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REISE: Ein Bild von einer Kirche


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 20.02.2019

Das Panorama mit der Ramsauer Kirche im Zentrum und den Bergen dahinter ist extrem bekannt. Was bedeutet das für die Ramsauer? Von Matthias Köpf


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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 3/2019

Es ist im Jahr 2019 nicht anders als in den Jahren 2017 und 2018 und in den vielen Jahren davor: Auf vielen Kalendern kann man die kleine bayerische Kirche wieder sehen. Bei einem Wandkalender sieht man sie zum Beispiel ganz sommerlich vorne auf der ersten Seite. Innen kommt sie erst im Juni wieder. Winterlich macht sie aber gleich im Januar den Anfang. Ein anderer Anbieter zeigt die Winterversion im März und die aus dem Sommer im Juni. Und wieder ...

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... andere Kalender zeigen das Motiv zu wieder anderen Zeiten. Außerdem gibt es die Ramsauer Kirche in 300, 500, 600, 1000, 1500, 2000 oder 3000 Teilen als Puzzle oder auf einer quadratischen Wanduhr aus Acryl. Und es gibt sie auf der Homepage einer rechtsextremen Partei in der Schweiz. Die Partei sieht in diesem bayerischen Motiv offenbar alles, was sie an Schweizerischem verteidigen will. Gerade war Fritz Rasp noch einmal auf der Partei-Homepage. Das Bild war immer noch da. „Die Grattler“, sagt er verärgert. Eigentlich ist Rasp ein sehr freundlicher Mann. Aber wenn Rechtsextreme mit der Ramsauer Kirche Werbung machen, dann hört auch für den freundlichen Kurdirektor der Gemeinde im Südosten Bayerns der Spaß wirklich auf. Anders die Schweizer Rechtsextremen: Die hören nicht auf. Aber wenigstens haben sie Rasp auf seine Bitte, die Kirche von ihrer Homepage zu nehmen, geantwortet.

Natürlich zeigen nicht nur die Schweizer Rechten die Kirche auf ihrer Homepage. Sie ist so etwas wie eine globale Idylle: Rasp hat zum Beispiel schon mal eine Weihnachtskarte aus Manaus am Amazonas bekommen – mit der Ramsauer Kirche drauf. Auch aus Tschechien ist schon eine gekommen. Und in Deutschland ist das Motiv natürlich Standard. Schreibwarenläden und Souvenirgeschäfte in der Region verkaufen die Karten sehr oft. Und antiquarisch gibt es nicht wenige über 100 Jahre alte Exemplare, mit Kirche im Winter oder mit Kirche im Sommer.

Die Kirche selbst ist sehr viel älter. 1512 hat man sie im spätgotischen Stil konstruiert und dem Heiligen Sebastian geweiht. Ungefähr 200 Jahre später hat sie den Turm mit der Zwiebelhaube und den Holzschindeln bekommen. Das hilft natürlich bei so einer postsakralen Supermodelkarriere.


Die Kirche gibt es auf vielen Kalendern, Puzzles, Postkarten, Wanduhren – und auf der Homepage von Schweizer Nationalisten.


Auch die Ramsauer Ache hilft. Der Fluss ist meistens so klar, wie es kein Bild oder Foto zeigen kann. Dazu der Ertlsteg über die Ache. Auf den meisten Bildern blockiert er den Blick auf die Brücke dahinter. Dahinter ist immer das Reitalm-Gebirge, mit einem markanten Berg im Zentrum: dem Wagendrischlhorn. Aber es geht natürlich auch vom Westen her. Dann steht auch ein sehr markanter Berg, der Hohe Göll, dahinter. Und halb vor der Kirche sieht man das 500 Jahre alte Restaurant Oberwirt. So wie auf dem Bild des Norwegers Thomas Fearnley aus dem Jahr 1830. Oder wie auf einem anonymen Bild, das wahrscheinlich ungefähr gleich alt ist. Zu der Zeit war die Region schon seit vielen Jahren bei Landschaftsmalern populär.

Wahrscheinlich hat Carl Rottmann Ramsau und die Kirche als Erster künstlerisch entdeckt. Bei seinem Besuch 1822 war er noch ein Student an der Münchener Akademie. 21 Jahre später wurde er König Ludwigs I. Hofmaler. Er hat den kleinen Ort bei Malern bekannt gemacht. Seit dieser Zeit ist die Kirche auch kunsthistorisch ein romantisches Motiv.

Tausende Postkarten zeigen die Kirche – nur wenige aber aus der Perspektive dieses historischen Exemplars.


