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»Regie ist für mich ein lebenslanger Prozess des Lernens«


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.07.2018

Eine neue Generation Musicalregisseure: Erik Petersen im Interview


Artikelbild für den Artikel "»Regie ist für mich ein lebenslanger Prozess des Lernens«" aus der Ausgabe 4/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Jan-Philipp Behr

Erik Petersen ist gebürtiger Magdeburger, stand in frühen Jahren bereits auf der Bühne, hospitierte später im Regiefach und gehört heute zu der Generation neuer Regisseure im musikalischen Unterhaltungstheater.

blickpunktmusical : Wie kamen Sie zum Theater und wie zur Regie?

Erik Petersen: Ich habe am Magdeburger Theater früh als Statist, später als Kleindarsteller auf der Bühne gestanden. Die Schauspielschulen, an denen ich mich beworben habe, sahen mich aber nicht als großen Schauspieler. (lacht) Dennoch hat Nico ...

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Erik Petersen: Ich habe am Magdeburger Theater früh als Statist, später als Kleindarsteller auf der Bühne gestanden. Die Schauspielschulen, an denen ich mich beworben habe, sahen mich aber nicht als großen Schauspieler. (lacht) Dennoch hat Nico Rabenald mich in Magdeburg in zahlreichen Operetten und Musicals, u. a. auch in »Titanic« besetzt. Damals habe ich fallen lassen, dass ich gerne hospitieren würde. 2010 rief er mich an und bot mir eine Hospitanz bei dem neuen Musical »Carmen – Ein deutsches Musical « in Bad Hersfeld an. Eine Woche später fiel sein Regieassistent aus und ich erhielt die Möglichkeit, ins kalte Wasser zu springen und zu lernen. Die Arbeit mit Rabenald war der erste große Glücksfall. Der zweite war, dass ich im zweiten Jahr Gil Mehmert in Hersfeld kennenlernte. Die praktische Erfahrung hat mir den Weg geebnet. Regieassistenz meint zu 70% Logistik und nur zu 30% wirkliche Regiearbeit. Das ist im Musical noch extremer als in anderen Bereichen des Theaters, weil der Assistent versuchen muss, alles zu kombinieren: Umzüge, Umbauten, am Opernhaus den Chor, Gäste, die am Haus sind – es ist ein großer organisatorischer Aufwand. Doch wenn man Lust hat, diesen Weg in die Regie zu gehen, und gut arbeitet, wird das irgendwann auch anerkannt.

blimu: Bei »The Full Monty« in Dortmund haben Sie auch gespielt.

EP: Das stimmt, neben der Regieassistenz konnte ich eine kleine Rolle spielen. Dass ich überhaupt dort assistieren durfte, verdanke ich Gil Mehmert und dass mich der stellvertretende Intendant und Dramaturg Hans-Peter Frings aus Magdeburg kannte. Denn Dortmund gehört zu den Häusern, die damals nur studierte Leute, ob in Theaterwissenschaften oder Regie, eingestellt haben. Da man mir das Vertrauen entgegenbrachte, durfte ich dort 2 Jahre lang daran teilhaben, dass Dortmund zu dem Theater wurde, das es heute ist. Nicht nur »Hairspray« kam überzeugend auf die Bühne, sondern man wagte sich auch an ein Stück wie »next to normal«.

blimu: Zwischen der Zeit des Spielens auf der Bühne und Ihrer Regiearbeit haben Sie eine Ausbildung an einer Bibliothek gemacht. War dies von Vorteil?

