien können das Familienleben bereichern, das Miteinander erleichtern ? und tatsächlich auch mehr Nähe schaffen

„Denn durch Liebe und respektvollen Umgang entsteht Bindung. Die Art und Weise, wie wir unseren Kindern zuhören, mit ihnen sprechen, prägt zutiefst ihr Bild von uns, aber auch das Bild, das sie von sich selbst entwickeln.“

Mehr Nähe durchs Smartphone?

Immer mehr mischen sich jedoch unsere neuen Mitbewohner Handy, Tablet & Co. in das Miteinander ein. Absprachen werden per E-Mail getroffen. Nicht wenige Eltern halten mit ihren Kindern über WhatsApp oder Facebook Kontakt. Eine „FIM“-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest ergab: 74 Prozent der befragten Eltern empfinden das Smartphone als wichtig bis sehr wichtig für die Organisation des Familienalltags, 62 Prozent kommunizieren zumindest gelegentlich per Textnachricht mit ihren Kindern.

Aber was sagen diese Zahlen tatsächlich über das Miteinander in der Familie aus? „Man kann davon ausgehen, dass die digitalen Medien die Kommunikation in den allermeisten Familien verändert haben und weiter verändern werden. Der ,Raum Familie‘ hat sich ausgeweitet. Neben einem ,realen‘ gibt es nun auch einen ,virtuellen‘ Raum“, meint der Mainzer Medienpädagoge Stefan Aufenanger (siehe Interview Seite 8). „Die Kommunikation ist dadurch schneller geworden. Und es wird tatsächlich viel mehr kommuniziert. Aber ist der Austausch deshalb zwingend besser? Die ,Datenmenge‘ verrät nicht unbedingt etwas über die Qualität der Kommunikation.“

Man muss genauer hinschauen: Die digitalen Medien können das Familienleben bereichern, das Miteinander erleichtern und tatsächlich Nähe schaffen – gerade in Zeiten der Mobilität. Via Skype, Face- Time oder mithilfe von Videokonferenzen können Daheimgebliebene Kontakt zu dem Familienmitglied halten, das an einem anderen Ort oder sogar in einem anderen Land arbeitet. Genauso aber können die stete Ablenkung durch die Geräte, die andauernde Verlockung, „nur mal kurz zu checken“, ob eine neue Nachricht gekommen ist, zu verführerisch sein – für Kinder und Eltern – und das Miteinander beeinträchtigen.

Leidige Diskussionen

Dass beim Abendessen vier Menschen am Tisch sitzen und vier Smartphones neben den Tellern liegen, ist wahrlich kein Bild mehr aus einem Science-Fiction-Film. „Die digitalen Medien sind nicht gut oder schlecht. Es kommt darauf an, wie man sie nutzt“, sagt Aufenanger. Die täglichen Diskussionen, ob und wie lange die Kinder spielen oder chatten dürfen, sind zum Teil recht zermürbend – und auch das verändert das Familienleben.

Ob „Clash of Clans“ oder YouTube-Sessions: Gibt es irgendwo ein Kind, das nach einer Stunde sagt: „Ach, nun reicht es für heute. Ich gehe raus und spiele!“? So ehrlich muss man sein: Das gelingt kaum einem Erwachsenen. Der Sog, immer noch einen Klick weiter zu surfen, ist enorm. „Man muss schon relativ früh damit beginnen, Regeln und Grenzen zu finden, Eltern trauen sich das manchmal nicht genug, aber wenn Kinder erst einmal älter sind, akzeptieren sie elterliche Einschränkungen kaum noch“, sagt Aufenanger und fügt hinzu: „Natürlich, die digitalen Medien machen es Eltern nicht leicht. Anders als beim Fernsehen gibt es online eben keinen Anfang und kein Ende.“

Zu viel Sorgen sollte man sich dann aber auch nicht machen: Eine problematische Medienkarriere hat immer eine Vorgeschichte – und zwar in aller Regel offline. Bislang gibt es wenige Längsschnittstudien, die ein klares Bild über Ursachen und Wirkungen liefern, aber erste Befunde zeigen: Die Beziehungen innerhalb der Familie spielen eine bedeutsame Rolle, wie sich der Medienkonsum entwickelt. Positiv wirkt sich ein gutes Familienklima aus: Gespräche und die Fähigkeit, gemeinsam Schwierigkeiten zu bewältigen.

