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Rehbrunft – Sex nach Kalender


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 20.07.2021

Blattzeit

Artikelbild für den Artikel "Rehbrunft – Sex nach Kalender" aus der Ausgabe 80/2021 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Wildes Treiben bedeutet in den seltensten Fällen Blattzeit. Die Reize der Natur sind stärker, als unsere Fieptöne.

Brunft und Blattzeit sind zweierlei. Die Brunft ist der Zeitraum, in dem die große Mehrheit der Schmalrehe und Ricken paarungsbereit ist. Die höheren Gebirgslagen ausgenommen, ist das von Mitte Juli bis Anfang August der Fall. In höheren Lagen verschiebt sich die Paarungsbereitschaft nach hinten. Das heißt jedoch nicht, dass erwachsene, weibliche Rehe drei Wochen paarungsbereit wären. Ganz im Gegenteil, es sind – in der Regel – nur wenige Tage in diesem Zeitrahmen.

Blattzeit nennen wir eigentlich nur den letzten Abschnitt der Brunft. Das ist die Zeit, in welcher der Jäger früher zum Blatten ging. Gut – aber warum nutzte er nur die letzten Tage? Weil er wusste, dass es sich vorher nicht wirklich lohnt! Dazu müssen wir versuchen, uns in die Jagd unserer Großväter und Urgroßväter hineinzudenken. Das hatte ja mit dem, was wir heute „spielen“ eher rudimentär zu tun. Jagd kam noch zu Beginn des ...

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... 20. Jahrhunderts weitgehend ohne Hochsitz aus. Die Optik, die Hermann Löns und seine Zeitgenossen auf der Büchse hatten, würde heute Mitleid erzeugen. Inzwischen bilden wir uns ein, ein Weitschussseminar besuchen zu müssen. Die „Alten“ schossen ihren Rehbock und anderes Schalenwild auf „satte“ 60 Meter und die weitaus meisten Böcke starben sogar im Schrothagel. Da war es durchaus sinnvoll, sich auf jene Tage zu konzentrieren, an denen man die Böcke „heranziehen“ konnte.

Im Wandel der Zeit

Der Wandel ist der Zeit und ihren Umständen geschuldet. Unsere Vorfahren waren – Berufsjäger und Förster einmal ausgenommen – auch keine Dauerjäger und schon gar keine Dauerhocker. Vor der 1848er-Revolution, als die Jagd noch weitgehend Privileg gehobener Stände war, hatten Rehe keinen besonders hohen Stellenwert. Eine Treibjagd auf pfeilschnelle November-Hühner, mit all dem gesellschaftlichen Drumherum, besaß fast überall ein höheres Karat! Mehrheitlich schoss man Rehe, die Böcke inklusive, auf den Niederwildjagden so nebenher mit. Dort jedoch, wo adlige Jagdherren Wert auf Sommerböcke legten, wurden diese fast ausschließlich während der spannenden Blattzeit erlegt.

Das waren meist gesellschaftliche Ereignisse. Man lud seine jagdfreudigen Standesgenossen auf einige gemeinsame Blatttage ein. Da musste jeder zum Schuss kommen. Jemanden auf „einen“ Bock einzuladen glich einem Affront! Jeder Gast sollte Strecke machen. Gut – die Reviere waren groß, die Störungen denkbar gering, die „Freizeitler“ noch nicht erfunden und das Personal, das die Gäste begleiten und meist auch für diese blatten musste, war hervorragend geschult.

Blattjagdtage waren gesellschaftliche Ereignisse, die meist nicht zu früh mit einem gemeinsamen Frühstück begannen. Danach wurden die Gäste einzeln, aber begleitet von „ihrem“ Pirschführer, mit dem Pferdegespann ins Revier gefahren. Dort blattete man sich von Stand zu Stand. Wem danach war, der durfte über Mittag ruhen oder sich anderweitig vergnügen. Erst im Laufe des Nachmittags widmete man sich wieder hochfürstlichem Vergnügen. Daher rührt wahrscheinlich die über Generationen abgeschriebene Aussage, die späten Vormittags- und Nachmittagsstunden seien die besten zum Blatten. Am Abend traf sich dann die ganze Jagdgesellschaft in guter Garderobe zum gemeinsamen Dinieren und beschloss den Tag in bequemen Polstern mit Tabak und edlen Tropfen in gemütlicher Runde.