EP: Ich war damals fürs Theater noch zu jung, nachdem ich mit 16 die Schule mit dem erweiterten Realschulabschluss beendet hatte. Ich wollte etwas mit Medien und Bildung machen und habe schon immer gerne gelesen. Daher habe ich eine Ausbildung als Fachangestellter für Medieninformationsdienste – in der Fachrichtung Bibliothek gemacht. Es ist mir bei der Regiearbeit wichtig, mich weiterzubilden, und dabei nutze ich das Handwerk, das ich damals erworben habe. Im Musical gibt es allerdings weniger Literatur zu dem Thema als bei der Oper, da das Musical noch jung ist. Wenn man sich anschaut, wie etwas komponiert wurde, erfährt man manchmal, dass die Sängerin mit dem Komponisten zusammen war und deshalb die Arie so geschrieben wurde. Im Musical ist es zum Beispiel wichtig, zu verstehen, warum jetzt ein Falsett gesungen wird. Regie ist für mich ein lebenslanger Prozess des Lernens.

blimu: War das Musical eine Art Zufallsprodukt, weil es Musicalregisseure waren, die Ihnen die Tore öffneten, oder wollten Sie gerne in diese Richtung?

EP: In der Regie gibt es viele talentierte junge Leute, die aber erst ab Mitte 30 überhaupt Karriere machen dürfen. Ich war nie der Freund vom Regietheater auf deutschen Opernbühnen und finde, dass jahrelang am Publikum vorbeiinszeniert wurde. Auch an den Auslastungszahlen der Häuser wird deutlich, wie schwierig es für ein jüngeres Publikum geworden ist, ins Theater zu gehen. Diese Entwicklung hat mir nicht gefallen. Mir schwebte der Bereich Unterhaltung vor. Ich habe mich immer schon für Musical interessiert und mir war die Nähe zum Publikum wichtig. Natürlich gibt es auch in unserer Branche schlechte Unterhaltung, in der man meint, nur weil Musical drunter steht, muss dies und jenes erzeugt werden. Dann ist das Ergebnis platt und unemotional.

Heute bin ich in der gesamten Sparte des Musiktheaters unterwegs, inszeniere Musical, Oper und Operette, aber auf meine Art und Weise. Für mich ist die Bühne ein fantastischer Raum und ich wünsche mir, dass die Leute auch mal wieder zwei Stunden ins Theater gehen und abschalten können. Dass sie einfach genießen und Stücke erleben, die emotional über die Rampe gehen. Gil, Matthias (Davids) und Stephan (Huber) haben Großes für das Genre geleistet und den Weg für den Nachwuchs geebnet. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ob es nun der Umgang mit den Schauspielern ist oder wie wichtig die Psychologie der Szenen ist – hier habe ich viel von Stephan gelernt. Die drei Genannten unterscheiden sich sehr in ihrem Konzept – von der Ästhetik bis zum Szenenaufbau.

Inzwischen freuen sich die Theater über Spezialisten, die Lust haben, Musical gut zu inszenieren. Denn es gibt auch diejenigen, die Musical inszenieren, aber gar keine Lust darauf haben. Sie meinen, das Stück, weil es Musical ist, zerstören zu müssen, um es neu zusammensetzen zu können. Das finde ich traurig. Dann sollen sie etwas anderes inszenieren. Natürlich kann man bei der Regie an der Dramaturgie etwas ändern. Sie haben ja auch »Footloose« von mir in Darmstadt gesehen. Da haben wir uns getraut, am etwas schwachen Buch zu arbeiten. Wir haben versucht, eine weitere Qualitätsebene reinzubringen und zu zeigen, dass es wirklich ein gutes Buch sein kann. Das ist für mich auch in der Oper und Operette der Weg. Alles andere ist für mich unverständlich.

Meine größte Angst ist, dass an einer Inszenierung von mir kritisiert wird, ich hätte keine Liebe hineingesteckt. Das ist glücklicherweise noch nie passiert.

blimu: Wie gehen Sie an ein Stück heran?

