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REGATTA GOLDEN GLOBE RACE: Heldinnen an der Pinne


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 07.12.2018

Nur noch acht von 17 Startern im Rennen – warum das Golden Globe Race 2018/19 trotzdem schon jetzt einen hohen Kultfaktor hat.


Artikelbild für den Artikel "REGATTA GOLDEN GLOBE RACE: Heldinnen an der Pinne" aus der Ausgabe 10/2019 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: segeln, Ausgabe 10/2019

Die OE 32 von Are Wiig verlor kurze Zeit später südwestlich von Kapstadt den Mast


Als Jean Luc van den Heede am 23. November 2018 gegen 23.00 Uhr UTC das Kap Hoorn backbord liegen ließ, ging ein unüberhörbares Aufatmen durch die internationale Fangemeinde des 73-jährigen Weltumseglers. Jetzt habe er „nur noch“ den Atlantik vor sich, war in den Sozialen Medien und in Segel-Foren zu lesen. Der gefürchtete Southern Ocean sei geschafft, der Vorsprung gehalten, die bangen Stunden und ...

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... Tage seien nun vorbei. Und von Bord meldete sich der unverwüstliche Franzose mit einer kurzen Nachricht an die Lieben daheim: „Das Bisschen erledige ich ja wohl auch noch – macht Euch um mich keine Sorgen!“

Wie bitte? Es gibt Familie und Fans, die sich um Jean Luc van den Heede sorgen? Denn eigentlich hat der mehrfache Einhand-Nonstop-Weltumsegler, der alte Haudegen, der den Nonstop-Solo-Rekord um die Welt gegen die vorherrschenden Windrichtungen und Strömungen hält, dieses Golden Globe Race dominiert, als wäre eine Einhand-Weltumseglung im Retro-Stil ein Kinderspiel.

Salzbuckel van den Heede bot bei diesem Golden Globe-Jubiläumsrennen auf seinem Rustler-36-LangkielerMatmut bislang eine Vorstellung, mit der er wohl selbst in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet hatte. Zwar musste er sich bis zum Kap der Guten Hoffnung mit dem in Ansätzen sogar schnelleren Landsmann Philipp Peché duellieren respektive herumärgern, doch eine Havarie machte Pechés Führungsanspruch ein Ende und der Weg war frei für eine One-Man-Show rund um Van den Heede. Ganz so, wie sie vor 50 Jahren Robin Knox Johnston (mangels Konkurrenten) beim Original-Rennen Sunday Times Golden Globe feierte.

Van den Heede zeigte ein wahres Lehrstück effizienter Hochsee-Seemannschaft. Ohne moderne Navigationshilfen wie GPS oder meteorologische Vorhersagen meisterte er übelste Stürme auf buchstäblich allen Ozeanen unseres Planeten, navigierte sicher nur mit Sextant und Koppeln durch schwierige Regionen wie dem Kap der Guten Hoffnung, dem Indischen Ozean zum obligatorischen „Gate“ vor Tasmanien. Dort durfte er nach den (strengen) Regeln des Golden Globe Race kurz ankern, musste Foto- und Filmmaterial abliefern, ein paar Interviews geben, durfte dabei aber keinen an Bord lassen oder Hilfe oder Nahrung von außen akzeptieren.

Mastschaden nach Kenterung

Anfang November informierte van den Heede die Regattaleitung über Satellitentelefon, dass er kurz zuvor in Böen von über 50 Knoten fast durchgekentert sei (150 Grad), das Boot sich aber wieder aufgerichtet habe. Danach stand der Mast zwar noch, doch der Franzose bemerkte sofort Probleme mit der unteren Wantenspannung. Die hatte sich deutlich gelockert, sodass der Mast unter Segeln in akuter Gefahr war.