Keiner wird damals seine Nachbarn gefragt haben, wie schwer die Trophäen seiner im Laufe des Tages erlegten Böcke seien. Keiner wusste es, weil es keinen interessierte; es wäre gar zu peinlich gewesen. Es gab ein paar simple Abschussregeln: Sechser sollten es sein. Ihr genaues Alter interessierte niemanden. Erst später entstanden Begriffe wie guter und schlechter Vererber, Erntealter. Niemand spielte Hobby-Dentist und philosophierte über Zahnabschliff und Kunden. Güteund Altersklassen waren noch nicht erfunden, ebenso wenig Abschusspläne, geschweige denn Trophäenschauen, auf denen Böcke der Mitjäger im Hegering begutachtet werden können.

Wer so jagen wollte, der nutzte nur die wirklich guten Tage der Blattzeit, dann, wenn die Böcke ordentlich aufgewühlt und die meisten Ricken bereits beschlagen waren. Dann waren Ricken Mangelware und die Böcke sprangen auf alles, was quietschte! Den Schuss auf 150 Meter gab es eher in Jagderzählungen, wenn sich der Erzähler zuvor in Stimmung getrunken hatte. Die Blattjagd – so benannt, weil Blätter und Grashalme ursprünglich als Instrumente zum blatten dienten – brachte die Böcke nahe an den Jäger.

Im Juli, wenn es jede Menge beschlagwillige Ricken gab, ließ kein Bock eine solche stehen, nur um nachzusehen, wo und von wem gerade ein Buchenblatt traktiert wurde … Daran hat sich nichts geändert.

Tote Böcke springen nicht

Heute – die Jagd im damaligen Stil gibt es längst nicht mehr – ist alles anders. Damals wurde niemals ein Bock mit Resten grauen Haars erlegt. Das galt einfach als unzumutbare „Sauerei“. Es gab zwar keine Wildbrethygiene-Verordnung, aber graues Rehhaar am edlen Wildbret wollte weder die erlauchte Herrschaft, noch der Herr der Schlossküche. Erlegtes Wild durfte auch nicht mit Wasser in Berührung kommen und Kühlkammern, wie wir sie kennen, gab es auch noch nicht. Daher begann die Bockjagd auch nirgends vor Juni. Jährlinge schoss man im Sommer ohnehin nicht, zumindest nicht absichtlich. Erst in der eigentlichen Blattzeit ging es los. Und dann waren eben auch noch Böcke da!

Heute beginnt die Jagd am 1. Mai, in manchen Ländern noch früher. Geblattet wird auf Verdacht, oft schon Anfang Juli. Natürlich haben die Böcke dann Anfang August, wenn es sich endlich lohnen würde, jede Menge „Kriegserfahrung“. Schlimmer noch: Die bereits Erlegten kommen in der Blattzeit nicht zurück! Wir aber jammern über schlechte Blattzeit, viel zu hohe Abschussforderungen, ungünstiges Wetter, bösartige Förster, die wieder einmal ausgerechnet in der Blattzeit im Wald arbeiten lassen, und üble Jagdnachbarn obendrein.

Erfindungen und Mythen

Gar nicht so selten sehen wir Rehe bereits um die Monatswende vom Juni zum Juli treiben. Manchmal hört man sie auch nur. Schnell sickert dann die Nachricht durch die (a)sozialen Medien: „Heuer findet die Brunft zwei Wochen früher statt!“. Das ist schlicht Quatsch. Wir haben halt zufällig mitbekommen, dass irgendeine Rehdame etwas früher geneigt war. Ricken beeilen sich auch nicht, um ihren Mitbewerberinnen den besten Vererber wegzuschnappen. Auch die Behauptung, gut veranlagte Ricken würden früher brunftig als schwache ist schlicht Unfug. Vielmehr gibt es eine Gesetzmäßigkeit. Ellenberg fand heraus, dass in der Regel zwischen vorausgegangenem Setztermin und Eisprung 67 Tage liegen. Ob es nun bei jeder Ricke exakt diese 67 Tage sind oder ob es einen kleinen Spielraum gibt, sei dahingestellt. Doch die Abhängigkeit besteht durchaus.

Es ist naheliegend, dass eine Ricke, wenn sie ihren Fötus verliert, früher zum Eisprung kommt, als wenn sie ihn austrägt. Wir wissen auch, dass Ricken durchaus in der Lage sind, die Geburt witterungsbedingt um einige Tage zu verschieben. Im Jungjägerkurs lernen wir, dass Ricken mehrheitlich im Mai und in der ersten Ju-nihälfte setzen. Das trifft auf die Mehrzahl absolut zu. Manche setzen aber auch deutlich früher und etliche Tage später.