EP: Entscheidend ist ein gutes Bauchgefühl. Meist habe ich bei der Nennung des Titels schon eine Situation oder ein Bild vor Augen. Wenn das Bauchgefühl noch nicht gut ist, suche ich noch mal das Gespräch mit dem Intendanten oder überlege, was ich mit dem Stück machen kann. Nach der Zusage höre ich mir die Musik des Stückes über ein Jahr lang immer wieder an. Im Musical ist es meistens so, dass es eine erste Version gibt und noch eine überarbeitete Fassung, ich schaue mir beide an. Dann studiere ich die Dialoge und – was einige Kollegen nicht machen – auch, wie das Stück aufgeführt worden ist, wie andere es gemacht haben. Für mich ist das Fortbildung. Ich kann in meiner Generation ein Stück nicht neu erfinden. Würde ich das tun, spielt »My Fair Lady« in Kapstadt und das Ganze hätte nichts mehr mit dem Stück zu tun. Ich kann kombinieren und daraus eine neue Ästhetik schaffen. Deshalb ist mir der Dialog mit meinen Dramaturgen sehr wichtig, sodass wir über das entwickelte Konzept reden.

Vor allem ist es mir wichtig, für das Publikum zu inszenieren. Ich habe mich während meiner Karriere schon immer für die Reaktionen des Publikums in Vorstellungen interessiert und beobachte unheimlich gern Zuschauer während einer Inszenierung – auch meiner eigenen. Wenn ich sehe: Aha, weil es diesen Song noch gibt, steigen sie aus und überlegen, ob sie den Bus noch bekommen, dann weiß ich, dass es das nicht geben darf. Ich halte es für ein hohes Gut, einen Zuschauer in einer Vorstellung so zu packen, dass er, wenn nach einer Stunde Pause ist, denkt: Oh, jetzt ist schon Pause. Eine meiner emotionalsten Inszenierungen war hier »Hair« auf dem Domplatz in Magdeburg.

blimu: Mir fehlte bisher in allen Inszenierungen dieses Stückes der rote Faden.

EP: Die Herausforderung ist, den Figuren eine Geschichte zu geben, damit sie nicht als ein paar langhaarige Idioten vorne sitzen, sondern der Zuschauer versteht, warum sie so handeln. Sonst ist es ein Konzert, alle singen und dann ziehen plötzlich Berger oder Claude in den Krieg.
Es bedeutet eine intensive Vorbereitung, damit die Zuschauer schon vor dem Finale aufstehen wollen und emotional gepackt sind. Das Thema ist traurigerweise immer noch aktuell. Gerade deshalb kann das Stück eine große Kraft entfalten, wenn man das Publikum erreicht.

blimu: Was ist Ihnen persönlich besonders wichtig bei Ihren Inszenierungen?

EP: Meine vorrangige Aufgabe ist es, die Stücke auf der Bühne mit Leuten meiner Generation zu kreieren. Dazu gehören auch Rollendebüts, wie wir sie bei »Jesus Christ Superstar« in Oldenburg mit Oedo Kuipers und Rupert Markthaler hatten. Es war unglaublich schwer, einen Jesus und einen Judas aus der neuen Generation zu finden – auch weil die Stimmen dafür überhaupt nicht mehr ausgebildet sind. Und natürlich muss dann jemand mit den jungen Leuten arbeiten. Wir haben sehr viele unterschiedliche Typen von tollen Sängern in Deutschland, aber unsere Arbeit besteht darin, hier vor allem hinsichtlich Schauspiel einiges herauszukitzeln.

Das macht die Castings manchmal anstrengend. Das gilt auch für »Footloose« in Darmstadt. Diese Show verlangt den Darstellern unheimlich viel ab, was bedeutet, junge Leute finden zu müssen, die alle drei Disziplinen sehr gut beherrschen und dann auch noch in authentischer Art und Weise auf der Bühne stehen. Deshalb bin ich viel unterwegs, gehe zu Intendantenvorsingen und schaue mir Absolventenshows an. Das kostet Zeit, ist aber entscheidend, um eine Entwicklung zu erkennen, damit ich nicht einfach besetze, weil »Musicaldarsteller« drunter steht, sondern Leute finde, die sehr gut spielen können und zu meinen Produktionen passen.