1832 hat der dänische Maler Wilhelm Bendz Sankt Sebastian zum ersten Mal von Osten gemalt. Den Ertlsteg sieht man auf dem Bild noch nicht. Aber die Perspektive ist seit dieser Zeit ein Klassiker. Fast niemand hat sie später aus einer anderen Perspektive gemalt oder fotografiert. Die Stelle im Südosten der Kirche heißt deshalb heute Malerwinkel. Einen Malerwinkel gibt es seit dem Boom der Landschaftsmalerei an vielen bayerischen Orten mit Topmotiven wie dem Königssee, dem Chiemsee, dem Tegernsee und der Isar. Und es gibt auch einen in Ramsau. Seit ein paar Jahren steht im Malerwinkel die Webcam der Gemeinde. Das Bild der Kirche aktualisiert sie in der normalen Ansicht alle zehn und mit leichtem Zoom alle 60 Sekunden. Wie früher die Landschaftsmaler das Motiv populär gemacht haben, so passiert das heute über Fotos und per Internet über die sozialen Medien. Sogar manche Reisegruppen aus China fahren hierher. Auch wenn sie manchmal nur sechs Tage Zeit für ganz Europa haben. Und das nur, um die Ramsauer Kirche noch einmal selbst zu fotografieren, erzählt Rasp. Oben an der Straße steigen da gerade wieder Menschen aus den Autos. Vorsichtig gehen sie über den winterlichen Ertlsteg mit seinem einseitigen Geländer. Dann fotografieren sie sich vor der Kirche. Im Winter können Besucher ungefähr mittags sogar ein bisschen Sonne am Turm sehen. Denn auf der einen Seite der Ache liegt das Dorf meistens in der Sonne. Dort steht auch die Kirche. Die andere Seite bekommt im Winter wegen der Berge drei Monate lang kein direktes Sonnenlicht ab.


Manche Touristen fahren hierher, auch wenn sie für Europa nur sechs Tage Zeit haben.


Immer wieder trifft Rasp enttäuschte Gäste. Die haben meistens eine Kirche in freier Landschaft erwartet. Ein Mann und eine Frau aus Malta zum Beispiel. Gerade haben sie sich gegenseitig mit dem Handy fotografiert. Rasp bietet an, sie zusammen zu fotografieren. Dabei fragt er sie ein bisschen aus. Auch sie haben die Kirche außerhalb erwartet. Aber enttäuscht sind sie nicht. Denn sie haben die Kirche gleich erkannt und nicht irgendwo außerhalb gesucht. Das hat Rasp auch schon erlebt. Und wenigstens sind sie selbst da. Auch das ist nicht selbstverständlich.

Der 34. Präsident der USA zum Beispiel war nicht selbst da. Trotzdem hat er viel für die Popularität des Motivs getan. Dwight D. Eisenhower war als General in Deutschland. Ein Besuch mit dem Skizzenbuch in Ramsau ist aber nicht bekannt. Im Jahr 1960 war er schon sieben Jahre Präsident. Da hat er die Ramsauer Kirche gemalt. So, wie sie ein Hobbymaler malt. Und mit einem Farbfoto als Vorlage. Das Weiße Haus hat das Bild oft reproduziert. Seine Mitarbeiter haben die Exemplare als Weihnachtsgeschenk bekommen. Die Soldaten-ZeitschriftStars and Stripes hat Eisenhowers Bild bekannt gemacht, als sie es publiziert hat.

Als Souvenir nehmen Touristen die Kirche in die ganze Welt mit.


Millionen Male aus dieser Perspektive ein Bildmotiv: So kennt die Welt die Kirche.


Auf welchem Weg ist die Kirche aber an die Wand des Büros einer Sozialstation im weißrussischen Dzerzinsk gekommen? Rasp weiß es nicht. Auch davon hat ihm jemand ein Foto geschickt. Ein Bus fährt mit einer Ramsauer Kirche auf dem Blech durch Patagonien. Auch er hat dafür wahrscheinlich nicht direkt im Malerwinkel geparkt. Und auch mit dem Bild auf dem Weinkarton mit Grünem Veltliner kann etwas nicht stimmen. Dort hat der Grafiker offenbar am Computer vor der Kirche die österreichische Fahne gehisst. „Für was sie’s alles hernehmen“, sagt Rasp verwundert und, ja, manchmal schon auch etwas verärgert. Der Alpenverein hat Ramsau für seinen sanften Tourismus als „Bergsteigerdorf“ geadelt. Der Ort lebt schon seit langer Zeit fast komplett vom Tourismus. Mit ihrem bekanntesten Motiv ist auch die Gemeinde selbst nicht sparsam.

Einmal war auch ein Fotograf verärgert, wegen einer Bushaltestelle. Da hat die Gemeinde sogar die Bushaltestelle verlegt. Jetzt ist das gelbe Schild mit dem grünen Haltestellen-H nicht immer mitten im Bild zu sehen. Das Motiv als Wort-Bild-Marke registrieren zu lassen, hat nicht funktioniert. Denn sie ist ein Allgemeingut, auch juristisch. Ob das alles nicht zu viel ist? Ob nicht manche wirklich das Motiv aus der heilen Welt missbrauchen? Diese heile Welt, die Menschen schon seit 200 Jahren hier in den Alpen vermuten? Ja, sagt Fritz Rasp: „Der Ramsauer fühlt so. Das ist ja unsere Kirche.“

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 43.


Fotos: iStockphoto/iStock.com

Quelle: Dies ist eine einfachere Version eines Texts aus der Süddeutschen Zeitung; Fotos: Ravensburger Spieleverlag, privat, ullstein bild/Rudolf Dietrich