„Tote Böcke springen nicht aufs Blatt“

Reimoser und Kollegen dokumentierten die Setzzeit niederösterreichischer Rehe; die Daten ergaben sich durch die Markierung von 4.026 Kitzen. Der früheste Setztermin war der 22. März, der späteste der 24. August! Grundsätzlich lagen die Setztermine in den höheren Gebirgslagen etwas später als im Tiefland und im Mittelgebirge. Entsprechend unterschiedlich kommen die Ricken im nächsten Zyklus auch wieder zum Eisprung im Folgejahr.

Häufig wird behauptet, bei besonders früh brunftig werdenden Rehen handle es sich um Schmalrehe. Das kann durchaus sein. Wir sollten aber auch bedenken, dass die körperliche Verfassung Einfluss auf den Eisprung nimmt. Ein sehr starkes Schmalreh kann Anfang Juli brunftig werden, ein sehr schwaches jedoch noch Mitte August. Gelegentlich kommen Schmalrehe auch erst im Herbst zum Eisprung oder übergehen ihn komplett. Die Abhängigkeit des ersten Eisprungs von der Kondition kennen wir ja auch beim Schwarzwild.

Wer durchfällt darf wiederholen

Nicht jede Ricke wird beim ersten Eisprung beschlagen. Nach wie vielen Tagen eine nicht befruchtete Ricke neuerlich zum Eisprung kommt, also erneut brunftig und für die Böcke interessant wird, scheint zu variieren. Ellenberg stellte in Stammham an markierten Rehen 9, 14, 17, 27, 32 und 84 Tage fest. In Dänemark beobachtete Strangaard neuerliche Paarungsbereitschaft nach 20 und 22 Tagen. Eine Ricke kann folglich innerhalb dessen, was wir regulär Brunftzeit nennen, durchaus zweimal zum Eisprung kommen. Das ist aber ebenso auch während des kompletten Augusts und Septembers möglich. Auf Überraschungen darf man gefasst sein und Fehlinterpretationen sind durchaus naheliegend.

Die Behauptung, die Ricke sei grundsätzlich nur einmal und dann nur für die ganz kurze Zeit von einem oder zwei Tagen (manche Autoren reden auch von „wenigen Stunden“) paarungsbereit, scheint in dieser Ausschließlichkeit nicht zu stimmen.

Der Verfasser sah 2013 am 7. Juli den ersten Bock „treiben“. Dabei wurde er von der markierten Ricke immer wieder animiert. Auch am 10. Juli waren beide Rehe noch mit Paarung beschäftig, ebenso am 14 Juli, also immerhin sieben Tage später!

Im Pongau stand 2014 ein Bock rund fünf Tage mit einer markierten Ricke zusam-men. Dann gesellte sich eine weitere Geiß dazu. Beide Ricken wurden anschließend während dreier Tage von dem Bock abwechselnd beschlagen. Dabei schienen die Ricken bewusst Rücksicht auf den Bock zu nehmen. Es fand kein Treiben mehr statt, eher ein „Gehen“ alle Parteien.

Wer sagt der Ricke, mit wem sie darf?

Es fängt schon damit an, dass immer noch ganz locker gesagt und geschrieben wird, der Bock „treibe“ die Ricke. Gut – das mag so aussehen, ist aber in Wahrheit genau umgekehrt. Es ist wie im richtigen Leben: Die Damen haben Magneteigenschaften und ziehen die Herren hinter sich her. Diese aber spielen, an einer unsichtbaren Leine hängend, die Machos. Es ist einzig die Ricke, die das Sagen hat! Sie wählt aus und sie animiert. Der Bock ist nicht der Herrscher, eher der Knecht – der Trottel. Sie nimmt, wenn sie ihn wirklich will, Rücksicht auf ihn. Jeder kann das in der Brunft draußen beobachten. Der Macho treibt scheinbar, doch wenn die Ricke stehen bleibt, bleibt auch er stehen. Wird die Ricke schneller, legt auch er nach. Nicht selten wird ihm die Lauferei zu viel und er folgt ihr nicht mehr. Dann bleibt auch sie stehen, vorausgesetzt, sie zeigt Interesse an ihm.

Jahrhunderte haben wir negiert, dass auch Tiere Wesen mit Emotionen sind, die selbst individuelle Präferenzen pflegen. Wer immer noch glaubt, sein Zuchtbock Sven-Oliver würde höchst selbstverständlich die Zuchtricke Ivonne beschlagen, der irrt! Der Kärntner Wildbiologe Hubert Zeiler wies an besenderten, steirischen Ricken nach, dass einige von ihnen in der Brunft ihre Wohngebiete verließen, um sich in bis zu vier Kilometern Entfernung beschlagen zu lassen. Dabei erfolgten alle Wanderungen der Böcke „pfeilgerade und ohne Umwege hin und zurück, es waren einmalige Ausflüge in der Brunftzeit, die kaum mit einer Störung oder mit Flucht erklärt werden“ konnten.