Ich finde es besonders schön, wenn man in ein Stück gehen kann, ohne sich vorher zu belesen. Ich schaue immer, wie ich an den Zuschauer herankomme – auch mit einer gewissen Entscheidung innerhalb des Ensembles –, damit er mit »Evita« etwas anfangen kann, selbst wenn sie die Böse ist, die immer herumschreit, weil sie überfordert ist. Wie bekomme ich es hin, dass das Publikum mitfühlen kann? Das ist jeweils ein langer Prozess, bei dem die Atmosphäre und die Dichte der Szenen stimmen müssen, damit die Zuschauer dranbleiben. Man erarbeitet sich im Laufe der Zeit eine Handschrift, an die man sich bei jeder neuen Inszenierung idealerweise zurückerinnert, wie etwas funktioniert. Auslöser kann ein Satz sein wie bei »Frau Luna« jetzt in Dortmund, wo es hieß, dass es in den 20er Jahren ein großes Luftballett gab. Daraus entstehen dann Ideen: Ich schaue immer bei den Komponisten oder Autoren, was sie sich dabei gedacht haben, und versuche, das mit den Gedanken meiner Generation in unsere Zeit umzusetzen. Bei der Findung rede ich natürlich viel mit dem Kreativteam, den Choreographen.

Bei meinen zukünftigen Projekten versuche ich, auch hinsichtlich der Entscheidung in der Besetzung, ein Publikum zu gewinnen, das sich sonst kein Ticket für Stücke wie »Anatevka« (Mai 2019, Magdeburg) oder »Kiss Me, Kate« (Februar 2019, Darmstadt) kaufen würde. Dieses darf sich auf einige namhafte Darsteller freuen. (Da wegen der Sommerpause noch keine Verträge endgültig unterschrieben sind, können hier leider keine Namen genannt werden, Anm. d. Red.). Als weitere Arbeiten sind für das nächste Jahr »West Side Story«, »Im weißen Rössl«, »Young Frankenstein« und »Victor/Victoria« in Planung.

blimu: Sie haben gesagt, dass Sie direkt für die große Bühne arbeiten durften und sich danach sehnen, ein 2-Personenstück zu inszenieren. Musical gilt als Ausstattungstheater – wie wichtig ist Ihnen der Rahmen?

EP: Das Bühnenbild wird immer mehr und mehr durch Projektionen ersetzt. »Finding Neverland« ist beispielsweise nur noch eine reine LED-Wand-Produktion. Das ist finanziell sicher die beste Lösung, weil man keine großen Bühnenbauten braucht, aber für mich ist der Theaterraum immer noch entscheidend. Bei »Footloose« habe ich dem Bühnenbildner gesagt, ich hätte Lust auf ein richtiges Bühnenbild, weil in der Recherche immer nur von Kastenräumen oder Stangen die Rede war. Immer wieder wurde der Ort an der gleichen Stelle, nur mit anderen Requisiten, definiert. Das fand ich langweilig. Ich habe dann auch Feedback von dem Komponisten Tom Snow und Liedtexter Dean Pitchford bekommen, die Bilder von Darmstadt gesehen hatten und beeindruckt waren, welche Ausstattung ein solches Stück haben kann. Mir ist auch wichtig, zu präsentieren, was ein Theater zu leisten vermag.

Bei »Anatevka« ist mir aufgefallen, dass manche Zuschauer aussteigen, weil sie das Gefühl haben, das Geschehen sei zu weit weg. Daher sind wir hier gerade an der Entscheidung dran, das Orchester mit auf die Bühne zu nehmen, damit wir mehr an die Rampe spielen können und die Zuschauer mitnehmen. Das ist das Konzept vom Broadway und Londoner West End, wo es selten Shows mit einem Orchestergraben als Abtrennung gibt. Ein Großteil des Erfolges liegt an dieser Nähe zum Publikum. Bei uns bildet der Orchestergraben manchmal eine Barriere.