Wichtig: In Kontakt bleiben

Schon mit neun, zehn Jahren kommunizieren Kinder über diverse Kanäle mit ihren Freunden und Klassenkameraden. Eltern haben oft keinen Überblick mehr über die Aktivitäten ihrer Kinder – oder verstehen gar nicht, was da abläuft. Es ist nahezu unmöglich, immer zu wissen, was gerade cool und in ist. Aber Eltern müssten nichts Unmögliches von sich verlangen, meint Aufenanger. Wichtiger sei die grundsätzliche Offenheit, ein wohlwollendes Interesse an dem Leben der Kinder, eine Gesprächskultur, die Kinder ermutigt, sich in kritischen Momenten an ihre Eltern zu wenden.

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Laut einer ?KIM?-Studie nutzen Mädchen das Smartphone häufiger als Jungs zum Verschicken von Textund Sprachnachrichten

„Müssen Kinder und Jugendliche hingegen damit rechnen, dass sie dann zu hören bekommen ,Das habe ich dir doch schon immer gesagt‘, geht die Chance verloren, miteinander im Gespräch zu bleiben“, so Aufenager.

Wie gut die Kommunikation klappt – online wie offline –, hängt am Ende weniger von der Technikkompetenz der Eltern ab, sondern vielmehr von ihrer Fähigkeit, bedacht und einfühlsam mit ihren Kindern in Kontakt zu sein. Manches bleibt eben doch immer gleich.

INTERVIEW

„Kinder brauchen Freiräume“

Der Medienpädagoge Prof. Stefan Aufenanger über elterliche Nachrichten-Fluten

familie&co: WhatsApp, SMS & Co. – ein Segen für die Eltern-Kind-Beziehung?

Stefan Aufenanger: Sagen wir mal so: Es gibt Vorteile, aber auch Risiken. Manchen Eltern fehlt das richtige Augenmaß. Sie nutzen WhatsApp und andere Dienste, um ihre Kinder rund um die Uhr zu kontrollieren. Wir hören häufig aus Schulen, dass Eltern gegen ein Handy-und Smartphone-

Verbot protestieren, weil sie ständig mit ihren Kindern im Kontakt sein wollen. Während der Pause kommen dann Anrufe oder SMS: „Hast du dein Schulbrot gegessen?“ Oder: „Wie ist die Klassenarbeit gelaufen?“

Und wie wirkt sich das auf die Kinder aus?

Mit ihrer Überwachung berauben Väter und Mütter ihren Nachwuchs um Erfahrungen, die dieser nur machen kann, wenn er nicht ständig über eine digitale Nabelschnur mit ihnen verbunden ist. Ein Beispiel: Ein Kind hat die Zeit beim Spielen vergessen, muss deshalb allein durch die Dämmerung nach Hause radeln und sagt sich: „Fühlt sich komisch an. Ach, ich schaffe das!“ Aber solche Könnenserfahrungen werden verhindert, wenn Papa oder Mama per WA den Standort erfragt, eingreift und alles Schwierige oder Beunruhigende aus dem Weg räumt, bevor das Kind überhaupt darüber nachdenken konnte.

Dauerkontrollierte Kinder haben kaum Gelegenheiten, Situationen selbstständig einzuschätzen und auf diese Weise Risikokompetenz zu entwickeln.

Wie reagieren Kinder darauf?

Sie übernehmen zum Teil die elterliche Vorstellung, in einer sehr gefährlichen Welt zu leben. Oder sie suchen sich Bereiche, in denen sie, von ihren Eltern unbeobachtet, Erfahrungen sammeln können. Dazu passt der Trend, dass Kinder und Jugendliche Facebook verlassen, weil die Erwachsenen dort mehr und mehr unterwegs sind. Kinder und Jugendliche wollen und brauchen Räume für sich. In der analogen Welt genauso wie in der digitalen.

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