Mark Slats vor Lanzarote. Im Indischen Ozean kentert kentert die Rustler 36 mehrmals durch, aber er setzt das Rennen fort


„Ohne moderne Navigationshilfen wie GPS meisterte er schlimme Stürme auf allen Ozeanen unseres Planeten“


Van den Heede barg sofort alle Segel und lief vor dem Wind bei sieben bis zehn Meter hohen Wellen und 40 Knoten-Böen ab. Der Skipper derMatmut hatte sich bei der Havarie nicht verletzt.

Van den Heede berichtete dem Renndirektor zunächst, dass er nach der Kenterung einen auf See irreparablen Schaden am Mastansatz der vier unteren Wanten festgestellt habe.

Zwar konnte van den Heede offenbar zwei Wanten wieder auf eine gewisse Spannung bringen, doch wollte er wohl kein Risiko eingehen und kündigte zunächst einen Notstopp im chilenischen Hafen Valdivia an. Der hätte ihn aus dem Golden Globe Rennen geworfen, was jedoch ganz offensichtlich für den 73-jährigen schlicht inakzeptabel war. Denn schon wenige Tage später meldete sich van den Heede erneut und berichtete, dass er einige Stunden bei ruhiger Wind- und Wellensituation im Mast verbracht habe. Er konnte dabei den Schaden zwar nicht beheben, den Mast aber so weit sichern, dass er ein Weitersegeln ohne Reparaturstopp in einem Hafen zumindest probieren werde.

Die Bruchpiloten

Wie so oft in solchen Fällen, war und ist die meisterhafte Leistung der Führenden jedoch im Vergleich zu anderen Begebenheiten im Rennen allenfalls unterhaltsam und seemännisch bewundernswert. Für Spannung und Nervenkitzel, teils sogar dramatische Situationen, aber auch für den einen oder anderen Grund zum Schmunzeln sorgten dann ein Großteil der anderen 17 Starter. Den Anfang machte der Brite (mit türkischen Wurzeln) Ertan Beskardes. Nach einer Woche bei leichten Winden in der Biskaya gab er das Rennen auf – wegen Einsamkeit! Er sei zwar schon tausende Meilen alleine auf See gesegelt, habe aber immer mit seiner Familie kommunizieren können, beteuerte Beskardes. Genau das war nun aber beim Golden Globe Race verboten, um einen möglichst authentischen Vergleich zum Original-Rennen (bei dem es noch kein Satellitentelefon gab) herzustellen. Für Beskardes war diese totale Einsamkeit schon nach kürzester Zeit zuviel.

Istvan Kopar segelt mit seiner Tradewind 35 als fünfter durch das Gate bei Hobart Mark Slats vor Lanzarote.


Susie Goodall erreichte Hobart als vierte und stand an Bord für Interviews zur Verfügung


Wenige Tage später folgte der Bergsteiger und mehrfache Mount Everest-Bezwinger Kevin Farebrother mit einem ähnlichen Bekenntnis. Er übermittelte bei seinem wöchentlichen Sicherheits-Satelliten-Anruf den etwas verblüfften Organisatoren: „Ich bin nicht fürs Einhand-Segeln gemacht. Ich finde keine Ruhe auf meinem Boot, traue mich nicht nach unten, um zu schlafen. Fühle mich wie auf dem Rücksitz eines rasenden Autos, das keiner steuert. Ich gebe auf … und will zurück in die Berge. Mein Boot steht ab sofort zum Verkauf!“

Autopiloten zickten

In den ersten Wochen und Monaten entpuppten sich auf einigen Booten ausgerechnet die fürs Einhand-Segeln so elementar wichtigen Autopiloten als Schwachpunkte im System. Alle Teilnehmer des GGR nutzen Pendel- und Doppelrudersysteme (meist jedoch die Kombination aus beiden Typen), um ohne elektronische Hilfe (weil nach den Rennstatuten verboten) auf Kurs zu bleiben. Doch die eigentlich zehntausendfach auf allen Weltmeeren bei Blauwasserseglern bewährten Systeme „zickten“ bei einigen Teilnehmern. Die unangenehmsten Konsequenzen erlebten der Franzose Antoine Cousot, der auf Lanzarote einen Reparaturstopp einlegte und deshalb aus der Golden Globe Wertung fiel (aber in der Chichester-Class weitersegelte). Und der Palästinenser Nabil Amra drehte vor den Kapverden wegen Problemen mit der Windsteueranlage um und gab später auf.