Erik Petersen während der Proben Foto: Jan-Philipp Behr


blimu: Welches sind Stücke, die Ihnen persönlich besonders gut gefallen?

EP: Für mich besteht das hohe Gut des Musicals im Zusammenkommen von Tanz, Gesang und Schauspiel – es ist das, was zählt. Daher ist für mich der Energiepol in den Stücken entscheidend dafür, wie kraftvoll eine Message herübergebracht wird. »Kinky Boots« beispielsweise ist so etwas wie das »La Cage aux Folles« der heutigen Zeit. Die Botschaft dahinter, ohne dass man mit dem Schuhlöffel draufschlägt, ist einfach enorm – wenn man sie als Zuschauer zulässt. Ich habe auch erlebt, dass Ehegatten ganz konsterniert darin sitzen, wenn Lola das erste Mal auftritt. Da ist erst einmal Schubladendenken am Werk. Doch dann schafft die Show es, den Menschen hinter dem Äußeren zu zeigen. Das ist eine Stärke des Musicals und gilt auch für Stücke wie »Anatevka«, »Hair«, »Evita« oder auch »Jesus Christ Superstar «. Stücke, bei denen die Aussage sehr groß ist und bei denen man als Regisseur die Chance hat, diese Message zum Publikum hin zu inszenieren. Das finde ich teilweise selbst sehr berührend.

blimu: Wie sehen Sie, als jemand von der neuen Generation, die Zukunft des Musicals?

EP: Mein größter Wunsch wäre, dass es mehr Intendanten gibt, die den Stellenwert des Unterhaltungstheaters höher bewerten. Möglicherweise muss dafür auch eine neue Generation an Intendanten kommen, weil viele in unserem Bereich ein »Nicht-Wissen« haben. Sicher werden wir, auch Kollegen wie Martin G. Berger, Felix Seiler und Stephan Sebastian Ritschel, gebucht, weil wir es mitbringen, aber ich denke, man könnte an jedem Haus drei Musicals spielen. Auf manchen Spielplänen stehen schon fünf Musicals parallel im Repertoire. Das ist für Deutschland eine enorme Entwicklung des Unterhaltungstheaters. Hierbei ist das Publikum wesentlich bestimmend, das in die Stadttheater geht und Musical verlangt. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass sowohl die Entwicklung der Stücke als auch die Stückauswahl einen noch besseren Stand beim Zuschauer bekommen. Dass auch Stücke wie beispielsweise »Pippin«, die zunächst keinen großen Anklang haben, ihr Publikum finden.

Wir haben glücklicherweise stellenweise eine Off-Broadway-Szene, in der sich einiges tut, aber bei den Stadttheatern ist das noch nicht so angekommen. Doch es gibt Häuser, die federführend sind im Unterhaltungstheater, und ich finde, dass man den Leuten nicht nur »Evita«, »West Side Story« und »Anatevka« vorsetzen muss. Ich fände es toll, wenn man in der Zukunft auch neue Wege bestreiten würde – egal, ob es deutsche Stücke sind, die eigens geschrieben werden, oder Stücke vom West End oder Broadway, die dort bereits erfolgreich sind. »next to normal« ist so ein Stück, das eine beispielhafte Entwicklung am deutschsprachigen Stadttheater erlebt hat. Man hat erkannt, dass das Thema viele Menschen angeht. Es wäre schön, wenn die Verlage sich mehr trauen würden und wir endlich große Titel an Stadttheatern spielen dürfen, die sonst nur von großen Firmen in Anspruch genommen werden. Das hätte eine ganz andere Dimension – auch musikalisch, da man Stücke wie »Der Glöckner von Notre Dame« natürlich mit einem Hauschor bestreiten könnte.

blimu: Unsere Theaterlandschaft ist schon einzigartig.