Das sind Erfahrungen, die auch von anderen Wildbiologen an telemetrierten Rehen gemacht wurden. Teilweise wechselten fast die Hälfte der überwachten Ricken für einen oder mehrere Tage ihren Aufenthalt. Ricken mögen einen sehr sittsamen Eindruck auf uns machen, sind es aber nicht: Die Wildbiologin Vampé fand 2014 bei über 20 Prozent der Mehrfachgeburten zumindest zwei Väter. Unglaublich!

Viel zu kalt

„Hundstage sind gute Blatttage“, haben wir noch gelernt. Diese Weisheit wird bis heute (ab)geschrieben und weiterverbreitet. Nun notiere ich seit über 40 Jahren täglich das Wetter und finde Jahre, in denen die Rehbrunft total verregnet und viel zu kalt war. Wenn es jedoch schwül oder heiß sein muss, damit in der Brunft etwas läuft, dann müssten nach solchen unterkühlten Sommern ganze Kitzjahrgänge ausfallen. Oder das Brunftgeschehen müsste bei kühler Witterung völlig anders laufen. Etwa durch Verzicht auf das Treiben. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass Ricke und Bock sich fragen: „Gehen wir zu dir oder zu mir?“, um anschließend scheinbar gelangweilt ihren Einstand aufzusuchen. Dem widersprechen die Jagdstrecken absolut. Es gibt ja auch keinen nachvollziehbaren Grund für ein entsprechendes Verhalten.

Vielleicht sind an nassen, windigen Julitagen auch gar nicht die Rehe brunftfaul, sondern schlicht die Jäger? Bitte nicht missverstehen! Die Rehe machen das mit der Fortpflanzung schon noch unter sich aus. Da ist der Jäger nur Zaungast. Immerhin ist nicht nur denkbar, sondern naheliegend, dass Schlechtwettereinbrüche unsere Jagdlust etwas bremsen, Parole: „Das kannst du bei dem Wetter vergessen …“. Mag auch sein, dass wir einfach weniger sehen, weil uns der Wind verrät oder weil verliebte Rehe sich bei Sauwetter am liebsten in den Beständen vergnügen?

Von den wirklich starken Böcken, die während meiner aktiven Jahre bei der Forstverwaltung erlegt wurden, fiel mehr als die Hälfte bei Schlechtwetter oder, sagen wir vorsichtig, zumindest nicht bei typischem Blattzeitwetter. Ich halte das zwar schlicht für Zufall, es zeigt jedoch, dass man nicht unbedingt in Schweiß baden muss, um in der Brunft einen reifen Rehbock mit nach Hause zu bringen!

In der älteren Jagdliteratur ist zu diesem Thema wenig zu lesen. Der alte Döbel (1699 bis wahrscheinlich 1756) hinterlässt uns zum Rehwild bemerkenswert wenig. Zur Brunft speziell sagt er nur, dass sich im August nur Schmalrehe „aus purer Geilheit“ paaren, ohne dabei fruchtbar beschlagen zu werden - niemals jedoch Ricken. Er ordnete damals die echte Brunft noch dem Monat Dezember zu.

Döbels Nachfolger im Geiste war Georg Ludwig Hartig (1764 – 1837). Er beschäftigte sich mit den Rehen – weite Landesteile waren bereits rotwildfrei – schon etwas intensiver. Auch er sagt zum Wetter in der Blattzeit rein gar nichts, meint aber, „gewöhnlich springen die Rehböcke von 10 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags am liebsten auf das Blatt; man kann aber auch zuweilen zu jeder Tageszeit mit Erfolg blatten und wird die Böcke da am meisten finden, wo es wenige weibliche Rehe gibt.“

Nochmals zwei Menschenleben später befasste sich Ferdinand von Raesfeld (1855 bis 1929) mit dem Thema Blattjagd. Er bringt endlich die Temperatur ins Spiel: „Je heißer der Tag, desto lieber folgt der Bock dem Blatt.“ Allerdings geht auch er auf Nummer sicher: „Das schließt allerdings nicht aus, dass er auch bei regnerischem Wetter springt.“ Egal – Raesfeld war ein guter Beobachter und ohne Zweifel nicht nur bei Schönwetter im Revier. Er erklärt, warum wir bei Schlechtwetter eventuell weniger sehen und bestätigt, was schon weiter vorne gesagt wurde: „Nur bei windigem Wetter sind die Aussichten gering. Einmal, weil der Blattruf nicht weit zu hören ist, und zum anderen, weil das Rehwild überhaupt an solchen Tagen unruhiger und mißtrauischer zu sein pflegt als sonst an sommerlichen Tagen.“

Ist die Blattjagd wichtig?