Der Este Uku Randmaa nimmt ebenfalls mit einer Rustler 36 an dem Rennen teil


An Bord einer Gaia 36 erreicht der Finne Tapio Lehtinen Hobart als sechster


1.500 Seemeilen westlich von Kapstadt erwischte es Philippe Peché in einem Sturm mit Böen über 55 Knoten Stärke. An seiner Rustler 36 – ein eigentlich sehr verlässlicher und solide gebauter Bootstyp, für den sich die meisten Teilnehmer des GGR entschieden – gab es Bruch an der Pinne. Mitgeführte Teleskopstangen, mit denen man die Pinne vielleicht hätte raparieren können, waren allerdings bereits für die zuvor ausgeführte Reparatur der Windsteueranlage eingesetzt. Peché steuerte, mehr treibend als segelnd, Südafrika an und gab auf.

Einen Sturm später kenterte die Enderlein 32 des 58-jährigen Norwegers Are Wiig durch. Als der Skipper nach dem Wiederaufrichten an Deck krabbelte, fand er dasselbe nahezu „besenrein“ vor: Der Mast war gebrochen, Rigg und Segel trieben im Wasser. Unter Notrigg lief auch er nach Durchzug des Tiefs Südafrika an.

Ein weiterer schwer gebeutelter Golden Globe Teilnehmer gelangte annähernd gleichzeitig auf der anderen Seite des Südatlantiks in Sicherheit. Der Franzose Antoine Cousot lief unter vollen Segeln in Rio de Janeiro ein. Er laboriert an Schulter- und Fußverletzungen, seitdem auf dem schwer stampfenden Vordeck seiner Biscay 36 KetschMétier Intérim ein Vorsegel-Wechsel schief ging. Auch er gab dieses Golden Globe Race auf – kündigte aber gleich eine Teilnahme für eine der nächsten Ausgaben an. Er habe seine Lektion gelernt und werde nur noch mit Rollfock und nicht mit Stagreiter-Fock solche Strecken in Angriff nehmen.

„Ich kann nur noch die Zehen bewegen!“

Einen Monat später wurde Inder Abilash Toby im Indischen Ozean während eines außergewöhnlich starken Sturms mit seinerThuriya von einer Monsterwelle überrollt. Die Ketch – eine Replik derSuahili , auf der Knox Johnston vor 50 Jahren das Original-Rennen gewonnen hatte – kenterte durch und verlor dabei beide Masten. Viel schlimmer: 1.900 Meilen südwestlich von Perth erlitt Tomy schwere Rückenverletzungen. Der Offizier der Indischen Marine konnte sich kaum noch bewegen, setzte jedoch einen Notruf ab.

Daraufhin schickte die Indische Marine ein Kriegsschiff und Suchflugzeuge in das Gebiet, australische Rettungskräfte wurden mobilisiert und ein Französisches Fischereipatrouillenschiff nahmen Kurs auf den Schwerverletzten. Auch der irische GGR-Segler Gregor MacGuckin, der im gleichen Sturm seinen Besanmast verloren, sich aber nicht verletzt hatte, motorte Richtung Abilash Tomy.

Letztendlich bargen die Franzosen den Inder, nachdem sie zuvor „auf dem Weg“ auch noch MacGuckin auf Hoher See an Bord genommen hatten, und fuhren den am Rücken verletzten Inder zur nahegelegenen Amsterdam-Island. Dort wurde Tomy in einer Art Krankenzimmer einer unbemannten Forschungsstation „zwischengelagert“, bis er per Hubschrauber auf eine Indische Fregatte verbracht werden konnte. Der Ire MacGuckin wurde kurz darauf von einem australischen Kriegsschiff „übernommen“, während der Inder Tomy sich in einem Indischen Krankenhaus zwar nur schleppend, letztendlich aber doch vollständig erholte.