EP: So einzigartig, wie ich kürzlich gelesen habe, dass es einen Antrag gibt, das Konzept der Theaterlandschaft in Deutschland mit ihrer ganzen Organisation ins immaterielle Weltkulturerbe aufzunehmen. Das würde bedeuten, dass kein Haus mehr geschlossen werden darf. In einer aktuellen Statistik wurde veröffentlicht, dass in Deutschland 7000 Vorstellungen pro Jahr gespielt werden, gefolgt von Russland mit 1000 Vorstellungen. Daran sieht man, welch wichtiger Beitrag zur Kultur hier gelegt wird. Ich bin ohnehin der Meinung, dass das Theater bei der Entwicklung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielt – auch was die Verarbeitung negativer Themen in der Weltpolitik betrifft.

blimu: Was würden Sie gerne ändern, um die Stellung des Musicals aufzuwerten?

EP: Es gibt in Deutschland einen Theaterpreis, den »Faust«, in dem das Unterhaltungstheater 0,0 Prozent gewürdigt wird. Es gibt nicht einmal eine Kategorie dafür. Immer noch nimmt eine Großzahl an Intendanten die Unterhaltungsbranche nicht ernst. Natürlich ist die Deutsche Musical Akademie in Berlin ein Wahnsinnsschritt für Deutschland, aber es geht dort nur um die neuen Stücke. Das ist zweifellos ein guter Ansatz für die Zukunft. Dennoch müssen auch die laufenden Produktionen gesehen werden. In Österreich schaffen sie es mit ihrem Musiktheaterpreis, alle Kategorien zu bedenken. Ich finde es faszinierend, dass in Deutschland Stücke, die erfolgreich sind und die Auslastungszahlen an den Theatern nach oben treiben, überhaupt nicht bedacht werden. Deshalb finde ich es wichtig, dass es so eine Figur wie Barrie Kosky gibt. Auch wenn man über seine Inszenierungen geteilter Meinung sein kann, es ist ihm gelungen, Aufmerksamkeit für das Genre zu wecken. Ich kämpfe um die Anerkennung des Unterhaltungsfaches und hoffe einfach, dass die Wertschätzung von Unterhaltung sowohl im deutschen Bühnenverein als auch bei den Intendanten in den nächsten Jahren noch mehr steigt.

blimu: Vielen Dank für diese Einblicke in Ihren Werdegang und Ihr Engagement. Alles Gute für die kommenden Projekte.

Erik Petersen während der Proben mit Oedo Kuipers


Foto: Jan-Philipp Behr

Erik Petersen

Theater- und Regieerfahrungen sammelte der Magdeburger u. a. als Regieassistent und Abendspielleiter bei den Bad Hersfelder Festspielen und an der Oper Dortmund, wo er mit Regisseuren wie Matthias Davids, Stefan Huber, Jens-Daniel Herzog und Mariame Clément zusammengearbeitet hat. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit Gil Mehmert, dem er bei »Coco Schumann « an den Hamburger Kammerspielen, bei »Sunset Boulevard« bei den Bad Hersfelder Festspielen und bei »Jesus Christ Superstar« an der Oper Bonn assistierte.
Bei den Magdeburger Domfestspielen war er als Co-Regisseur für »Les Misérables« engagiert und bei den Bad Hersfelder Festspielen für »Cabaret«.
Inzwischen arbeitet er als freier Regisseur in allen Bereichen des Musiktheaters (Musical, Oper und Operette). Zu seinen Musicalinszenierungen gehören »Evita« (Oldenburg und Darmstadt), »Crazy For You« (Magdeburg), »Der kleine Horrorladen« (Bonn), »Hair« (Domfestspiele Magdeburg), »My Fair Lady« (Theaterplatz Chemnitz), »Footloose« (Darmstadt) und »Jesus Christ Superstar« (Oldenburg).