Hier müssten wir fragen: Wichtig für wen? Wenn ich jetzt schreibe, dass es mir immer noch Spaß macht, einen Rehbock heranzublatten um ihn mit der alten 9,3 x 72 R ohne Schalldämpfer für etliche Momente in einer Wolke aus Schwarzpulverqualm verschwinden zu lassen, kommen wieder jede Menge Belehrungen. Spaß darf ja auf der Jagd nicht sein. Wir töten ja eher lustlos und nur aus dem moralischen Zwang, der Landeskultur zu dienen – selbstlos, kostenpflichtig und als Fleischjäger...

Brauchen wir die Blattjagd zur Abschusserfüllung? Sicher nicht. Die Blattzeit fällt eigentlich in eine Zeit der toten Hosen. Ich habe nicht wenige Abschusslisten großer Jagdbetriebe auswerten dürfen. Es war keine einzige dabei, welche die Notwendigkeit der Blattjagd gezeigt hätte. Immerhin steigert die Menschheit – trotz der die eigene Art bedrohenden Überbevölkerung – ihre eigenen Nachwuchsraten immer noch. Wir müssen uns folglich auch nicht schämen, wenn wir so ganz und gar sinnlos einen Rehbock in der Blattzeit erlegen. Wenn wir uns von Mitte Juni bis Anfang September statt auf die Jagd zu gehen selber geeignete Lebenspartner, besonders gute Grill-Steaks oder einen ruhigen Strand suchten, würde sich an der Höhe der Rehstrecken vermutlich wenig bis gar nichts ändern.

Gelegentlich wird uns vorgeworfen, einen liebestollen Rehbock totzuschießen sei keine Kunst und somit unfair. Darüber mag ich eigentlich nur mit Menschen diskutieren, die wirklich rund ums Jahr selbst auf die Jagd gehen. Es ist schwierig und vermessen zu sagen, wie ein Rehbock darüber denkt. Vermutlich würde er dafür plädieren, überhaupt nicht erlegt zu werden. Man darf fragen, wie schwierig und kunstvoll es ist, an der Kirrung mit Hilfe von Wilduhr, Fotofalle und Nachtzielgerät die Karriere eines Frischlings zu beenden. Für mich persönlich bietet der mit dem Blatt überlistete Rehbock mehr Reiz, aber das muss jeder für sich selbst bewerten.

Wie es die Anderen halten

Nicht überall in Europa dürfen Rehböcke in der Paarungszeit erlegt werden. Eigentlich hängen wir Deutschsprachigen uns in dieser Frage an den „Ostblock“ an. In Skandinavien und in den romanischen Ländern, aber auch in weiten Teilen der Schweiz, sind die Böcke während der Brunft tabu! Die dortigen Jäger sehen die liebesdurstigen Böcke chancenlos – was manche nicht abhält, Brunftböcke als Gäste bei uns Barbaren zu erlegen. Wildbiologen und Tierschützer führen ins Feld, die Rehe sollten sich in Ruhe fortpflanzen können. Hier werden die Bedürfnisse der Rehe eindeutig höher bewertet als jene des Menschen. Dieser wird nicht selten zur besten Fortpflanzungszeit Mittels Handy gestört – so nach 20 Uhr und am Wochenende sind beliebte Zeiten …

Wir könnten in dieser Frage jedoch auf die Natur selbst verweisen. Die nimmt keine Rücksicht. Wolf und Luchs sind durchaus bereit, auch einen brunftigen Rehbock zu fressen. Doch jetzt kommt der Unterschied: Der Luchs lauert nicht drei Brunftwochen hindurch morgens und abends auf 300 Hektar auf einen Rehbock, um den passenden zu selektieren, wie es so schön heißt. Er macht Beute, frisst, bis nichts mehr da ist, und zieht weiter. Genau das ist der Punkt, warum wir oft erfolglos bleiben: Wir beginnen oft schon viel zu früh im Jahr – auf puren Verdacht – zu blatten, sitzen Tag für Tag auf unseren vergleichsweise wenigen Hektar herum und wundern uns, wenn wir bei Reh & Co. am „schwarzen Brett“ als besonders gefährliche Gestalten ausgehängt werden.