„Unglaublich hart“

Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es allerdings eine Person im Rennen, von der noch keine Durchkenterungen, Havarien, Unfälle und ähnliche Dramen berichtet wurden: Susie Goodall.

Die 28 jährige Seglerin, der man(n) im Vorfeld der Regatta lauthals mit die geringsten Chancen eingeräumt hatte, überhaupt zum Kap der Guten Hoffnung zu gelangen, segelt derzeit auf einem sehr respektablen vierten Rang. Hinter Mark Slats und dem Finnen Ukuu Randmaa, brachte Goodall mittlerweile alle Kritiker zum Schweigen. Trotz ihres zarten Alters, trotz ihrer angeblich „weniger ausgeprägten“ Körperkräfte zeigt sie, dass Beständigkeit, Ausdauer und vorsichtige Umsicht die Schlüssel zum Erfolg bei einer Einhand-Nonstop-Weltumseglung im Regattamodus sein können. Natürlich hat auch Susie Goodall schwierige Situationen erlebt. Auch sie kenterte mehrfach, musste „Horror-Stürmen“ standhalten und war oft genug am Ende ihrer Kräfte. Aber sie zieht das durch, hat ihre Rustler 36 „im Griff “ und ist bei Redaktionsschluss gerade dabei, den Southern Ocean bravourös zu bewältigen. In einem ihrer wöchentlichen Sicherheitsanrufe von Bord rief sie bei 45 Knoten Wind ins Satellitentelefon: „Es ist unglaublich hart, aber es ist auch unglaublich faszinierend!“

Unter einem Notrigg versucht der Gregor McGuckin den verletzten Abhilash Tomy zu erreichen. Beide werden kurze Zeit später an Bord eines anderen Schiffes genommen


Ein Satz, der wohl am besten beschreibt, warum sich die Golden Globe Race-SkipperInnen all’ das antun…

GOLDEN GLOBE RACE 2018

• Was? Regatta einhand nonstop um die Welt Wie? Zum 50-jährigen Jubiläum des Sunday Times Golden Globe Race wird im Modus von damals gesegelt: Auf Langkielern (Riss vor 1987, Nachbauten erlaubt), Navigation mit Sextant und Karte, Sicherheitskommunikation 1 x wöchentlich mit der Regattaleitung, keinen Kontakt „mit der Außenwelt“
• Wieso? Das Original GGR gilt als die „Mutter aller Einhand-Nonstop-Weltumrundungs-Regatten und ist ein Mythos: Damals starteten neun mehr oder weniger erfahrene Hochseesegler zu einer Nonstop-Einhand-Weltumseglung. Doch nur einer kam ins Ziel: Robin Knox-Johnston! Sein legendärer Mitstreiter Bernard Moitessier floh nach Rundung des Kap Hoorns vor dem Rummel, der ihn im Ziel erwartete und nahm Kurs auf die polynesische Südsee. „Lügensegler“ Donald Crowhurst nahm sich nach monatelangen Falschmeldungen bzgl. seiner Position das Leben, alle anderen wurden entweder disqualifiziert (wegen Hilfestellung von außen), havarierten und mussten aufgeben, brachen wegen Krankheit ab oder verloren ihr Schiff, wurden aber gerettet.


Fotos: Jon Amtrup/PPL/GGR

Fotos: Christophe Favreau/PPL/GGR, Jessie Martin/PPL/GGR

Fotos: Christophe Favreau/PPL/GGR, AUSTRALIAN MARITIME SAFETY AUTHORITY/PPL/GGR, Jessie Martin/PPL/GGR